Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-01-12 · Heft 2 (12.1.1928) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 2 (12.1.1928)
Date
1928-01-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450497--74630-2532112
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Gemeindegehet und Synagogenchor. Im neuesten Heft von Wohlgemnths „Jefchuruy" beginnt' Herr Oberrabbiner Dr. I. Carlebach - Altona eine Artikelfolge über den Gottesdienst in den Synagogen der.Gegenwart, deren erster Teil über die Verschiebung des Schwerpunktes der Gebete und über das Sein und Sollen eines Synagogenchores das rechte Wort zur rechten Zeit spricht. Wir glauben, daß gerade hier in Frankfurt, wo der Synagogenchor unserer Gemeinde wohl vor dem Beginn einer neuen Aera steht, die Carle-, hachschen Ausführungen besondere Beherzigung verdienen. Sie entsprechen ganz den Anschauungen, die der Gründer der Israelitischen Religionsgesellschast, Rabbiner Samson Raphael Hirschüber die Aufgabe des Chores hegte, und die .. auch sein Nachfolger, Rabbiner Dr. Breuer, mannigfachen Anfechtungen zum Trotz, mit Entschiedenheit vertreten hat. — '. - Wir benutzen diesen Anlaß, um unseren Lesern das Abonnement auf den „Je - f ch u r u n", der sich nach einer Mitteilung des -Herausgebers in überaus schwieriger - finanzieller Lage befindet, dringend zu empfehlen. Die gesetzestreue Judenheit bedarf dieses,repräsentativen Organes, das ganz andere, aber ebenso wichtige Ausgaben zu erfüllen hat, wie die zahlreichen Wochenblätter. Die-Verschiebung des Schwerpunkts der Gebete. Das jüdische Gebet ist Gebet der Gemeinde. Der vielstimmige Zusammenklang der betenden Rippen saugt in sich das Gebet der Einzelnen auf und trägt es, unbeschadet der Würdigkeit oder Unwürdigkeit des einzelnen Beters, auf seinen Schwingen zum Thron der Allmacht empor. Dem göttlichen ■ojK' dem einzigen Ich, das an der Stätte der Wahrheit und Idealität gilt, darf sich nyr das unjav das wir der betenden Gemeinde gegenüberstellen. Wenn der Psalmist <Ps. 103) im Gefühl von Schwäche und Sündhaftigkeit des Erdengeschöpfes, seine Seele im Gebet emporrichten will, so spricht er: „preiset Gott all seine Boten, ihr allgewaltigen Vollführer seines Wortes, preiset den Ewigen all seine Scharen allorten an den Stätten Seiner Herrschaft", und in diesem allgemeinen, von unzähligen Stimmen getragenen Chor wagt er dann zu sprechen: „preise auch, meine Seele den Herrn". Wo tausende singen, da wird auch der rohe Gesang der musikalisch unfähigen Kehle zur Harmonie mitaufgelöst. vx»'. rr^i M pi sagt, Talm. Brech. 8 a: sieh, als der Allheit Gott wird er kein Gebet geringachten, im Rahmen des Gemeindegebetes wird keine Stimme ungehört verhallen. Nur das isolierte, ich möchte sagen, das egoistische, solipsistische Gebet, das Gebet, in dem nur das Ich fein Ich allein darbietet, dem gelingt die Verklärung zur Idealität nicht. Heiligung ist Vereinigung, heiliges Gebet nur das der Gemeinde, in der sich die Persönlichkeiten ihrer selbst entäußern und in ihrem ZusMWenschtW Realisieren. Äus. diesem Charakter des jüdischen Gebetes hatte sich das Hinreißende, das Stürmische, das Elementarische der alten Gebetsweise entwickelt, der Wettstreit der Stimmen, das Recht und die Pflicht vernehmlicher, impulsiver Teilnahme am Beten der Menge. Ihre Harmonie, ihre Erhabenheit lag in der großartigen Regellosigkeit . und Fülle, in ihrer sich selbst übersteigernden Polyponie, dem Brandendes Meeres gleich, in dem das unmusikalische Einzelgeräusch nicht mehr wahrgenommen wird, das in solch tosender Gebärde seine Unendlichkeit, feine Größe, seinen Trotz gegen Analyse und Hemmung verrät. So wallten und'siedeten und brausten die Herzen und Stimmen im jüdischen Gebete zu Gott auf. Damit wurde Vas Gebet höchste Aktivität,. selbsttätige Erregung der Seelentiefem Diese Aktivität. ist ein wesentliches; auf ihr beruht feine Wirkung, seine Nachhaltgkeit, die Befriedigung, die es auslöste. In der Aktivität ist auch Konzentration, Abwehr jeder Störung leichter; das bloß receptive, empfangende Gemüt ist natürlich jeder Ablenkung von innen und außen ausgesetzt. Es gehört große Selbstdisziplin dazu, bei rein receptivem Verhalten die Seele eindeutig zu richten und in ihrer Richtung zu erhalten. Gewöhnlich gelingt es nur bei außerordentlichen Eindrücken gegenüber großer Redegervalt oder hohen künstlerischen Leistungen. Aktivität aber bringt solche Spannung in die Seele, schafft eine so gradlinige Strömung der Reaktionen, daß diese nicht ohne weiteres aus der Bahn gewürfen werden kann. In einzelnen Momenten gelingt auch uns noch dieses aktive Beten, am "großartigsten jedesmal am Ausgang des Reitahgebetes in den Scheimaus; es ist ein vulkanisches Feuer, das sich entlädt, das in seiner Urgewalt aller Reglementierung spottet. Erhaben wie die ungeometrische Linie einer Alpenkette, frei und stillos, aber überwältigend schön. Dieses aktive Gemeinschaftsgebet mit freier Gebärde ist das eigentlich jüdische Gebet. Es ist selbsttätige Arbeit, wie das jüdische Lernen, wie alles Jüdische. Es hat den Vorzug und den Fehler der Formlosigkeit, der fehlenden Uniformierung der Geste und Klangfarbe, der scheinbaren Willkür. Der Vorzug macht sich desto stärker geltend, je größer die Gemeinde, die Zahl der Beter.ist; der Fehler wächst ihnen umgekehrt proportional, zeigt sich in kleiner Gruppe am schlimmsten. Dem aus dem Ghetto tretenden Judentum war dieser Fehler, das Barock des Gebetes unerträglich, diese phantastische ekstatisch überquellende Kraft, und so entstand ein Z o p fst i l des jüdischen Betens, wie ihn die modernen Synagogen darbieten. Es war zunächst eine folgenschwere Geschmacksverirrung gewesen, für das jüdische Gebet die allgemeine Losung des Leisesprechens, der'AN^2 n^an auszugeben, um den Lärm der Judenschul zu dämpfen. Es mögen Uebertreibüngen, unwürdige Störungen vorgekommen sein; es waren Respektlosigkeiten Ungebildeter, überhaupt zu edlem Anstand, zu Selbstzähmung und Grenzen nicht erzogener Elemente. Aber die Furcht, daß jede Freiheit der lebendigen Aeußerung unserer Gefühlswelt in Mißbrauch entarten muß, ist mangelndes Selbstvertrauen, Bewußtsein eigener Kulturlosigkeit. Lessing führt einmal Homer als Beispiel an, der in der Ilias die Trojaner ihre Toten ohne Klage, in stummer, starrer Ordnung, die Griechen aber mit -lautem Klageschrei und Weinen sie bestatten läßt, und folgert daraus: nur das hochstehende Hellenentum scheut sich vor dem Gefühlausbruch nicht, besorgt nicht, seine Würde als Heldenvolk zu verlieren, wenn es die starken, aber edlen Affekte des Schmerzes und der Freude nicht unterdrückt oder in sein Inneres verschließt. Rur der „Barbar" braucht die eiserne Fessel der Unnatur als Schutz gegen die Leidenschaftlichkeit der eignen Natur. Die deutsche Judenheit ist gewiß innerlich reif und erzogen genug, daß sie vor der jüdischen Gebärde nicht zu bangen braucht. Und wenn die Generationen am 'Beginn der Emanzipation eines Zügels vielleicht nicht entraten konnten, so haben unsre Synagogen mit ihrex schärferen Ordnung, die das Gleiche froh und freudig binden lehrte, längst Alt und Jung zu erhöhter Selbstzucht gebracht. Darin danken wir gewiß auch viel — und das sei gerne anerkannt — dem Wirken der Chöre auf die Enüter. So ist es Zeit zur „Selbstemanzipation", zur Rückkehr zu uns selbst, zum Rhythmus unsres eignen Gebets. iwna fbm 'piVx jr»aa Wir mögen und müssen uns im Gotteshause in der Unmittelbarkeit unsres Gefühlsausdrucks ergehen können. Die Hallen der Synagogen müssen sich wieder erfüllen mit klingendem, tönendem, hallendem Gebet der Gemeinde. Nur in Freiheit erwacht die Andacht, das Selbstvergessen, die jüdische Begeisterung. So aber erschreckt uns oft die Friedhofsstille des Gotteshauses, in der mit dem Wort auf den Lippen auch die Stimme des Herzens erstirbt. Nur e i n leises Gebet kennt das Gotteshaus. Es ist höchst bedeutsam, daß es als höchstes Gebet von ünsren Weisen hingestellt ward. Es bildet die letzte Sprosse auf der Leiter, zu der wir emporklimmen sollen. Es ist das Gebet^der einzelnen Seele; wu ■>»m nVarv es ist der letzte Ausdruck, daß jeder es wagt, für seine Person von Gottes Barmherzigkeit die ewigen Güter des Lebens zu erflehen. Zu diesem Gebet aber müssen wir reis gemacht werden durch das, was vorher im gemeinsamen lauten Gebet der Gemeinde auf uns gewirkt hat. Durch das Psalmwort soll unser Herz erschlossen werden, im Schma wir die Bereitschaft gewinnen, von neuem das Joch des himmlischen Reiches und das der Mizwaus auf uns in Gemeinsamkeit zu übernehmen und durch die Erfahrungen der Vergangenheit müssen wir von der Gewißheit der Erlösung Israels von neuem uns durchdringen, dann erst sind der Einzelseele die Flügel gewachsen, für sich selbst iM leisen Einzelgebet das zu erbitten, was ihr nötig ist, um ihrerseits für die Erlösung auf Erden zu wirken und zu schaffen. Aber grade weil das Achtzehnergebet ganz allein als leises Gebet fixiert worden ist, weil es dadurch seinen einzigartigen Charakter erhalten hat, kan es unmöglich richtig sein, für alle andren Teile unsrer Gebete feine Besonderheit zu übernehmen.. Wir können daher nicht entschieden genug fordern, daß die Losung des Flüstertons aus dem Gotteshause verbannt werde. Zurück zur alten Wucht des jüdischen Gebetes! Glück und Unglück,. Förderer und Zerstörer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.