Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1927)
- Date
- 1927-12-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 Nr. 49 Ter Israelit 8. Dezember 1927 '-12 nnrri inp’j^n -j^xi p2*i nxvn nns^? Die Sünde (^Sinnlichkeit" — fjlfjfy) J>PT der Tür, ZU Dir geht ihr Sehnen, Du sollst sie beherrschen („regieren" und „leiten" — Hirsch). Sie ist an sich weder gut noch böse, es kommt nur auf ihre freie sittliche Verwendung an (vgl. zu beiden Stellen S. R. Hirsch Kommentar). Nach Freud schlummern im Unbewußten die U r t r i e b e alles Lebendigen: der S e l b ft - erhaltungstrieb (etwa auch der Nahrungstrieb) und der Arterhaltungstrieb (Geschlechtstrieb^ Libido se^ualis). Der Selbsterhaltungstrieb des Menschen in unsren Kulturbreiten erschöpft sich aber nicht im Beschaffen von Nahrung, sondern weitet sich zu der-allgemeinen Form des Sichzurgeltungbringens, des Machtstrebens, des Ehr^ei^es und des Strebens^ sich zu diesen Zwecken die Mittel zu beschaffen — der Geldgier. Man kann also von einer libido vitalis (einem Lebensbetätigungstrieb) sprechen (Jung-Zürich). Außer diesen Urtrieben wirken und weben!W MlßSüg&n liMGtt M M. stellungen und Empfindungen, welche als das Produkt der persönlichen Erlebnisse und Erstrebungen des betreffenden Individuums anzusehen find und andere, welche als Erbgut unendlicher Reihen von Ahnen auf uns übergegangen sind. Es ist gewiß jedem schon aufgefallen, wie ein Mensch in seinem Gehaben irgend einen Ahnen bis ins Einzelne reproduziert. m lirme Der MvlterMtllng UM Arterhcrftung sind an und für sich, wie erwähnt, weder gut noch bös, also amoralisch. Aber sie sind mit Energie geladen und haben den Drang, sich rücksichtslos durchzusetzen. Ihre Entspannung und Befriedigung ist mit Lustgewmn verbunden. Das Leben des Bieres erschöpft sich in hemmungsloser Betätigung seines Ich- und Arterhaltungstriebs. Es lebt also in Harmonie mit sich selbst. Es kennt vielleicht äußere Kämpfe, aber keine Konflikte. Diese letzteren sind dem Mmschm MkbchaltM und sie sind nach Fksud auch die Stifter der Neurosen, das heißt also der vielfältigen nervösen Erkrankungen des Menschen, Erkrankungen, für welche die Medizin bisher keine anatornifche Unterlage gefunden und mit denen sie daher nichts Rechtes angufangen wußte. Der Bericht der Urgeschichte der Menschheit auf den ersten Blättern der Thora zeigt uns, wie die erste Menschheitserkenntnis nach dem Tenüsi öer ArüHt öes 8z häöääs nisbaumes), d. h. das erste Erheben des Menschen über das Tier sich auswirkt im Schamgefühl, das ja im engeren Sinn mit dem Sexualismus verknüpft ist. Mit der ersten Ertenntmg unD Dem Damit aerDmiDenen MsW Der Scham ist aber auch zugleich der erste Konflikt geschaffen: Eine Unterdrückung und Verdrängung des Triebhaften setzt sofort ein, „sie machten sich Schürzen zur Verhüllung". Mit der paradiesiflhen Erkenntnis ^roifchen Gut und Bös macht also ein Zweites wichtiges Element sich geltend im menschlichen Seelenleben, die moralische Zensur, eine Art kritisches Gewissen gegenüber den amoralischen, rücksichtslos, nach Auswirkung drängenden Trieben. •*« bir>»n mpwrc psn nuvn rms*? Dieser Wächter an der Pforte zwischen dem Bezirk des Bewußten und Unbewußten verdrängt nach ^reud die Triebre^un^en von der Schwelle dös Bewußtseins ins Unbewußte. Dort bleiben sie aber nicht etwa ruhig wie in einer Rumpelkammer liegen, sondern streben, — da auch im Seelischen so wenig wie im Materiellen Energie milmn gern — mit eine mit Kraft Mammen? gedrückte Uhrfeder nach Entfaltung und drängan ins Bewußtsein empor, an dessen Schwelle sie wieder auf den Zensor treffen. Sie müssen daher Ersatzbefriedigung und Wunscherfüllung auf anderem Wege suchen. Und gwar sind es nach ^reud drei Wege: bubftmlerung (Veredelung), Traum, Neurose. Die Sublimierung läßt die Urtriebe sich ausleben in den Betätigungen der bildenden und erzählenden Kunst, in Schöpfungen des Mythos, in 93etötigungen des Religionskults, und erschließt so die Quellen der Kultur und Zivilisation. Man hat auf Goethe hingewiesen und gesagt, daß er nie produktiver und erfolgreicher war als in den Jahren seiner Beziehungen zu Frau von Stein, in Denen Die RerDrüngungen am stärksten waren. Es hat neuerdings eine psychoanalytische Ausdeutung der Kulturgeschichte erfolgreich eingesetzt und bereits zu interessanten Ergebnissen geführt. Der zweite Weg, auf dem die verdrängte Libido ihre Ersatzbefriedigung und Wunschersüllung sucht, ist der Trau m. Der Traum -entstammt allerdings am häufigsten den Erinnerungen und Erlebnissen der letzten Tage und Stunden. In anderen Fällen ist er der Tummelplatz für die in Symbole verkleiDete verDrängte öwiDo. Er taucht ja aus dem Unbewußten auf und benutzt den verschlafenen Zustand des zensurierenden Gewissens, um sich in der Maske des Symbols ins Bewußtsein einzuschleichen und dort Ent- (pamums zu erlangen. Die Psychoanalytiker haben die Arbeitsmethode und die Symbolsprache des Traumes enträtselt, es bedeutet etwa beispielsweise das Traumsymbol „Haus": „Ehe". Der Traum stellt also im Einzelsall dem PsychoanalytiEer eine Ärt BilDerreDus unD Da Der Traum aus dem Unbewußten emporsteigt, so bahnt er dem Psychoanalytiker den Weg ins Unbewußte des betreffenden Menschen, was er fa als Ar^t ßu erforschen fucht. Wenn Vater Jakob und seine elf Söhne Josefs Traum von der Sonne, dem Mond und den elf Sternen, die sich vor ihm bückten, dahin deutet, daß Josef wünscht, Vater, Mutter und seine elf Brüder sollen sich ihm unterwerfen, so haben sie seinem sinr psychrsn«lytisHs Dru«unz zszMn, nämlich Erfüllung des in Josefs Unbewußtsein schlummernden Machtwunschs unter dem Bilde des astronomischen Symbols. Der dritte Weg, den die verdrängte Libido zu ihrer Erfüllung nimmt, ist, eine jener Sinnwidrigkeiten des Unbewußten —, die Flucht ins nervöse Symptom. Sie verkleidet sich in eines der zahlreichen Krankheitssymptome der Neurose (etwa Angstgefühl, Schmerz, Lähmung, Zuckung) Krampf) AetrctionZstörung usw.). An dieser Feststellung haben naturgemäß die Aerzte das größte Interesse; denn auf ihr baut sich der Heilplan der Psychoanalyse auf. Der Psychoanalytiker deckt durch eine besondere mwoM Dm Zusammenhang zmWm Utrnrofe und Verdrängung bei dem Individuum unter besonderer Beachtung seiner Träume auf und zeigt ihn dem Pattenten. Sobald der Patient die Zusammenhänge klar übersieht, auch das Unbewußte ius Licht des Bewußtseins gehoben ish ist er gehellt. Hellerfolge sind unbestritten. Welchen Entwicklungsgang nimmt die Libido im Leben des Einzelmenschen nach Freud? Freud glaubt, daß das Kind die menschlichen Urzustände in ihren verschiedenen Studien rekapituliert. Cr hat mit starrer Einseitigkeit alles ins Sexuelle gedeutet, ein 'Umstand, der seiner Theorie eine große Gegnerschaft eingetragen hat. Das Sexuelle im Lebenstrieb erscheint ihm so vorherrschend und überwältigend, D«tz er schon «lle LebensbetiMgungen des Sünglings (wie das Trinken und Wonnelutschen, die Entleerungen, das ganze behagliche Hautoberflächengefühl) als sexuell, ja lustbetont-sexuell, also erotisch ansteht. Die Libido^ d. h. der Vesrieöigungsörang des Triebes ist nach Freud vorläufig autoerotifch, d .h. auf die eigene Person gerichtet. Dieser Zustand hat in der griechischen Sage vom Narcissus feinen Ausdruck gefunden, Skr sich in sich ftWft nerliM Da er sein MD in der Quelle sich spiegeln sieht, man spricht daher von Narcismus als infantiler Stufe der Libidoentwicklung. Allmählich sucht die Libido ihr Objekt außer sich und findet es in nächster Umgebung: Es ist Mutter oder Schwester, Vater ode^ Bruder, denen si? sich — gelegentlich ö's zum „Verliebtsein", ja in Begleitung von Eifersucht — zuwendet. Alles dies vollzieht sich — wohlverstanden — im Unbewußten. 'Doch fr diese Vorgänge nach Freud typisch und ausnahmslos.' Ihren sagenhaften Ausdruck sollen sie gefunden haben in der. altgriechischen Sage von Oedipus, der ohne es zu wissen, seinen Vater tötet und die Mutter heiratet, Diesen ganzen incestuösen Komplex von Vorstellungen und unöewußten Streuungen Der ölbiDo nennt Daher Freud den „Oedipus-Komplex". Es wäre demnach der Oedipus-Komplex ein vom Naturtrieb bedingter Komplex, und wir wissen, daß es Völker und Zeiten gab, in denen die Vlütsverwandten-Ehe gang und gäbe war und daß es noch heute wilde Völker gibt, bei denen dieselbe in Schwang ist. Es ist nicht selbstverständlich, daß die Menschheit aus sich heraus den Jnceft verpönt, grade weil er urmenschlich naturhast war. fias Gottesgesetz, welches Den tiefsten und geheimsten Sinn und Zweck alles Seins durchdringt und auch das Naturtriebleben ins Göttliche erhebt und „sublimiert", mußte kommen, um die Menschheit zu lehren, daß diese Bezieijuriöen nach ®Dtte§ üeltplün MWänDerisH und sündhaft sind und unterdrückt werden müssen und daß das Gewissen gegen solche Regungen stark gemacht werden muß. Die Erziehung der Menschheit hat denn auch bewirkt, Dasi sich Deim weiteren Wachstum Des ÄnDividuums die Libido von ihrem incestuösen Objekt loslöst und das zensurierende Gewissen die aus dem Unbewußten auftauchenden Naturstrebungen ins Unbewußte wieder verdrängt. Nach Freud entsteht bei dieser Verdrängung, wie erwähnt, ein Konflikt. Dieser Konflikt wird normalerweise glatt gelöst. Wo die Ueberwindung des Konflikts nicht völlig gelingt, soll, durch die Flucht des verdrängten Oedipus-Komplexes ins >!SIM!W Eympism ii«s Musch mWhrn können. Die psychoanalytische Aufdeckung der Zusammenhänge bewirkt Heilung, während der tüchtigste Selbstwille zum Gesundwerden diesen im Unbewußten verankerten Störungen nicht beikMMr Freud hat in den letzten Jahren eine neue seelische Instanz ins Seelenleben emgeführt, das ist das „Ueber — Ich" oder „Ideal — Ich". Es hat seinen Sitz und entfaltet seine Tätigkeit im UllbsWllßtsn, shnr ds-thm ösMsngt zu srin. Es ist sozusagen das kollektive moralische Menschheitsbewußtsein, uraltes geistiges Erbgut zahlloser Generationen. Dieses „Ueber — Ich" wirkt als Schuldgefühl und S e l b st b e st r a f u n g. Und s^reud sielet in vielen nervöse Krankheitserscheruuttgeu bei fernen Patienten die Wirkung dieser beiden Seelenfaktoren. Auch hier führt dre psychoanalytische Aufhellung der Zusammenhänge zur Heilung des Betroffenen. Wir haben wiederholt von dem Niederschlag Der JeDanten, EmpsinDungen unD Streuungen, die wir selbst oder unsre Ahnen, gedacht, empfunden oder gewollt haben, im Unbewußten ursrer Seele und seiner Bedeutung für unsre Persönlichkeit, unsre Gesundheit und Krankheit gesprochen. Damit ist Der.. nnanLiöschliche unD unsterbliche Wert jeder seelischen, Aktion gekennzeichnet. Der Einfluß der zahlreichen Gebote und Verbote der Thora auf die ganze seelische Konstitution, die Richtung der Triebe und ihre SuDlimiermm (DereDlung), ans Die llekmng nnD Stärkung des consurierenden Gewissens und die Pflege seiner kritischen Begabung, sowie die Erhöhung und Läuterung des „Ueber — Ich" erscheint auch im Lichte psychoanalytischer Betrachtung höchst öaDeutungaöaft. Der sittliche Menschheitswert und der seelische und körperliche Gesundheitswert der Mizwaus, wird von der Thora selbst häufig betont. Die Kaporo des Jom hakipurim gewinnt auch unter psychoanaiytiskilcr Bctcu^tung Den EharaEter eines geglichen . Gnadengeschenks inspfern, als die sonst unentrinnbare Auswirkung^ einmal begangener Sünden durch den Jom hakipurim gehemmt, ja völlig paralysiert wird, so daß eine radikale Etnmerimg.Dgs Lebens gnymn kann«