Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1927)
- Date
- 1927-08-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2446951-2450442-2450473--74228-2531687- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hrodna 1× ep/1044655
OCR text
nui »27 Esther, die Tscherkessenbrauk. Eine Erzählung aus der Zeit des polnischen Aufstandes von I. Herzberg, Kassel (Vromberg). (Fortsetzung.) Die alte Esther, die allerdings mit einem \fymm üMm zu ksmpfttt hstte, WLV mi UMgewandelt. Ihre bisherige Scheu und Zurückhaltung war gewichen, und aus ihrem Gesichte war jener herbe Zug gewichen, der ihrem Antlitze ein so charakteristisches Gepräge verliehen hatte. Aus den sonst so starren, glanzlosen Augen traf den alten Schammes bei feinem Herantretenan das Lager Esthers cin warmer, heller Blick. Und nun -erzählte Esther, daß ihr Ende nahe sei und daß sie den Tod mit Freuden begrüße. Vor ihrem Scheiden aber habe sie noch so manche Wünsche zu äußern, und sie könne erst dann beruhigt scheiden von dieser Welt, wenn sie das Bewußtsein habe, daß ihre Wünsche treu und gewissenhaft ßrM morößii „lschammßs", fuhr siß öMN fori, „ich habe volles Vertrauen zu Euch, denn ich kenne Euer frommes Gemüt und weiß, daß Ihr den letzten Willen einer dem Tode nahestehenden Mitschwester gewissenhaft erfüllen werdet." Nachdem der Strammes durch ein stummes Kopfnicken fein Versprechen kundgegeben, zog Esther unter ihrem Kopfkissen -einen Schlüssel hervor, den sie dem Manne mit zitternder Hand überreichte, ihn bittend, den ihrem Lager gegenüber befindlichen Wandschrank zu offnen. Wie enmunle u aller, als sich m liim in Mn Ms geln drehte und er einen Blick in das innere des Schrankes werfen konnte. Wohl geordnet standen da gar mächtige Talmudfolianten und kleinere hebräische Schriften. „Sehtz Schammes", sprach jetztEsther, ihr feucht- WslNMMM m MklM 88s M MW redeten richtend, „das. waren durch die Jahrzehnte meine treuesten Freunde. Sie gewährten mir die schönste Unterhaltung, die Stunden, während welcher ich mich in ihren Inhalt vertiefte, waren die köstlichsten meines weltabgeschiedenen Dasßins. WßNN ich fiißfß S'sorirn - ausschlich, entstieg ihnen der Geist meines seligen Vaters, und er umschwebte mich und ließ mich die Welt rings um mich her vergessen. Vor wenigen Tagen durfte ich sie zum letzten Male aufschlagen, und da war es mir, als ob mir her (Beift meines Kaisers zuflüsterte„öclß sie ruhen, diese Folianten, bald, bald wirst Du neben mir weilen in lichten Höhen, und dann werden wir Beide uns wieder, wie ehemals in glücklichen Tagen, in das heilige Gotteswort vertiefen, aber nicht umgeben von Menschenhaß und Menschenfeindschaft, son- Mrn unlßr Mm hölWU Schoin bm AllßrhöchstM!", „Diese Folianten, lieber Schammes," fuhr Esther nach einer Weile fort, „sind mir daher doppelt heilig. Es ist nün mein Wunsch, daß sie nach meinem Tode nicht in unberufene Hände kommen. Darum wünsche ich, daß sie in die Klaus Mr Mugislalli Pschasst wvfim" _ Nach diesen Worten trat ein tangeres Schweigen ein, das der gespannt aufhorchenüe Schammes nicht zu unterbrechen wagte. Seine Zusicherung, daß er für die gewissenhafte Erfüllung der Wünsche Esthers sorgen werde, brachte er nur nurcll m nmMrlloMs, siurnnM Aopsnickßu zum Ausdruck. Endlich erhob sie ihre zitternde Rechte und zog unter ihrem Gewände einen Schlüssel hervor. „Schammes," stieß sie mühsam hervor, „nehmt diesen Schlüssel und begebt Euch nach oben, ö^rt-ei bas über diesen- .Qimmer befindlich? MlNllH MID MM AMill. MMCl Mr nicht, ich beschwöre Euch! Denn so lange ich lebe, darf es, kein Sterblicher außer mir betreten. Ihr seid der erste, dem überhaupt ein Blick iw jenen Raum und auf das, was er birgt, gewährt wird!"-' Mst rv«chsfnd?rn Esstnnnsg Hafts dss 'Dshammes dm Schlüssel an sich genommen, und er beeilte sich, sich nach oben zu begeben und das von Esther bezeichnete Zimmer zu öffnen. — Und was erblickte er? In der Mitte des Zimmers, dessen Wände mit schwarzem Tuche ausgeschlagen waren, und IN welches das Tageslicht nur wenige Sttahlen durch die nicht ganz geschloffenen Fensterläden zu werfen vermochte, standen stumm und starr zwei Menschengestalten, und zwar ein Mann in der Uniform eines Tscherkesten, und ein Weib, angetan mit einem langen, weißen Kleide. Doch mx öis KlLiöMg Mtösr Gestatten war m MllkNi statt Ms Gesichts sah mau bei dem Weib^ einen duftigen weißen Schleier, bei dem Tscherkesten ein in lose Falten gelegtes, schwarzseidenes Tuch, auf das eine Uniformmütze gestülpt war. Ueber dem Schleier der weiblichen Gestalt lag ein verwelkter Myrthenkrang.- Den alten Stammes durchriefelte ein kalter Schauer beim Anblicke dessen, was sich hier seinen Augen darbot, und er beeilte sich, das Zimmer zu schließen und zu Esther zurückzukehren. Bei seiner Rückkehr rief sie ihm entgegen:;!lun, Schammes, habt - Ihr Euch bas Zimmer angesehen und das, was es birgt?" — „Ja," entgegnete der alte Mann bebend, -„doch was soll dies alles bedeuten?" — „Zunächst höret meinen Wunsch," erwiderte Esther, „den ich als zweiten und letzten vor Euch iMMHkj dann soll! Mr MMruna Uber alles erhalten. Ich verlange aber, daß alles genau so ausgeführt werde,, wie ich es fordere. Ich wünsche, daß man jene Kleider neben mich in den Sarg lege. , „Auch die Uniform?" fragte erstaunt der Schammes. „Ja, auch im Tode will ich mich von ihr nicht trennen, denn sie ist das teure Andenken an einen heißgeliebten Mann. Der grausame Tod trennte uns einst, jetzt wird er uns wieder vereinen! Meinem leiblichen Auae war der Geliebte entrückt, doch mein Geist erschsM ihn täglich in \zimv lieblichen Gestalt. Unsere Seelen hatten sich eng verbunden, ich war und ich bin seine Braut, und bald, bald werden wir uns in den ewigen Gefilden der Seligkeit vermählen!" —.— «Weiß denn djx Sgfft," fM Pst TMOklM nach einer Weile, traumverloren ins Welte bllkkend, fort,, „was mich bisher bekümmert hat? Kennen wohl die Menschen mein Leid und Trübsal seit vielen Jahrzehnten?" — Und Esther erzählte nun dem alten Schammes mit schwacher Stimm« ihr« Liebesgeschichte, offenbarte ihm ihre Hcrgcnsgchcimnisse. Und Mr Schammes, der mit zunehmender Spannung den Worten der Erzählenden geraume Zeit gelauscht, unterließ es nicht, den Bewohnern der Judenstraße, sowie allen, die es sonst hören wollten, das Vernommene in Verbindung mit dem, lvss fsfjen beftrnni war, mitber zu tr* zählen. in. Es war in einer kalten, stürmischen Herbstnacht des Jahres 18 . . . Dunkle Wolken hingen SSZMdvShAttd SM finsteren Mrmanitnit, An den Straßen Berenbergs herrschte eine unheimliche, Stille, obwohl durch die Fensterläden der meisten fast durchgehends einstöckigen und spitzgiebeligen Häuser ein Lichtschein aus dem Inneren drang und noch keiner der Bewohner der Mhk Pflkgikt Man? wagte es NM, das maötfs Wer liuMllllUm nenn iffinnittD ermarMg man die drohende Gefahr ,bic die unruhige Zeit mit sich führte und schon so viel Elend und Leid in so manches Haus hatte kommen lasten. Insbesondere waren es die Bewohner der Judengaste, die mit Bangen und Sorgen den kommenden Stunden entgsgenharrten. üDerm »or wenigen Tagen war wieder in den polnischen Landen ein Aufstand in Hellen Flammen aufgelodert, und Verenberg war der Mittelpunkt der kriegerischen Operationen geworden. Die preußischen und russischen Truppen hatten sich schon vereinigt, um die polnischen Jnsurgentenbanden auseinander zu sprengen. Dkl gaim üMi unD W Dis Mute noch NM m loschene Freiheitsliebe der polnischen' Ration war wieder aufgeflammt ob der auf dem Reichstage zu Grodno genehmigten umfangreichen Gebietsabtretungen an Preußen. In großen Scharen hatten sich die von herrschsüchtigen Agitatoren irre geleiteten Bauern mit ihren an Schäfte aufrecht gefchmre^eten Pensen um llllterosfarr>^fch Führer des Aufstandes, versammelt. Allerorten herrschte Angst und Schrecken ob des entsetzlichen Gemetzels, das in kürzester Frist beginnen sollte. Die jüdischen Bewohner der polnischen Lande, namentlich aber die Berenbergs, waren in einer verzweifelten Lage. Erst vor wenigen Jahren Jmitß eine Anzahl MmiMW Zullen llW umliegenden Dörfer von der Verwaltung Berenbergs die Erlaubnis erlangt, sich im Stadtbezirke niederlassen zu dürfen. Diese Erlaubnis hatte durch schwere Opfer an Geld und Gut erkauft werden mW». Er mvli ijh DWn ZMKm, bestimmte Gaste zugewiesen, in der allein sie sich ansässig machen durften. Die Polen, welche in der Stadtverwaltung das Uebergewicht hatten, hatten längst die Vorteile erkannt, die durch den Zuzug der Juden dem ganz darniederliegenden fsfvsiWtz ftmtffn. War ks v« gu verwundern, daß die Juden Berenbergs bisher aus Gründen der Selbsterhaltung die Zuneigung der Polen sich zu -erhalten bemüht waren? Jetzt, war es anders geworden, denn sie fühlten sich in erster Reihe als Deutsche, und als solche waren sie keinen Augenblick im Unklaren darüber, wem sie in diesen unruhigen Zeiten, da Polen und Preußen mit unbesiegbarem Hasse einander gegenüber standen und darnach lechzten, sich gegenseitig zu zerfleischen, ihre Sympathien zuwenden und betätigen sollten. Der Pslk.lvsr E Mneniflt Der iDnen Die Möglichen gewährte, die mannigfachsten Nahrungsguellen zu erschließen und der ihnen im geschäftlichen Leben wesentliche Vorteile bot. Doch war die Gunst, die er gelegentlich dem Juden zu erkennen gab, durch die Vorteile, die^ dieser ihm Mellemm 9m Usbvlgsn «btt war er unzuverlässig und wenig vertrauenerweckend, und wenn seine mannigfachen Leiden«- schaften ihn ganz beherrschten, dann war der „pschakrew Zyd", der „verfluchte Jude" ein willkommenes Opfer seiner Rauf- und Raublust. Gär m MN llättkn m BuDen Lermöergs in üieftn schwökSN ZsitMdött Pvöüßöü allein ihre volle Zuneigung überall offen betätigt, doch hätten sie in diesem Falle ihre ganze Existenz aufs Spiel gesetzt, da sie nach dem landläufigen Ausdrucke „von den Polen leben mußten". Sie wählten ba{rr bie goldene MMslstraßx MZ MfkN W flistsnttich mtf>t lttttv ein, um sich so »sch bätd^tt Seiton vor Haß und Verfolgung zu schützen. — Diese Stellungnahme hatte ganz besonders der Schänker Aron Bornheim, der beliebteste und angesehenste Jude Berenbergs, seinen Glaubens- MSLikttm und MSN mar willig seinem schStzbSkSN Räte gsfölgt. (Fortsetzung folgt.)