Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1927)
- Date
- 1927-12-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 50 Der 3 s r ae li t 15. Dezember!1SN kunft gab den Hörern einen Schwung, sich gleicherweise im Jüdischen wie im Profanen tzörvol^ommnen.!as war das Echo der krast-- vollen Leitung. Liebe und Vertrauen verband alle Glieder der Anstalt. In solcher Harmonie der Erzieher und Erzogenen konnte die zarte PMM ökZ MWen Einflusses bei BWistökUllg sür Thora und Awoda wohl gedeihen. Dieser Aufschwung des Seminars war um so bewundernswerter, als neben der intensiven Arbeit für die Pädagogik eine großzügige rabbinische . Tätigkeit MhSkWg. Dis Kslmv Menschast wuchs von Tag zu Tag; besonders die Zahl der ostjüdischen Brüder mehrte sich schnell. Diese erblickten in dem orthodoxen Rabbiner den einzig zuständigen Raw. Ein reges Leben entfaltete sich im RMiULtrMMet der Apernstrasie! ein ständiges Beth Din, unzählige Schaaloth, neben den regelmäßigen Gemorohfchiurim hielten den Rabbiner in Atem. Emanuel Carlebach war zugleich im besten Sinne ein Seelsorger, ein Annehmer und Freund aller seiner Gemeindemitglieder, mit allen in Freud und Leid brüderlich verbunden und durch die Meisterschaft seiner Rede immer der recht.e Tröster und Glücksspender. Eine entscheidende Rolle spielte dabei stip Haus, sein beneidenswert inniges Familienleben mit seiner Gastfreundschaft und hohen Geistigkeit. Schon früh hatte er eine bedeutende Lebensgefährtin in der Tochter Dr. David Joels s. A. gesMdM, und mit ihk vsksint schuf er öle warme, wohltuende Atmosphäre seines Rabbinerhauses. Das war geradezu einzigartig und vorbildlich. Wie bei Stammvater Abraham immer offen, ein zweites Elternhaus für die vielen Zvtzlisjg^ Temmars, ein Haus des Friedens und der ständigen Weihe für alle Kölner Juden. Immer au der höchsten Höhe der Lebensauffassung und Bildung, immer voll Güte gegen Hoch und Niedrig, wußten die Wirte dieses Hauses allen dis jüdische Häuslichksift dsZ jüdisch? Geftlligkkllstdcal lieb zu machen und nahe zu bringen, weil es nicht einen jüdischen Salon, sondern ein jüdisches Heim, voll Thora und Freiheit, voll Lebensmut und Schlichtheit darstellte. Dieses Rabbinerhaus ist für «Ke unvergeßlich. öte in söinom fSannimi gmeilt; es war der stille Miterzieher aller Glieder der großen Gemeinde der dem religiösen Einfluß Emanuel Carlebachs Anvertrauten. Die Kölner Adaß Mchuruu war uuchrüugz ltch teure selbständige Gemeinde. Es war eine Anzahl Frommer, die sich um die Person Platos geschämt hatten und selbstlos die religiösen Interessen für weite Kreise der Kölner Gemeinde wahrnahrnen. Sie unterhieltest xjst eigenem Gotteshaus, eigene Schechita und alle anderen Gemeinde-Institutionen, die auch von sehr vielen außerhalb dieses Kreises Stehenden benutzt wurden, und blieben doch in engster Verbindung mit der Kölner Großgxmklupk, Dieses friekllichg Der hältnis wurde jäh dadurch gestört, daß eine liberale Mehrheit der Gemeinde den Beschluß faßte, eine Orgel in eine der großen Synagogen einzuführen. Das zwang die Adaß Jeschurun, von dem tzks Austritts Gebrauch zu mach. Cs war das ein Entschluß von nicht geringer Tragweite. Man war sich bewußt, materiell vor schwere, fast unlösbare Probleme gestellt zu werden. Es ist eine Ruhmestat im Wirken des DaNllgMaNgöNöN, nriz SS disse Gemeinde zur Selbständigkeit geführt und über alle Klippen und Schwierigkeiten des ersten Anfangs hinweggehoben hat. Heute steht die Gemeinde gesichert und fest da, anerkannt von Freund und Feind, ein Zentrum stark pulsigkgnds.ii> vsligiöseü Lebens. Sie ist das Werk ihres Führers, der sie mit dem Geist der Thora und dem starken Willen, ins Weite zu wirken, durchpulst hat. Ihre energische Arbeit hat auch der Großgemeinde reichsten Se^en gebracht itt dse sich bi? in ihr verbliebenen frommen Elemente mit ganz anderer Kraft als vorher zusammenfanden und eine Hebung aller religiösen Institutionen durchsetzten. Heute besteht ein Verhältnis gegenseitiger Achtung zwischen beiden „Lagern", die durch die versöhnsiHx tzstß friedfertige Natur des orthodoxen Führers vor allen häßlichen Reibungen und Bruderkämpfen bewahr; MW , , , _ . Jedesmäl/ wenn wir in unserer Gegenwart das Lebensbild eines Menschen überblicken, so ist immer der Weltkrieg die große Cäsur des Lebens. meist der Harts Vernichter und DurchdkSchök älter im Frieden begonnenen Ärbeit. Auch für den Dahingegangenen bedeutete der Sturm jener Zeit ein Heraustreten aus den gewohnten Bahnen des Lebens, einen Abschied von der alten Wirkungsstätte; auch er tat die Uniform ax\j aber (ein Handwerk im Krieg war doch ein anderes, war ein jüdisches. Die Eroberung Polens durch die deutschen Armeen und die Errichtung einer deutschen Militärverwaltung erzwang für die polnischen Juden ein Ausgeben Mxx WltöllM schlössenheit, vor allem eine Neuordnung aller Erziehungsverhältnisse. Gegenüber dieser Umgestaltung der Dinge sahen sich die Führer des polnischen Judentums machtlos und zitterten vor «ll°M Bk sie EMllllM Der Thora öet Dar Jugend. Sie wandten sich hilfesuchend an die Agudas Jisroel, daß sie ihnen einen Organisator ihres Schulwesens schicken möge. Wer konnte wohl eher für dieses bedeutende Amt in Frage kommen al§ dxx ZMx KkZ Kölner LkUekZ seminars? Go ging der Dühmgegangene nach dem Osten als Feldrabbiner und pädagogischer Berater der militärischen Behörde wie auch der Rabbiner und jüdischen Gemeinden. Diese neue Berufung war ihm nicht minder heiliger Ernst als alle frühere Tätigkeit, er griff sie an mit Selbstvergessenheit und Tatkraft, mit tiefer Achtung vor dem Eigenwillen und der EiMlltt pner AuMggMk, dis M ihm Allsfluß feines Wesens war, ohne die für ihn jede Beeinflussung sinnlos war. Hier in Polen war ewig für fein Wirken im Dienste der Thora DaMöattch böWghksn. I Diese Arbeit der Kriegsjahre mit ihren tiefen seelischen Erschütterungen und Bitterkeiten aber hat ihn früh gebleicht. Als er nach Köln zurücktehrte, pMWMkll Me glllUkU HllllUß söMS wahren Jahre. Mit neuem Mute kehrte er aber in den alten, lieben Kreis der Seinen und seiner treuen Kehilla zurück. Eine neue Schöpfung seines Idealismus und' seines Geistes kündete allen. Das kr immlichnnpDroöjön wak! dis hshsre &d)ule „ I awn e Der schweren Zeit zum Trotz wuchs diese junge Schule mächtig sich entfaltend empor, die Lebens- und Werbekraft der jüdischen Idee kündend. Dabei war ihr manches DefOnßQEa MWM bMÄ. Set erste Licettor, Dr. Meier Cähn » der Sohn der Fuldaer Raw, in dem Carlebach immer den wärmsten Freund und Berater in allen Lebenslagen gefunden hatte, wurde in blühender Ju- Zsnd ptöMch f-mweggerafft. seitdem fehlte der Schule ein eigener Direktor, und die ganze Last der Verantwortung fiel auf die Schulter des Gründers. Gleichzeitig forderte das Seminar feine ganze Kraft; die Lehrerausbildung wurde Mit 3tei? Revolution auf neue Grundlagen und Methoden gestellt, was immer neue Verhandlungen, theoretische Studien, Einfühlung und Elastizität notwendig machte. Endlich aber war die materielle Versorgung Mto Anstalten sin Riesenproblem, groß genug, um die. volle Kraft eines Menschen zu absorbieren. Es ist geradezu ein Rätsel, wie er dies alles, alles allein bewältigte, und immer noch die Spannkraft befa^ M Unierri^l fit!) feföft ganz hinzugeben, in der Droschoh immer wieder.neu forschend und schöpfend seiner Gemeinde gegenüberzutreten und seine Thorakenntnis die Brücke der Herzen, durch alle Kleinarbeit des Rabbinerberufes gewissem die er sich mit der religiösen Bevölkerung sofort j hast und treu zu erledigen. stand. Er kannte Mx höht KUllM UUd grade deshalb galt es ihm als oberstes Prinzip, ihnen nichts aufzuzwingen, ihre gemütvolle, im Chassidismus wurzelnde Besonderheit schonend zu erhalten und doch ihnen den Zugang zur allgemeinen weltlichen Bildung zu erschließen. -Leider brachte ihm seine Arbeit auch einen harten, unseligen Kampf. Der radikale Zionismus, wie er im Osten fo häufig zu treffen ist, war gegen jene religiöse Führung und Festigung derjüdischen Masse, Biß er für Mg rein natkgnals Aulönöinle Zu gewinnen hoffte. Obwohl die politische Seite nicht das Arbeitsgebiet Carlebachs, sondern seines Freundse Dr. Pinchas Kohn, des nachmaligen Präsidenten der A. I. war, so richteten sich die skiWsWftllchell Angriffs her (Bogner hoch gsgsn beide ohne Unterlaß in der gesamten jüdischen Weltpresse, draußen wir in der Heimat. So kam zu der großen positiven Aufbauarbeit für beide noch der verbitternde, aufreibende Kampf um ihre Ehre, die in Den Staub ggzgrrt, um tym jüdischen Namen, der als der von „Verrätern" verunglimpft wurde. Die Führer der polnischen Orthodoxie aber scharten sich desto fester und entschlossener um die beiden ganz in ihrem Geiste arbeitertDen ganöimjje i« Azud°l>. Es ist unmöglich, in kurzen Zügen die umfassende Leistung Emanuel Carelbachs in Polen zu schildern. Nur angedeutet mag es sein: wie er überall die Mädchenergiehststg jst AlMjff UU0Mmen, ihr in der Charvazeleth-Schule in Warschau ein erstklassiges Lehrinstitut vorangestellt hat, wie er die Lehrer, die Melamdim, denen eine theoretische Grundlage fehlte, in Kursen eine Bekanntschaft mit den Voraussetzung^ mMMscher Cr» glehung vermittelte, wie er die Lehrerschaft organisierte, für die Chadorim Pläne und Arbeitsprogramm entwarf, mit den Rebbes und Rabbinen verhandelte, um für das Gebot der Stunde und die notwksthjgkn Tteweftattumm ihre Zustimmung zu finden. Vieles hat das Ende der deut- Hen Verwaltung wieder vernichtet; aber die Saat, die in die Herzen und Geister ausgestreut war, überdauerte den Wechsel und' trägt noch immer Frucht und Blüte. Die polnische Äudsnstg iu der Agudöh den Au^dra^ hchs, Orgämsationswillens erblickt, wird Hm Schon sittMäl häste vor vier fahren eine tückische Krankheit ihn aufs Lager geworfen und warnend ihn an die Grenzen menschlichen Könnens gemahnt. Die göttliche Gnade hat ihn seiner Gemeinde und der Gesamtheit wiedergeschenkt; er aber wollig söMöu Dank s» ds» H?lfsr droben durch erneute, unermüdliche Arbeit für die hohen Aufgaben seines Berufes abtragen. Er arbeitete unaufhörlich, Tag und Nacht. Er rang seiner Gesundheit Stunde Uw TlUllllk flB, peinlich hingebungsvoll im Kleinen wie tm Großen, überall sein ganzes Ich, sein vollstes Können einsetzend. Diese Schaffenskraft und Schaffensfreude täuschte wohl ihn selbst und seinen Kreis darüber hinweg, daß hier die Mgwwk des Ledens sich selbst verzehrte. Niemand ahnte, daß jedes Wort feiner Lippen, jeder Schriftzug seiner Feder, jede Stunde seiner Arbeit ein Sieg des eisernen Willens über die gebieterische Forderung naH Ruhe und AussssMNUUg MUL 00 nahte ihm der Tod unsichtbar, ungeahnt. In wenigen Augenblicken. Als der Sabbat zu Ende war, alle «noch laufenden Arbeiten erledig! waren, legte er sich nieder, um nach kurzen Minute« des Schmfsg^ Mschieü vom sützm Lichtgl zu nehmen, über das er grade die Vrochoh gesprochen, und zum Schöpfer allen Lichtes die Seele emporzuschwingen, der das kostbare Licht des Anbeginns für feine Frommen im Jenseits Mfgkspari Hai. Nun ist er nicht mehr. Auch sein Tod wal^ von Schönheit geweiht, wie sein Leben. Jedem, der ihn kannte, stirbt mit ihm ein Stück seiner selbst. Ein stilles Weh bei Schülern und Kollkllßw Boi jßiKfli* (SlHiitH&e und Wn FkrnstehrN' den. Jeder merkt, er hat den Toten verehrt und geliebt, hat dieser doch auch für ihn so restlos geschaffen, hat auch für ihn Platz in seinem gütigen,^ großen Herzen gehabt. Wie wenn gsif dsn liebsten Freund des Lebens hergeben müßten, so haben ihn die Kölner zu Grabe getragen. Unzählige Scharen des Gefolges. In jedem Auge j das Weh, in vielen, vielen die Träne. Und nicht nur die Gemeinde, die Freunde gaben ihm große' Ehr« bei seinem chodsj ' hg Wgx tzxx Bittrem des E r g b i s ch v s s o b n K o 1 n, der N e g! erung, der Stadt, des Provinzial-