Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1927)
- Date
- 1927-05-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Israelit Dm? 1927 Das Wunder mit der Weinflasche. Don S. Izchaki. (Fortsetzung). 2. an f rioannng!. Die Winde wurden wärmer, der; Boden lockerer, der Fluß vollkommen eisfrei. Die Dampfer und Frachtschrauber segelten wieder rauchend und fauchend stromauf nach Kowno und stromab nach Preußen. Im Chederhause von Jisroel . Jankel standen an den neuen Streitern, drs auf Klötzen zu Tlsltzen erhoben wurdenzwei Dutzend wnb wnB walzten fleißig die kleinen Teigstücke ZU platten Scheiben aus, die Wulfe der Bäcker, der mit flammendem Gesichte an der Glut, wie der Engel Duma am Höllenfeuer, mit langem Schießer stand, hurtig in den Ofen setzte, um sie bald als fern durchlöcherte Mazzoth in die Körbe zu legen. Sag unb fWb §4^ tHt großen Backofen nicht still, und die Parteien der Backenden kamen und gingen, die Frauen und Mädchen blieben, walzten und walzten und sangen, um ihre Müdigkeit zu verscheuchen, in schrillem Chore Lieder von Zunser und Goldfaden. Das große Fest rückte mit jedem Tage näher heran. Es gab keine Frau mehr im Städtchen, die nicht rnit verrußtem Gesichte eilig und abgehärmt, als konnte fie ben Sfnftfjfufj versäumen, mit Besen upd Scheuertuch sich auf etwas'warf5'Diö zwei -Weißbinder im Städtchen wurden fast in Stücke gerissen, mit ihrem Kalkeimer und Pinsel von Haus zu Haus gezerrt. Das große Fest war im Anmarsch. Die besonnenen Männer runzelten die Stirn uhö gaßon in WMMDmfH imD liaus, wotiin sie sich vor den Ättacken der auf Böden und Möbelstücke losgelassenen Frauen flüchteten, berechtigten Besorgnissen Ausdruck. Die Luft um die Osterzeit war von jeher von Gefahren geschwängert im jüdischen Städtchen. Man wäre gern bereit gewesen, alle Kinder der wenigen geistlichen gamilm in Der AnßenflM in ligM vollen Schutz zu nehmen, daß keines an diesem Tage das -Elternhaus verlasse. und sich irgendwohin verirre. Denn draußen vor dem Tore irgendwo in einem dunkeln Verstecke lauerte wieder der Dämon des Blutmärchens, zu jeder Stunde bereit, sich unheilbringend auf die sauberen, frisch gescheuerten jüdischen Häuschen zu stürzen. Allein es gab keine Vorsichtsmatznahmen gegen diesen Dämon; jede Handirniff ptte Mt Mtt Die MslM MllllMlWijlßij können. So schwieg man, fürchtete sich und vertraute auf Gott, der ja immer geholfen hat. Nicht von den Bauern der Umgegend drohte die Gefahr, es waren ungeschlachte behäbige und im Grunde gutmütige Menschen, die über die Ackerscholle hinaus als Ideal und Ablenkung nur «sH-i Lstt SHUWS kssntsn. Ms mann Dom JuöM nicht gerade übel gesinnt, konnten ihn kaum einen Tag für den Absatz ihrer Produkte und die Deckung ihres Lebensbedarfes entbehren. Aber in der Trunkenheit war auch der Bauer eilt: stummes, stumpfes Instrument, das je nachdem;. wie und von wem es gehandhabt wurde, Tod? und Verderben bringen konnte. Die Gefahr drohte aber von anderer Seite. Den MMlen Gtrom Wall Tömrammen Bis Flöße in solcher Fülle, daß sie sich oft stältlett und die ganze Flußbreite wie eine Brücke ansfüllten. Die Flöße kamen von oben aus der Gegend von Grodno, Minsk und Bialistok über Kowno hinunter. Die Flößer, halbvertierte Holzarbeiter mit Lappen an den Füßen statt Schuhen, kamen zu Hunderten ins Städtchen, kamen aus weiten Gegenden, zumeist aus Wolhynien und der Ukraine, wo Ueberfälle auf 8uben zu den ^chrmüng?n Bel Jjll}8?$8n. Man sprach davon, daß viele Hunderte dieser Menschen um die Festtage im Städtchen Rast halten würden und daß einige Russen im Gutshof des Knias mehrere Tonnen Schnaps bereitstehen hätten, um diesen Arbeitern eine kleine Volksbelustigung nach gut heimischer Art im litauischen Neste zu bereiten und gegen die tzÄm MHrlmuy, 8» Hq vor Ortspolizei, zog die Achseln und wußte aus vorsichtiges Befragen von nichts. Pawel fuchtelte mit der Nagaika und sagte zuversichtlich: „Die sollen mir einmal kommen", und war im übrigen fest entschlossen, sich die Mazzoknödel der Juden um keinen Preis nehmen zu lassen. Boris, der 0Nesc^>urned, ^ak> strvas finster darein, als trug er ein furchtbares Geheimnis unter feinen Lufen Augenbrauen. Mit ihm darüber eine Unterhaltung änzuknüpfen, schien keinem ratsam. So kam der Rüstetag zum Peßach und dann der Abend, der erste Sederabend heran. Als man in die Synagoge ging, drang vom Flußu^ey der ©ejartg der ^flöj^er gu den grillen Tönen einer Harmonika. Cs war noch früh am Abend und die rechte Stimmung hatte sich bei ihnen noch nicht eingestellt. - In der Schul konnte Rabbi Mausche, der Rabbiner, Mattes der Gemeindevorsteher und Bonner, der Advokat (man nannte ihn so, weil er sich in den russischen Gesetzen auskannte und die jüdischen Matrikel führte) die Gemeinde beruhigen. Sie konnten MMiklh fcfff) sik?f bei «ttt eines ansehnlichen Geldgeschenkes fertiggebracht hatten, daß er auf alle Fälle nach Kowno Meldung machte. Von dort sei angeordnet worden, daß sich eine Abteilung des in der nächsten Kreisstadt stationierten. Kofakenregimentes in der Peripherie des Städtchens für alle Fälle in Bereitschaft halte. Frc!!!td maxien bis Ijemn dmgnAgen trafen damit die Gefühle aller, daß diese Wirkung nicht beabsichtigt war. Ein paar tüchtige Polizisten aus der Provinzialhauptstadt wären in diesem Falle der Sache dienlicher gewesen. Mit ihnen hätte man reden können, denn Poli- ,nften toaren Litauer, von den Vervohnern des Lundes, mit denen man ficf) aüc Zeit gui verstand. Kosaken zum Schutze der Juden, das war eine eigene, gefährliche Sache. Man wußte nie, gegen wen sich ihre Ragaikas und Lanzen richteten. Am Ende waren es Landsleute der gefürchteten Flößer am Ufer, mit denen sie trinken würden. Man wußte, daß K o r n. o s s o f, der Gutsverwalter, der Anführer der Echtrussen, bereits mit dem Hetman der Kosaken Brüderschaft getrunken hatte. Michalowsky war auch dabei un! Wie beim Spill B$l den Juden erhaltene Geld verloren . . . Pawel hatte all dieses ausgeplaudert. Man schloß die Türen von innen gut ab, als man sich an diesem Abend in den jüdischen Häusern zum Seder setzte. 3. „Man öffne dis Törs^ Hinter gutgefchlosfenen Türen hielt auch Mattes Feinberg im einzigen stattlichen zweistöckigen Steinhause des Städtchens, unweit des. katholischen Klostergartens, seinen Seder ab. Feinberg war reich und angesehen, ein „Gewir" mit allen Rechten und Pflichten, 1 die sich aus diesem Titel für den Magnaten des MMHenZ ergMn- Dm HsW krsfßn TMrBis ErlreMe, der Rabbi im) dev Aufgeklärte, der Student und der Bochur und es war belebt von einer frohen Kinderschar. Die verheirateten Kinder wohnten am Platze, zum Teil mit ihren Kindern im Hause. Mattes selbst wurde in zweiter Ehe in vorgerücktem Alter noch mit prächtigen Kindern beschenkt, die zum Teil jünger waren als ihre Neffen und Nichten. Es herrschte Wohlhabenheit, Glück, Freude und Frieden in diesem Hanse. Die MH MH anien MMlMM: Mör wöchentlich am Donnerstag war offizieller Almosentag, an dem den ganzen Vormittag Spenden für den Sabbat ausgeteilt wurden. Alle Unbemittelten im Städtchen erhielten bei Mattes Feinberg ihren Sabbatwein, ihre Mazzot zu Pesiach. Am zweiten Rosch Haschono-Abend pflegten der Rabbiner und angesehene Freunde s!H Mi MlMkZ Dir MM für holen, goldbraune Trauben, die er in ganZer Kiste aus Deutschland bezog, aus Gegenden, von denen man sich ganze Märchen erzählte, sintemalen jeder den W e i n st o ck aus Bibel und Talmud wohl kannte, keiner aber ihn j«^ mit eigenen Augen blühen sah. Auf alle Fälle'mußte es ein großer. gewaltigerVaum sein, noch öl- Be*? MsMrum auf Ban WeDPs. der, der Himmel weiß durch welches Wunder, die schönsten, größten rotwangigen Aepfel der Gegend zeitigte. Der Rabbiner, Rabbi Moschele, pflegte die Traube wie einen heiligen Schatz, wie ein Jnsignum köstlichster Gottesgabe, nach Haufe zu tragen, sie hochzuheben, liebevoll zu flMchM imö in sieten Worten feinen Hang? genossen das Lob dessen zu preisen, der solche liebliche Frucht, die Gott und Menschen erfreut, in irgend einem Lande wachsen läßt. Wenn er dann nach Kiddusch behutsam Beere für Beere abmachte und den Hausgenossen reichte, pflegten alle den Segensspruch nachzusprechen mit größter Andacht, ohne ein Auge von den ihnen zugefallenen zwei oder drei Beeren abzuwenden, wie y iirftn MMMNir, tat ffiffl HUt IfR; mal im Jahre, und nun vielleicht zum letzten Male, genießen durfte. Mattes Feinberg, der reiche Holzhändler, versorgte das Städtchen auch das ganze Jahr über mit den nützlichsten Dingen. Die Gemeinde, deren Etat ein dauerndes Defizit, wenn auch nicht in semmmm datjlm auf mm mr imnm in der Schuld von Malles. Er streckte vor die rückständigen Gehälter für Rabbiner und Chafen, die Gebühren für die Schächter, lieferte Holz und Kohlen für das Gemeindebad, und mit seinen Leistungen wuchsen die Erwartungen und Ansprüche. Er fand das alles ganz natürlich unü mm siH in feiner Me ats Mer Der ®er meinbe nicht gerade unbehaglich. An seinem Seder nahmen auch die Intellektuellen des Städtchens, die sich das ganze Jahr über etwas fern vom jüdischen Leben hielten, teil, wie Bonner, der Advokat, Scholz, der Doktor, Soloweitschik der Apotheker, und Weißbrod, der bei Feinbergs und in andern vornehmen Häusern die Kinder in allen Sprachen und Wissenschaften der Welt unterrichtete. Neben Hmn mm nllMich Mtz nistst bochur und der Porusch (jüngere und ältere Thorajünger, die fremd am Platze sind). Auf dem weißgedeckten Tische leuchtete fast alles Silber und Gold der Familie im Lichte der vielen Kandelaber und glitzerten Kristallgläser. Man unterhielt sich zwischen den einzelnen Hagadastücken auH nöer meftneoe Dinai QgDümnrt amu üMr die üage, die panische Angst inr Sladlchen, die Gefahr, die vom Fluß her, wo das Treiben der fremden Holzarbeter immer lauter und lustiger wurde, drohte und über die vielleicht noch größere Gefahr vom anderen Ende, der Wiese vor der Stadt, wo sich die Kosaken mit ihren Pferden und Lanzen „zum Schutze des Städtchens" niedergelassen hatten. Michalowsky, der P?lWl f? *!? 5?yr?n M h.v nehme eine unklare Haltung ein, sehe in letzter Zeit den Juden nicht offen ins Auge und flüchte sich im übrigen hinter die Ausrede, ihn gehe die Sache nicht mehr so sehr an, nachdem von Kowno aus der Schutz des Ortes in