Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1928)
- Date
- 1928-01-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 2 Der Israelit 12. Januar 1928 des echten Gottesdienstes war ferner das jüngste KinL der Synagoge — der Chor. Er hat sich zu einer Großmacht ausgewachsen, die das Schicksal des Gebetes entscheidend bestimmen konnte, und hat die gefährliche Probe der Macht nicht bestanden. Er hat sich Rechte usurpiert, die seine Kompetenz überschreiten, und seine Ausgabe daher in chr Gegenteil verkehrt. Es ist höchste Zeit, daß man sich auf seinen Ursinn, auf sein eigentliches Wesen besinnt, damit er nicht zum Verhängnis werde. Der Chor wurde das Mittel, mit. dem jener Zopfstil, das Gebet am Lineal und Zirkel, sich einführte oder erzwungen wurde. Was ist der Chor? Bis dahin gab es im Gottesdienste zwei Faktoren, den Vorbeter und die Gemeinde, den Zibbur und Schliach Zibbur. In dieser Zweiteilung liegt der symbolische und messianische Charakter des Gebetes; einer gibt die Losung aus, die Masse empfängt und ergreift sie mit freudiger Zustimmung. Das ist der Sinn aller Geschichte und Menschheitsentwicklung: der Prophet, der Genius, der Führer und Lehrer bringen eine Weisung, die Menschheit macht sie sich zu eigen, macht sie zum Gemeingut, bis zuletzt der m p rrwö den Neilakaddisch der Weltgeschichte anstimmt und das Omen jhe schme rabbo der erlösten Menschheit das Gottesreich wirklich macht,; bis „die Tore sich weiten, und die gerechte Menschheit, das Amen der Geschichte sprechend, einzieht" (Jes. 26,2 und Jalkut zur Stelle). In diesem Wechsel von Chason und Kohol, in der begeisterten Aufnahme des begeisternden Zurufs, wird die Gemeinde Vorbild und Urbild der kommenden messianischen Welt, wird der, der Amen sagt, größer als der, der die Brocho angestimmt. Was aber ist der Chor? Er ist weder Schliach Zibbur, noch Zibbur; er ist nur ein Teil des Zibbur. Er schuf aber die Fiktion, als wenn er die Gemeinde wäre; dieser fiktive Zibbur machte aber die wirkliche Gemeinde zur Fiktion, zur Staffage, zum Nichts. Er riß ihre Rechte an sich und machte sie stumm. An die Stelle des Volksgesanges setzte er den Kunstgesang, aus der „einstimmigen" Volksgemeinde schuf er den vierstimmigen Zwergorganismus der Sängergilde. Aus der Vielheit aktiver Beter machte er eine solche der Genießenden, nur hörenden, rein Receptiven, die hilflos nach Sammlung und Andacht suchen. Stimmgabel und Taktstock wurden jetzt die Monarchen des Gottesdienstes statt der stets gleichtemperierten wahrhaft künstlerischen, weil beseelten Andacht des Herzens, sie machten die Verzapfung vollständig. Zugleich vergewaltigte man den Chason und da Chasonus; es blieb für sie keine Wahl, als dem Machtdiktal *) Den dieser Tage erscheinenden „Mitteilungen" der Schule entnommen. Das Heft enthält außerdem: Was d--.Ch°rsich zu fügen Der Ch«°nt. der sichtbare oder der unsichtbare, der die Noten und! könnte; Tongebung vorschrieb, waren alleinige Herren geworden im Hause Gottes. Uns liegt nichts ferner, als den Chor in Bausch und Bogen zu verdammen, ihn etwa aus den Grenzen der Gebetsstätte zu verweisen. Unsere Absicht ist vielmehr, seine legibime Aufgabe, seinen Wesenskern festzustellen, um gegen seine Auswüchse und wider den Mißbrauch seiner Macht zu protestieren. Diese seine wahre Bestimmung ist aber nicht, die betende Gemeinde in ihrer Teilnahme am Gottesdienste auszuschalten, sondern im Gegenteil zu kräftigen, ihr die Stimme zurückzugeben, und nichts weiter zu sein, als der Regle rund Ordner des Gemein degesang es. (Schluß folgt.) Schulärztliche Tätigkeit an Realschule und Lyzeum/' , Als in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts die öffentliche Gesundheitspflege sich zu entwickeln begann, war ihr Streben zunächst daraus gerichtet, die äußeren Lebensverhältnisse der Bevölkerung gesundheitlich günstiger zu gestalten. Cs wurde die große Bedeutung der damals emporblühenden Hygiene erkannt, und ihre Forderungen wurden zum großen Teile ins Praktische übertragen. In Städten und Dörfern wurden Kanalisation, Wasserleitung und bessere Ernährungsverhältnisse geschaffen, und allenthalben wurden Maßregeln zur erfolgreichen Bekämpfung der Seuchen ergriffen. Dann schritt man zur Einführung der sozialen Versicherung der arbeitenden Klassen und widmete der gesundheitlichen Fürsorge für besonders gefährdete Altersstufen und Bevölkerungsschichten sein Augenmerk.. Obwohl die schulärztlichen Bestrebungen in ihren ersten Anfängen in Deutschland schon auf über 100 Jahre zurückreichen, brachte doch erst das letzte Dezennium des vorigen Jahrhunderts einen großen Aufschwung, als Städte wie Leipzig, Dresden, Nürnberg, Königsberg und vor allem Wiesbaden Schulärzte anstellten. Während die schulärztliche Fürsorge zuerst auf die Volksschulen beschränkt war, hat in der letzten Zeit auch die höhere Schule ihren Wert erkannt; und ganz besonders in der Nachkriegszeit hat die Gesundheitsfürsorge eine stürmische Entwicklung genommen. Was nun unsere Schule betrifft, so besteht hier ein schulärztlicher Dienst schon seit einer Reihe von Jahren, der aber infolge Ueberlaftung des damaligen Arztes nicht systematisch durchgeführt werden konnte. Erst im Juni 1922 wurde in der Anstalt ein Schularzt durch den Vorstand der Synagogengemeinde angestellt. Bezüglich der schulärztlichen Obliegenheiten, ist von vornherein zu betonen, daß der Schularzt lediglich Aufgaben beratenden Charakters hat, auf jegliche Behandlung der Kinder aber verzichten muß. Er hat die ärztliche Behandlung nur zu vermitteln. Stellt es sich heraus, daß ein Kind in irgend einer Beziehung behandlungsbedürftig ist, muß er sich mit den Eltern der Kinder in Verbindung setzen und die Behandlung des Kindes durch ihren Arzt veranlassen. Lassen sich die Eltern die Sache nicht entsprechend angelegen sein, so müssen sie durch Belehrung, und wenn nötig, durch die Mitwirkung der Schulpflegerin dazu veranlaßt werden, das Kind zum Arzt zu -bringen. Die Tätigkeit des Schularztes ist eine vielseitige, sie umfaßt das ganze Gebiet der Fürsorge für das Kind, die Ernährungs- und Erholungsfürsorge, den. Kampf gegen die Tuberkulosegefährdung, die Bekämpfung von Haltungsfehlern und Verkrümmungen, die Sorge für die Hygiene der Schulräumlichkeiten, die Erteilung von Ratschlagen für den Schulleiter beim Ausbruch ansteckender Krankheiten usw. —.Wie gestaltet sich nun im. einzelnen die Tätigkeit des Schularztes? Sämtliche. Schulkinder sind zu bestimmten Zeiten zu untersuchen, um beginnende Krankheiten oder Krankheitsanlagen, dis im schulpflichtigen Alter besonders oft auftreten, frühzeitig zu bemerken und so den Schaden, der durch das Ueberfehen derselben entstehen könnte, von den Kindern fernzuhalten. Insbesondere müssen die Kinder der Aufnahmektassen untersucht werden, ob sie der Schulpflicht ohne Nachteil für ihre Gesundheit Nachkommen können. Die Untersuchung dieser Kinder fällt heute an unserer Anstalt fort, da die Kinder erst zu uns kommen, nachdem sie die vier Grundklafsen durchgemacht haben. Im fünften Schuljahre treten die Kinder, die eine höhere Schule besuchen wollen, bei uns ein und werden — wie überhaupt alle neu aufgenommenen Schüler und Schülerinnen — baldigst untersucht. Außer diesen Kindern werden jedes Jahr die in der Entwicklung Stehenden und die Schüler der beiden Oberklassen systematisch untersucht. Stellt sich nun heraus, daß ein Kind eine Anomalie aufweist, so erhalten die Eltern davon schriftliche Mitteilung. Handelt es sich um eine eüstere Störung, werden die Eltern der-Kinder in die Schule gebeten, um sich vom' Schulärzte beraten zu lassen. Wird bei Kindern die Feststellung gemacht, daß sie in ihrem Ernährungszustand nicht aus der Höhe sind, werden sie zur Schulspeisung bestimmt, die sich seit ihrem Bestehen alseine sehr segensreiche Einrichtung erwiesen hat, an der übrigens alle Schüler teilnehmen können. Die Kinder, die durch schlechtes Aussehen, Veränderung in Wesen und Leistungen auffallen, werden durch die Lehrer der Schulpflegerin gemeldet, di>e durch Fühlungnahme mit den Eitern den Ursachen dieser zu Tage tretenden Mängel nachgeht und sie im Einvernehmen mit Schularzt und Elternhaus zu beseitigen sucht.. Kinder, bei denen sich Krankheiten oder Gebrechen zeigen, die nicht durch rasche Behandlung verschwinden, müssen besonders betreut und öfters untersucht werden, und gegebenenfalls, wird eine Erholung oder Kur für sie erwirkt. Die Schulpflegerin muß in dauernder Verbindung mit dem hierfür zuständigen Stellen stehen, weil die Plätze in den Heimen, die für unsere Schule in Betracht kommen, sehr begehrt sind; es sind dies vor allem die Heime in Dürrheim,' Kreuznach, Nauheim, Wyk und Hofheim. Außerdem nimmt das von Rothfchildsche Kinderhospital mehrmals im Jahre eine gewisse Anzahl unserer Mädchen auf, die an Bleichsucht leiden oder in ihrem Ernährungszustand nicht auf der Höhe sind. Es braucht wohl nicht betont zu werden, wie segensreich ein solcher Aufenthalt wirkt. Dank dem Entgegenkommen seitensder Jüdischen Frauenvereinigung, sowie der Zentrale für jüdische Wohlfahrtspflege ist es uns auch in diesem Jahre gelungen, einer größeren Anzahl Kinder den notwendigen Kur- oder Erholungsaufenthalt zu 'erwirken. Für Kinder, die an Haltungsfehler und Verkrümmungen, meistens der Wirbelsäule, leiden, ist in diesem Jahre irr der Anstalt selbst eine orthopädische Turnstunde eingerichtet worden, die durch unsere eigens dazu vorgebildete Turnlehrerin erteilt wird. Zu erwähnen ist noch, daß seit etwa zwei Jahren auch ein Zahnarzt sich in den Dienst der Schule gestellt hat, der den Zustand der Zähne unserer Zöglinge überwacht und den Eltern Mitteilung von Schädigungen am Gebiß macht. Das wäre in großen Umrissen die Arbeit, die den Arzt in der Schule zu leisten hat. Die Gesundheits- Glücks-Spiel. Lin Zwiegespräch. Personen: Herr S. Herr W. Szene: Ein Salon. S: Sie wünschen? W: Ihnen eine Bitte vorzutragen. S: Und die wäre? W: Daß Sie mir einige Lose abkaufen. S: Sie sind Lotteriekollekteur? W: Beileibe nicht. Nur vorübergehend aus Neigung, nicht von Beruf. S: Seltsame Neigung; was soll das bedeuten? W: Viel. Ich fasse meinen Zeitvertreitb sozusagen philosophisch auf. Ich rechne mit der Weichheit und Glückssehnsucht des menschlichen Herzens. S: Ich bin im allgemeinen dem Glücksspiel nicht ganz hold. W: Das ist ein besonderes Glücksspiel. Ein ernsthaftes Spiel, das nicht dem eigenen, sondern anderer Glück gilt. S: Sie beginnen mich zu interessieren, mein Herr; bitte nehmen Sie Platz. W (sich umsehend): Sie scheinen mit irdischen Gütern reich gesegnet zu sein? S: Gottlob, mir fehlt nichts. Ich bin gut situiert und lebe mit Frau und Kindern in ungetrübtem besten Behagen. W: Sie verzeihen eine etwas zudringliche Frage: Ist dieser gesickerte Wohlstand heute die Norm oder die Ausnahme? S (zögernd, nachdenklich): Vielleicht — die Ausnahme. W: Vielleicht? Nein, ganz gewiß die Ausnahme, denn zehntausend verkommen und gehen rettungslos zu Grunde aus Armut und Krankheit. - Und dieser kranken Armut unter den Juden möchten wir nach einer Hauptrichtung abhelsen. Sie kennen ja wohl Heines Wort von dem dreifachen Unglück, arm, krank und dabei Jude zu sein. Und wir möchten unsererseits nicht die schwere Schuld auf uns laden, stumm bei dem Blute des Nächsten zu stehen. S: Wir? Wer sind die „wir"? W (sich groß aufrichtend, mit starkem Nachdruck): Die Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden! (Leichthin): Man erzählte mir von einer gewissen Vorliebe Ihrerseits für die ärztliche Wissenschaft? S: Die mich sogar veranlaßte, in der Jugend dem ein Semester zu widmen. W: Doppelt schön. Dann kennen Sie mehl: als andere die ungeheure Furchtbarkeit dieses Leidens, dem nur durch rechtzeitige Vorbeugung begegnet werden kann. Und wir wollen dem begegnen. S: Dem begegnen? Ein Ding der Unmöglichkeit! W: Der Unmöglichkeit? Nein. Nur ein Ding des guten Willens der Begüterten. Wir sind im Begriff ein Werk aufzurichten, das eine glanzvolle Ehrensäule .für den jüdischen Namen werden kann, mit Gottes Hilfe werden wird. Wir wollen eine Heilstätte für männliche jüdische Lungenkranke in Deutschland bauen. S: Nur für männliche? W: Für weibliche ist durch die großartig dotierte M. A. von Rothfchildsche Anstalt in Nordrach bereits gesorgt. S: So, Prachtvoll. Und da wollen Sie nun der Notwendigkeit genug tun und diese Anstalt ergänzen? Ihr Plan ist schön. W (seufzend): Schön — wenn er nur ausführbar wird;, denn noch fehlt es an der Grundlage: am Geld. S: Sollte sich denn da nicht auch ein Wohltäter finden^ der aus seiner Fülle mit einer großmütigen Gabe sich die Unsterblichkeit sichert, die diesseitige und die jenseitige Unsterblichkeit? W: Bis jetzt noch nicht. Und da wir nun einmal mib der Unzulänglikcheit und Eingeengtheit der menschlichen Natur rechnen müssen, da wir nun einmal, nicht in den Wolken des Idealismus schweben, unddarauf Häuser ballen können, so bleiben wir hübsch auf ebener Erde und suchen in diesem Umkreis die Menschen zu gewinnen. Sicher: Ein Viel wäre hier unendlich viel. Auch viele Wenig geben eilt Viel. Und darum bitten wir den, der diests Viel nicht leisten kann, oder will, um ein Wenig. Und verbrämen, verzieren, verzuckern dieses Wenig, noch, indem wir die Möglichkeit bieten, mit diesem Wenige viel zu erreichen. S: Sie meinest— ideell, moralisch zu erreichen? W: Nein, auch materiell. Wir haben mit Genehmigung, des preußischen Ministers für Volkswohlfahrt (auchdas ist ein Zeichen für die Dringlichkeit und Uner-- läßlichkeit unseres Vorhabens) eine Wertlotterie zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden inszeniert, deren Los nur 2 Mark kostet. Und wirr bieten wunderbare Gewinne. S: Was ist denn daran so besonders wunderbar?