Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1927)
- Date
- 1927-11-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2450442-2450486--74432-2531904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
©an 10 fti: m ® e? Ssräeltt 3. Nvvrmb« 18S7 Der Kutscher hatte einen toten Mann gefahren. Kann sehen, wo er Lohn und Trinkgeld erhält." „Donnerstag kurz vor Nacht", ging es den drei Männern gleichzeitig durch den İPfrrffiur8 ”or ") M 8fiS SHt dachten in lähmendem Schweigen an den Jomkippurausgang in der Altschul. Es war, es kam ihnen dies mit überwältigender Macht zum Bewußtsein, just um die Minute, als man Nabbi Schmu el mitten?9m Nebele weg. vom „Öminu malkenu" hinaustrug. Zu tief war ihre Ergriffenheit, als daß sie ihr hätten Ausdruck geben können. Sie hätten sich höchstens mit den Worten der Schrist ^uru[en müssen-. „Füllt Dein Freund ,so freue Dich nicht und strauchelt er, so frohlocke Dein Herz nicht . ." Für die sechste Abendstunde war. der Empfang im Schlosse angesetzt. 9 (Fortsetzung folgt.) Geschichten meiner Mutter. Von Berthold Auerbach. *) Wenn mir bei echten Menschen rvohl und heimisch ift. «Als ich M »r« tmiü« luller. Mein Vater starb 1840, meine Mutter 1852. Wir waren elf Geschwister, sechs Schwestern und fünf Brüder. Meine Mutter hat von uns allen Enkel erlebt. Als wir Geschwister noch alle zu Hause waren, gab es natürlich auch Reibereien und Streitigkeiten unter uns und da erzählt« die Mutter gern eine Geschichte. Sie lfdtte in ihres Hug?nhg?st vfcl Ml Hüllst Dt5 NiMM Äehuöa gelebt, der neben meinem großelterlichen Hause, dem Gasthofe zum Ochsen, in Nordstetten wohnte. Wenn meine. Mutter den Namen des Rabbi nannte, verbeugte sie sich stets ehrfurchtsvoll und sagte die üblichen hebräischen Worte, die in deutscher Sprache lauten: „Das AnteiW m ffrommni m gksegmt." mm mir lLeschmiflsialso in Streit geraten waren, sagte sie: „Kinder, laßt euch erzählen, was ich von Rabbi Jehuda, gesegnet sei sein Andenken, gehört habe. Auf dem Grund und Boden der Geschwisterliebe ist der heilige Tempel zu Jerusalem erbaut worden. Als König Salomo den Dem^el bauen wollte^ la^ er eines $ci4jis unruhig in feinem’ Belte und konnte nicht schlafen. Denn er wußte nicht, wohin er den Tempel bauen sollte. Da rief ihm eine Stimme vom Himmel zu: „Steh' auf und geh' hinauf auf den Berg Zion, da ist der Boden. Dort haben zwei Brüder Aecker neben einander: der eine ist reich und hat viele Kinder, der andere Bruder ist arm und hat keine Kinder. Sie haben heute am Dqqd gMillet und Dsvten ZMMn jetzt in der Nacht steht der arme Bruder am untern Ende seines Ackers und denkt: mein Bruder ist zwar reich, aber er hat so viel Kinder, ich will ihm von meinen Garben geben. Geh' hinaus und Du wirst sehen. König Salomo ging hinaus und da sah er. mie her tim Brüter am oteren Ente (Barten hsrtetee schab u«& der andere Bruder am unteren Ende Garben hinüber schob. König Salomo hat die Aecker erworben und darauf den Tempel gebaut. Kinder merkt euch das: Auf Grund und Boden der Geschroisterliebe ist der Tempel Zirm erbaut roarfren. Mtzm jüngfier Vruder Julius mar als Arzt nach Amerika ausgewandert. Er schrieb der Mutter oft, er werde ihr etwas schicken. Da er das Versprechen oft wiederholte, schrieb ihm die Mutter -einen Brief. (Sie konnte nicht in deutscher Schrift schreiben, sie schrieb deutsch mit hebräischen Buchstaben.) Der Brief lautete ungefähr: Mter 'vm MM) m MMt mir; Daß Du mir etmas schicken willst. Ich will dir ein Rätsel (so nannte sie eine Parabel) erzählen: Es war einmal ein König, der ging mit seinem Hofstaat auf die Jagd. Auf einem Berge ließ er sich eine Mahlzeit Herrichten und da sah er einen Hirten im Tal bei seiner Herde. Der König schickte einen Hofbedienten zu dem Syirten, er solle kommen und mit deg; Körrig speisen. Der Hirie ließ sagen, -er bedanke sich recht schön, könne aber heute nicht kommen, denn er habe heute Fasttag. Da schickte der König wieder und ließ sagen, er solle heute essen und morgen fasten: und da ließ -der Hirte sagen, der König soll mir als gewiß versprechen. Daß iß) morem naß) itDcn werte: Deine getreue Mutter Edel. Eine wundersame Geschichte, deren Ursache die Mutter war, hat sie nicht mehr erlebt, aber sie mag doch erzählt werden: Eick ÄenbAesöhn bse ker dös llllstz^erharr^rverf bei feinem Vater erlernt hatte, war nach Amerika ausgewandert und feit vielen Jahren verschollen. Eines Tages aber erschien -er im Dorfe und bewies, daß er so wohlhabend als wohltätig sei. Der Vetter war ein kräftiger Mann. Er sprach sehr *) ^WWrgeffeben ven $r< Max Grunwald in der Wiener „Wahrheit". wenig und hatte eine Art spanisch vornehmer Haltung, denn er kam aus dem spanischen Amerika; er wollte die Heimat noch -einmal sehen und sie auch seiner Frau zeigen. Diese war eine dunkelfarbige Kreolin von schwachem Körperbau, und wenn der Vetter ihr sagte: Manuela, dieser Mann, diese I fg M ffl rn!l mir MMlM, dann umarmte und küßte Manuela den Vorgestellten und weinte dazu, indem sie anzeigte, daß sie leider keine andere Sprache als Spanisch verstehe. Eines Tages sagte mir der Vetter: Ja, es ist mir gewiß hart, daß ich meine Eltern nicht mehr am Leben gesunden habe, aber fast ebenso hart ist es mir, daß deine fDtiittßr nitef mste J&te, tem? lljr oer&«^f-f {ch nvsin Schicksal. Du weißt, mein Vater war der Bruder deiner Mutter, und als ich zur Auswanderung gerüstet von Eltern und Geschwistern begleitet an -deinem Elternhaus vorüberkam und deiner Mutter lebewohl sagen wollte, ries sie mich ins Haus, legte mir mit -einem Segensspruch W Danö auf Den Kaps. Dann Pb sir Mir eltväs!n Papier Gewickeltes und Versiegeltes und sagte: „Heb' das gut auf, öffne -es nicht, sondern gib es da, wo du bleiben willst, dem -ersten Armen, der dir begegnet und dich um eine Gabe anspvicht. Beachte das festt-und,es wird dir gut gehen." -!c; Umermegs erklärte ggf miß) QUß) DGklZ tete, daß diese Mitgabe -eine alte Sitte sei, die -ebenso sein gefühlt als ausgedacht ist; denn wer -eine Gabe bei sich trägt, die zur Wohltat bestimmt -ist, wird damit ein Sendbote des Guten, und die bösen Mächte haben keine Gewalt über ihn. m ökrgüB nütürüö) BüID Dis mie anteME. Ztz!am in die neue Welt. Cs ging mir schlecht. Ich ließ mich als Soldat in Mexiko anwerben; wollte ich aber erzählen, was ich -erlebt habe, ich würde in Tagen nicht fertig. Ich desertierte mit vier anderen Deutschen. Wir bemächtigte nuns eines Kano-e und fuhren einen Strom hinunter — -td) weiß den Namen nicht; — aber das Voot schlug um. wir stittztsn atejn« Mrsste. 9B^ aus meinen Kameraden -geworden -ist, weiß ich nicht; ich rettete mich ans Land, wanderte tagelang in tiefem Ele-nd durch die Wälder, kniete vor den Hütten -der Wilden nieder und legte beide Hände zusammen; ich erhielt Speise und Trank. Ich kam ans Meer und verdingte mich als Schiffsko^. Zdf kam nadj M WD DMk Arbeit, verzweifelnd ging ich durch die Straßen; da sprach mich ein Bettler um eine'Gabe an, und jetzt, jetzt fiel mir die Mitgabe deiner Mutter ein; ich fand sie noch und händigte sie dem Bettler ein. Plötzlich entstand ein großer Auflauf, der Bettler zeigte'den Umstehenden, was ich ihm geschenkt, es roar ein Bierteldukaten. Er brachte mir Dos (BoID wiöter, f|5ü<? mläf ivötzl geirrt, Ich ver^ neinte. Ein mit zwei stattlichen Pferden bespannter Wagen fuhr heran. Im Wagen saß ein vornehm aussehender Mann. Er stieg aus und fragte, was da vorgehe und ich erzählte ihm alles; er fand es ehrenhaft, daß ich in meiner Not die Mitgabe nicht für mich verwendet habe, und als ich ihm auf seine Frage erklärte, daß ich «ls Kvsy?m?n Likusl MW öate, kWMW ater Das Metzgerycmdwerk erlernt hätte, lächelte -er und sagte, da käme ich -an einen rechten Mann. Er selber war der Besitzer des größten Schlachthauses, und wenn ich dir sagen würde, wie viel Ochsen und Rinder und Schafe da geschlachtet werden, würdest du -es als Prahlerei halten; kurzum, der Mann nimmt mich in sein Haus und Manuel« ist seine H MM ter MMgeiMlI. Nun denke dir, die Freude deiner Mutter, wenn ich ihr das alles hätte erzählen können! Ja, daß meine Eltern tot sind, ist hart, aber daß deine Mutter tot ist, ist es mir nicht minder. UnV nun schließlich noch die Geschichte des Jörg-Toni. Der Jörg-Toni war ein großer, hagerer Bauer, der im oberen Dorfe wohnte, links das Pfarrerschneidele, der Vater der Kreszenz, rechts der rote Schuhmacher. Der Jörg-Toni war ein angesehener Mann und war Heiligenpfleger, das ist Verwalter des Kirchenguts. Der Jörg-Toni mar ein besonderer Freund msinsr Ettern, er fchnupfts MM SUL tee [itolUH Döst meines fflalers und besprach dabei die Welthändel. Von diesem Jörg-Toni könnte ich viel -erzählen, ich will aber hier vorerst nur eine kleine Anekdote berichten. Es war im Dorfe bereits bekannt, daß ich früher geschrieben hatte; da kam der Jörg-Toni zu meiner Mutter und sagte ihr: „„CM" (Das mar Der Sornaim meiner mtutterl iS habe dich fragen wollen, ich Hab' ei» Enkels, der ist einer der besten in der Schule, der ist gar gut köpfet (hat einen guten Kopf), jetzt, wie ist's? Nimmt Dein Berthele nicht auch einen Lehrbuben an?" Ein andermal und viel früher hatte meine Mutter tem .giriert Näl geliert formen. Am Pfmgsttag kommt der Jörg-Toni in unser Haus und sagt: Hat man je so was erlebt. Jetzt an Pfingsten hats geschneit und die Zwetschenbäume stehen in der Blust (Blüte). Ich komme eben aus dem Adler und die Mannen, die mit mir dort gewesen sind, sind, alle hinaus und schütteln den Schnee von von Väurnen. Ich rveih nicht, rnas ich tun soll. Was meint sttzt Hhr? Der Vater zuckte die Achseln, die Mutter aber sagte: „Jörg-Toni, wenn man den Schnee abschütteln könnte, ohne daß dabei die Blüten abgehen, dann roärs schon recht, aber so, wenn du den Schnee abschüttelst, bekommst du ganz gewiß keine Zwetschen, wenn du ihn aber liegen urrd zergehen lägest, rver toeijj? Der da Über UUS^ der den Schnee ymgelegt hat, wind ihn, auch wieder wegtun; laß ihn nur dafür sorgen." Der Jörg-Toni folgte dem Rat' der Mutter. Im Herbste hatte er einzig und allein im Dorfe Zwetsch'en und er brachte uns davon. Noch heutigen Tages wird die Geschichte.neben vielen anderen im Dorf-e von meiner Mutter -erzählt. kleine Geschichten. Die Saison war schlecht, Dag für Tag weichte der Regen die Promenadenwege auf und vertrieb die Kurgästs. MH m tem H-sts tengrn?!lttn sich nicht nur die beiden Kellner, sondern auch die spärlichen Gäste. Den ganzen Tag Romane zu lesen, ging nicht an, — und so kam es, daß sich zwischen den Gästen und den Kellnern ein persönliches Verhältnis entwickelte. Die Kellner. Männer in beit Fünfzigern, mar-en vorn UWD llttl &er £erc> leHe Usst^rm 4fvn? fchon den größten Teil der Welt gesehen. Doch in einen jüdischen Betrieb hatte ihr Lebensweg, sie zum ersten Male geführt. Mit der den Kellnern anerzogenen scharfen Beobachtungsgabe hatten sie bald das Besondere eines M dischen Hotels und feiner Gäste -erfaßt. Jeder SBeruf tjat [eine}} Aerger. PM WsffM sihgs die beiden kahlköpfigen, dickbäuchigen Männer Ursachen für ihren A-erger kennen, die sie sich früher nie hätten träumen lassen. Wenn einer der Gäste auf den für Fleischspeisen gedeckten Tisch durchaus ein Glas Milch stellen wollte, wenn ein Gast am Freitag ab-end -in Gegenroart einer von Scrbbcrt[ttmmun^ ssstisiKU Tinte und Feder verlangte, dann regten die b-ei-en Kellner sich aus. Wieder einmal spi-elte sich ein solcher Vorfall ab. Da meinte der eine der Kellner dem Gast gegenüber: „Warum halten Sie Ihre Religion nicht? Wie glücklich wären wir, wenn unsere Religion am Sonntag jegliche Arbeit very!?M Kürte! Unzützligk Müschen rnürDeu Daun Die Eegnungen eines Gott geweihten Tages erfahren, die heui-e aus den Rädern der Arbeitsmühle nicht eher herauskommen, bis ihre Kraft gebrochen ist und ihnen dann die Freude am Ausspannen genommen ist. Der freie Sonntag bedeutet Millionen der Christenheit nur einen frommen Wunsch, und den Millionen der Ehrrstenheit, denen er g-egeken {ff, Lrlngf -er gfefctzsalfs häufig -efne Fülle an Arbeit." Der andere Kellner nickte seinem Kollegen zustimmend zu und spann das Thema weiter, indem er sagte: „Die jüdische Religion hat sicherlich viel Gutes. So muß ich aus meinen Erfahrungen als Kellner feststellien. daß feilte Die elegantesten chkistlichM Hstsl-s nicht im Beachtung ber Hygiene kennen ,wi-e sie in einem rituell geführten jüdischen Hotel Selbstverständlichkeit ist. Der christliche. Wirt fragt nur, wie sich seine Speise dem Gast präsentiert; was sich aber in der Küche sonst abspielt, ist ihm zuerst eine Frage seines Portemonnaie. Ist das Fleisch nicht mehr frisch, nun, dann gibt es Mittel, diesen Ustefstanh hsssf Ggfl M JIFteffm Wk» M GMÜsk einige Würmchen mitgekocht, — wer steht sie. Eine gute Margarine schmeckt wie Butter und erspart viel Geld." Der erste Kellner unterbrach ihn: „Nr. 7.ruft!" und zum Gast gewendet, fügte er dem Gesprächhinzu: „Ich bin ein Christ; wenn ich aber ein Jude wäre, würde ich meine Religion respektieren, denn ihre strengeren IforDerunaitn gereiAa Dm Juten nur jnm Besten." Der An geredete machte -ein nachd-enklich-es Gesicht, denn die Worte der Christen imponierten ihm. Aber was sollte er -erwidern? Ern bibelfester Zuhörer des Gespräches antwortete jetzt mtt den Worten Moses: „Hütet und -erfüllet die Satzungen der Thora, denn d-as ift eure Weisheit und eure I-mfi«!)! iii den Äugen der Bvlker!^ Saly Geis. Ainderecke. -n 'r»n "w M'M« m nn’n '■h w1 nmpj ’mz7 r'ix nanai öiki •»nayV D^inip ynai yn (l ü’y'iis X'L>2i (2 D’jivn rrisvvi pm (3 (4 •Vsh’nxV in anaina pipm ok Jsak Lubinski, Schweinfurt a, 3ZI. : 11 n ö Weund - rM Fürst - Rind - w'»i 'Li^rr nrun .n"ä v'hnli) Richtige Lösungen sandten einPüulü MüLgulies, Bremen; Fredy van Dyk und Mehno Lothar van Dyk. Aurich. .3sraeIUJ), D.»n.b.A., Franffurt «.SW, — DruckLcnnon Bertas»' ^ELELSLMtftngesellschaft. “ Frankfurt o. SR.