Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1928)
- Date
- 1928-01-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450498--74638-2532121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Nr. 3 ■*'-t *«*<{*+-.*- dieser Gesetze Grund nicht einsehest." § 449 Chaurew. Von innen her strömen die belebenden Kräfte der Menschennatur:- alles kreist um einen geheimen Mittelpunkt, den segensvollen Kern der inneren Ruhe. All diese inneren Kräfte des Lebens aber bilden eine Totalität, die der einheitliche Quell aller Wahrheit und aller Kraft ist. Alles Große ist so wahr und echt, weil es schließlich so einfach ist. Denn das Wesen und Dasein, das wir alle als einen Zauber an S. R. Hirsch bewundern, es ist ihm selbstverständlich, weil er ohne einen Anhauch von Eitelkeit war, in jeder Hinsicht von elementarer Größe. Von derselben elementaren Natur, aus der auch der göttliche Urgrund im Menschen ist. Denn derselbe Gott, der sich unfern Vätern durch die heilige Flammenglut des Sinaigesetzes offenbart hat, es ist derselbe Gott, der sich täglich und stündlich noch immer wieder im Innern der Menschenseele offenbart. Es ist ein göttlicher Funke, der im Mittelpunkt der Menschennatur liegt, und alle Erziehungsweisheit muß sich diesem tiefsten Punkte der Menschenseele anschließen. Schon in Emden erkannte man an der A r t seiner Wirksamkeit, an der Produktivität und Vielseitigkeit, die er entfaltete, daß man einen Mann vor sich hatte, der den größten und gottesfürchtigsten Männern ebenbürtig war, die vor ihm diesen alten ehrwürdigen Rabbinatssitz innegehabt haben. Das Dienstsiegel, das Hirsch in. der E m d e n e r Amtszeit benutzte — ein originelles Kunstwerk von besonderem Wert —, es allein zeigt, wie er bereits die drei Grundsäulen des jüdischen Gemeinwesens harmonisch ersaßt hatte. Das gewaltige Kidusch haschem, das er gerade hier in Emden entfaltete, ist nur ein Ausfluß dieser harmonischen Erfassung seiner Gesamtausgabe fürs Judentum. Diese Aufgabe bestand für ihn darin, die Träger der sittlichen Welt (Taüro, Awaudo und Gemilus chasodim) durch die Vertiefung in die kosmische Welt zstl kräftigen und zu stärken. Letzten Endes war sein Ziel: die Grundsäulen des Judentums zu stärken und zu festigen, durch Vermehrung derjenigen Kräfte, die die bereits gegründete Welt erhalten. Wie die Elemente Feuer und Wasser Gegensätze sind, die nur durch Gottes Eingreifen harmonisch zu vereinigen sind, so ist die in allen Tönen und Akkorden harmonisch gestimmte Persönlichkeit eines S. R. Hirsch das sichtbare Zeichen der besonderen göttlichen Führung, um seinem Der Israelit Volk aus den Irrungen und Wirrnissen der Gegenwart herauszuhelfen. Denn der Gegenwart fehlt gerade das> was Hirsch ihr als ewiges Vermächtnis hinterlassen hat. Es fehlt ihr die Urwüchsigkeit der Kultur, es fehlt ihr die Weihe, des 'rt rrn und das reine Ziel nach 'n nm^Das was der Kultur der Gegenwart überhaupt fehlt, es ist auch uns abhanden gekommen: Die Naturgewachfenheit des Ich, der Zusammenhang mit den letzten Quellen des Seins, die, jenseits aller Erfahrung und Erforschung liegen. Der gesamten Welt hat sich eine Unwahrhaftigkeit bemächtigt, die man bereits in der Kultur selbst als ein schleichendes Gift schaudernd erkannte. Noch ist der Zersetzungsprozeß der deutschen Juden nicht so weit fortgeschritten, daß er nicht durch die Besinnung auf die Lebensarbeit S. R. Hirschs aufgehalten werden könnte, noch ist der Zeitgeist nicht so stark, daß das geistige Vermächtnis eines S. R. Hirsch uns nicht zur Gesundung verhelfen könnte. Was fönst in den verschiedensten Menschengruppen sich sammelt' an menschlicher Größe, in S. R. Hirsch finden wir es in seltener Harmonie vereinigt. Einerlei, was wir von diesem Geiste betrachten, ob seine Person, sein Schaffen, oder seine Werke, stets werden wir darin das Walten eines gottbegnadeten Geistes erkennen, der den Gang der Menschen- und Völkergeschichte mit durchdringendem Blicke zu erforschen sucht und die jüdische Geschichte bis auf die Gegenwart mit dem Maß einer großartigen Idee zu messen versteht. Es entspricht ganz dem harmonischen Vorlaufe seines Wesens, daß feine fast 60jährige schriftstellerische Tätigkeit nur eine Entfaltung und Variierung der g e s ch l o s s e n e n Grundanschauung ist, die er in seinen 19 Briefen bereits ausgesprochen hat mit den Worten: „E i n Geist! in Allem! von dem Bau der Sprache bis zum Tatenbau -des Lebens. — E i n Geist, — angeweht vom Geiste des Alleinen!" Zur Schönheit der Form und Erhabenheit des Inhalts sollte ihm das jüdische Gottesgesetz geführt werden. Die Erfüllung der Tauro im Leben bedeutet für S. R. Hirsch den gesunden Ausgleich zwischen der Verbundenheit des Menschen mit der Welt der Natur und Schöpfung. Denn aus der Tauroh erschließen sich dem Menschen, in Deutung und Dichtung, in Schönheit der Form und Erhabenheit des Inhalts nicht nur die Welt der Geheimnisse, sondern die Tauroh selbst ist die einzige Quelle der Lösung aller individuellen und sozialen Probleme, die dem Menschen auf Erden sich auftun. Die Harmonie, die sich in dem heiligen Gottesgesetz findet, sollte sich in dem Seelen- 19. Januar 1928 leben jedes Menschen, der.es, 'EE, wieherspiegeln. So hat er den exsten Versuch tzömHAt hurch Vergeistigung des gesamten Komplexes, her biblisch-talmudischen GeseHebung.diest in ein geschlossenes System zu bringen, nach GrMHsätzen, die in den „Grundlinien einen jüdischen Symbolik" niedergelegt sind. Diese harmonische Erfassung der Totalität des Jubentums mußte durch den Zauber und die Weihe, die sie. auf die Gemüter aüsübten, mit einer das Tiefste her menschlichen Seele rührenden Gewalt wirken. Der Zug zur Harmonie, das Streben nach harmonischer Entfaltung, ist eine der prägnantesten Grundzüge seines Wesens: dazu nur ein kleines Beispiel aus seinem Leben. Seine musikalische Begabung war meisterhaft und er soll seiner Frau, die gute Pianistin war, beim Spiel manchen Mißklang nachgewiesen haben; so harmonisch war sein Inneres gestimmt, daß es keine Dissonanz vertrug. Die Töne seiner Seele schwangen zu den mächtigsten Akkorden, zu dem gewaltigsten Symphonien und hier waltete ein Rhythmus gleich der Harmonie der Sphären, Das merkt man ihm in allen seinen Schriften an, besonders aber in den „Grundlinien einer jüdischen Symbolik". (Schluß folgt.) lVochenrundschcru. Aus dem deutsch-jüdischen Chaos. In einer Art von bürgerlichem Rosch-hnschono-Artikel läßt Ludwig Holländer in den Cemtralvereins-Blättern die wirtschaftliche, politische und geistige Lage der deutschen Juhenheit Revue passieren und äußert sich dabei auch über die Beziehungen der großen jüdischen Weltanschauungsgruppen zu einander. Holländer schreibt: „Das starke geistige Leben innerhalb unserer Gemeinschaft macht eine Geschlossenheit völlig unmöglich. Sie würde auch nichts anderes bedeuten als Friedhofsruhe, die wir nicht wünschen können. Die Abbürdung dieser Sorge ist besonders schwierig. Eine völlige Einheitlichkeit wäre bei der Schwäche unserer Zahl gewiß begrüßenswert;. aber sie kann nicht durchgeführt werden. Sie bleibt ein Ideal. Warum sinh und bleiben wir Juden? Diese große Frage scheint uns heute '' s 0\ ' Nicht so. Zum Wochenabschnitt Von Rabbiner Dr. IMchalski in Karlsruhe. Ein König, so bemerkt der Midrasch r), läßt in seinem Garten nicht nur Fruchtbäume, sondern auch unfruchtbare Holzarten pflanzen. Aus die Frage der Diener nach deren Nutzen gibt der König zur Antwort: »Auch sie brauche ich, woher nehme ich sonst das Holz für Bad und Ofen". So ertönt Gottes Lob nicht nur von den Frommen, sondern auch von den Frevlern, wenn diese bekennen, »Dein Spruch ist richtig, Dein Urteil gerecht". Pharaoh, Ägyptens trotzender König ist dem Midrasch ein Beispiel hierfür. Im verwegenen Hochmut höhnt er: ..Wer ist der Ewige, aus dessen Stimme ich hörsn soll?", in ergebener Demut bekennt er zuletzt: »Der Ewige ist der Gerechte und ich und mein Volk sind Frevler". So ertönt auch aus seinem Mund Gottes Lob: »Dein Spruch ist richtig, Dein Urteil gerecht". Auch die Frevler stehen im Dienste Gottes, Versuchung und Lockung sind sie dem Frommen, wenn dem Frevler des Glückes Sonne scheint, doch War- - i) Schmaus rabbah c. 7. nung sind sie. wenn das verdiente Geschick sie ereilt. »Heil dem Manne", so beginnt König David sein Buch der Psalmen, „der der Versuchung widersteht, er gleicht dem Baum an Wasserbächen. Nickt so die Frevler, sie find wie die Spreu, die der Wind verjagt". »Nichtto", das ist die Antwort der Frevler aufdas „so", das Gott bei der Schöpfung gesprochen2), aus das »so" der Gottesgebote, das den Bestand verleiht. Nicht so" — „die Frevler", alles Andere nur keinen Gehorsam, nur keine Unterwerfung, nur nicht so, wie Du willst. Wenn die Freiheit des Willens, der edle Charakter, im Bewußtsein der Allmacht Gottes unh der Ohnmacht der Menschen in der Erkenntnis der Schöpfung und der Anerkenninis der Offenbarung willig und freudig so" sprechen möchte, setzt Stolz und Trotz Gott ein „nicht so" entgegen, das Pharaos zügelloser Hochmut gesprochen3). Erst wenn er der Spreu gleicht, die dcr Wind verjagt, beugt er sich vor der höheren Macht, stimmt er ein in das Lob Gottes H, das aus dem Munde der Frommen ertönt, wenn sie dem Baume gleichen an Wasserbäcken. So rutt des Frevlers Geschick das ins Elend führt, dem Frommen auch »nicht so" zu und warnt ihn eindrinalich davor, das vergängliche Glück zu beneiden, nicht so mög' er leben und trotzen. Die Bestimmung der Frevler im Weltenall gleicht den Holzarten im Garten Gottes. Wenn sie höhnend im vermeintlichen Glück zu Boden drücken die Frommen, wie^Pharao in Ägypten, so ifts nur ein Schmelzofen, der die Gottestreue erproben, so ists nur ein Bah, das Israel reinigen und läutern - •;!i 2) Jalkut z. St. 3) II. B. M. c. 10 v. 11. 4) vgl. auch zpv' z. St. soll. Für Ofen und Bad dienen die unfruchtbaren Arten der Frevler, die Gott ein »nicht so" vor Augen führen, die erst wenn der Spreu sie gleichen, die der Wind verjagt, bekennen müssen: 'Dein Spruch ist richtig, Dein Urteil gerecht. Kleines Feuilleton, Zur ersten Zahrzeil von Rabbiner Ehrenkreu Vst- Der Ring des Gedenkens, den die Trauer um einen Großen in Israel gezogen, hat sich geschlossen. Am Schabbos Woero begeht die Münchener Gemeinde und mit ihr der Kelal Israel den ersten Jahrzeitstag um Chanoch Ehrentreu. Stein deckt das Kewer und gibt dem Abschied sem Unbedingtes, Endgültiges. Darum soll Wort der Klage, des trauernden Hesped verstummen. Es gilt nicht mehr dem Toten Ehrfurcht zu bezeugen durch Nachruf und trauernde Kundgabe. Es gilt für die Lebenden festzuhalten, was bleibend ist, das ewige Kunstwerk einer vollendeten Persönlichkeit. Es war eine wunderbare Harmonie in Chanoch Ehrentreu. Einheit war die Formel, aus der sein .Leben sich erschloß. Gegensätze, die in dem religiösen Menschen, dem Juden zumal, heute unablässig ringen, in ihm waren sie zu einem großen, letzten Ausgleich gekommen. Glaube und Wissen, Lehre und Leben, Religion' und Kultur, wie immer wir den Urkampf des Juden mit der Welt des Geistes fassen, ihm war die Synthese gelungen, scheinbar ohne Kamps. Eine innere Sicherheit, ein Wissen, das andere Welten streifte, schien ihn von je