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Der Israelit · 1927-11-03 · Heft 44 (3.11.1927) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 44 (3.11.1927)
Date
1927-11-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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i\( -1 hi i aj' i { tf ~ " - Der Israelit Or.44 W27 MKMM. Gi« HHetto-Aoman von S. Schachnswitz. (Fortsetzung.) „Was hat denn dieser Zorer eigentlich gegen 1IIIS gll WkN?"?y?wnbigte [ici> Nathan Maaß. wenig emgewöcht, mit bebender Stimme. Das wußten sie außer GrünhuL selber nicht recht. Grünhut aber hatte, wie er glaubhaft beteuerte, Kenntnis von diesen Schriften, den gedruckten. wie den ungedruckten. Eisenmenger sei rin Mann, m Hüften CMjirn MMsüW, «ng°, Bosheit und Uufinn sich zu einem Brei vormengten. Seine Schriften Zielten im Ganzen dahin, zu beweisen, daß die Juden Feinde der christlichen Religion und nach ihrem Talmudge- ]l%l hlM gkkjöttkll fSlfül bse christlich Lehre zu schmähen und Chriftenmenfchen, ob König oder Knecht, zu betrügen, zu verraten und zu vernichten. „In diesem Punkte sind die Könige und Die prftcn am MMlsiM"", [org*e fl> heim. „Joseph I. ist fromm und ein Beschützer der Kirche." „Man sollte Eisenmenger noch irgendwie Hinhalten", riet Rabbi Schotten. Iffieln §aoi& «kW W!ß Mit »» Worten überzeugend auseinander, daß jeder weitere Versuch ohne die geforderte Summe zwecklos fei. Er, Grünhut selbst, würde seinen Kopf nicht zum zweitenmal wagen, solange nicht ÖEF nach bem Wunsche Ersenwengers vollgefüllt fei. Voller Sorge und Kummer, mit dem Aufblicke zum Herbsthimmel, wo durch weiße Wolkenrisse eine klare, kühle Sonne durchbrach, verabschiedeten sich Rabbi Schotten und Nathan IW in ilflion WWW?äfte die kleine Stiege bis zur Mitte der Gaste hinuntergeleitete. Die Tage vergingen in Gebet und Buße. Die weiften Männer der Gaste hatten in der Messezeit mancherlei in 8eMM U!üll. weilten tagsüber als Krämer, Händler oder Makler, den Schein der freien Beweglichkeit stets in der Tasche, am Main und in den engen Gassen des Meßbetriebes. In der Frühe schon vor MMMgrallkn war aacr afft? W s?n «“■f™»- gebeten vereint, und gegen Abend schrie es Mit der untergehenden Sonne aus tausend wehen Herzen hinauf: „Unser Vater, unser König!" — So kam allmählich der Versöhnungstag heran. Wiewohl die Vorsteher und Räte täglich |i|fiiMSS|!ftn “•«. den, die unerhörte Summe in der kurzen Zeit aufzubringen ober jemand zur Abwendung des drohenden Verhängnisses noch einmal nach Heidelberg zu schicken.' Der Tag der Versöhnung begann mit einem düsteren Nebslnwrgen. so daß die Männer der Gasse m ^!e 8^ul DWH tappen mußten. Erst am späten Morgen, Joel Chasen hatte schon sein „Hineni", „Hier bin ich, des'Arme an Tat", zur Einleitung das Mustafgebetes angestimmt. und eine kleine Weile, den SeWttidnkl m\t »k M Kllps Pzllgksi. Ist PQ hineingeweint, brach die volle Sonne aus dem Nebel und schickte grünhelle Streifen durch die schmalen, steilen bunt- und kleinscheüügen Fenster in die Altschul. Lichtpunkte spielten und tanzten auf dern Vorbeterpulte herum und schlichen sich einzeln in £><??? Borbeters Hzkß. ifi Öflß aller Beter, und es wurde ihnen.leicht und leichter zu Mute. Die altüblichen Gesänge entrangen sich Joel Chasen, klan -stark, fast fröhlich,. ver- Gern^ind-e surnnrte die bekannten Melodien mit und fiel brausend im Chore ein. wo sie noch den Anweisungen des in jjoiä ge&urtfcemn MÄuchssIiantm oinzufallen hatte. Die Sonne strahlte noch klar und silbern, als man beim Minchogebete war und in langer Reihe Jfak Reitz, der Minchovorbeter. die Namen der heiligen Märtyrer eiwas nä^Ist) illls göHllÖlk keltem „Hen", wie im Auf und' Ab weisend in Höhen und Tiefen, aufführte. Die vielen Wachskerzen in den Sandkästen waren bis auf kleine Reste heruntergebrannt, die Gesichter der Betenüen Wen 10t SUS 2$f wfißeu Umhüllung. Heilige Erwartung war W Raum wie auf einem Schiffe, das nach länger stürmischer Fahrt einem schon sichtbaren ttfhr entgegensegelt. Nun stand in feuerroter Kugel zufammengeballt die Sonne hinter den Bäumen des FriedhössZ m Zen Der Safts, als aniitc sic gnm ns- IHieüe Die Toten, und Rabbi Schmuel Schotten trat auf leisen Strümpfen ans Vorbeterpult, um das Neilvh-Kaddifch anzustimmen. Rabbi Schotten hatte eine alte, schwache CtiMMs, ate jöÖQß asort drang Wik «US geheimen Tiefen der jüdischen Vergangenheit und schwang sich mit matter Wucht durch den Raum, eines jeden Herz wie mit ehernen Fangarmen erfassend. Sein Gesang war nicht melodisch, er ieiitäti, KWW rnchl W »Bei; als W sr sie sang. Aber jeder Ton war ein Schrei der Jahrhunderte, Hilferuf oder Jubelton, je nach Wort und Sinn. So lallt ein Kind im Gespräche rnrt Vater und Mutter, unklar, unbeholfen, und Der Vater ver?te - Immer tiefer waren die Kerzen heruntergebrannt, immer feuriger waren die Gesichter der Betenden, wie von den letzten Sonnenstrahlen geküßt. Eine Welle ging durch den Raum, die WM unö Die linDer mt Bis m°«°n!" d" Weiberschul gleich erfaßte und dah'mtrug, aus Niederungen hervor, steigend, höher und höher. Jetzt noch, im letzten Augenblicke, kurz vor Toresschluß! . . . Oeffne uns das Tor, zur Zeit der Schließung des Tores! ... . Rm W °°n ieM?n Inn YM m Pochen der Herzen. Jemand seufzte. Roch einen Vorstoß, um die Pforten des Himmels zu stürmen, dann wird es aus fein. Löb Pfeifer, der StHulenklopfer, legte schon das Schofar zurecht und Rabbi Schmul Schotten schrie zum „Owmtl Malkenu" auf, zum letzten Male vor Schließung der Pforten-des Erbarmens. Brausend folgte die Gemeinde Satz für Satz »Unser Vater, unser König, wende von uns zy M stzmom WrPiWiftcl" ,,Koschüus!" zitterten noch einzelm Stimmen nach) nachdem der Gemeindechor schon abgeebbt war; „Unser Vater, unser König, zerstöre die Gedanken unserer Feinde!" i: „-spinnr iii i Lsig Schrei der Gemeinde langsam aus. „Unser Vater, unser König, vereitle den Ratschluß unserer Widersacher!" „OjwenU!", ebbte die Woge des Gemeinde- »« „Unser Vater,-unser König, halte fern jeden Bedränger und Ankläger von uns!" „Umastin meolenu!" dröhnte der Massenhikferuf lauter und erschütternder denn je durch die LW. Da geschah etwas. - Vom Vorbeterpulte her kam kein Ton, kein Ruf, kein „Owinu" mehr, nur noch ein« leises Wimmern wie das Glucksen eines Ertrinkenden. Rabbi Schmuel schien zu taumeln, wankte nach funten öiUQtr sich LLknükM w* sjiett sich mit beiden Händen kbämpfhaft am PMe fest. Ungeheure Bestürzung folgte. Hunderte Köpfe sahen aus dem Gebetmantel über die PMe auf. Ändere liefen vor. Einige Männer führten, ja trugen Rabbi Schmuel vom Platze, hinaus in den Vorraum. wo Mosche Wallach, der Arzt, alle Fenster Üllsrisi «llS öklll die Kleider löste. Drinnen trat Joel Ehasen an Das verwaiste' Omud, das Gebet ging weiter. Wie aber das letzte „Owinu" verklungen war und darauf auch das letzte Kaddifch, liefen DksoMle BtlTÖUSj UM iMA Rnbbi Schmuel zu sehen. Er hatte sich inzwischen zusehends erholt und weigerte sich beharrlich, nach Hause geführt zu werden. Er wußte nicht, wie und was ihm geschehen war. Etwas, wie der leibhafte „Zar" und »Mastin" war ihm. wie er Diese Worte rief, vor Augeä tzättt ihm ÖH6 IM NklWN die Sinne verürirrt, da^ sich ihm das Licht verdunkelte und feine Beine strauchelten und er zu versinken glaubte. Run war alles vorbei, und er wollte im Vorraum bei offener Türe das ^Skhema"^ das nur. So&I Chasen an seiner statt allstimmte, mitbeten. Ein langgezogener - Schofarton, Jomkippur war zu Ende. In mildem Abendlichte, in heiliger Ruhe und Ausgeglichenheit lag die Gaffe, auf die ein fast voller Mond friedlich herabschaute. Rabbi §chmuc! bchäsikü 5s sich lllchk nehmen, mit den Männern das Gebet der Mondweihe zu sprechen, worauf er sich dann von Elsbe und Arje Löb nach Haufe führen ließ, v. Als die drei Abgesandten der Frankfurter Gemeinde, Nathan Maaß, Ahron Oppenheim und Isaak Reiß in ihren besten Festkleidern und schwerbeladen mit Kisten und Kasten am Sonnkrz M Dm fuctausfefte um Bit MMWM mit eigener Kalesche in Heidelberg — sie waren die ganze Nacht und den ganzen Vormittag gefahren — einfuhren, läuteten dumpf die Totenglocken von Den Kirchtürmen. Die Hauptstraße hinunter dervegte sich langsam und feierlich ein großer Zug hinter einem icifwargi Wagen, dem Pastoren im schwarzen Ornate voranschritten. Oppenheim ließ den Kutscher in die Seitenstraße fahren und halten. In der Fuhrhalterei, wo sie absteigen und W iüpi UWW müBp: fl"? Zeitlang aus den Fuhrhalter warten. Er befand sich unter den Gaffern am Straßenrande . Als er endlich, Hutlos, in braunem Lederschurz, kam unD sich ans Ausspannen der Pferde machte, j°g!° °r m M NWWMW für W AZbleiben: „Eine fürnehme Leiche. Und die Blumen! Und die vielen Pastoren. Und die Professoren im Ornate. Und die vielen Studenten in Wichs!" Ni fiep Mlisi ofrabegu so viel „letzte Ehre", indem er mit „Hü" und „Hot" die Pferde in den-Stall zur Krippe drängte. '„Wet ist gestorben?" fragen die drei Frankfurter gleichgiltig, gleichsam nur aus Höflichkeit gegen den mitteilsamen Fuhrhalter. iBFF |^rrie blöde den Mund aus: „Ihr .wißt es nicht? Der Professor Johann Andreas-!E i f e n m e n g e r ". „Wie, was?" Alle drei schrien fast Die Frage hinaus und hielten die Hand vors Ohr, um bester ^u hören. „So ists", berichtete ber Äann mi{ ier Neugier und tiefsitzenden Ehrfurcht des einfachen Volkes vor großen Namen. „Eisenmenger ist tot, gänzlich tot, vom Schlage gerührt und wird jetzt mit Gesang und Gebet und Glockengeläut in die Erie geleK. Ek kllP fünft" UlW M Qflfi Dfm Rappen einen - mächtigen Fußtritt, weil er nach dem Futterteil seines braunen Mitpferdes schnappte.., „Wann ist es geschehen? „Donnerstag abend kurz vor Nacht justamenst da .er «uf rvar^urn Hzss.. ist Dsk Chaise, Wie er am Schlösse nicht ausstieg, öffneten sie den Wagen. Da lag er steif und starr, gab keinen Ton von sich, das Herz stand still.

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