Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1928)
- Date
- 1928-01-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 2 Der Israelit Gelees, Obst- und Gemüsekonserven, Fruchtweinen und -saften, Fabrikation von Lichtern und Seifen jeder Art, Feinwäschereien, Druckereien für jüdische Schul- und andere Bücher, Kalender, Reklamesachen. Wohl zü beachten ist, daß in den meisten der genannten Betriebe Frauen an erster Stelle stehen könnten. Die Niederlassung von Menschen dieser und jener Berufe würde zur Gründung von Schulen, Anstellung von jüdischen Lehrern und Lehrerinnen, Gründung von Alten- und Siechenheimen, deren Insassen dort besser aufgehoben sind und besser und billiger verpflegt werden können, als in der geräuschvollen Großstadt, sowie zu Erholungsheimen für Ruhebedürftige und Unterernährte führen. Der Vertrieb der Erzeugnisse würde, wenn sie gut und reell hergestellt sind, auch nichtjüdische Abnehmer finden, es würden Geschäfte entstehen, die mit der nahen und fernen Umgebung und weit darüber hinaus in Verbindung treten. Solche Gründungen könnten aus schon angedeuteten Gründen nur in der Nähe jüdischer Großgemeinden gemacht und zu Kristallisationspunkten werden. Ich habe hier nur in groben Umrissen einige Andeutungen gemacht und noch nicht vom eigentlichen Ackerbau, der nur langsam und allmählich sich entwickeln würde, nicht von Mühlen und vielem anderen, auch nicht von denen, die die gegebenen Pioniere dieser Bestrebungen sein werden, gesprochen. Ich bin auch nicht Fachmann genug, um mich in Einzelheiten einzulassen und gebe nun das Wort den Sach- und Fachkundigen, den verwaltungstechnisch geschulten Männern und Frauen, sich über diese Probleme zu äußern. Bisher bestehende Betriebe sollen, soweit sie gut gewirkt haben und in religiösem Sinne geführt worden sind, nicht geschädigt werden. (Wie ist das möglich? Red.). Große finanzielle Aufwendungen werden ^erforderlich sein — aber ich glaube, sie werden aufgebracht werden, da es sich nicht um einen Fond perdu, sondern um lebensfähige Betriebe handeln wird, in denen das Kapital sicher ruht und sich auch rentieren wird. Ueber die Fragen, welche die religiöse Aufsicht betreffen, über Anstellung der geeigneten Kräfte und Ausschaltung jeglichen Produktionswesens, das leider gar oft zum Schaden der Sache selbst im Gemeinde- und Schulleben geübt wird, will ich mich hier weiter nicht auslassen; so ungemein wichtig diese Fragen sin^, so sind sie doch zu lösen. „Wo kein Mehl, da keine Thora" heißt es (Spr. d. V. 3,21), d. h. der Geist kann sich nur entfalten, und jüdisches Leben kann nur dann erblühen, wenn die reale Grundlage zur Erhalin der Zeitung „Hajnt" in Warschau. Aus dem sonstigen Inhalt dieser besonders'interessanten und reichen Nummer heben wir hervor den Artikel ..Ist das Judentum kunstfeindlich" von Leo Adler Berlin, sowie .König Poniatowski und das Ritualmärchen. Ueber moderne Synagogenarchitektur in Amerika, den Maler Camille Pissarro, die Legende von der Königin von Saba u. a., sowie zahlreiche Kunstbellagen und Abbildungen. (Are verlorene Sefer Wora). Die New-2)orker Times meldet, daß bei einer Auktion von 12000 verlorenen und beim Fundbureau nicht abgeforderten Gegenständen, bet der falsche Zähne, künstliche Augen, Gartenmöbel, Leopardenfelle und Operngläser verkauft wurden, zum ersten Mal auch eine Sefer Thora-Rolle auktioniert wurde. Sie erbrachte 66 Dollar. (John Wockfelker und die Juden). Der bekannte amerikanische Multimillionär, John D. Rockfeller hat der Federation zur Unterstützung jüdisch-philantropischec Gesellschaften aus freien Stücken, ohne darum gebeten worden zu fein, in diesem Jahre hunderttausend Dollar statt sünfzigtausend Dollar im vorigen Jahre,cheigesteuert. Auch zu der Joint Campagne des letzten Jahres hat Rockfeller hunderttausend Dollar Mgesteuert und ein Kapital von zwei Millionen Dollar zur Errichtung eines archäologischen Museums-in Palästina gestiftet.h tung des Körpers gegeben ist, und dann erst folgt (das.) „wo keine Thora, da kein Mehl", .d. h. rückwirkend wird jüdische Lehre und jüdisches Leben die Wirtschaft befruchten und existenzfähig machen. Von innen heraus, von uns als jüdischen Menschen muß die Gesundung kommen. Und nun, alle die ihr Herz und Verständnis für die gegenwärtige und größer werdende Not unserer Gemeinschaft habt, denkt über diese Anregungen einmal nach und äußert euch dann. Vielleicht wird durch die Meinungsäußerung vieler, durch die Beleuchtung des Problems von den verschiedensten Seiten und Standpunkten etwas Brauchbares zur Stillung der Not und zum Segen der religiösen und wirtschaftlichen Zukunft der deutschen Juden herauskommen. - Jüdischer Emigrantenschuh. Infolge der bestehenden Einwanderungsquote nach Nordamerika macht sich eine immer stärker zunehmende Auswanderung nach den Südstaaten Amerikas bemerkbar. Argentinien ist das Reiseziel vieler Tausender geworden. Und in dieser neuen Heimat hoffen Millionen ihr Glück zu finden. Die meisten reisen ohne jeden Anhaltspunkt und ohne jegliche Sprachkenntnisie über den Atlantik, dem „gelobten Lande" entgegen. Und gerade der Mangel an Sprachkenntnisien ist es so oft, der so vielen zum Verhängnis geworden ist. Für manche östliche Staaten Europas ist die Einreise nach Argentinien besonders erschwert und reisen solche Personen in der Regel nach Montevideo (Uruguay), von wo aus man mit einem Schnelldampfer Buenos Aires in einigen Stunden erreichen kann, sobald etwaige Paßformalitäten noch zu erfüllen sind. Und gerade nach Montevideo alleinreisenden jungen Mädchen und Frauen konnte ich aus Grund selbst erlebter Erfahrungen bisher nur empfehlen, sich mit fremden Personen nicht näher in Gespräche einzulassen. Seit einiger Zeit besteht in Montevideo der „Jüdische Emigrcmten-Schutzverein Montevideo, Sarrandi 405" und können sich nach Montevideo reisende jüdische Emigranten einem der Herren, der jeweils bei Ankunft eines Ueberseedampfers an Bord kommt, ruhig anvertrauen. Der Jüdische Emigrantenschugverein Montevideo ist aus dem „Hissem" Berlin-Paris hervorgegangen und wird finanziell auch von demselben unterstützt. Der Verein besitzt bis dato noch kein eigenes Heim in Montevideo. Jedoch erhalten alleinreisende Frauen, Kinder und Kranke volle Pension un entgeltlich, bis sie Weiterreisen oder sonst untergebracht sind. Männer erhalten jede gewünschte Auskunft, man weist ihnen Arbeit nach und läßt sie ebenso unentgeltlich die spanische Sprache erlernen. Alleinreisende junge Mädchen, die z. B. angeben, zu ihrem Bräutigam reisen zu wollen, hält man in Montevideo in der Regel zwecks weiteren Nachforschungen und Prüfungen der Angaben in Haft. Aber dank dem jüdischen Emigrantenschutzverein bleiben solche Reisende, die sich dem Schutze des Vereins anvertrauen, auf Fürsprache des Vereins bei der Behörde von solchen Unannehmlichkeiten bewahrt. Die Gründung dieses Vereins ist von weittragender Bedeutung und wir wünschen ihm, daß er sich segenbringend entfalten möge. S. Z-tz. Wochenkalender. o. 14.-21. Jan. 1928 v. 21.-28. Tebeth 6688. Samstag 14 21 map Sonntag 15 22 Montag Jan. 16 MB' 23 Dienstag! 17 24 tnisp^ns myn Mittwoch : 18 25 Donnerstag 19 26 Freitag 20 27 Rausch-Chaudefch benschen Samstag 21;28 rrnrri Maüled Sonntag mittags 1 Uhr 11 Min. 16 Sekunden 12. Januar 1928 Korrespondenzen « ßaftricbtett. Deutsches Reich. Der Kampf der Parteien» in -er Berliner Gemeinde. Berlin, 3. Jan. Die Stimmung in der neuen Repräseutantsnoerfammlung ist, wie zu erwarten war, recht ungemütlich geworden. Die Volkspartei nebst ihren Anhängseln nützt die eine Stimme Majorität, über die sie gegenüber den Liberalen verfügt, naturgemäß, wie es ihr gutes Recht ist, nach Kräften ans, während die Liberalen die alten Zeiten noch nicht vergessen können und von einer geradezu inimosenhasten Empfindlichkeit sind. So hat bereits die Verteilung der Dezernate des Eemeindevorstandes, .wobei der Vorsitz in einem Waisenhaus- Kuratorium von der liberalen auf die konservative Seite übergehen sollte, zu einem Krach geführt, der mit dem Ausscheiden des betroffenen liberalen Mitgliedes endete. Noch schärfer wurden die persönlichen Gegensätze bei der Beratung über den Ankauf des sogenannten „Friedenstempels". Hier wollten die Liberalen, die Uebernahme des "zionistisch gesinnten jungen Rabbiners, Dr' Prinz, verhindern, der sich durch eine unvorsichtige und schließlich in etwas blamabler Weise zurückgenommene Behauptung über die Vorgänge in der letzten liberalen Rabbinerkonferenz mißliebig gemacht hat. Die Erregung, die sich in; Gefolge dieser Auseinandersetzung auf liberaler Seite eingestellt hat, ist so groß, daß man mit dem Austritt droht, worunter wohl zunächst ein Austritt aus der Repräsentantenversammlung zu verstehen ist.. Der Kampf um die Talmud Thora. Leipzig , 4. Jan. Vor zehn Jahren haben hier ostjüdische Kreise unter dem Namen „Ahawas Thora" auf Anraten «des bekannten ]poy Rabbi Mosche Schneider aus Frankfurt a. Meine Jugendbildungsanstalt gegründet, die nach dem .überlieferten System dir Kinder zu gründlicher Thorakenntnis erziehen sollte. Die Anstalt hat in der Tat eine günstige Entwicklung genommen, und sie wird von ungefähr 250 Kindern besucht. Sie hat ein Budget. von ungefähr 30.000 Mark und durste sich' während der letzten Jahre einer Subvention der Gemeinde in. Höhe von Mk. 7200.— erfreuen. Gegnerisch gesinnt waren merkwürdigerweise nicht etwa liberale oder aufrichtig orthodoxe Kreise, sondern nur eine Anzahl sogenannter „Konservativer", deren Wortführer de>- stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes,. Herr Hohes, - in einer Sitzung der Gemeindevertretung, die Anfang November stattfand, einen unerhörten, vor Verdächtigungen nicht zurückschreckenden Vorstoß nicht etwa nur gegen die Talmud Thora, sondern gegen den Talmud u u t e n i d) i überhaupt unternahm. Dieser Herr, der in seiner Jugend einmal im Eheder gesessen hat,, scheute sich nicht, den Talmud als eine für Kinder „unpassende Lektüre" zu denunzieren und das Thoralernen nachdem System der Talmud Thora dem modernen Sport gegenüberzustellen. Während der Sportplatz zwei Krankenhäuser erspare, mache das Thoralernen zwei Kr ankenhäuser erforderlich. Dieser Attacke gelang es nun, die Liberalen gegen die Talmud Thora einzunehmen, so daß die Subvention zur allgemeinen, Ueberraschung abgelehnt wurde. Herr Rabbiner Dr. C a r l e b ach sprach in einem, Brief an die Gemeinde sein Bedauern aus, daß ein solcher Schritt mit geringer Stimmenmehrheit erfolgt seil und wies auf die Existenzberechtigung 1>er Talmud Thora hin, die ihren- Zöglingen ein wesentlich größeres. Ausmaß von jüdischem Wissen vermittle, als, es im'Rahmen einer Religionsschule gegeben werden kann. Eine Beeinträchtigung der Gesundheit der Kinder sei nicht zu. bemerken. . Die Talmud Thora wendet sich nun mit einem flammenden Ausruf unmittelbar an die Gemeindemitglieder,, und es ist zu hoffen, daß es in Leipzig noch genug Männer yitt warmen jüdischen Herzen gibt, um; einem: f|it die Zukunft der Gemeinde unentbehrlichen Institut die: wirtschaftliche Existenz zu ermöglichen.