Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1928)
- Date
- 1928-01-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 2 Nr. 1 der Aguda von einer wesentlichen Bedeutung sei. Wenn man in Deutschland sogar versuche, an dem 8 4 des Agudastatuts zu rütteln, so sei dies nur ein Zeichen der inneren Schwäche und Krankheit der deutschen Orthodoxie und für die hochgradige Unklarheit, die hinsichtlich der grundlegenden Prinzipien der Aguda herrsche. Jacob Ro s e n h e im-Frankfurt a. Main pflichtet dem Vorredner hinsichtlich der von ihm festgestellten Mängel objektiv bei. Es sei aber durchaus falsch, daraus irgendwelche persönliche Verschuldung der Leitung oder einzelner Mitglieder der Leitung herzuleiten. Es war und ist einerseits die ungeheure Wirtschaftskrise, andererseits der Mangel an Verständnis für organisatorische Dinge überhaupt, mit dem man bei der östlichen Masse rechnen muß, was die Arbeit der Aguda ungeheuer erschwere. Es fei jedooch kein Grund vorhanden, sich deshalb einer Verzweiflungsstimmung hinzugeben. Persönliche Gegensätze waren immer vorhanden, und es gibt Mittel und Wege genug, um trotzdem eine gemeinsame Arbeit zu ermöglichen. Was den 8 4 betrifft, so stehe auch Redner auf dem Standpunkt, daß er nicht angetastet werden dürfe. Dieser Paragraph bedeute keineswegs den Sieg einer Anschauung in der Aguda über die andere, sondern bedeute ein ehr l i ch e s Kompromiß der nun einmal vorhandenen beiden Ueberzeugungen. Man könne von der Slowakei und Polen nicht verlangen, den in Deutschland und im Westen herrschenden Anschauungen noch weiter entgegenzukommen, als es in der Formulierung des § 4 bereits geschehen sei. Ein Ansturm auf diesen Paragraphen gefährde die Existenzgrundlage der Aguda. Auch ohne daß man den § 4 verändere, bestehe die Möglichkeit, um die Seelen der uns noch Fernstehenden zu werben und sie durch Verständnis und Liebe für den'Gedanken der orthodoxen Einheit zu gewinnen. Grade diese Frage der Menschenbehandlung sei vielfach strittig, nicht das Prinzip selber. I. M. L e w i n - Warschau geht in längerer eindrucksvoller Rede auf die Lage der Agudas Jisroel ein und sucht aus der Entstehungsgeschichte des § 4 nachzuweisen, daß ihm jede feindselige Tendenz gegen Andersdenkende fernliege. Im allgemeinen lege man in Polen auf statutarische Schutzmaßregeln sehr geringen Wert, vertraue vielmehr in hohem Maße dem in der Wahl selbst zum Ausdruck kommenden Willen, der sich auf ein starkes Selbständigkeitsbewußtsein stütze. In Polen halte man es, wie die Dinge einmal liegen, für ganz undenkbar, daß Persönlichkeiten, die mit Leib und Seele dem Misrachi angehören, eine führende Stellung in der Aguda einnehmen könnten. Ueber das spezifisch deutsche Problem der Gemeindeorthodoxie sei man in Polen nicht genügend informiert. Die. organisatorische Schwäche der Agudas Jisroel könne nach der Natur der Sache nur durch eine geduldige, von gegenseitiger Liebe und Würdigung getragene Arbeit allmählich behoben werden. Als Vertreter des Auswärtigen Amtes beehrte während der Vormittagsdebatte Herr Legationsrat Prof. Dr. S o b e r n h e i m die Versammlung mit seinem Besuche. Leo W r e s ch n e r - Frankfurt verbreitet sich in längerer Ausführung zunächst über die von den Vorrednern erwähnten Unstimmigkeiten innerhalb der Aguda-Leitung, um sodann in eingehenden Darlegungen den Vorwürfen nicht ausreichender Leistungen entgegenzutreten. Ausgehend von dem Grundsätze, daß Agudas Jisroel in erster Reihe nicht eine Organisation zur Lösung materieller Aufgaben sei, sondern die Verkörperung einer Idee, untersuchte er die Ursachen dieser unabweislichen Selbstbeschränkung. Der Redner glaubte nach seiner Auffassung dafür vor allem vier Gesichtspunkte geltend machen zu sollen: die Unzulänglichkeit der finanziellen Leistungen und vielleicht teilweise auch Leistungs f ä h i g k e i t der agudistischen Massen: den Mangel an geistigen Kräften, die ihre Der Israelit _Blatter_ > Mitarbeit restlos der Bewegung zur Verfügung stellen, ungeachtet der vorhandenen außerordentlichen Fülle geistiger Potenzen, die ihr angehören; die (bereits durch andere Redner behandelte) Bestimmung des § 4 der Statuten, die zwangsläufig zu einer weitgehenden Einengung des Mitarbeiterkreises bewirken mußte, und endlich die Institution des „Rabbinischen Rats", eine Institution, die das jüdische Äutoritätsprinzip in seiner reinsten und höchsten Förm verkörpert, die aber, well sie die Pflicht und Notwendigkeit bringt, fast jede Maßnahme von der Entscheidung dieses Rabbinischen Rats abhängig zu machen zu den größten technischen Schwierigkeiten führt. Auch die Furcht der Rabbinen selbst vor allem, was einem Synhedrion ähnlich sieht, war ein hemmendes Moment. Julius. Holländer- Frankfurt a. M. weist auf die Notwendigkeit hin, mit und ohne Paragraph 4 die Politik der Agudas Jisroel derart zu gestalten, daß die Brücken nicht abgebrochen werden, auf denen die durch Thora und Mizwoth mit uns unauflöslich verbundenen Brüder aus anderen Lagern wieder zu uns kommen können. Wir haben die heilige Pflicht, in den Reihen des Misrachi sowohl wie in denen der Gemeindegxchvdpxie,Hgs^BelpuMeiy. nicht schwanden zu lästeN, daß sie im Grunde z u uns gehören und nicht zu denen, welche die Verpflichtungskraft des Thoragefetzes leugnen. Mittwoch nachmittig: Rabbiner Schuster- ^okolka gibt eine Reihe von Anregungen zur Gestaltung der weiteren Tätigkeit der Agudas Jisroel in den östlichen Ländern, erörtert die Frage einer Teilnahme der Aguda an der Jewish Agency und wünscht schließlich, daß der Zentralrat nicht auseinandergehe, ohne seine Stimme gegen die empörenden Vorgänge in Rumänien erhoben zu haben. Stadtrat Friedensohn - Lodz erörtert die Beziehungen zwischen der östlichen und westlichen Jugend. Er schildert die allmähliche Erstarkung der Bnaus Agudas Jisroel-Bewegung in Pdlen, die. eine logische Fortsetzung des Bajs Jakob-Werkes und zur dauernden Sicherung der pädagogischen Erfolge seiner Schulen notwendig sei. Die Bnaus Agudas Jisroel verfügen jetzt über 3000 Mitglieder in 60 Ortsgruppen, benötigen aber unbedingt die Mithilfe westeuropäischer Führerinnen. Hierfür solle die Agudaleitung sorgen. Rabbiner Kalmanowitsch- Rakow verliest ein Schreiben von Rabbi Chajim O s e r G r o d z e n s k i, worin dieser seinem schmerzlichen Bedauern Ausdruck gibt, daß ihm sein Gesundheitszustand die Teilnahme an der Sitzung nicht gestatte. Er fei aber im Geiste bei den V e r h a n d l u n ge n und habe Rabbiner Kalmanowitsch beauftragt, in seinem Namen eine Reihe von Anregungen zu geben. Zugleich entledigt sich Rabbiner Kalmanowitsch des Auftrages des C h o f e z C h a j i m, indem er auch in dessen Namen der Versammlung di-e besten Grüße und Segenswünsche überbringt. Die Anregungen beziehen sich, auf die Verhält« niste in Südamerika (Argentinien, Brasilien), wohin Agudas Jisroel unbedingt rabbinifche Kräfte, Lehrer und Schochtrm entsenden müsse. Der Redner verbreitet sich alsdann über die Lage der am erikanischen Agudas Jisroel und bemängelt, daß man nicht in Amerika, statt Propaganda zu treiben, sich für die Hebung des amerikanisch-jüdischen Lebens selber eingesetzt habe. Der „Chifsuk Hadaß" in Amerika könne sich, wenn sich Agudas Jisroel feiner annimmt, noch manche Erfolge zeitigen. Sei es doch beispielsweise den Zeire Agudas Jisroel in Newyork gelungen, dreitausend bisher am Sabbath geöffnete Geschäfte zur Beobachtung des Sabbats zu veranlassen. Redner teilt zum Schlüsse mit, daß Rabbi Chaim Oser Grodzenski ihn beauftragt habe, der Versammlung zu erklären, daß er dem Antrag auf sofortige Bo rber e i t u n g d e r K e n e s s i o G e d a u l o aus vollem Herzen zustimme. > 8. Januar 19lS A. S. Friedmann - Warschau erörtert die auf der Tagesordnung) stehende Jugendorganisationsfrage. Die Jugend der polnischen Orthodoxie wolle von einer Politik der Schwäche, von Nachgiebigkeit und Minderwertigkeitsbewußtsein nichts wissen. Sie erkennt mehr und mehr die Kraftvergeudung, die in dem fruchtlosen Kampf der Orthodoxie in den Einheitsgemeinden mit den Zionisten und Liberalen liege. Auch in gemeindlicher Beziehung müsse die Orthodoxie schließlich zur Selbständigkeit kommen, wenn etwas Positives geleistet werden soll. Der Keren Hathora solle sich völlig auf organisatorische Tätigkeit und auf pädagogische Maßnahmen beschränken, nicht aber Jeschiwoth subventionieren, wobei er sich doch nur zersplittere und nichts leisten könne. Redner beschwert sich' darüber, daß der Kriegswaisenfonds der Agudas Jisroel ein Waisenhaus in Polen subventioniere, das vom jüdischen Standpunkt aus . diese Unterstützung keineswegs verdiene. A. W. R o s e n z w e i g - Zürich spricht sich namens der schweizerischen Landesorganisation für die Einberufung der Kenessio Gedaulo aus und erörtert Finanzfragen. Koppel Spira- A^twerpen äußert sich in ähnlichem Sinne Nahum R)o,s a n f e k d - Marschau entwickelt in längerer Rede auf Grund privater Nachrichten die Aufgaben, die Agudas Jisroel in Sowjetrußland,. insbesondere in den neu gegründeten jüdischen Kolonien zu lösen habe. Es fei unwahr, daß die Sowjetregierung in diesen Kolonien der Entwicklung religiösen Lebens irgendwelche Hindernisse bereiten wolle. Nach Schluß der-allgemeinen Aussprache ergriff Dr. Pinchas Kohn-Wien das Wort zu seinem Bericht über Erez Iisroel. Redner widmet den größten Teil seiner Ausführungen einer Darstellung der außenpolitischen Situation. Es wird darauf in anderem Zusammenhang zurückzukommen sein. Die freundlichere Stimmung der Araber stehe im Zusammenhang mit der leider eingetretenen Pause in den jüdischen Bodenkäufen. Was die Gemeindegesetzgebung betreffe, so werde sie steuerpolitisch zweifellos ein Schlag ins Wasser sein, zumal von den 130 000 Juden ^etwa 120 000 sich nicht vollkommen selber erhielten, sondern mehr oder minder von Subventionen lebten. Redner erörtert dann seine Bemühungen um Schaffung einer einheitlichen orthodoxen Gemeinde in Jerusalem unter gleichzeitigem Austritt aus dem Waad Leumi. Der Geschäftsführende Ausschuß habe die hiermit in Zusammenhang stehenden delikaten Fragen in vielstündigen Erörterungen behandelt, und es sei gelungen, sich aüf eine R e s o l u t i o n z u einigen, deren debattelose Anina h me der Redner em p fih lt. Es erhebt sich kein Widerspruch. Die Resolution, die an anderer Stelle mitgetellt ist, wird einstimmig angenomm. Es beginnt eine längere Geschäftsordnungsdebatte. Der Vorsitzende beantragt, zu der für abends vorgesehenen öffentlichen Versammlung nur einige Zentralratsmitglieder als.Redner) zu delegieren, im übrigen äb e/ eine Nachtsitzung durchzuführen, um bis Donnerstag früh schließen zu können. Dem widersprechen zahlreiche Delegierte, insbesondere namens der Berliner Ortsgruppe Herr Dr. Meier Hildesheimer, der es für unmöglich erklärt, den Berliner Agudisten die Enttäuschung zu bereiten, die in der Annahme des Antrages Lewin liegen würde. Der Antrag des Vorsitzenden wird daher mit großer Mehrheit abgelehnt und beschlossen, die Sitzung bis 9 Uhr fortzuführen und alsdann Donnerstag vormittag wiederum zusammenzutreten. Das Wort ergreift Dr. Nathan Birnb a u m zu seinem Referat über die A u l i m-B ew e g u n g. Das Referat wird in Kürze im Wortlaut veröffentlicht werden. Herr Jacob R o s e ritz e im gibt dem Dank der Versammlung für das gedankenreiche Referat Ausdruck, das den Höhepunkt der Tagung bilde. Er behalte sich vor, in der morgigen Sitzung eine Resolution zu be-