Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1927)
- Date
- 1927-11-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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M'' 'r-'-ps^Sr eserre 4 Nr. 46 D e Jsr»elit 17. NüvßMW IW Herten gegen uns verzapft, ist symptomatisch für die Gedankenrichtung gewisser Kreise. Die selbstständige Orthodoxie gehe „mit geschlossenen Äugen an der steigenden Not der Gemeinden" vorüber! Nicht sie, sondern des Bessinfs zahle Subventionen an die gesetzestreuen Lehrerseminare in Kö ln und Würzburg,die Präparandenanstalt in Höchberg, das Berliner Rabbinerseminar, den Hamburger Speise oeretn, das Büro für wfw. uföJ. Also —darin gipfelt diese finanzpolitische Religionsphilosophie —. ist — „die Austrittstheorie ack al>8uräum geführt" guock erat demonstrandum. Der Verfasser her ossigwsen Notig — er scheint selber zu den Konservativen zu gehören, wie sich aus der Schärfe seiner Abneigung gegen den „Israelit" ergibt — merkt gar nicht, welchen unangenehmen Beigeschmack die geseierten Subventionen des Landesverbandes," ja dessen ganze Wirksamkeit, durch diese Ausdeutung gewinnen. Verehrter Herr Offiziosus! Wir haben auch ohne Ihren freundlichen Wink gewußt, daß das Geld und die wirtschaftljHx lg p$ l &S sentlichen in den Taschen und Händen unsrer liberalen Brüder von Berlin W, Frankfurt, Köln usw. befindet. Vom Standpunkte des wirtschaftlichen Interesses betrachtet ist daher der sogenannte „Austritt", d. h. Gedanke der Einzigkeit und Absolut heit der Thoraherrschaft in den jüdischen Orga nisationen, zumal in dem armen Deutschland der Nachkriegszeit, ein heller Wahnsinn, dem nur unverbesserliche Idealisten nachträumen können. Mer öle LrlhoölM, öle wir vertreten, mag sie von Ihnen und Ihresgleichen, von der Höhe des Goldsockels der Berliner Gemeindekasse herab tausendmal verkannt, verdächtigt und beleidigt werden, weiß, daß sie ein g e i st i g e s Prinzip auch für Sie uns Die in gleichem Irr tum befangenen gesetzest?Men Brüder zu wahren hat. Die Orthodoxie wirdlernenmüssen, stolz auf ihre Armut zu sein, je weitere Kreise durch die wirtschaftliche Notlage der ßssstzsstvsustt JttstituliLtten genötigt sind, sich in die Gefahr einer zuerst oft kaum fühlbaren geistigen Abhängigkeit, von neutralen Organisationen hineinzubegeben, von Organisationen, denen Treue und Leugnung gleich fördernswerte Blütenzweige am Baume eines neutralen Rassenjudmtum sin). Wann aber wird die Gemeindeorthodoxie lernen, den grundlosen Haß zu begraben und in den Brüdern, die — doch wirklich nicht aus Geldinteresse — die Fahne der s e l b st ä n d i g e n Thora-KörperMst hkHhNlM dkN WkN WM desgenvMn, nicht den Feind, zu erblicken, auch banrifimertn 39 nnmtä n’rua nnsin ein offenes Wort gesprochen wird? Wir sind weit davon entfernt, die 'idealen, im Ethischen und HNachisHen wurzelnden MwöggrMde des. gemeinde-orthodoxtn Denkens,'öüch dort wo wir. es für objektiv irrig halten, zu verkennen- Aber grade weil es heute viel bequemer und vorteilhafter ist, gemeindeorthodox oder misrachistifch zu sein und seine Institutionen aus dem großen lDnmmMsckon box von du umtschästlichett Expansionskraft der Liberalen mit gespeisten Zentralkassen erhalten zu lassen, gerade darum darf die selbständige Orthodoxie von ihren konservativen Brüdern wenigstens dasjenige Maß von Respekt verlangen, das dem Pvimrf der ÄdeevordemGeldeausdem Gebiete derReligion entspricht. Zehn Jahre BolscheroismrrP. Der Bolschewismus m Rußland feiert fein zehnjähriges Jubiläum., Zehn Jahre find eine kaum sichtbare und beachtenswerte Zeitspanne im Strome der Geschichte. Aber der Sprung von d?n Zinnen iss Zarismus in Den DolsOewiss MUS, vom Doppeladler zum Sowjetstern war so etwas fabelhaft Unglaubliches, daß ein Dezennium schon nötig war, um die Realität dieser märchenhaften Umwälzung einigermaßen glaubhaft zu machen. Der Bolschewismus ist da, die Idee, lange ein Phantom, trägt und belebt einen Organismus, einen Staat, eine Regierung, die nach und nach de fakto oder auch de jure von &sn «Mnanerkannt wirb. Der 3uM in Moskau ist nicht ungerechtfertigt. In den Jubel mischen sich schrille Töne bösen Bruderstreites. Trotzki, der neben dem verstorbenen Lenin Sowjetrußland gemacht hat, befivdez jioj an dxx MM kjllkk kleineren Gruppe in scharfer Oppositionsstellung gegen die derzeitige Regierung. Es sind die Männer der alten Garde, zu denen auch S i n o w j e w und R a d e k gehören, die die Ideen und Ideale, für die stk kin Leben lang gehofft mW gekämpft haben, in der heutigen Politik der Sowjets nicht genügend gewahrt glauben. Der Streit tobt in der Hauptsache um das D o r f. Man hat in Rußland, das ist allgemein bekannt, bei der LurSsWMg her MUmlzeMn Reformen vor dem Dorfe und den Großbauern Halt gemacht, um diesen in seiner Kraft und Aktionsmöglichkeiten ganz unermeßlichen und unberechenbaren Riesenkoloß nicht aufzurühren. So, und vielleicht nur so, ging die Esch hi; W pl P. Die Opposition will aber in letzter Konsequenz des Marxismus und Leninismus auch den Ke i nbauern bis zum letzten Knechte auf dem platten Lande zu Hilfe kommen, den Kampf gegen Ille Ausbeutung nicht allein auf dis Stadt beschränken. Möglich, daß diese Herren, nähmen s i e heute verantwortungsvollen Sitz im Kreml ein, es ebensowenig wüßten, wie diesem Problem beizukommen ist. Sie-sind aber zurzeit draußen, wo eine Opposition billig und völlig gefahklss ist. Das ginge uns alles wenig an, wenn nicht bei der Konzentration des Kampfes gegen die „Bourgeoisie" in der Stadt der Jude zum weitaus größten Teile die Rechnung gu halsten Hätte. 8er jüifls'M Händler, der Krämer, der Handwerker mit etwas größerem Betriebe, war und ist die Zielscheibe aller roten Pfeile, das Objekt aller bolschewistischen Experimente, egal, ob die einen vd?r ysk «uberen am Steuer sind: Die russische Judenyeit, die heute noch nach Millionen zählt, hat sich beim Zerbrechen des Zarismus die politische Freiheit erkauft und das Recht — zu verhungern. Die Zeit, da man in Moskau und Petersburg bei Brotabgabe dem Petenten erst auf die Hände gkWnl hast kö M THwiklkll ge? nügend den „Handarbeiter" legitimieren; da Geldbesitz Verbrechen, und ein gutsitzender Rock den Träger in Acht und Bann brachte, find wohl vorbei. Aber die Hemmungen und Gefahren für alle Verufsstände außerhalb der Fabriken, NtökkstäftW Md Äeäiiitenstuden fmb noch grofj genug, um den Handel abzuschnüren und jede freie geschäftliche Initiative im Keime zu ersticken. Die Leidtragenden sind zunäch st die Juden, im letzten Ende das ß|nb , das bei der Ausbeutung der inneren Schütze wie für eine gedeihliche Außenpolitik der vermittelnden Rolle von Handel und Kapital nicht entbehren kann. - Ganz zu schweigen von dem grimmig feindlichen Verhalten der bolschewistischen Regierung 8Wi Sie jüöisOk.Religion, öerM Be? fanmv bas zehnjährige Jubiläum eines Martyriums begehen können. Der letzte Gewaltakt betraf den L u b a w i t f ch e r R e b b e n, der die Verbannung aus dem Lande sch?n ttl§ Rettung unö Erlösung hetraMen kmrfte. Seine Tragödie ist b t e Tragödie derrussischen Judenheit; diese wollte man in ihm treffen. Denn sein Verbrechen bestand darin, daß er als berufener Wächter die heilige Lehre, wo sie, am meisten bedroht und gefährdet schien, zu schützen suchte. Die Prozesse gegen die Rabbinen und Religionsbeamten haben wohl abgenommen, man hört auch weniger in letzterer Zeit von „öffentlichen Gerichtssitzungen" über den lZ a b b a t, die Miloh usw. ST&u bU Täktik von heute ist dämonischer ausgedacht. Man läßt die Alten gewähren und entreißt ihnen die Jugend. Diese lehrt man in den jiddischen Schulen, die unter der liebevollen Obhut einer eigenen „Jüdischen Sektion" stehen, all das, was ihre Väter als heilig erachtenals überlebte Fabel verächtlich von sich zu weifen. Wo gut jüdische Schulen dem entgegen zu arbeiten sich anschicken, werden sl6 Mst llllstt WäAwitteln des Staates unterdrückt. Die Männer, die kraft ihrer Autorität noch wie ein Bollwerk der Treue und. des Glaubens mitten in dieser roten Flut stehen, werden, so sie nicht nach Sibirien verbannt, werden, aus LMk gesielen: Doller ZMMöernug tim gm wir uns vor dem kleinen Häuflein, das bei all den Leiden und Verfolgungen die Fahne nicht aus der Hand gibt, im Dunkel der Keller und Dachböden, wohin das Auge des Sowjetsbüttels NW Sängt, Das heilige Feuer hütet. Unsere Angst um die Zukunft kann durch den Heroismus Einzelner nicht gemindert werden. Ein Marannentum hat in der Geschichte selten über eine Generation hinaus sich gehalten. Die Kinder streben ins Dills. Mögen die Machthaber in Sowjetrußland den Tag der Jubelfeier auch zu einem Tage d e r S e l b st b e s i n n u n g machen und endlich darauf kommen, daß man eine neue Welt nicht aus IrÜNINMN m AiliztÜMPn auftaui, Me von jeher die tiefsten Grundlagen und festesten Stützen des Menschheitsgedankens waren und ewig bleiben werden. ' Me Alten und die Zungen. Von Dr. W. Ascher. (Schluß.) Vergessen wir auch nicht, bap mir solidarische Pflichten gegenüber der Jugend haben. Wir haben auch gegenüber den Kindern unsrer Mitbrüder heilige Pflichten. Handelt es sich um arme Waisen, so haben wir dafür zu sorgen, daß diese in ein gut jüdisches Milieu verfemt werden. §inb wir in solchen Dingen nachlässig und wähnen die Kinder schon versorgt, wenn die Wohnung, Kleidung, Speise und Trank haben, so tragen wir die Schuld, wenn später der religiöse Ayfgst sich kunögm. Auch der Geist erheischt eme ihm Zuträgliche Kost und Pflege. Handelt es sich um junge Leute, die als Lehrling oder Commis in unsrer Stadt Stellung finden oder um Studenten, die in unsrer Stadt ihren Studien obliegen, so liegt uns die heilige MM oö, in weileflem Grads Gastfreundschaft zu üben, daß der. junge Mensch nicht der Iüdischkeit entfremdet werde. Alle unsre Religionsgöf noffen in Ehren! Aber Gastfreundschaft hat der Araber und Türke unsrem Stammväter Abraham besser abgesehen ,als wir . Alte jüdische Gastsreunbschaft findet sich nur.nochM den wenigsten Häusern. Wo wir dieselbe finben, da zeigen sich auch die allergrößten,eMMrischen Erfolge. Gastfreundschaft kann ngsurgtzmäß immer nur von der WnWk Wsgehkst.i -WeMmber alle Familien einer Gemeinde in^,-ersewest Weise darüber denken und es. als Ehrenpflicht,.ihrer Gemeinde betrachten, hem jungen Menschen . die Heimat so gut als möglich zu ersetzen^ so''kann es gar nicht fehlen, daß solch junger Mensch dem thvrstkkum Lllöenmm erhallen vlßlöt. Die Gemeinde wird es auch als ihre Pflicht betrachten müssen, daftzr zu sorgen, daß nach dem Essen Fremde noch einen recht gemütlichen Freitag abend haben, der durch den religiösen Dortrag aingä Dozgntsn noch sssschsttl wird. — Freilich sollten Eltern ihre Kinder auch nicht in die große Welt hinaussenden, bevor diese eine gewisse Reife in den jüdischen Disziplinen erlangt haben. Wenn Eltern ihre kaum der Schule entlassenen Söhne schon in die Großstadt schicken, um sie dort der Berufstätigkeit zu weihen, so muß man sich nicht wundern^ wenn der empfängliche Geist der Söhne' an Dipgen irdischer Richtigkeit hängen bleibt und" sich darin erschöpft. Deshalb wird eine tuMige Gemeinde sich nichi damii begnügen, nur. ein vninn zu besitzen, sondern sie wird es auch als ihren Ehrgeiz betrachteneine zu erhalten, in. der ihre Jünglinge mindestens ein Jahr verbringen, bevor sie sich