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Der Israelit · 1927-09-01 · Heft 35 (1.9.1927) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 35 (1.9.1927)
Date
1927-09-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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V MM- KmitTT“ i Beilage Nr. rs »27 Das heilige Volk. (AM Lrn GMrchE m Jg^ok-j Im Städtchen war große Aufregung. Wie gewöhnlich um die Peßachzeit hatten wieder die Bauern der umliegenden Dörfer die hausierenden Juden von ihren Höfen verjagt und ihnen für das Fest ein Pogrom angekündigt. Doch das war man ja HiDir gcmöimt, UM man MM: daß von solchen Drohungen nicht viel zu halten war, aber ein Umstand machte gerade in diesem Jahre die Situation etwas schwieriger. Der in jedem Frühling stattfindende Jahrmarkt fiel zufällig auf den Tag vor dem Feste. Man hatte «[fp ppn Ben beirun lenen QäriBnr&eHerft, BU an diesem Tage von allen Dörfern herbeiströmten, nichts Gutes zu erwarten. Die-Bauern wurden aber, je näher der Peßach kam, desto gefährlicher. Sie stürmten oft in die jüdischen Läden, riffen trgenbmelc^e Ware heraus tmb versck)«oan- Den Damit. Noch dazu verhielt sich die Polizei ablehnender als je gegen die Juden. Selbst die Vorstellungen des Gemeindevokstehers, doch im Notfälle einige Kosaken bereit zu halten, die zu ihrem Schutze die Bauern zu vertreiben hätten, öltaöen orfölglos. Man sah sich WoMch Mötigt, dem Rebben den ganzen Sachverhalt mitzuteilen, und ihn zu bitten, das Verhängnis durch Gebet und Fasttag abzuwenden. — Der Rebbe versprach denn auch, sein Möglichstes zu tun, jedoch sah niemand, daß er auch nur irgend etwas unternahm. 8s schien so» als ot? er Sie ganze Sache vergessen' hätte, und da man es selbstverständlich nicht wagte, ihn daran zu erinnern, wuchs die Beängstigung aller, weil sie nun so ganz ohne Schutz waren, immer mehr und mehr. Zwei Tage vor dem Festbeginn verließ der NMß ganz allklu sein Daus, null aiW zum Darsteher der Gemeinde. Der traute seinen Augen nicht, als er seinen Besuch erblickte. Der Rebbe, der nur in fremde Häuser kam, um einer Beschneidung beizuwohnen, der, wenn er gewollt hätte, irgend einen seiner Chassidim hätte veranlassen läuukll, im MlWgc vorn „llullcru Mbk der Welt" zu ihm zu kommen, so groß war seine Macht, der Rebbe, zu dem jeden Jaum Tow „mindestens tausend Juden" kamen, er tritt an einem ganz gewöhnlichen Wochentage zu ihm in die Stube, noch dazu ganz ohne Begfeilwng. Ser iöerfiefjer griff fitfe an öen Aopf und vergaß vor lauter Verwirrung ganz aufzustehen und „Gesegnet sei, der da kommt" zu sagen. Nachdem er sich aber etwas von seinem Schreck erholt hatte, wollte er selbstverständlich zunächst km irSBiin MM im grogin ®bhi für Sin Zaddik hsrbeischleppen, und ihm auch sonst den seltenen Aufenthalt bei ihm so angenehm wie nur möglich machen. Doch der Rebbe hieß ihn sitzen bleiben und sagte mit lauter Stimme, in iDrDßrnDßm Xpn: „Gib Die (£ontrefianDe heraus!" Nun war es mit der Selbstbeherrschung des reichen Gemeindeoberhauptes bald vorbei. Hatte jetzt, in dieser gefährlichen Zeit der Rebbe nichts anderes zu tun. als Schmuggelwaren zu beschlag- .(dDimn? ' „Rebbe/ stammelte der Andere ganz perplex, „woher soll ich denn jetzt Contrebande haben, wo die Aufsicht so streng ist?" „Du hast also keine Contrebande, sagst du? Wie kannst du mir, deinem Rebben, solch eine Lüge ins Gestüt fagen?" - Er mar so zornig, und strölkte so gebieterisch seine Hand aus, daß jenem angst und bange wurde. Der'Rebbe stand da mit funkelnden Augen, als wollte er das H'erz des vor ihm Sitzenden durchbohren. Der Genleinde^srästdent sah ein. Daß er Diesen Mann nicht ein zroeiiesmat belügen könne, und so gestand er: „Nun, Rebbe, ein Bauer hat mir etwas ins Haus gebracht, ganz wenig nur, nicht der Rede wert!" . „So laß es sofort in dis Synagoge bringen!" Der Reböc ging» Ganz verstört, halb geistesabwesend, immerfort über das merkwürdige Verhalten des Rebben nachsinnend, ordnete der Vorsteher an, daß man das „Kleine Wenige" in die Synagoge bringe. Cr. \m AstBMst M AM, sw ging weiter durch die Stadt, und kaufte selber bei Händlern und Grenzbeamten selbst Schmugglerware an. Als man daher abends in das Bethaus kam, fand man es bis unter die Decke ungefüllt mit allen möglichen Waren. KopsschütielnD' betrachtete man das, und die Beängstigung wuchs um so mehr, als man fürchtete, die Waren könnten von den Bauern gesehen, und alle Juden angezeigt werden. Noch dazu sah man nicht, daß der mvvk einen migciminen fMttag sugköldim hätte, oder sonst irgend welche Versuche machte, das Verhängnis abzuwenden. So ging man also zitternd den Freudentagen entgegen. * Am UäWkU dem Rasttage gam Peßüchftst, konnte" mH ungefährum elf Ühr den Rebben! sich durch das Jahrmarktsgetümmel winden sehen. Wenn das Städtchen Zeit gehabt hätte, es wäre sicher nicht aus dem Staunen herausgekommen', wenn es gesehen hätte, wie eilig cs Der ütcDDc Wlc. vau einem Daus zum am Deren zu gelangen, so, Daß er gar nicht zu bemerken schien, wie er von Weibern gestoßen und gedrängt wurde. Scheinbar war seine Eile zu groß, als daß er es hätte beachten können, wie er an Schaubuden, Tanzhäusern und Bierzelten arid anderen „Stätten fündigen Treibens" von Der Menge vörDeigefchoben wurde. Das alles übersah das Städtchen; — was es aber nicht übersehen konnte, war folgendes: Er, das chafsidifche Oberhaupt der ganzen Gegend, trat wieder in jedes jüdische Haus ein, ohne ettv etrtgtges ansgutaffen. -: Der Effekt mar derselbe wie gestern. Kein Hausherr wußte sich vor Staunen zu fassen, traute seinen Augen nicht, als er den hohen Gast sah, und konnte nur mit Mühe sich soweit bringen, auf die seltsamen an ihn gerichteten Fragen' zu antworten. Dgr Mßg Dgrlnnglg nümiiö) rniglmM null gebieterisch die Herausgabe alles Chomez. Die Zeit von dessen Verbrennung war schon vorüber, und der Rebbe kommt in die Stube, will Chomez haben -— nachdem man schon eine ganze Stunde kein Stück Brot mehr im Hause haben darf — Chomez haben. Und er nimmt keinen Abstand von feinem Verlangen. Ist der Rebbe -— Gott behüte ... — Chomez will er haben. Hat die Welt so etwas schon einmal gehört? der ^ebbe sHop t$\m NUDkrkN TLMU MhN Er muß es sich also schon gefallen lassen, daß die Kinder lachen, laut auflachen, als er das Verlangen stellt, man solle ihm etwas Brot geben. Cr durfte sich nicht darüber wundern, daß thtt ötä fy&üMMUv <4tt Bt4 Hättö Nähmen uh£ ihn hinaussührten, wie einen Verrückten. Einige ergriffen sogar die Flucht, als sie sahen, wie der Rebbe mit erhobener Stimme, die die Wände zittern ließ, und mit blitzenden Augen verlangte, man solle alles Chomez herausgeten. — Manchmal erhstlt eine brennende Kerze mit der Aufforderung in die Hand gedrückt, doch im ganzen Hause nachzusehen, und zu sehen, ob man auch nur ein einziges Krümchen Brot finden könne . . . Und lächelnd ging er aus dem Haus in sin zrnsitss and in ein Drittes, . . . überall mit bemselöen negativen Erfolg. Und der Rebbe freute sich . . . Und die Chassidim sagten Tillim für jemanden, dem der Verstand verloren gegangen zu sein schien. IfeB \U wägtell BeffeH Närmu ttiHs ruszusprechen. Am nächsten Tage — dem ersten Festtag — betrat der Rebbe, nachdem man das Morgengebet verrichtet hatte, den Platz vor der heiligen Mo. W hßrrM vMomrnßllß Nillß in Dom dichtgefüllten Gotteshaus . ... Die Chassidim blickten einander ängstlich an, als sie sahen, daß der Rebbe, was ganz und gar gegen seine Gewohnheit war, scheinbar zu der versammelten Gemeinde sprechen mollte. €>te waren auf aftes gefaßi unb fchauien nur abwechselnd mitleidig zu ihrem Oberhaupte da vorn, hin, und zum Oberhaupte dort oben — flehend — hinauf. Nur schwache Lichtstrahlen drangen von draußen gu der still horrenden Gemeinde^ denn nur kleine Breschen hatte nian in die vor den Fenstern und überall aufgestapelten Warenballen legen können. Der Rebbe hakte jetzt seinen Tallis über den Kopf gezogen, sich der heiligen Lade zugewendet, und — schwieg. PlMch W; mrst ist B# FMi m AjrW und Geschrei, Geklirr von aneinanderschlägenden Geräten, Flaschen und Fensterscheiben. Und es wurde wieder still. « Alles war vom Schrecken wie gelähmt, nicht einmal ein Weinen, ein- Schluchzen unterbrach die Stille des Meeres vor dem Sturm . . . Nein, doch, jetzt war ein Schluchzen hörbar, ein Schluchzen aus tiefster Seele . . . dort vorn ... der Rebbe . . . Er bewegte sich hin und her, immer schneller, schneller — und mit einem mal fing er an zu sMHon. n ßMMNZ sich ssiNM LiWi-h Dsß Dg? es hörte, hören UND zittern mußte. „Herr der Welt, erbarme Dich Deines Volkes Israel, Deines heiligen Volkes, das Du ausgewählt aus allen Völkern, und es gemacht zum heiligen Volk, und ihm gesagt, daß es fei ein pp Ml, Wliz Btt, DM WIIW Mt." „Neige Dein Ohr mir zu, und höre, wie heilig ist Deine Nation, wie heilig."--- „Der Zar, der Herrscher des Landes, hat ein Verbot erlassen, und gesagt, daß niemand Schmuggslrvarsnhaben dürfe." „iinb er hat Hüter Des VerDotes aufgestellt in den Städten, in den Dörfern, auf dem Felde und in den Häusern." Und alle, Händler, Bauern, ja Soldaten und Beamte selbst übertreten das Gebot. „Und das Land ist voll von denen, die Auf- M prgn, unD Das MD ist voll von M- Schmuggetwaren." „Und Du, unser Gott, hast vor dreitausend Jahren das einzige Wort „ihr sollt nichts Ungesäuertes essen" gesagt. Du hast nicht einen ein- ^i^sü Marter bestellt. Dü lästj m<fj( ^rsterfntsj^Nk ob wir Dein Verbot übertreten. Du schickst uns niemanden, der uns davor warnt." „Und nun, sieh Du nach, Du, vor dem nichts verborgen bleiben kann, sieh nach, ob Du auch nur ein armseliges Krümchen Vrot findest, auch nur Sie irgent» eines Verbotenen, BuYtfj“ suche Dein Volk, Dein heiliges Volk." „Herr der Welt, erbarme Dich Deines Volkes Israel, Deines heiligsten Volkes, das Du ausgewählt aus allen Völkern und es gemacht zum heiligen Volk, und ihm gesagt, daß es sei heilig, £im hkilwu Mt, NW/ Was konnte da Er, gelobt sei Sein Name, anderes tun als helfen? D3C

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