Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1927)
- Date
- 1927-12-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 12 WS ' t Der Israelit 8 Dezember 1927 Jüdische Schul- und Lehrerverhältmsse in Hessen. Sonderabdru.ck aus depc Qatjvbu^ der Jüdisch-lUerarischen Gesellschaft. Von j Lebermann. In der letzten Nummer dieser Blätter ist bereits auf die obengenannte Schrift des Darmstädter Kollegen üsbgMLll» hittZMichu mrvdr». M»» wie Uv Sae. stellung Lebermanns folgen, so entrollt sich ° uns ein Bild grausigen jüdische.'» Lehrerelends, erbitterter und lebenvergiftender Kämpfe um Licht und Leben. Wir müssen dem verstorbenen Obmann des Hessischen Landes- Lehrervereins, K. Backes, recht geben, meng er, wie Leb ermann berichtet, an den Grenzen des Hessenlandes die Warnungstafel errichtet haben wollte: Israelitischer Religionslehrer, der du hier eintrittst, laß deine Hoffnungen sinken! Es ist nicht unsre Absicht, bei unsrer Besprechung die Schrift Q&bevmanns ausschreiben zu rvollen. Man nehme üe^ermanns Slvt-eU zur $)ani> un^ erfahre, wie es die Gleichgültigkeit einer hohen Regierung mitoerfchuldete, die jüdischen Religionslehrer zu dem. Stande von Bettlern und Hungerleidern herabsinken zu lassen, dadurch, daß es ihr gefiel, die armen Lehrer der Willkür von Gsmeindeoorstäirden zu überlassen, denen jedes AMl tafii? shging, &i& Ehm U% MWn AftSR die Ehre des Judentums bedeutet. Noch im Jahre 1841 legte die Hessische Regierung durch Verordnung den Gcmeindevorständen die Verpflichtung auf, den Religionsunterricht zu beaufsichtigen und für Förderung der religiösen Bildung ^u sorgen. Dabei waren bisse Herren Gemeindevorsteher, wie "ihnen von den Kreisümtern selbst noch in späteren Jahren bezeugt wird, besonders auf dem Lande Leuts von niedrigstem Bildungsstande Die natürliche Folge war, daß Elemente sich als Lehrer aufspielten, die zu keinem anderen Berufe mehr taug lidj waren und den .üvhrerberus als lebten Notanker ergriffen. So wirkten eine unwillige Negierung, bös willige Vorstände und unwürdige Lehrer zusammen um Zustände herbeizuführen, die wahrlich kein Ruhmes blatr in der Geschichte der hessischen Judenheit be deuten. Erst in kleinen Etappen konnte, seitdem ein Au [sMnsttschlllß Le? ifihijm» M)M . möglich gewnröen war, allmähliche Bisserung erreicht werden. Im großen und ganzen blieb jedoch bis in die neueste Zeit hinein die Stellung UZ jüdischen Lehrers in Hessen, der auch heute noch in den meisten Gemeinden der Willkür des Gemeindevorstand'''s ausgeliefert ist, eine unwürdige. Wenn m LkMM WM rrmkli [? m?* nicht den Maßnahmen der Regierung oder der Einsicht der Gemeinden und Vorstände zu danken, sondern der Initiative der hessischen Volksvertretung. Der Verfasser der uns vorliea-nden Schrift selbst war es in erster Linie, der den bereits erwähnten Landtagsabge ordneten Backes für bis Sackte seiner Standesgenossen errvörm^e un^> zur dessen schließliches Ergebnis die definitive Anstellung einer Anzahl jüdischer' Lehrer mit den Rechten eines Volksschullehrers war. Daß nur verhältnismäßig wenig Lehrer zu dieser definitiven Anstellung gelangen konnten, ist ein Verdienst, bas auf das Konto der in Dem Israelitischen Lrhi ervcrcins gufammrngrschivss?n?n Lehrer zu schreiben ist. Während die orthodoxen Lehrer des Unabhängigen 'Lehrervereins mit den hessischen Rabbinen, auch den literalen, die definitive Anstellung der auch das Schächtamt ausübenden Lehrer verlangten, vertraten die liberaler; .Herren des Jsraelctifch«n ßel)i?er= V? W Hl t7 Etcrnb^ crrckt, ^as ttlii Würde und Stellung des jüdischen Lehrers unvereinbar fei und fanden mit dieser Argumentation bei der Regierung einen durchschlagenden Erfolg. Es erübrigt sich, heute nochmals auf d'.e merkwürdige Stellungnahme des Israelitischen. Lehrervcreins einzugehen, da erst vor ksiWlli ist diesen BiäiUern über dies« Angelegenheit zu lesen war.. . , Wir empfehlen di-e Schrift Lebermanns, die nichts anderes ist als eine aktenmäßige Darstellung der geschichtlichen Entwickluna. und zur Genüge, zeigt, daß der hessische jüdische Lehrer noch nicht in einem Eldorado lebt, sondern vielfach bei unzulänglichem Einkommen in »Ng'ksichkNkr Htkstppg sich befindet, nicht nur . Ujt legen, sondern vor allem den Gemeindevorständen zu eingehendem Studium, damit sie daraus die Erkenntnis schöpfen, daß ein in jstsunden und erträglichen Verhältnissen lsbender Lehrerstand zur Förderung und ErhaltllttZ lu Zudsntums sine imöeöinßte NlUMnöinteU ist. sandte uns daraufhin eine in kräftigsten Tönen gehalteneein halb Dutzend Ihrer besten Schüler gUr Verfügung, Erwiderung, die sich immerhin zu den' Ausführungen Dr. Carlebachs verhält, so ungefähr wie das Donnerwetter eines oberbayrischen Holzflößerknechtes zu dem sanften Geflüster der Vorsteherin eines - Mädchenpensionates. Wir gestehen, Herr Wallach macht wirklich — zu feiner Ehre fei es gesagt — aus seinem liberalen Herzen keine Mördergrube, er gibt sich die größte Mühe, so liberal und unjüdisch als möglich zu erscheinen. Denn kann man wirklich eine Anschauung, wie Herr W. sie sich m MM WMcht, noch einigermaßen LIM Wische nennen? Man höre und staune! „Wir bekämpfen hebräische Unnatur, wie die nichtssagenden Zeremonien in ihrer geschmacklosen Form. — Symbol und Brauch, wie wir sie wünschen, müssen durch ihre Schönheit geheiligt fein, irn Gegenfa^ zur Ccrrlebcrch'schyn Jde«nrvelt, hie nur hie Äesthetik des Häßlichen kennt. In unferm Idealismus bestärkt uns die Ueberzeugung, daß. alle Menschen Kinder des einen, alliebenden Vaters find. Es ist ein Gott der Liebe, und schon deshalb kann die Strenge des Gesetzes, einschließlich der hebräischen. Zwangserziehung, kann wie bisher ein Fasten und V-eten, ein MmmM unB Wchsltt «Ut’ali TuläMuz Uv Mligion, als Spetulaiion des primitiven Menschengeistes auf die Schwächen einer antropomorph gedachten Gottheit gewertet werden." Herr Dr. Carlebach hat Recht: Wer so schreibt und denkt, hat vom Geiste des traditionellen, des Thorajudentums keines Hauchs verspürt. Mil M ts, Bert lalladj iat Wk WDnWst nlW aus jüdischen Quellen geschöpft, er hat die Milch nichtjüdischer, judentumsfeindlicher Wissenschaft getrunken. Etwa gleich jenem liberalen Prediger, der, als eine Frage in judaicis an ihn gestellt wurde, eilfertig erwiderte: Da muß ich erst nachsehsn, rvas charnack dazu sagt. 3h-er soüt« „Die neueste Methode im hebräischen Unterricht". Unter oDiafm Titel lunchte unter SM in Sir, 7 dieses Jahrgangs eine Erwiderung des Herrn Oberrabbiner Dr. Carlebach in Altona auf eine uns zugegangene Arbeit des Herrn Kollegen Wallach in Aachen, in welcher Herr Wallach seinen bekannten Standpunkt.Der Abschaffung des hebräischen Sprachunterrichtes vertrat und zugleich sein ziemlich unbändiges jüdisch-liberales Rößlcin in toller Susi ga rummkln sich g^siastssik. fav Carlebach ging mir den Expektorationen des Herrn Wallach einigermaß>'r unsanft um, das liberale Rößlein in der alten Kaifersiadt schlug gewaltig um sich und drohu^i er sollten wir hier ein gro^arlig gelungenes Pro jenes köstlichen Versuches der Züchtung eines Lehrergeschlechtes vor uns haben, das vor ungefähr einem Vierteljahrhundert mit der Darreichung von Wellhausen und Konsorten und Abweisung jeder jüdischen Kost herungebildet rverden sollte? Man vernehme nur, roie er üöer lren §almuh unh seine Nethode zu urteilen sich erdreistet: Mir ist die Religion zu hoch und die Bibel zu heilig, als daß ich sie zu talmudischen „Vivisektionen" erniedrigen sollte, noch dazu durch Kreti und Pleti und unsre Äinderwelt." „Wir beten immer: Die Lehre Gottes ist vollkommen, ist offenbar! Wenn aber die Tlmn mnönr ist. wW Senn rin Dmurnius MWn darin und ein ewiges Suchen — nach Art von Schüler- Entdeckungsfahrten und kindlichen Exkursionen?" Zur Zeit, als dos Reformjudentum in seiner Sünden'Maienblüte stand, dachte und sprach man in solchen Tönen über talmudisches Denken und Meinen, man ist aber doch auch iu diesem Punkte in liberalen Kreise^ beginn Ucher geworden und such! auch von drüben dem Talmud nach innerer Möglichkeit gerecht zu werden. Herr Wallach wird nicht müde, in seiner Erwiderung Herrn Rabbiner Dr. Carlebach als den rückständigen Verfechter der rückständigsten Anschauung innerhalb des Judenh mc hruzustellen Wir geben ihm das Wort zurück: 'LülltÄrsr,mmM löWn Sartrßtßp W Keform? jubentums, die' in solchem Formate n-ur noch in ganz vereinzelten Exemplaren vorhanden sind, denn auch das Reformjudentum ist in feinem Bezirke und Bereiche nicht stehen geblieben, sondern hat' sich weiter enimickelt, ist positiver gemordsn, momrt7 natürlich nicht ssill s^U, iröäraislli und Thorajudentum m etwas verwischt und unerkennbar geworden seien. Herr Wallach macht jedoch die bisherige Entwicklung des liberalen Judentums nicht mit, er ist der Zurückgebliebene, Rückständige, und daher seine merkwürdigen Ausfälle nicht gegen , das tra- Mtionüllmfsmtmi tpomtmm Inösnlnm, fonbm g'egtn das Jut-cnlum überhaupt, daher feine stramme Kniebeuge vor dem Geiste Spinozas, dem er nurusein bißchen Pantheismus übel nimmt, daher fein pathetischer Ausruf:- Geist der Propheten,, erwachs, .Sonne, pinozas, leuchte auch uns. Wie weni^ er aber den von chm zitierten Geisi dsr Propheten ersaßt hat, ergibt "seine stolze unv kühne Behauptung: „Daß jene großen, revolutionären Gottesmänner, wenn sie heute noch lebten, den hebräischen Buchstabengößen über den Haufen werfen - würden. Sind sie als die heiligen Gefäße jüdischen Feuergeistes, die sie über den n a t i o n a l e n ^lott .hinweg die Hinnhrnng ihrer7 Ävkksgenvssen jur reinen i8ienschheiisreligion, zum unverfälschten Gottesglauben 7 predigen, nicht jenem tiefen Denker, sonnenhaften Blicks, aufs nnsgste verwandt, ihm, der den Mantel des Gesetzes sprengend. Judentum mit Liebe und Menschentum vermätjltr Untre Hefer. auch W anDerer Anschauung^ erben uns recht geben, wenn wir die' Behauptung wagten: Herr Wallach hat feine Meinung über die Propheten nicht aus jüdischer Quelle geholt, aus ihm spricht der Geist der evangelisch-theologischen Wissenschaft. Nur zeigt er sich doch insofern inkonsequent, als er ieirten Lshrsrn und Meistern nicht ganz folgt und vor fehlen §chfrr^c>fg^rnng gnrückjchrscki,. ' Wenn Dr. Carlebach sagt: Bei richtigem Unterricht sängt mit der ersten Chumeschstunde das Forschen, das Suchen, das Fragen, das Entdecken an, ist jedes Wort der heiligen Schrift Quelle der Belehrung und Erhebung, so ist das nach Wallachscher Auffassung „zukei^ mir bessl Eöstki^st^p ^hrnjendeuijche — hedräifch- Prachirrhe Unnatur in höchster Potenz." „Herr Religionsschulmspektor von Gottes Gnaden", ruft dann Herr Wallach weiter aus, „stellen Sie mir doch mal damit ich eben feststellen kann, daß sie noch nicht den hundertsten Teil des Tenach und nicht die Hälfte der hebräischen Thora und nicht mal den vierten Teil der heoräischen Psalmen einwandfrei lesen, geschweige denn Überseen können:- MeM^ Sse EW 6m ÄLKgdis Es mag sein, daß bei Ihnen in Aachen solche Leistungen nicht vollbracht werden können. Gehen Sie doch ein wenig über die Grenzpfähle Ihrer Stadt hinaus, gehen Sie nach Köln, Frankfurt, Hamburg, Berlin, Breslau und sehen Sie. wie dort jüdische Kinder mit Erfolg znm alten, indischen .Lernen" gosäW merter Herrn Wallachs Auffassung des Judentums in Ehren^ Das ist seine eigenste Sache, die er nur mit sich selbst abzumachen hat. Wir sind weit davon entfernt, ihm unsre Anschauung aufdrängen zu wollen, verzichten aber auch daraus, von ihm Belehrung ^u em^rfcmg?n. Wvhf aö-sr dürfen wir kühn die Behauptung wagen, daß er vom wahren Wesen des Thorajudentums noch die elementarsten Anfangsgründe zu 'erlernen hat; jonst würde er nicht wagen, in seinem Elaborat Herrn Dr. Carlebach zuzurufen: „Dringen Sie mit Ihren Kindern nur ein in den Schlacht- und Viehhof von WajlkW mit [einem allen, bluliM DpfetMI. M werden Sie „Erhebung und Belehrung" finden, besonders in, den Fragen der „jüdischen Küchenreligion". Wir streiten nicht mit Herrn. Wallach um seine Meinung. Nur eine andere Frage steht uns vor der Seele: Wie ist es möglich und durchführbar, daß Kollcßky. vi« mit uni B«tsnn«i uni ffl'pii e fye r des Th o?a j u de ntums sind, mit einem Manne wie Wallach, dessen A n - chauung mit der ihrigen doch keinerlei Berührungspunkte hat, an ein em B ersinstrsche sitz«n unh mit ihm und fein« s *= lernen ü!> e r innere fragen e s Subenums und des jüdischen Religionsunterrichts beraten und beschließen können? Herr Wallach hatte in dem seiner Erwiderung beigefügten Begleitschreiben gebeten, unfern Leserkreis mit '«inen Ansichten bekannt zu machen. Das konnte na- I iüriitij nur in negativem Dinne geschehen. Jedoch — Herr Wallach wird uns verzeihen, wenn wir einen alten Satz talmudischer Logik anwenden: •in sne? nns irri> Wir wollen jedoch nicht verfehlen, in aller Bescheidenheit Herrn Wallach dringend die Lektüre des Be- Uv mv tMlliZ-tt WscheU ill Fi-ätieM ck. M. ftattgehabten Versammlung der Bereinigung für das liberale Judentum zu eingehendem Studium zu emppsehlen. Die Worte, die nach Zeitungsberichten der Frankfurter liberale Rabbiner Dr. Salzberger dort gesprochen, scheinen uns direkt an die Adresse des Herrn Mßö) in AWli gklism, 8ik Möm Nrnm m Schlußwort unsrer Ausführungen nochmals hier erscheinen. Nachdem Dr. Salzberger über das ostentative Fehlen der jungen liberalen Rabbiner auf der liberalen Konferenz gesprochen, fuhr er fort: „Die jungen Rabbiner fürchteten mit Unrecht, man werde gegen Zionrmus und Orthodoxie sprechen, denn die Liberalen Ip&en roofjl unlertefjen emg^e^en, wievief' $Uftgiosität bei vielen Zionisten zu finden sei und ein Kie berechtigter Kern auch im Konservatismus stecke. Sie fürchteten aber mit Recht, man werde noch mehr reformieren, noch mehr hebräisch abschaffen." Dr. Salzberg«r verlangte dann ^üdifc^es Lernen^ kcmen überwuchernden Individualismus, eine Begrenzung der religiösen Eigensormen eines Teils der jüdischliberalen Jugend im Sinne der Tradition und kam zu dem. Ergebnis: „Wir Liberalen stehen gänzlich außerhalb des großen Mischen Stromes." " Bitte. Herr Wallach, das ist eine Antroort auf Ihre die aus entgegentönt. - Unabhängiger Verein isr, Lehrer im Volksstaake Hessen. Die MiMederversommlung findet am 1. Januar 1928, vorm. 10 Uhr, in Frankfurt a. M. im Hotel Ulmann, Bethmannstrahe, statt. Tagesordnung: Berichterstattung. MnüffaäafiiQQg. Neföliät' des Heren Leberrnann, Dsrmstädtr Dis Fortbildung des jüdischen Lehrers im Thaurowifsen. Referat des Herrn 'Kaufmann, Sprendlingen: Neue SBege irn hebräischen Sprachunterrichte. Bcrschicvcnes. Wir bitten um recht zahlreiches Erscheinen unserer Mitglieder. Reisespesen werden 'vergütet. Freunde unseres Vereins sind herhlich.willkommen. H. Sülzbacher, Vorsitzender. Vereinigung ehemaüger Aätner. Am 25. Dezember d. I., 18 Uhr wollen wir uns in Frankfurt a. M. treffen. Die Tagesordnung wird * jedem von Euch mitgeteilt, sobald die Lokalfrag^ gelöst ift 7 Nachtlogis 5 M.. «inschl. Frühstück, besorgt Euch llttftv l. Milzlred SMM. Tüa»?fllsl a. M.. Zm Lll. Meldet Euch recht zahlreich bei ihm an, bann freut sich Euer A p t - Pattensen. 1. 2. 3. ö.