Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1928)
- Date
- 1928-01-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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19. Januar 1828 besonders wichtig zu sein. Welche Antwort gibt uns die Menge der jüdischen Atheisten, die, losgelöst von allem Geschichtlichen und Religiösen, den Abfall vom Judentum doch aus das stärkste verneinen, die niemals ihrer Gemeinschaft den Rücken zu kehren gedenken, der sie durch Geburt angehören und die sie auf der anderen Seite in ihrem wesentlichen, eigentümlichen Werte leugnen? Diese sind und bleiben Juden, weil sie in ihrem Innern den Wunsch nach Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft als Geistesgemeinschaft, als Schicksalsgemeiyschaft, als Lebensgemeinschaft in sich tragen, weil sie trotz ihres Rationalismus das Gefühl haben, es müsse im Judentum etwas steckenwas sich für die Welt, für die Menschheit auszuwirken habe. Mit den weniger problematischen Naturen, denen ihre religiöse Bindung die Stellung zur jüdischen Gemeinschaft eindeutig festlegt, bilden sie die große Gefolgschaft eines Judentums der Idee, das von dem zionistischen Judentum des Blutes und der nationalen Gemeinschaft durch eine gänzlich andere Einstellung geschieden ist. Die innerlich so tief getrennten Richtungen stellen, genau gesehen, fast zwei v e r s ch i e d e n e K o n f es sionen dar. Der Zionismus legt auf das Weltliche, das Bolklich e im Judentum das entscheidende G e w i ch t, w i r auf das Religiöse, d a s Geisti g e. So finden wir den Mangel an Geschlossenheit durchaus begründet. Er ist nicht Streitsucht, er entspringt, nicht dem Gefühl der Abneigung gegen andere, sondern er ist die Folge schärfster Erfassung geistiger Gegensätze, deren Vorhandensein man bedauern mag, die aber nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen sind. Wohl aber muß das Verständnis für die Wesensart des anderen geschaffen werden, um auf diesem Wege die Geschlossenheit zu fmden, die allein die hoffnungslose Minorität zu einem wesentlichen Kampffaktor gestalten kann. Man muß sich darüber klar bleiben, unsere Weltanschauung vereinigt Judentum und Deutschtum. Wir sehen unsere,Aufgabe in der Gestaltung des jüdischen Deutschen. Wir erblicken im Judentum den ewigen Geist der Gerechtigkeit, der auf Grund uralter Ueberlieserung uns die Aufgabe gestellt hat, die Heiligung des göttlichen Namens, d. h. Gerechtigkeit und Liebe im Leben der Völker zu verwirklichen. Darum erwarten und halten wir nichts von einer volklichen Wiedergeburt des Judentums; wir erstreben die geistige, und da-- rum glauben wir uns einer weltbewegenden Aufgabe gegenüberzusehen. Das ist das Ziel des Centralverems." Aus diesen Ausemanderfetzungen möchten wir über Kampf und Dualismus gestellt zu haben. Das blieb Eindruck derer, die ihm nahe kamen. Und dabei war er allem Geistigen aufgeschlossen, wies nichts von sich, was Geltung hatte im Bereich des menschlichen Gedankens. Sein Glaube, sieghaft klar und sicher, bedurfte nie der Stützen wissenschaftlicher Gedankenpfeiler, aber er blieb erfüllt von Begeisterung und Ehrfurcht für die Errungenschaften des menschlichen Geistes und die Fortschritte der wissenschaftlichen Forschung seit dem Tage, an dem der ungarische Jeschiwahbochur zum ersten Male der Weisheit der Völker in ihren Literaturen und der Wissenschaft der Zeit auf ihren Universitäten begegnete. Thora blieb ihm letzte, höchste Wahrheit, die keiner Bestätigung durch die Wissenschaft bedurfte. Aber wie David Hoffmann s. A., dem er wohl kongenial war und dessen Nachfolger zu werden nur sein Alter ihn abhielt, wie Hoffmann ehrte und anerkannte er die bedingte Wahrheck moderner Forschung und nützte, was wertvoll war, an ihren Methoden, für das eigene Schaffen. Nicht äußere Hilfsmittel nur, in den Händen dieser Meister wurden sie sinnvolles Wertzeug, das dem Stoffe gerecht ward. Es war eine große Einheit in Chanoch Ehrentreu. Wie seine große Gläubigkeit alle Räume des Geistes gleich einer Kuppel überspannte und in sich einbezog, so umschloß sein großes Lieben Schöpfung und Geschöpfe. Er liebte die Natur, den gestirnten Himmel, den Frühling und die Berge als Künder der göttlichen Herrlichkeit, er liebte die Menschen alle, Gottes Geschöpfe. Kunde von Katastrophen in fernsten Landen erschütterten ihn wie naher Verlust. . Er hatte selbst viel persönliches Leid erfahren, aber keines trug er so schwer wie die-Qual des Krieges. Das Mitleiden jener Jahre hat ihm sein eigenes körperliches Leiden, sein frühes Altern gebracht. Aber sein tiefstes Lieben, seine volle Hingabe galt Der Israelit zunächst die interessante Einzelheit herausholen, daß hier ein hervorragender Vertreter des liberalen Judentums sich gedrungen fühlt, das vielbekämpfte Wort von den zwei K o n f e s s i o - neu aufzunehmen, das S. R. Hirsch in Deutschland' und die ungarische Orthodoxie in ihrem Lande vor einem halben Jahrhundert hinsichtlich der Beziehungen zwischen Orthodoxie und Neologie geprägt haben. Allerdings sollen es jetzt die völkische Anschauung des Zionismus und die g e ist i g - r e l i g i ö sie des gemäßigten Liberalismus sein, die sich wie zwei getrennte Konfessionen gegenüberstehen. Wollten wir untersuchen, ob das sachlich richtig ist, so müßten wir ehrlicherweise zu einem negativen Ergebnis kommen, denn es geht logischerweise wirklich nicht an, die ausgesprochene Konfessionslosigkeit des modernen Nationalismus unter den Begriff der Konfession zu fassen, und es ist unsres Erachtens auch unmöglich, die rein blutmäßige Unterlage des Zusammenhangs atheistischer Juden mit dem sogenannten offiziellen Judentum der Gemeinde zu leugnen. Allein uns kommt es in diesem Falle auf die Feststellung der Psycholog i s ch e n Tatsache an, daß für ehrliche Menschen, denen ihr geistiger Besitz, ihre confessio, wahrhaft Herzenssache ist, auch heute noch der Augenblick herannahen kann, in dem sie der Welt und vor allem dem Staate gegenüber das künstliche, unwahr gewordene Band der Einheitskonfession zerreißen und die Wahrheit des Bekenntnisses über das Her-- zensbedürfnis der brüderlichen Zusammengehörigkeit stellen. Rumänien und Amerika. Es war zu erwarten, daß die rumänischen Greuel den st ä r k st e n Widerhall in Amerika finden würden. In der Tat ist es in den Vereinigten Staaten bis zu einer Resolution im Kongresse gekommen, die auf Kündigungder Kredite an Rumänien und Abbruch der Beziehungen zu diesem Lande abzielt. Wir sprachen es jüngsthin an dieser Stelle aus: Wir begrüßen solche Aktionen, allsolange sie ohne jüdisches Zutun, einzig vom europäischen und amerikanischen Gewissen diktiert, von Anwälten des Menschenitzchtes in die Wege geleitet werden. Sofern Jude n bei solchen internationalen Interventionen ihre Hand im Spiele haben, rieten wir zur Vorsicht, wenn nicht anders die den rumänischen Brüdern gereichte Hilfe zu einem Danaergeschenk werden soll. Die weitere Entwicklung hat uns recht g e g e b e ft. Wie aus Newyork gemeldet wird, hat der rumänische Gesandte in doch seinem Volke, seinem Israel. Er sprach von Volk und Heimat und Sonderart lange bevor der Begriff der „Religionsnat'on",< des „Gottesvolks" auch in unseren Reihen dem nationalen Gedanken den Weg frei gab. Auch hier war längst Einklang in ihm, was in anderen noch Zwiespalt schuf. Deutsche Kultur und Erez Jisroel- Sehnsucht, nationale Bindung und Thoraprimat, in ihm waren sie vereint, als hätten sie einander nie ausgeschlossen, in zu eng gefaßter menschlicher Theorie. 'Im Unendlichen trifft sich auch Paralleles. Und ihm war es nicht um die Gegebenheit im Raume zu tun, sondern immer uni die Idee.. Um absolute Wahrheit, nicht um Zweckmäßigkeit. So war er nicht zum politischen Führer bestimmt, so ging sein Weg abseits der Straßen des politischen jüdischen Lebens, das ihm in seiner inneren Struktur immer fremd blieb. — Und hier darf es wohl einmal ausgesprochen werden: Es ist ein Unrecht am Namen eines Chanoch Ehrentreu, wenn, wie es letzthin in jüdischen Blättern geschah, um seine Richtung im religiösen Judentum diskutiert und solche Zugehörigkeit zur Agudas Jisroel mit „obwohl" und „trotzdem" entschieden wird. Er wurzelte im Kreise Gleichgesinnter, er war nur dort ganz daheim, wo die Thora als letzte und höchste Instanz galt. Darum war sein Platz im Rabbinischen Rate der Agudas Jisroel. Und die Tage der Wiener Kenessio bedeuteten ihm Höhepunkte des Lebens und Erfüllung seines Alters. Aber darüber hinaus liebte er sein Volk, kol Jisroel und sah im letzten noch den Abkömmling Abrahams und künftigen Träger der Gotteserkenntnis, und sah in jeder jüdischen Bewegung Keim und Hoffnung zu dereinstiger Umkehr auf den wahren Weg des Judentums, der dem Moschiach entgegenführt. Das war freilich kein Programm. .Das lag jenseits aller politischen Entscheidungen, deren Nuancen ihm immer fremd blieben. Für ihn gab es nur eine Entscheidung, Nr. 3 Sette 3 Washington an Kongreßmitglied William S i - rovich, den Initiator der besagten Resolution, ein Schreiben gerichtet, in dem er ihn bittet, den Antrag zurückzuziehen. Der Gesandte bemühte sich auch sonst noch bei den jüdischen Führern in Amerika um gut Wetter für Rumänien, so bei Louis M a r s h a l l und anderen bekannten Persönlichkeiten. Seine Argumente gegen die Intervention bewegen sich auf zwei verschiedenen Gedankengeleisen. Erstens: die rumänische Regierung als solche sei an den Vorkommnissen unschuldig, habe den Willen und die Macht, die Verbrechen zu ahnden und sie für die Zukunft unmöglich zu machen; sie habe nach dieser Richtung hin auch bereits ihren Willen gezeigt und von ihrer Macht Gebrauch gemacht. Zweitens: jede internationale Intervention würde Volk und Regierung in Rumänien mit neuer Verbitterung gegen die Juden erfüllen. Man erweise daher den Juden mit dieser Aktion einen schlechten Dienst. Zu bemerken ist folgendes: Rumänien und sein diplomatischer Vertreter in Amerika haben nach der ersten Aufnahme, die die Resolution im Kongreß gefunden hat, allen Grund zu befürchten, daß dieselbe in der spät er e n Lesung einmütig und rückhaltlos angenommen wird. Und dann: Was der Gesandte m der Sache tat und unternahm, geschah in vollem Einvernehmen mit der Regierung in Bukarest, mit der er während der Verhandlungen in steter telegraphischer Verbindung stand. Also ist es die B uk a r e st e r Regierung, die die Intervention und ihre Folgen für Rumänien fürchtet, die ihren Willen und ihre Kraft, Pogrome zu verhindern, feststellt, die der Ueberzeugung ist, daß eine Einmischung von außen sehr zu Ungunsten der Juden in Rumänien ausschlagen würde. Und wie reagierten die Amerikaner auf diese Gegenintervention Rumäniens? Louis Marshall, der von Anfang an abwar tende Stellung einnahm, griff vermittelnd ein und das Kongreßmitglied Sirovich erklärte sich bereit, ohne die Resolution definitiv fallen zu lassen, jede weitere Aktion zu ihren Gunsten einzustellen, bis die Lage in Rumänien geklärt ist und Tatsachen bewiesen haben, daß es der rumänischen Regierung um die Ahndung und Verhinderung der Verbrechen ernst sei. Die Korrespondenz mit dem rumänischen Gesandten soll überdies in die Kongreßprotokolle ausgenommen werden. Man wird sich in allen vernünftigen Kreisen mit dieser vorläufigen Lösung einverstanden erklären. Es ist gut und rühmlich von den amedie Halacha. In ihr war er Meister. Im Einzelfall gefragt, gab er für den Einzelsall seine unbestechliche halachische Wahrheit. Politische Verallgemeinerungen dünkten ihm getrübte Wahrheit. Politische Entscheidungen sind Scheidungen. In ihm aber war letzte Einheit. So war er kein politischer Führer; aber er war mehr. . Er war ein großer jüdischer Mestsch. Drei besondere Formen des jüdischen Menschen hat unser Volk aus sich kristallisiert: Den Priester, den Propheten, den Talmid Cbochom. In die Harmonie der Persönlichkeit Ehrentreu's klangen sie alle hinein. Priester war er, ein Nachkomme und ein wahrer Schüler Aharons, Priester aber auch in jenem höheren mystischen Sinn, der die Kaporoh vollzieht für seine Gemeinde ,für die seine wahrhaft priesterliche Awodoh alljährlich am Jom Kippur .hohes seelisches Erlebnis war; denn er fühlte wirkliche Verantwortlichkeit für seine Ge-' meinde und wenn Schweres in ihrem Kreise geschah, traf es ihn nicht wie eigenes Leid nur, es traf ihn wie eigene Schuld, weil sein Sechus solches nicht ferngehalten. Und Nowi, Weisheit des Sehers? Er sprach selbst kaum davon, nur in seltenen Stunden ließ er es ahnen und wir selbst tragen Scheu, Ahnung als Kunde auszugeben, aberes war wohl in diesem klaren Mejister des Talmuds etwas von prophetischer Sicht, von kabbalistischem Wissen, das er tief in sich verschloß und das doch aus ihm strahlte wie verborgenes Licht. Als Talmid Chochom hat er seinen Namen in die Geschichte seiner Zeit geschrieben. Eine erste Lese seiner Saat wird in diesen Tagen als „Minchas Pitim", als eine Gabe in Teilen, wie es das Opfer des Priesters war, den talmudisch Kündigen übergeben. Aber nicht nur den Geist des Gaon, der das umfassende Wissen eines „Sinai" mit der Gedankenschärfe eines „Auker Horim" verband, auch dis Midos des echten Talmid Chochom waren in Vollkommenheit in ihm vereint. Seine