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Der Israelit · 1928-01-12 · Heft 2 (12.1.1928) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 2 (12.1.1928)
Date
1928-01-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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! ■ nr, 2 192$ Feuerzeichen. Ein HHetto-Aoman von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) Zu den ersten Maßnahmen des Rabbinates Rabbi Naftalis gehörte es, mit Einvernehmen der Vorsteher und Räte die großen Lasten, entstanden durch die Audienz, den Erwerb der neuen Stättigkeit und aus anderen Ursachen, gleichmäßig auf die Mitglieder der Gemeinde und anderer Frankfurt anliegenden Gemeinden zu verteilen. Da die Ausgaben keinen Aufschub duldeten, hatte man um die Festzeit Herum, um rasch zu Gelde zu kommen, neben Aufnahmen von Anleihen, die wenigen Besitzenden in der Gasse herangezogen, große Summen vorzustrecken, die sie nun aber für ihre ausgedehnten Geschäfte benötigten. Die Gelder mußten nach Recht und Billigkeit von allen, die in den Genuß der erkauften Rechte gekommen waren, nach Maßgabe ihres Könnens aufgebracht' werden. Rabbi Naftali bestand auf a b s o l u t e r Gleichmäßigkeit und Gerechtigkeit. Der Wasserträger und Holzhäcker und letzte Knecht durfte sich dem nicht entziehen, und selbst der Almosenempfänger durfte sich „des Anteiles am Gotteslohne für ein Rettungswerk, das für Israel vollzogen "war", nicht begeben. Seine Forderungen und Entscheidungen gingen darin noch weit über die gewagtesten ^Wünsche Oppenheims und der anderen Vorsteher hinaus und übten auch eine Fernwirkung nach Wien und Prag aus, wo ähnliche Lasten zu tilgen waren. Hier, bei der Lösung dieser Aufgabe, zog sich Rabbi Naftali die e r st e n G e g n e r zu, die, in ihrem Geldbeutel getroffen, es dem Rabbi schwer verdachten und, zu feige, Eigennutz einzugestehen, für ihre Gegnerschaft Gründe suchten und angaben, die die rabbinische - Wirksamkeit Rabbi Naftalis insgesamt treffen sollten. Fanden sie auch damit wenig Anklang, so sammelte sich doch in einem entlegenen Bezirke der Gemeinde ein kleiner Grundstock von Unzufriedenheit an. Die Besseren dieser Gruppe sagten, der'neue Rabbi sei nicht von dieser Welt und ein kabbalistischere Schleier verdunkele feinen Blick für die Dinge und Bedürfnisse der Menschen. Die Böswilligen sprachen aber schon deutlich von polnischen Manieren und Traditionen, die der deutschen Gemeinde ganz und gar nicht zuträglich wären. Rabbi Naftali kümmerte sich wenig um das Gerede, sah nicht nach rechts öder links, .senkte den Blick tief in die Geheimnisse von Welt und Lehre, sah hoch und voller Gottergebenheit nach oben, sah geradeaus zu den Menschen hin und hatte die Verehrung,, das Vertrauen und die Liebe aller, die ihn verstehen wollten, in vollstem Mäße die Verehrung aller Rabbiner, die zu seinen Kollegen gehörten, und aller Vorsteher und Räte, . die in Gemeindegeschäften mit ihm arbeiteten. Die jugendlichen Herzen seiner Schüler flogen ihm im Sturm zu. ’y Dabei fand er Zeit für Wohltätigkeit in Großem und Kleinem und für die Vereine und Bruderschaften, die die Wohltat zum Lebensziele hatten. Dem „Heiligen Vereine", der Kiphe, j fühlte ex sich vom ersten Tage an nahe, und da 'ihm als Kohen die Möglichkeit der eigenen Bej tätigung bei Sterbefällen verschlossen blieb, ,.so widmete er sich mit um so größerem 'Eifer den anderen Anliegen dieser heiligen Bruderschaft, dieser Schöpfung des Rabbi Jesajas Horowitz, die damals bereits auf eine Vergangenheit von hundert Jahren zurückschaute. Der Silberschatz des Heiligen Vereins hatte sich in den huüdert Jahren durch edle Sitftungen angehäuft, und Rabbi Naftali fertigte Inschriften und Widmungen für die Silberpokale an, die in Reim und Rhythmus Stifter und Stiftung priesen. Am Fasttage des Heiligen Vereins wurden Slichausgebete vorgetragen, die er verfaßt, und am darauffolgenden Festabende Lieder gesungen, die er in gehobener Nachtstunde zu Ehren Gottes und Israels einer tiefen Empfindung abgerungen hatte. . 11. Auch Jsak Reiß gehörte zu den Unzufriedenen. Er zählte zu den Höchstbegüterten in der Gasse und er fühlte sich nach dem von Rabbi Naftali genehmigten Modus zur Tilgung der Gemeindeschulden „überschätzt", zu fest angepackt. Aber er war zu klug, auch zu vornehm und in Ehrfurcht vor der Lehre.und ihren Trägern wie in der Liebe zur Gemeinde verwurzelt, um seinen Mißmut den Rabbi fühlen zu lassen, zumal dessen Gelehrsamkeit und. Art, mit Menschen und Dingen umzugehen, ihm ehrliche Bewunderung abrang. Ahron Oppenheim gab er aber jetzt bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zü verstehen, daß er mit seiner Manie der „offenen Hand", um aller Welt auf Kosten Frankfurts beizuspringen, die Gemeinde und die, die sie tragen, über kurz oder lang an den Ruin bringen werde. Sein ausgedehntes Geschäft führte Reiß weit über die Gasse hinaus und viel mit Großbauern, Winzern und Mühlenbesitzern zusammen, und er hatte ein wenig von der derben Art dieser Leute angenommen. Seine Worte fielen wuchtig, massig, wie Kolben, Stoß aus Stoß, ohne verbindenden Uebergang. Er verlor im Reden leicht den Faden, wiederholte und fand selten das Wort, das ex gerade brauchte, vergaß düs Wichtigere und schloß oder brach jäh ab zumeist mit einer überraschenden Wendung, die ganz jenseits des Gegenstandes lag. Oppenheim, ein scharfer, klarer Denker und gewandter Redner, dem die Worte gerade zuflossen, ohne seine Disposition zu verwischen, fiel es nicht schwer, seinen Partner zu entwaffnen,/schwerer aber oft, sich selbst in der Hand zu haben und sein Temperament so zu zügeln, daß die Worte Reiß nicht zu schwer trafen. Denn im Grunde achtete er Jsak Reiß, kannte und erkannte seine Opfer und vielfachen Verdienste für die Gemeinde voll an und hütete sich, ihm irgendwie wehzutun. Joseph Taub, Löb D a r m st a d t und Tewele Fuld blieben verbissen, ließen allerlei Gerüchte, auch die über die geheimen Nachtstunden des Rabbi vor oder hinter, der verrammelten Kammertüre, an sich herankomyren, wagten aber nicht, selbst offen gegen Rabbi Naftali hervorzutreten. Das vertrug sich auch mit ihrem Stolze und ihrer Stellung in der Gemeinde nicht. - Joel E h a f e n wartete mit Spannung und' Zittern auf die neuen Bräuche, neuen Gebete und neuen Melodien, die der fremde Rabbi bald einführen würde. Es geschah nichts derartiges. Rabbi Naftali kam Sabbat zur Thoraverlesung, nachdem er zuvor mit seinen Jüngern die Früh-, gebete verrichtet hatte, in die Altschul, blieb auf seinem Ehrenstuhle, bis zur Beendigung des Gottesdienstes, an den sich fein Vortrag anschloß. Er sprach sogar Joel CH äsen Lob und Anerkennung aus für die-hinreißende Art, mit. der er die „deutschen" und Frankfurter Melodien vortrug, und er sang, wo die Gemeinde einzufallen .hatte, kräftig und innig mit. Völlig beruhigt und versöhnt war Joel Chasen, als er hörte, daß Rabbi Naftali sich von Rabbi Mosche Drum und Rabbi Joseph Koßmann in förmlichen Lernstunden über den Fran k furter Minhag unterrichten lasse, sich vom ersteren das druckfertige Manuskript von Juspho Hahn, den „Jossef Omez" und von Koßmann das von diesem selbst zusammengestellte Minh a. g. b u ch vorlegen ließ, beide Werke mit schriftlicher Empfehlung versah, sie als große Tat feierte und sich für ihre Drucklegung einsetzte. Die beiden Rabbinen, erst ängstlich und mißtrauisch, waren, wie Rabbi Schmuel Schotten vom ersten Tag an, seine engsten Freunde geworden. Perez Murren, Mordche Beer, Löb Pfeifer und viele kleine Leute, die zum erstenmale, nach Entscheidung des neuen Rabbiners, zu Gemeindelasten mit herangezogen wurden, waren dem neuen Manne gram. Der Groll wich aber bald bei den meisten einem Stolze, nun ja auch etwas zu gelten. Um so mehr, als sie in allen Anliegen, bei Hilsegesuchen oder kleinen Streitfällen stets offenes Ohr, Liebe, Verständnis und Gerechtigkeit im Rabbihause fanden. Perez Murren hatte darauf einen neuen Witz ausgedacht und war zufrieden. Auch N i ch t j u d e n von der anderen Seite der Stadt wandten sich zuweilen an das „jüdische Gericht" oder um Rat und Hilfe an den „jüdischen Weisen", von' dem man sich schon auch außerhalb der Mauern mancherlei erzählte. So kam eines Tages Johannes Finger, der wohlbeleibte, freundliche Bäckermeister mit dem vollen Rundbart und den guten Augen, ins Rabbihaus. Ob er bereit wäre, in einem Streitfall, der ihn, den Nichtjuden, betraf, zu entscheiden, fragte er sehr höflich und ehrerbietig. „Es ist unseres Amtes, zu richten und zu schlichten", sagte der Rabbi entgegenkommend, „ist die Gegenpartei auch von der anderen Seite?" ' " -Mein Prozeßgegner ist Jude, angesehener Mann der Gasse, Jsak Reiß, betrifft eine Mehrlieferung und eine von mir als ungerecht erachtete Forderung." Der Rabbi überlegte. Er wog und wählte die Worte: „Streitfall zwischen Juden und Juden, oder zwischen Nichtjuden und Nichtjuden können wir gerecht, ohne Schatten einer Voreingenommenheit behandeln, hier aber steht Jude gegen Nichtjuden. Wie leicht könnten wir da in den Verdacht der Voreingenommenheit und Bevorzugung kommen?" „Solche Verdächtigungen bleiben mir fern, wie die Sache auch ausgeht, ehrwürdiger Rabbi", beteuerte Finger. Und er berichtete, wie hoch er in leiner puritanischen Gesinnung die Juden und tf)W Lehre schätze, wie sehr 'er die Bibel liebe, wie er den Juden auch schon oft faustdicke Beweise seiner Liebe gezeigt habe. Er vergaß auch nicht, den Vorgang auf der Messe am Main am jüdischen Neujahrsfeste zu erzählen, da er sich sogar was kosten ließ^ daß die Juden ungestört ohne Insultation ihre Gebete verrichten > konnten. Er erzählte alles natürlich, ohne Prahlsucht, ohne aufzuschneiden, gewissermaßen nur um sich zu legitimieren. Aber Rabbi Naftali runzelte die Stirn und erwiderte in verbindlichstem Tone: „Es wäre besser, Ihr hättet, verehrter Meister, mir all dieses nach dem Prozesse erzählt. Nun könnte Voreingenommenheit zu Euren Gunsten ausgelegt werden." ‘ „Ich verlangte nie Lohn für das, was ich tät, weil ich es für recht erachtete", meinte Finger etwas gekränkt. „Nein, ganz-gewiß) sticht — aber im Talmud wird erzählt, wie ein.^Miser Lehrer sich in einer Gjerichtssache für veWgen erklärte, weil einer dar' Streitenden, ihm,iMem Lehrer, einmal auf einem schmalen Steg röie Hand gereicht'und ihn gestützt hatte. Ihr habt uns allen damals die Hand gereicht und gestützt, guter Meister. Finger l" „Aber beide Parteien werden Vertrauen zu Euch haben", bat der Bäckermeister. ,-Reiß

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