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Der Israelit · 1927-06-09 · Heft 23 (9.6.1927) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 23 (9.6.1927)
Date
1927-06-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 8 Nr. 23 Der Israelit 9. Juni 192? Dr. z. H. Vondi's «Aus dem jüdischen Rußland vor vierzig Zähren". Aus den wundervoll anschaulichen und kulturgeschichtlich bedeutsamen Skizzen, die uns die Hermon Verlags-Aktiengesellschaft in schmucker, zierlicher (Seroanbung mtb jjcäctittgem Druck joeben oorlegt*j> schalen sich für den Betrachter zwei Grundanschauungen heraus: das frühere jüdische Rußland hatte Individualitäten und hatte religiöse Bewegungsfreiheit. Was da belebt vor uns aufmarschiert, sind Sondertypen, deren jeder einzelne doch Kollektivzüge der jüdischen Rasse verkörpert. Da ist der «Maggid", der für eine einzige Aufwallung LMYMWM Stslm ns srs DLU m ncroumci Gelvstdeschetdung das Gelübde auforlegt, von nun an überhaupt nicht mehr zu sprechen. Da ist der Hofwächter des „Gewir". der einfache Mann der eisernen und bedachten Pflichterfüllung. Da ist der 81jährige »Red Hirsch" in seiner trotz aller Leben-fährnisse ungebrochenen jüdischen Heiterkeit und Seelenkrast. Und endlich der ..Teitsch*, diese von köstlich liebenswürdiger Ironie strotzende Meisterskizze von einem jungen deutschen Lehrer, in dM wir rm ößg WMSNSNL sisllsichf kr« verehrten Verfasser seihst vermuten dürfen, der seine idealistische Anschauung von der Macht des Rechts zur allgemeinen Belustigung der Ortsansässigen auch in russischen Verhältnissen geltend machen und durchfechten möchte. Diesen Lharakterskizzen gesellen sich farbige Schilderungen des jüdischen Volkslebens daheim Mv Drauien. KülMnen. Mkilll Dir Mit M „©erotr“ gutgelaunt, legen morgens ein Stück Fleisch ln den Topf und heben» nachdem sie bis dahin aus der Tefilloh gebetet haben, um 12 Uhr den Deckel auf, um zu sehen, was ihre Andacht bewirkt habe, „efscher einen Braten, esscher ein Kotelett, efscher ein Beafsteak, efscher ein Huhn, esscher eine Gans". Ungebundene, aus tiefstem Herzen empordrängende Fröhlichkeit entfaltet sich bei den Hakofoth am Simcbas Thauro. Trauungen finden, unter Musil Md Tanz MgöhinML aus affsnör Sttatzs statt Psalmenklänge und vielfach wiederholte mahnend wehmütige Ruse „Zedokü tazil mimowes" geleiten zur letzten Ruhe. Gesteigertes Interesse weckt noch einmal das letzte Kapitel des Buches, in dem sich Eljokim Z un s e r präsentiert, der sich dem Verfasser mit den rührend natben Wortemjvorstellte: «Ich bin das, was bei Eich is Schillert Nun, wenn das auch "icht gong stimmt, s? Mil mmMM in krn m lwiMst . und treMLcr llcbcmll guuo velgegebeneu Broveu, vir ein Mittelding zwischen Natur- und Knnstdichtung sind, eine ungewöhnlich reizvolle Persönlichkeit und Begabung vor uns, die scharf beobachtet, originell prägt und zuweilen sogar den s»lichten Volkston glücklich trifft, wie in folgender frische^ schollenhaft duftender Dichtung: 3. Majn Dame. BrauoBt nit kam? LM. Kajn Hausmejdchen, kajn bone, Kajn fresser afi'n kark! Sie -darf kajn hut, kajn . feder, Schpaziert nit in die Fßit Rii i» M kirit?. Likersckt frajtig zum mark, Kajn puz kajn far maßkirtin Alejn i am, i wirthin, Un in leid a hirtin, Un is gisund un schtark. 4. Mit johrm. Mir wert a kind giborin, Wert greller mein ... .. hachnoÖe, Ich kauf zu, erd aschtik. In schtot a kind woß merer, Wert dem foter schwerer, Er muß sajn a dgrnglmer. Afi'a hals a sehtfik! Baj mir es wakßln klnder, Wert majn aHbet linder, Und jeder er basiinder, ist far mir a glik. So kann id^ Brot ge währen Den Händlern aller Sphären Schiffern. Kommiffio nären, Und ehrlich ist mein Geld 3. Nicht 'ne Diölli Millll Gattin Stamme, Nicht HausMdchen, Nicht Bonne- ' Nicht Mitesser zuhauf! Nicht Federn hüt sie zieren Nicht in Parks will sie flanieren, doch Arettggs aus htzN Markt zum Kauf. NicktPutz an ihremKleide Kind, Haushalt sind ihr Weide, Sie schafft in Feld und Heide, VollKrastistsie, wohlauf. fi lln« Bfii&öl Die Jahr' ein Kind bescheiden; . Wenn Mein Verdienst sich steigert, Kauf' zu ich ein Stück Erd'. Wenn MllMMDer M mehren. Sie Vaters Müh' erschweren. An seinem Mark sie zehren. Frei atmen er entbehrt. Wenn mir Zuwachsen Kinder. Wird meine Arbeit linder. Das TagivM Mt m schwinder, Je mehr mir sind beschert. tr?T?*n M WMlWHt Ml MM Mll sllgkll, N U ochol tarsutz: denn maachtl türftiß bedeutet, er gebe ö lt hären zu essen, was trefoh ist. —- Hierher gehört auch der überall eingebürgerte Ausdruck „die Sidroh maaoir fein" für das private Durchlesen des laufenden sabbatlichen Thoraabschnittes. Der zitierte-Ausdruck aber bedeutet so viel wie „die Sidroh besottigen." -Nichtig ist die Form „die Sidroh auwer sein" d. h. „durchgehen". Von allen Seiten unbeanstandet läuft der „Diener", MHb«^ndre-de^SynagogenÄi.ene.r"als.,Schammesnmfe-r; -fett oieten -ÖaI»rI)itri5>eTrten ist b-i«je’ und doch M >dbe richnge Form iSchummofch; für Absonderlichkeiten der jüdischen Vulgärsprache. Die Ssoehe. 1: In ßoehe Liegt di masol broche, Der wahrer glik fun lebin. Kajn sach mir nit feit. Eß kumt der frih morgin, Ich darf nit lajhen, borgin. Der mauach darf nit sorgen Auf tog hauzoaus gelt. Eß is on jSegrejt auf winter. A S&ßllc £ |esünier. Ich sej, ich schnajd ganz munter, Fraj in Gottes weit, 2. Fun rajehen. Wer ken sich zu mir glajehen, Wer lebt ruhig gliklich, Wie ich bauer in feld, Git nor gott dem regin, Fil teil gUlc segen r Ich lir achaun sGtmopefl wegen, Chajjuno far der weit. Ich tu lajt ernerin, Mark — lajt un schpajchlerin, Schiferß komißjonerin, Un Jiosclier Is majn Geld. Der Pflug 1. Ans Pflügen Sich Heil und Segen fügen. Das wahre Glück des Lebens. Kein Mangel ein sich stellt. Nicht brauch', bricht an der Morgen Ich etwas wir zu borgen. Nicht tzst «rsis Kspf zu sorgen: Woherzum Leben Geld? Zum Winter steht und weiter Ein Speicher voll, ein breiter Ich sä', ich schneid' ganz heiter. Fest in (ßsUiä QE&IL 2. Die Reichen Sind mir nicht zu vergleichen. Wer lebt so ruhig und glücklich Wie ich Bauer auf dem?keld? GiM eiott nur seinen Regen, Empfind ich Glück und Segen; Wagen Korn auf allen Wegen Fahr ich tritt Nahrung für die Welt- *] Sttts dem jüdtschen Rußland vor vierzig ahren. Skizzen von Dr. I. H. B o n d i. 1927 Hermon 'elisch c ' terlags-Aktiengese! aft Frankfurt a. M. Von Rabbiner Dr. 2tt. Weinberg in Neumarkl (Oberpfalz). WWrfumSö ist (»uiam) sich zuw becfuemän Alltagsgebrauch zurechtzimmert, ohne sich hierbei an die grammatischen Gesetze, die objektive Richtigkeit der gewählten Ausdrücke, ja sogar die Erfordernisse der Logik zu halten. Als das Wichtigste erscheint ihr die einfache, bequeme, anschauliche, meist an gewohnte Betrachtungen anknüpfende Darstellungsform. Alle Sprachen besitzen derartige „Sprachdummheiten", die überdies oft durch ihren unausgesetzten Gebrauch sich allmählich ein anerkanntes ebn-atrcffjt ■erwer&en. Auch ‘ die „jüdische" AlllagsspMchie, d.' h. die mit hebräischen Worben durchsstzts Sprchas des Umgangs und die des rituellen Lebens, zeigt reichlich solche tief eingefressenen „Dummheiten", die teils auf Sprachnnkenntnis, teils auf Gedankenlosigkeit beruhen. Wir wollen hier nicht öfter vorkommenhe Fehler heranziehen, die ohne Weiteres als solche offenkundig sind. .So z. B. wenn eine Fra-u tagtäglich mit tiefer Andacht im Morg enge bet den Segensspruch schelau ossani ischoh sagt, oder flar — tote ich |efb|t mit ©ntjegen tjoven mu|te — ein Privatmann als Jomkippurchaian scheossani ischoh (auch icheosiani nochri usw ), oder daß jemand an ascham mezauroh die schauerliche Bildung ascham tolui anschließt (statt oschom). oder daß jemand die naive Frage an den Rabbiner richtet, warum in der Thora die Sabbatentweihung gerühmt werde und aus die verwunderte Gegenfrage, wo dies geschehe, antwortet: „In der Hastauroh steht doch schaumer schabbos m'halslau (richtig: mechaleinuj> "Wer den <Sa£>6at richtig ^-ertten roill^ mu^ ifjn kUMsihM,' . Wenden wir uns. vielmehr der in unfersn Betrachtungsbereich gehörenden Gruppe der in weiten Volksschichten fest eingenisteten „Sprachdummheiten" zu. An der Spitze stehe ein eines gewissen Humors nicht entbehrendes Musterbeispiel. Wenn jemand, mit überlegener Geste und majestätischem Selbstbewußtsein seine verächtliche Ansicht über eine Gruppe von Rebenmenschen zum Ausdruck bringen will, mit dnen er umgeht, so kleidet er sie (im südlichen und westlichen Deutschland) in die Worte „Ich kenn mein amche". das soll heißen „Ich reim mein. Best“: oettcr NN um M krüsien llhjttttt dieses Satzes. sofort erkennen, wenn er sich erinnert, das amcho „Dein Volk" bedeutet. 'Die übliche Bezeichnung des Schofarbläsers ist baal tok^ea, des Thoravorlesers baal kauve. Beides ist falsch. Baal heißt etwa „Besitzer, Herr über u. dergl." Wir hätten also hier einen „Herrn über den Schofarbläser oder Vorleser." Richtig ist die einfache Form tokea und kaure ööklmm man aar flau Wan Saal NW YMHM will: wMgswns baal wnoh unv Baal kmoh. n Von einem, der die Speisegesetze Übertritt, pflegt man zu urteilen, er sei maachil tarfuß, d. h., er „esse diese Mißbildung gibt es keine Erklärung. Grammatisch durchaus falsch ist' die Bezeichnung des kleinen Zizißgewandes mit arba kanfauß; dieses fft die Konstruktusform und nur berechtigt, wenn ein.eng verbundenes Wort unmtttelbar darauf folgt,—, etwa' arba kanfauß hoovez. Offenbar spielt die Erinnerung:rm diese bekcrunre M Al MWMM ÄS MZ Ierö mit. Der Datmrö) löinigermaßön MtschttMät« ist. Die richtige Bezeichnung ist arba kenosauß. . Direkt schöpferisch zeigte sich der Volksmund bei der Wahl des Wortes „Schnodern". Bekanntlich wird damit das Geloben einer. größeren oder kleineren Geldsumme, für einen edlen Zweck seitens .eines zur Thora Gerufenen bezeichnet. Man muß sich hier in die. Stimmung der scharf aufhorchenden Gemeindemitglieder versetzen, &<i.e Q-efawmmf hier &umme fyarri, meiere ber Ch<rs>crrt rt<icfy mii oerljäliett ^e|jn‘o<^>en!en sche-no-dar . . . nennen wird. Dieses Wenodar, durch ewige Gehörübung vertraut- .verursachte die Bildung ichnodern, statt des einfachen „nodern". Letzteres würde eben einK,,Gelten". bej.MMnd/ Wiem Anlaß bedeuten; chnodern ' hat aber einen ganz prägnanten Sinn, das „Geloben" bei der Thora. Und darum kann man diese Wortbildung allenfalls auch gelten lassen. ifl £u4> &te äUg.e:meine ÄuffnssunH, 9R<i|ol h!e Sebeuiung POH hahe. 'RslNi masol heißt «Schicksal7, auch der „besondere Stern"/ unter dem ein Mensch steht. Es ist hier nicht der Ort, dieses des Weiteren auszuführen. Cs gleicht dem lateinischen Fortuna, oas ja auch nicht, — nach der üblichen üAnnachne - — „Glück" bedeutet, sondern Schicksal. Darum istMäsol tow nicht etwa (wie man zuweilen behaupten; hört) falsch, als Tautologie, sondern eine: durchaus richtige Bildung. Auch Zitate von Texten -erfolgien oft falsch. . chiarHev getzovt g. B. bas vtessactz sirchav'» tiichp tlg ist (nach Ps. 45). Alle bisher behandelten Absonderlichkeiten der Vulgärsprache beruhten durchweg aus unbewußt,falscher Auffassung oder Erkenntnis. Es gibt aber eine jüdische Vulgärsprache im besten Sinne, die -mit vollem Bewußtsein sich der Abweichung -vom .eigentlichen Wort- und Sprachsinn bedient und grade, hierdurch die höchste Wirkung aus diejenigen erzielt,' zu ' denen sie fprm, nämim Die MM MM im Ällill üllMiMni Dien Bolfes. (»iß ßrmifft sich auf litfm Wege ml einfacher, sicherer und erfolgreicher Verständnis. Man^ schaut m unausgesprochenem gegenseitigen Verstehen über den „Sprachfehler" hinweg und hat sich gleichsam stillschweigend in jahrhundertelanger Anwendung auf die Heranziehung der scheinbar sprachlichen Unkorrektheiten geeinigt, die denn auch in großem Ausmaß im talmudischen und nachtalmudischem Schrifttum sich unbeanstandet BllvgsrvscHt errungen fyaben, gurn Teil nuch fe-t&ft in Wr sfkttigkn öiiwvgle, Nehmen wir als Musterbeispiel die nnro, Jedes Kind weiß, was wir rituell darunter verstehen; und doch hat das Wort eigentlich einen ganz anderen Sinn, denn es bedeutet „Türpfosten". Das Wort Mefusoh ist uns eben durch das Sch'magebet so geläufig, daß wir es in unmittelbarer Jdeenaffoziation bei Nennung feines Namens mit dem dort an es sich anknüpfenden Gebot in Verbindung fetzen. Dccs hcct isrsfen ülamcti von ben 18 vi-n-, aus Wnrn es hestenht. Obwohl es an dcn Festtagen deren nur 7 oder 9 enthält, wird auch für diese der, gänzlich falsche, Name beibehalten, weil er durch tägliche Uebung geläufig. Ja, auch für die Wochentage paßt er nicht mehr, denn wir haben jetzt 19 /vo-n; er hat also seine Bedeutung eigentlich vollständig verloren. Man hat eben in stillschweigender Vereinbarung die Weiterführung de.r^ ursprünglichen Bezeichnung als zroeckdienlich erkannt. Lieicr Mllichwcigcndm UiPöercmtiHiit Mmüß. tniTctj präzise Ausdrücksweise in knappster Form, eine prägnante Vegviffsbestimmung zu erreichen, entspricht 'auch die Art der Zitierung einiger Verbote aus der hl. Schrift. Was das Verbot -s- «- und.•>' für Peffach im Sinne des Talmuds bedeutet, wissen wir ohne weiteres. Die Zitierüng erfolgt abier, entgegen dem Schrifttext, in dev Regel mit bi und «s»-s.". und durch dieses werden diese Schriftzitate so spezialisiert, daß wir auch ohne ausdrückliche Nennung des Pesiachfeftes jedesmal ofort erkennen, daß sie sich auf das Chomezverbot an mm FW DWW fallen. NW UM MM ÄllWl von Verboten wirb durch diesen Gebrauch von ^2 vereinheitlicht; im vierten Perek von Bikkurim (Androgynos) werden 3 nebeneinander erwähnt. In Deut. Kap. 29 Vers 8—10 wird gelehrt, was zu geschehen hat, wenn jemand gegebenenfalls die Schwagerehe nicht vollzieht. U. A. muß die Schwägerin ihm den Schuh ausziehen, - anschließend an dieses Wort kkllM man Dtititn M EMlizast m inimuö mirD \mt DDmoMß (Mbßn öfMßm mit wMsvgsgsben, als wenn' er, und. nicht sie, den Schuh auszuziehen habe. Es spielt hier jedenfalls das' psychologische Mo-

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