Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1928)
- Date
- 1928-01-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 2 Der Israel r t 12. Januar 1928 ist Jude und Vorsteher, und ich, sagen wir, habe einmal den Juden die Hand gereicht ... Also gleich und gleich. Die Sache ist auch nicht so sehr tiefgehend." Und er sing gleich von ungefähr an, den Streitgegenstand auszupacken. Rabbi Naftali unterbrach ihn hastig und Milch: „Wenn es zu einer Verhandlung vor unserem Gerichte kommen soll, so darf ich Euch nicht anhören, so lange Euer Prozeßgegner nicht mit dabei ist. Ich habe schon zu viel gehört, lieber Meister, aber wir wollen sehen! . . ." Es kam nicht zur richtigen Verhandlung und das Besdin wurde nicht bemüht. Rabbi Naftali ließ nur Isaak Reiß kommen, sprach mitihm allein, von Mund, zu Mund, sodann auch mit Meister Finger noch einmal. Die Differenz punkte waren nicht gar so weitgehend, ein Vergleich nahe. Reiß und Finger schieden völlig ver? söhnt und von neuem als Geschäftsfreunde von einander. Als Reiß ging, blieb noch Johannes Finger ein Weilchen da. Er hatte noch so manchen Prozeß mit der Stadt, mit dem Rate,, mit N a ch b a r e n , die ihm Bauplätze streitig machten und zu mancherlei Kosten heranzogen, wider Recht und über Gebühr, wie er meinte. Auch mit dem Himmel war er nicht in allem im Reinen, Fragen an das Leben und den Tod, an Jenseits und Diesseits bedrückten sein Herz. Er las viel in Bibel und frommen Schriften, kannte die Kirchenväter und Luther, hatte von den Modernsten L e i b n i tz studiert und sich mit Geistlichen und weltlichen Gelehrten besprochen, auch mit Johann Jakob Schudt, und von keinem Antwort auf die letzten Fragen erhalten. Der weise Rabbi wäre ebenso das richtige Forum für den hohen Rat wie für den Himmel gewesen. Finger redete sich alles frei vom Herzen, was er vom Sinne des Lebens und der Hoffnung des Todes wußte und nicht wußte. Die jüdische Lehre, die Kabbala, wisse doch wohl dies alles zu erklären. Rabbi Naftali hürte ihn still und aufmerksam an und meinte dann, die Antwort auf diese Fragen biete nicht die Wissenschaft, nicht die Vernunft, nicht die Philosophie und auch nicht die tiefe Kabbala, aber eine einfache These der Mischnalehre sage doch, was wir davon nicht wissen, und auch das sei schon Wissen. Er las dem Meister Finger wörtlich vor: „Denn im Zwange bist du gebildet und imZwange geboren, zwangsläufig rollt sich dein Leben hienieden ab und gezwungenermaßen stirbst du. So wirst du auch gezwungen, Rechenschaft abzulegen vor dem Könige aller Könige, dem Heiligen, gelvbt sei Er-" Aehnlich hatte es schon Johannes Finger irgendwo gelesen, aber es war ja das, was er nicht verstand: f „Sind wir in die Welt ungefragt hineingezwungen worden und spielt sich unser Leben z w a n g s m ä ß i g ab, wer wäre da befugt, von uns Rechenschaft zu fordern? Kann ich einem, den ich wider seinen Willen zum Wächter meines Gartens bestellt, etwas anhaben, wenn der Garten ungehütet blieb?" wunderte sich der puritanische Bäckermeister. « . „Zwangsläufig", erklärte der Rabbi, „sind die uns vorausbestimmten G -e f ch i ck e, n i ch t a b e r unser Handeln. Vorausbestimmt ist, wie groß, wie stark, wie ieid), nicht aber ob gut oder böse der Mensch sein soll. Wir stehen selber am Steuer unseres Lebensschiffleins, es ist der uns gegebene, uns über alle Kreatur stellende freie Wille." Noch vieles von dieser Art sprach der .Rabbi, und es klang ganz anders, als alles, was Finger bisher über diese Dinge gelesen und gehört, es war neu, fremdartig und doch so sehr ins offene Gemüt eingehend. Es war damit nicht alles gelöst, aber Johannes Finger wollte in stiller Nachtstunde bei der Flamme des offenen Backofens, da ihm die besten Gedanken zuflogen, darüber ganz reiflich Nachdenken. (Fortsetzung folgt.) Drucksehlerberichtigung. Eine Zeilenverwechslung entstellte in der Roman- Fortsetzung der jüngsten Nummer einen Satz, der hier berichtigt werden soll. Der lctstr Satz im ersten Absatz des Kap. 10 auf Spalte 2 r.'.utz im Zusammenhangs richtig heißen: . „Rabbi Schmuel Schotten sah vom ersten Tage an einen lieben Freund -in Rabbi Naftali, ungeachtet kleiner Disferenzpunkte, die sich hie und da bei Entscheid düngen und Aussprachen über jüdische und Gemeinde- ,ragen zwischen dem deutschen, 'im Frankfurter Ritus großgezogenen Rabbi und seinem größeren aus der Viel- ,alt der jüdischen Geisteswelt im weiten Osten schöpfenden Kollegen ergäben.". Lin Kampf ums Recht. Zu Arnold Zweigs neuem Roman, Rudolf von Jhering, der vormals berühmte Rechtslehrer, hat einmal das Wort geprägt: Im Kampfe sollst du dein Recht finden! .Er betonte damit die bedingungslose Notwendigkeit und Gültigkeit des Rechts, dem unter allen Umständen, mit allen Mitteln zum Siege verholfen werden muß. Dichterisch illustriert war diese Maxime vorher schon durch Schiller in den „Räubern", durch Kleist in „Michael Kohlhaas", und wurde sie späterhin durch Karl Emil Franzos im „Kampf ums Recht". Sie alle machten Einzelpersönlichkeiten zürn Träger und gewaltigen Verfechte: dieser Idee .Das Besondere an dem neuen Roman Cim Arnold Zweig (D e r Streit um den Sergeanten Grischa, Potsdam 19 28, Gustav Kiepenheuer Verlag)'ist in diesem Betracht, daß hier ganze Scharen als Verkörperer dieses Wortes anrücken, wohl individuell, je nach Rang, Lebenshaltung, Charakter abgestuft, aber einig in dem einen unerschütterlichen Bewußtsein: Recht muß Recht ein. und werden, auf Recht steht der Staat, steht das All! In die Roheit, Unerbittlichkeit und Tyrannei des Weltkriegs unseligen Angedenkens sind die Gestalten hineingestellt,, keuchen unter der Last einer rauhen, verrosteten und brüchigen Staats- und Gesellschaftsordnung, kämpfen'mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft, manche feurig-entrüftet, manche dumpf murrend, manche nachdenklich grübelnd dagegen an und erliegen. Allen aber eignet eines, und das ist das zweite Besondere an diesem großen und bedeutenden Roman, in dem sich ein Einzelschicksal und seine Begegnungen mit der Umwelt zu einem düstern und drohenden Symbol des deutschen, ja des allgemeinen Weltgeschehens, erhebt: bas starke Rechtsgefühl entpuppt sich und weitet sich zum Ausfluß der reinen Menschlichkeit. Schmal, fast dürftig gesponnen, ist die Fabel — sie ei nicht erfunden, bemerkt der Autor —, um die Tun und Treiben der Menschen sich bewegt. Ein russischer Kriegsgefangener, von Heimatssehnsucht erfaßt, entflieht aus einem deutschen Gefangenenlager, nimmt den. solchen Namen eines bereits Umgekommenen an, wird nach längerem' Umherirren ergriffen und auf Grund einer Kriegsverordnung zum Tode verurteilt. Er bekennt dann seinen wahren Namen und sein wahres Vergehen und wird auch unzweideutig als der entwichene Sergeant Grrfcha festgestellt. Das Fehlurteil fall kassiert werden, man will ihn der für ihn zuständigen Gerichtsbehörde zuführen, wird aber vom Oberbefehlshaber' im Osten», Generalmajor Schlieffenzahn, dessen Urbild unchwer zu erraten ist, belehrt, daß gefällte Todesurteil« aus staatspoli tischen Gründen unter allen Umständen aufrecht erhalten-und vollstveckt werden müssen. Bis zu persönlicher Rücksprache des Divisionsgenerals von Lychow, der sich mit der ganzen Wucht und Macht seines adlig großen Wesens gegen diese Rechtsvergewaltigung aufbäumt, gedeihende -Verhandlungen mit Schlieffenzahn, ein langes Hin und Her von Versuchen, Schriftwechseln, Einsichtnahmen erfahren ihren jähen Abbruch durch den unmittelbar an die Kommandantur von Schlieffenzahn gelangenden Befehl zu Grischas Erschießung. Sie findet - statt - und General, Adjutant, Kriegsgerichtsrat, Schreiber, Feldwebel bis zu den untergeordneten Mannchaften brechen seelisch zusammen unter den Trümmern der Rechtsunterdrückung. Mit ihnen. bricht schließlich — einstweilen wird das nur angedeutet — die Größe und der Glanz des Staates zusammen, dem sie dienen, In der unvergeßlich'denkwürdigen Szene der Begegnung Lychows mit Schlieffenzahn offenbart sich schroff der Gegensatz zwischen sittlicher und unsittlicher, zwischen taatserhaltender und staatsvernichtender Weltanschauung. Lychow, konservativ erzogen und daher trotz seines menschlichen Mitfühlens noch dem Wahne huldigend, daß „Völkerschicksale durch Kriege an den Himmel zu projizieren seien", argumentiert entrüstet und beredt,- daß das Recht den Staat baue und erhalte, daß er zu Grunde gehen müsse, wenn man dem Recht nicht genugtue. Kalt und unerbittlich weist ihn Schlieffenzahn zurück. Nicht das Recht schafft den Staat, sondern der Staat schafft das Recht, es steht daher, in feinem, des Staates unumschränkten Belieben, in seiner unumschränkten Macht, es je nach staatspolitischen Notwendigkeit zu modeln und umzubiegen. Um diese Achse des mit seelischen-Erlebnissen und dichterischen Feinheiten vollgefüllten Romans kreisen kaleidoskopartig gestaltete. Bilder aus der Furchtbarkeit des Weltkrieges, innerhalb des Romans brechen alle die Geschwüre,! all die Verbitterung/ der gezüchtete und gewaltsam niedergehaltene Knechtssinn, -die wühlende Verzweiflung so stark, auf, daß man mit Fug und Recht, ohne jede Uebertreibung sagen darf: hierist e n d l i ch das. wahre Gesicht des. Krieges. . Warum wir das Buch an dieser .Stelle besonders würdigen? Nicht aus — wenn auch durchaus vorhandener — Hochschätzung des Philosophen, Aesthetikers und Dichters Zweig, nicht wegen der'köstlichen jüdischen Figuren (wie meinten Sie doch gleich, Herr Kriegsgerichtsrat Posnanski, wenn Sie vom Dienstbefehl des lieben Gottes sprechen, nach dem Sie nach.fleischigem Mittagsmahl erst in abgemessener Frist milchige Speisen zu sich nehmen dürfen und davon, daß die Dienstvorschrift der Thora doch schließlich um einiges rangälter fei als selbst die preußische Felddienstordnung) — nicht um deswegen. Sondern weil mit diesem Roman, aus 7 diesem Roman ein breiter goldener Strom jüdischer Welt- und Lebensanschauung in die Kulturwelt hineinflutet, weil sein Keimpunkt, seine Inspiration,, sein Grundgesühl: das Gebot der reinen Menschlichkeit und der Rechtsverwirklichung so ganz und klar jüdisch sind. Und das sei Zweig hier besonders gedankt. Das Buch ist Mittelglied einer „Trilogie des Uebergangs", deren erster Teil „Erziehung 'vor Verdun." (Berlin) und deren. Schluhteil „Einsetzung, eines Königs" (Winfrieds) noch ausstehen. Bleiben sie auf dieser Höhe, so wird die Trilogie eine Bereicherung der Weltliterämr werden und Edelstes wecken. : ' Ainderecke. kammröksel. Auflösung: P r 0 p h e t e n f n a a a a i i m d l a . f u a m; s - a s b Die oberste wagerechte Reihe ergibt das Wort: Propheten. : ~ Die Buchstaben in den einzelnen Feldern.,ergäben: 1 Psalm. 2 Onias. 3. Haifa. 4. Tämüs. 8« Nädab. bessere Herde als bei Abi Eschenbeijnertor 3 (Sladfcgärfen) APARTE BELEUCEfTUNGSkORPET Nr JUSO H75, ruri Armen EUCMTj. KRAFT-AN LAGEN SerantWvrtlich für den allgemeinen Teil und das Leuilletofl s. SchächÄorottz, Frankfurt a. M; Inserate i. B.: S. Schach« ivwitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag .Israelit"/<8. m.b.®., Frankfurt u.M. — Drück Lermo« Verlags» - Aktiengesellschaft, Frankfurt a. SR. , 3995