Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1927)
- Date
- 1927-11-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage Der Israelit Ums W27 Feuerzeichen. Gin Gyetto-Zioman von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) Zm Räume to Hri-sIKNW Schlosst, fien man den gläsernen Saalbau nannte und von Lessen Terrasse man den Blick auf die Häuserpyramide am Hange und auf die Weinberge der .Rheinebene gewann; oberhalb des Gewölbes, IR Dom Bas rojonfai W mi mr» mm m* zuge Josefs in die Stadt, bei strahlendem Fackellicht unerschöpflich den köstlichen Trunk Tausenden aus seiner Fülle spendete, Laß sie nur wankend den Weg zum Ausgang fanden, so sie nicht um bas 0afs lllld sstNKM fiüßitßn Dfior* Loden, hilflose Weinleichen, die Nacht zubrachten; in diesem Prunksalon mit den Marmorfliesen und reichen Wandgemälden stand unter einem Baldachin aus Samt und Seide, Gold und Brokat Der Thron, auf Dem der Kaiser und König, .durchströmt von der Fülle seiner jungen Macht, Audienzen gab. Er hatte ein jugendlich frisches Gesicht, energisch und entschlossen sahen die scharfen Augen zu den Räten hin, die in ihrer bunten .^ostrcrcht um if>tt Iper um faßen ober benot dienerten. Die schwere Krone, rund herum mit glitzernden Diamanten, Perlen und Brillanten umkränzt, lag auf einem Schemel neben ihm. Sein schöner Kopf unter mächtig gelockter Perücke, saß rvie aus Marmor im kräftigen Nacken. Hoch an der Stirn/teilten sich die H««rwssi?n und flbsien dicht und üppig zu beiden Seiten herab bis zum weißen, breiten Spitzenkragen über der-goldgestickten Purpurtoga. Ihm zur Seite die Königin, einsact-, Ipolb, mädchenhaft lieblich und interessiert die Dinge UM sich Herum vcrfotgenb. 3n ihrem von breitem, goldgesticktem Gürtel zusammengehaltenen einfachen und weiten Gewände sah sie aus wie eine Griechin aus antiker Zeit. „Die Juden von Frankfurt!", meldete der ^osrneister^ und schon gingen die Flügeltüren auf und herein'traten in nagelneuen Fesigewänbern, Len Dreimaster in der Hand, die blauweiße Schärpe schräg um die Brust, die drei Frankfurter; der greise Nathan Maaß in der Mitte, ihm aur ütecbterv unb Linken Ahron Oppenheim 7 U J U - j;• und Isaak Meitz. Etwas unsicher auf dem glatten MarchNpa^ett, bewegten sie sich glückten Hauptes 'As zur Mitte des Saales und blieben auf ein stümmes Zeichen des Hofmeisters in einiger Entfernung phr deU teppichbelegten Stufen des Thrones stehen. Zur gleichen Zeit trugen Iiener wie im Tanze die Geschenke hinein und stellten sie behutsam und bedächtig, wie nach dem Takte einer unhörbaren Musik, aufs Podium vor die Stufen des Thrones. Hoch und blinkend.stand der goldene Adler und daneben etwas aufgebläht lag der pertenbefe^t^ Geldbeutel mit UttD Wappen darauf. Dicht vor dem Schemel am Thronsessel der Königin stand nun der silberne Leuchter, hoch und steil, wie ein in Blütenweiß gehüllter Maienbaum und schwang sich mit seinen herrlichen Verzierungen hmäüs säst M ZUM Esst der Königin. Während die Königin neugierig interessiert nach diesem Kunstwerke aussah, und ein holdes Lächeln iijbßr. ihr; Gesicht huschte- Das M lei\em Wiäen zu ben drei jüdischen MannerN hinüberspielte, sah der König steif und starr, wenn auch nicht übermäßig strenge, vor sich hin, in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten Mtz Der AlMgkll, ds? Hm die Juden eine Menschenart, von der er viel Böses gehört Mö die er kaum je von Angesicht gesehen hatte, vorzutragen hatten. Die Sache hatte allgemach sein Interesse errn^Nt. Seit Wochen unb Astonaten mürbe um diese ÄudienZ gerungen, seit Wochen war sie angemeldet. Räte, Minister, Hofmeister und Generäle setzten sich für oder wider sie ein. Man sprach wochenlang am Hofe, von fast nichts anderem, denn von den Juden., als hinge Glück und MuH m spp MiW römipn mm einzig davon ab, ob man sie empfange oder nicht. Sogar eine Aussprache über Wert und Unwert dieser Menschen war an einem Abend geplant, da ein hochgelehrter Büchermenfch, Tlfenstänge ftß ihn, aus seinen Schriften Beweise für ihre Schlechtigkeit und Verderbtheit lesen wollte. Die Aussprache mußte nur deswegen abgesagt werden, weil es dem Herrn Magister just auf dem WM zum -oft MM, sich von m Kost Her knochigen Schnittermannes erfassen und in eine bessere Ewigkeit zum großen Erntehaufen hinüb erraffen zu lassen. Wie dumm und doch wie gescheit! Mag er. dort oben- oder unten, wo er hingehörte,''darüber rechtest! Pört wußtstt stß SS besser und hatten mehr Zeit dafür . . . Der König für seine Person war kein Freund von langweiligen gelehrten Orativnen und von Weisheiten, die aus vermoderten Büchern kamen. Er sah gern Um ißDßnDiQßn mm mtmm UND Den Dingern wie sie waren, mit Schwert und Faust oder mit huldvoll entgegengestreckter Hand. Die Juden, die so viel von sich reden machten, nahmen, da sie so leibhaftig, Levot und dennoch, wie ihm schien, iu menschlich aufrechter ■Spaltung vor ihm stan- Len, im Momente sein ganzes Interesse in Anspruch. Eine kleine, menschliche, gar nicht königliche Wandlung erfaßte ihn für den Augenblick. Es waren ja Menschen rvie alle anderen, mit dem ehrlichen Willen zu leben in den gebrückten leibvollen Zügen, mit schönen Köpfen und echten Menschenantlitzen, in denen Augen ms Licht schauen wollten, mit Beinen und Händen, die bagu geschaffen rnaren, sich frei Zu bemegen und weit lluszugreisen. Was wollte man eigentlich von diesen Menschen, daß man sie hetzte, für und gegen sie beriet, Kaiser und Könige mit ihnen befaßte und Bücher über sie schrieb?!- Inzwischen kam Bewegung in das Gruppenbild. Der alte Nathan Maaß rückte drei Schritte vor, setzte den schiftsfvrnngen 8uben!)ut an? bas schöne Haupt, und die anderen zwei machten es ihm gleich. Dann gab Nathan Maaß langsam, mit schwacher, aber vernehmbarer Stimme ein rvohltzezähltes Dutzend dem Königspaare unser-, stündlicher Worte von fick), was bie zwei anberen mit einem Ausruf bekräftigten, m dem der König unschwer ein Amen erkannte. Sie nahmen wieder ihre Hüte ab, und der alte Maaß fügte dem hebräischen Segensspruch hinzu: «Wir finb nach gelilUfem gesistten, beim Anblicke eines gekrönten Hauptes, Gott, dem Könige aller Könige, zu danken, daß er, zur Aufrechterhaltung von Recht und Sitte, von seinem Glanze dem König aus Fleisch und Blut verliehen hat." „Unk Euer Be^ehMt ftzzte MnjZ kuvz und wohlwollend. Der Hofmeister, Oberst Kämmerer Graf von T r a u f a m, in gut gepuderter Perücke und schwarzsamtenen Kniehosen zu weißen Strümpfen, gab ein leistZ Aichstt, WSkSUs Ahvsn Oppenheim einige Schritte vortrat, sich tief verneigte, aber wieder den Kopf hob, daß das Auge geradeaus zum Throne Hinsehen konnte. In dieser Pysx Wsi SV nun eine rvohlgesetzte und sorgsam memorierte Rede, fast wU der Wärme und Lebendigkeit einer Augenblickseingebung: „Allerdurchlauchtigster, großmächtigster und unüberwindlicher römischer König! Allergnädigster König und Herr! Es ist alte Observanz und Herkommen bei erstmaliger Ankunft eines römischen Kaisers oder Königs, daß alleruntertänigste Kammerknechte, eine gemeine Judenschaft zu Frankfurt, mit einem allergehorsamsten Präsent auswarten. %o haben wir im 5UHUR i!Uselben hiermit auch alleruntertänigst aufwarten wollen mit der allergehorsamsten Bitte, Eure römische Königliche Majestät solches geringe Präsent allergnädigst anzunehmen und dero Knechte in MkMÄW; gWdj si- ->->-> d°,', allerdurchlauchtigsten großmächtigsten und unüberwindlichsten römischen Kaiser und Herrn Vater auch vor hundert und mehr Jahren aus dem hochlöblichen ersten Haus Oesterreich genos- \m. Wir unMafp auch nicht, mit nnserrn ßigen Gebete vor dem Allerhöchsten um Eure römische Königliche Majestät, mit dero allerhöchsten Angehörigen und ganzem Hause Oesterreich langes Leben, beständige Gesundheit, M: NkzikM», HkWsiMz Feinde, gleich als Gott geschützt hat den König David, seinen Knecht, gegen alle seine mächtigen Feinde. Darauf wollen wir von Herzen wünschen und rufen: Amen!" Alls Drßi vsrbsugtsn sich mit leisem „Amen". Nach kurzer Pause trat Graf von Trausam zwischen Thron und Deputation, postierte sich auf die unterste Stufe des Podiums mit dem Gesichte gegen die Juden, jedoch so, daß der Rücken nicht p?rn ft?m8r?TOr? Mundet «>«*, und sprach, ebenfalls eingelernt und hoheitsvoll: „Im Namen des Kaisers und Königs! Win bedanken uns wohl für den guten Wunsch als auch das Präsent. Wir werden Euch mit unserer Gnade, gleich mie der Kaiser, unser Herr Vater unb feine Vorfahren, beschenken!" König und Königin nickten freundlich, und die drei Juden gingen feierlich und rücklings bis zur Türe, verbeugten sich noch-einmal ganz tief und schritten nacheinander hinaus. Die Audienz wär bsettdst. Cm Ssttttsttfträhl ksttiZlichAr Huld — das war dem letzten Diener fühlbar und sichtbar geworden — hatte die Juden hinausbegleitet. Die Türhüter salutierten wie vor hohen Fürstlichkeiten.- $n bst langte! bes bchioffes sichen bis drei Juden noch lange' zusammen mit dem Oberst- Kämmerer Gras von Trausam, dem Oberhofmeister Fürst von L a ck w i tz und Herrn von P l a t e n , dem hochangesehenen königlichen Kabinetts-Zahlmeister. am langen grünen Tische m WchWU Mm MS PWM. Di? W. beit von Monaten war mit der Audienz gekrönt. Es galt, die Ernte unter Dach zu bringen. „Ihr habt gut Wetter gefunden!" sagte Graf von Trausam. „Ich gratuliere. Wer Ähr wißt, «Ü Sii Wssiskmächsr „ Oppenheim zog ein langes, vielvlätteriges Schriftstück aus der Mappe. Man mußte die Sonne nützen,rsolangeisie schien. Er hatte gleich einen fertigen Entwurf für die neue JudenstättiMt mllgßbMcht. von Dßr NUN ollßL für biß Zukunst der Frankfurter Gemeinde und anderer Gemeinden im Bereiche des Königs abhing. Die drei Männer des Hofes hatten ihren Dank von Seiten der Judenschaft bereits in barer Münze und zur vollsten Zufriedenheit erhalten. Sie warm nun Dsrsit. Dsn Entwurf: Satz für Satz an Hand der früheren Stättigkeiidakte, die wohl gesichtet auf dem Tische lagen, durchzugehen und unter Maßgabe der veränderten Zeit zu prüfen, was überlebt in den alten Papieren und was rechtens in Den ForDerungen Der IuDen war. Heute noch, unter dem frischen Eindruck und in der Sphäre des Wohlwollens, sollte das neue Schriftstück, dem König vorgelegt werden, und die Herren vom Hofs mußten. König Joseph mar kein Freund von langweiligen Akten und würdeaus das Ganze gehend, heute alles unterschreiben. Nach dem Diner war er am besten für solche Unterschriften aufgelegt . . . Ahron Oppenheim aber dachte zitternd vor Freude: ..Ist'das ervLichtz ist & ll$m &mmm . . „Wir wollen nicht," sprach Oppenheim, jetzt ganz frei und ungezwungen, wie Geschäftsleute