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Der Israelit · 1927-11-17 · Heft 46 (17.11.1927) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 46 (17.11.1927)
Date
1927-11-17
Page
– (sequence 15)
Language
German
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IT Nvvemöer 188? 81H Z? 5 « frii Rr. 46 Sette 3 3m Wandel der Zeiten. 'Rabbi Samuel 3önbt *?wst in Mainz. (Um Jit 48 bis Israelit vom 24. Jiovbi. isrr.) Mainz, 25. .November. Wir haben heute eine höchst betrübende Mitteilung zu machen. Rabbi Samuel- Bondi durch seine tiefe und ausgebrestele tälMUdischö GölöhrMkelt wie durch seine innige Frömmigkeit in den weitesten Kreisen rühmlichst bekannt, ist nicht mehr. Gestern abend 9 Uhr, am n^vi 's y naw ’xma ^auc^te er seine reine Seele aus in einem Alter von 83 Jahren und 8 Nonalen. §eine WÄsk, Enkel und Urenkel, beweinen den Verlust ihres unvergeßlichen geliebten Vaters, der Herausgeber dieser Blätter den Heimgang seines teuren ^6ilkik8brvklters und verehrten Lehrers, die isr. Neligwnsgefellschafl zu Mainz den Toh ihres Begründers und ersten Vorstehers, der mit wahrhafter Aufopferung und unermüdlicher Hingebung feit einem Vierteljahrhundert ihre Interessen ommen, Nie Msöl Ninwg Yen Heimgang eines ihrer geachtetstett Bürger, und ganz Israel den Verlust eines Mannes, welcher der Gesamtheit zur Zierde gereichte, iwin .moj» wehe, es ist gefallen die Krone unseres Hauptes! Es ist uns nicht möglich, hsuts mehr zu schreiben. Wir werden in hen nächten Ü!üiststlöW älksMk.jH von dem reichen Leben des teuren Verblichenen erzählen. msan- Mainz, 26. November. Heute fand unter MerllUZ WlMHks Beteiligung das Leichenbegängnis unseres verehrten, unvergeßlichen Schwiegervaters statt — es war ein Kondukt, wie er hier noch nicht war gesehen worden: circa 2000 Menschen aus allen Stäben und Kon- Worign fnfljten D*r Leiche- Lik rrrnkhmsten Bürger unserer Stadt, der Bürgermeister an der Spitze, die Rabbinen und Vorsteher der ^Gemeinde sowohl wie der Religionsgesellschaft, die Lehrer und Schüler unserer Unterrichtsanstalt, ITlE tlffi Tchüsfs des Gymnasiums und der Realschule, die Israeliten von Mainz fast ohne Ausnahme, sowie zahlreiche Fremde: von Berlin, Frankfurt a. M., Carlsruhe, Halberstadt, Darmstadt, Wiesbaden, Bingen, Fulda, Marburg, Biblis, Mosbach, jotote von den in der Nähe befindlichen kleineren Ortschaften, Uh deten das zahlreiche Gefolge, welches dem allverehrten Mann die letzte Ehre erweisen wollte. Heute vormittag 10 Uhr eröffnete Herr Rabbiner ±)r. ^trbesfielmeV <HW. Biklin Mi iraiirip Feier mit einem ergreifenden 1O0.3. Im Trauerhause sprachen noch Herr Moritz L e w i n aus Frankfurt a. M., Herr Leo Lese r von hier und kill des ^Betrauerten, Herr-Hugo V o n d i. Punkt 11 Uhr setzte sich der imposante Zug in Bewegung. Auf dem Friedhofe entrollte der Herausgeber dieser Blätter ein Lebensbild des Betrauerten, oftmals von dem lauten Schluchzen Ln zahlreichen Mstrgs tttttsrbr-ochöN. DtMN sprach Herr Dr. M. H i r s ch aus Frankfurt a. M., der Sohn des Herrn Rabbiner Hirsch, der leider durch Unwohlsein selbst zu kommen, verhindert mar. Darauf sprach Herr Rabbiner Dr. Auerbach MS HaibcrftaM. Noch Ml 8» Anwsftnden hätten gerne ihrem Schmerze Ausdruck gegeben, wenn nicht die Zeit zu weit vorgerückt gewesen wäre. ' Außer den Genannten waren NvsH folgende Rabbinen und Rabbinatsassessoren anwesend: Dr. F r o m m - Frankfurt a. 3ß., Dr. Cah n-Wiesbaden, Dr. Sänge r-Vingen, Dr. Munk- Marburg, Dr. C a h n - Fulda, Bamberger - Frankfurt a. M., Weil und T h a l m a n n - K«n§sllhe, S u l g b,a ch - Darmstadt: auch waren fast sämtliche Vorsteher der isr. Religionsgesellschaften zu Frankfurt a. M., Darmstadt, Wiesbaden und Bingen erschienen. Heute abend brachten alle hier erscheinenden Zeitungsn Nekrologe, welche der allgemeinen Wettschätzung Ausdruck verliehen. Wir behalten UNS vor, eine ausführliche Biographie des teuren Heimgegangenen in der nächsten Nummer zu veröffentlichen. fH WM keine Zeit.') Auf einer Bank im großen Rondell des städtischen Parkes saßen einige ältere Herren und übten sich im Nichtstun. Dieses Nichtstun war ihre Lebensaufgabe Msr-m. (lili jn W FWimg ihm MMt^ betriebe jüngeren Händen anoertraut Hütten. So faßen sie jeden Morgen zusammen, rauchten gemächlich ihre Zigarre und zeichneten mit ihren Stöcken Figuren in den Sand. Da man sich jeden Morgen sah, war allmählich der Gesprächsstoff versiegt und erhielt nur selten die s^nsüchllz imsMe Zufuhr. Eben lies, flüchtig grüßend und hurtig wie ein Wiesel, ein kleiner Mann an der Korona vorbei. Doch diese konnte es sich nicht entgehen lassen, für ihr tiefsinnig sich gebendes Schweigen eine Unterbrechung zu erhaschen. „Wohin so schnell, Herr Meyer? Sie sind doch jüngst worden^ d« müssen Sie sich nun des Hasten abgewöhnen! Setzen Sie sich zu uns, imb erzal-löii Ql etwas Neues!" rief es von der Bank dem Eiligen zu. „Ich habe keine Zeit, meine Herren!" „Wir Rentiers haben alle keine Zeit, wenn wir etwas tun wollen, — aber wir wollen nichts tun! Kommen Sie t>er und motten Sie auch einmal nichts tun! 33i«$e!4>l ifl es zu Syrern „Topp, sei es zu meinem Besten! — Also hören Sie: Ich suche für einen zuverlässigen und brauchbaren Buchhalter sofort einen Posten, da er Verpflichtungen in seiner Familie hat und ihnen treulich gerecht zu werden sucht. Dann mutz ä iFsnfg MM ins Bad. Ich denke, daß jeder von Ihnen zu Haufe einen uvyeieglen Zwanzigmarkschein hat und ihn mir noch heute in einem *) Dem Andenken Martin Meyers, Frankfurt a. M. gemidmet. des Kerns ein Wenig versöhnt, wird von angeblich jüdischen.,GigeMmlichkeiten knapp humorlos oder mit gepreßtem; und gequältem Humor in „Leoj un Retz e ck f ch e", „M o r d je Unglick" und der „Mageküchel" erzählt.. Zu keinen Zeiten und unter keinen UrrWrMr? M? W WiW WtlktzkN so lWWkll, BBß ein (Satte einem. anderen um seine verstorbene Frau Trauernden zugefpsen hätte: , „Was Stuß: Gebb merr dei Frää, bet dodt, Ich gebb derr mei lewendig!" Dem gesellt sich MliHk Arglosigkeit gwijlhen Mann und Frau in der „Mllgekttlhei". Saftlos und unfchmack- Haft werden auch die betrügerischen Eulenspiegeleien von Mordje Unglick dargestellt, man hat hier und bei den beiden vorerwähnten Poemen den Eindruck, als ob die Unmöglichkeit und Unwahrhaftigkeit des Stoffes auch Mf Bit künstlerische Form und Gestaltung erheblich drücke. —' Bunte drastische Bilder von „Scherz, Satire, Ironie", aber ohne „tiefere Bedeutung" bieten die putzigen Figuren vom „Sichel an der Bank", der aus Betreiben seiner Frau mit Hilfe einer Bank, der Frau und der Magd M LMMisterS einen sür mehrere Personen berechneten Tanz lernt, von dem lukullisch«!, Genüssen sehr zugetanen Gedalje, dessen Gier eine derbe Abfuhr dadurch erfahr:, daß ihn sein Freund Nathan mit den Worten zu Tisch lädt, „Komm zum Esse morgen mittag, wenn de. kannst" und dieses Können hsuch .Abschlreßen - seiner Haustür . unmöglich macht. Fernkr 23 rt n fc « <schn.nl>, iei-iü JDJliiW M ist, sich für andere Leute zu ärgern und die, eine Prachtgestalt, dieses Metier meisterlich ausübt. „Tiefere Bedeutung" dagegen eignet David che mit der Kapp, in dem wundervoll und sogar in einer beide Teile umfas) enden Art von ausg-eichender Geröchtigksit die Bö» dachtheit eines Vaters für die Zukunft seines Sohnes und der diese Bedachtheit überspringende und umstoßende ungestüme Wissensdrang, besser gesagt Wissenschäftsdrang seines Sohnes kontrastiert wird. AUll) Big WMstltttnanier in der Charakteristir van Getz, dem von einem guten Freunve voshast die Würde eines Barrwicke (Perrücken)-Wächters vindiziert wird, während er mit ängstlich-scheuer Vorsicht den Besitz seiner Perrücke verheimlicht, und von. seinem Widerpart, dem die ganze Stadt nach einer zusagenden Perdurchjagenden Frankedahl, der sie schließlich uhnuugsws bei vcm «nM^üchen Pachter zu tzsffsü höchster Wut einschreiben lassen will, ist zu rühmen. Boshaft jedoch, ohne innere Vertiefung, wirkt die der Bildung bare und mit Bildung prangen wollende S a a r ch e n in „Rein Deutsch". — Was in ZtaltzeL WsekL« NükhantzM ist, ward bis jetzt gestreift. Was an Umfastenbhell der Ueberfchau betreffs der Juden mangelt, muß noch ergänzt werden. Hätte der Dichter nicht jeder nach außen projizierten, sozusagen verkörperlichteni Untugend der Juden eine ihr »erschmisterte oder sie ausgleichende Tugend gesellen riipneny Selli MMtzsng etwa. abgMn.von fkWl Entstehung, die großmütige und großzügige Liebestaüg» keit bei Verwendung des erworbenen Geldes, der begreiflichen Aengstlichkeit die Heldenhaftigkeit bei ihrem Märtyrertum, dann ihr friedliches, reines Familienleben, die Innigkeit ihres Gebets, ihren Hang nach Geistigem? UNMlMM ves Mills Wt? -Ü? bei anderen errnirkl. Trotzdem wollen wir uns, alles in allem genommen, eines so aufrechten Kernmenschen und eines so unendlich fröhlich durchfonnten ' Frankfurter Humoristen wie Friedrich Stoltze freuen. Briefchen zuschicken wird. Die arme Frau darf nicht länger mit ihrer Kur warten, sonst kann es zu spät sein." - Diese Worte veranlaßten einiges Hin und Her, da die meisten Menschen, wenn sie Gutes tun sollen, zuerst ihre Bedenken auskramen, um sich so die gute Tat zu kkfpllkksi, Alll.ch fünf Minuten hatte Herr Meyer seine Leute über so Mit. baß der -eine v^rs^ra^k (es feinem Sohn den Buchhalter unterzubringen, und daß sich jeder zu dem Beitrag von zwanzig Mark bereit erklärte. Kaum war dies gesichert, ba wollte der Eilige schon wieder aufspringen, doch sein Nachbar hielt ihn fest und W-ki „Sie haben für heute Pfüchi geiätt? — Uebrigens: wer so viel wie Sie gearbeitet hat, hat sicherlich Anspruch, endlich langsam zu tun und auch an sich zu denken!" „Das ist es eben, daß ich nun endlich an mich denken Illllst! Kjs ä^aare sind grau» da ist es Zeit, sich zur Verantwortung vor dem da oben" '— unll er ze!g^ dem Himmel — „vorzubereiten. Ich hoffe, daß ich auch früher außer der Sorge für Frau und Kinder und außer der ehrlichen Leistung meiner Steuern etwas getan habe, um des Göttlichen in mir bewußt zu bleiben; — gh^r jetzt will bis der Herr mich abruft, eilen, meinen ■ Kreditpvflen im himmüfchev HauMüH Anwachsen zu lassen^ Und darum, meine Herren, ade für heute! Denken Sie an das Wort im Perek: Die Arbeit ist viel, und der Herr drängt!" S a l y Geis. Samson Raphael pirsch und die Israelitische Religionsgesellschafk Bon Dr. Mendel Hirsch V"xt. (Fortsetzung.) Der Suter, ein Muni, FSktMtSS WM Die Zivilisation will Verschmelzung aller Menschenrassen und verträgt nicht mehr solche sondernde Abzeichen! — und ist weise und des Mensc^en^iels benrußter, als Gott, der Schöpfer und Gründer der MenfchhetteMMlE!ung, öer & feiner Weisheit, obgleich Er selber die künftige Einigung aller Menschengeschlechter als Ziel aller Zeitentwicklung enthüllt, doch es in seiner Weis- Ull es für Mt Munden, ein Vnlk, eben als Vehikel dieser Einigung, äUSZUsondern. ' Vater und Mutter sprichts, die Religion muß schweigen, — und der Diener der Religion spricht mit himmelgewandtem Auge seinen Segen dazu. ^iir alle ihre Geschlechter zürn ervigeu Bunde sollen Israels den Saböaf haüen." „Der 7. Tag ist Sabbat dem Herrn, deinem Gotte, keinerlei Arbeit darfst du dann verrichten." „Ihr sollet kein Feuer anzünden am Sabbatta^e," — so bas Buch der Religion. Aber der „Fortschritt" fprfSjt: ffilf man ien Sabbat halten, muß man so manchem Gewerbe, so manchem Industriezweige, so manchem Geschäfte. so manchem Berufe entsagen, die Zivilisaüon mli ZgstskgöktM fömmunifötiDnss und Verkehrsmitteln duldet nicht das Rasten eines ganzen Tages von sieben; — auch der brennende Tabaksstengel gehört zur Zivilisation; 4^ die Zivilisation sorderts, der Fortschritt gsbiotets. der Sabbat füllt, der Fvrtfchrstl f{eg{ —uüö Diener der Religion drückt den Weihestempel auf eine-Sabbatfeie^, ohne Sabbatruhe, weihet mit Orgelklang den 'geschändeten Sabbat ein, und wirft, was. die Religion als ewige Norm gege- Wi™ Wrntsnsuß tue Füiischlws oft um gängliche Form zum Zertreten hin. Nicht nur eure Geister, auch eure Leiber sind mein, spricht die jüdische Religion, eure Nahrung regle ich, eure Triebbefriedigung leite ich, haltet Euch rem in Allem, ivie Lchs such löhrs, damit ihr nicht unrein werdet und meinem heiligen Dienst heilig bleiben könnt — und wird nicht müde mit dem ernstesten Ernst vor jeder Uebertretung der Speise- und Keuschheitsgesetze zu warnen, unh Hinblick auf dis „fortschreitende" Zeit: Ewiges Gesetz bleibt es für alle euere Nachkommen in allen euren Wohnplätzen: esset kein Unschlitt und kein Blut! Aber der Mann des Fortschrittes lächelt und fprichy Wie kann ich forischrcstcn, aul ill Gasthäusern, in Gesellschaften mich bewegen, wenn ich die jüdischen Speisegesetze halten müßte! Der Fortschritt fordert es, die Religion muß schrvei^en, und der Diener der Religion im Bunde mir dem Forischrittc Falirl stütz fützs Itzstg so fort, ich und meine Kollegen werden es schon nachträglich legalisieren.

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