Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Der Israelit 14. April 1SL7 Nr. 18 DMe 13 zu-Ende, er hatte nur die Wahl zwischen Erfrie- . ren und dem Tode durch Kosakenhand. Ob die Hütte ihm, dem Juden ,gehöre, fragte er. Juden pflegten Mitleid auch mit ihren Feinden zu haben. Er aber sei nie ein Feind der Juden getoejeit. Selig überlegte eine Weile. SommtUt 33«wev ins Haus, dann ist das Schicksal des fliehenden Kaisers besiegelt, denn er, der Bauer, läßt sich den auf den Kopf Napoleons ausgesetzten: Preis nicht entgehen. Es galt, rasch zu-handeln. So nahm er Napoleon an die Hand, führte ihn zUm Heuboden hinauf und versteckte ihn in einer Ecke. Er wußte, daß der Bauer um diese Winterszeit ößn Mm nicht zu mmm mmkt Zwei Tage blieb Nasiäl^Stt SbS» 4M BLksiötte, und Selig brachte ihm heimlich Nahrung hinauf. Dann aber, als am dritten Tage die Kälte etwas nachgelassen hatte, verließen sie bei Nacht und Nebel alle drei heimlich das Haus und nahmen den Weg nach dem Heimatdorfs Seligs: Hier konnte er vor den Nachstellungen der Kösacken sicher sein. In der Gesellschaft des kleinen jüdischen Pächters und seiner Tochter würde keiner dssrr |rarijjöjl|<^e» 5Sai|er Sas Wiedersehen in der Familie Seltgs rourire gefeiert wie ein großes Fest, Lei-dem es Viel . Tränen und. viele Dankgebet^ , gab für - den Höchsten, der sie alle mit sicherer Hand Lurch .schwere Gefahren geleitet und Wohlerhalten zusammengebracht hat. Der mitgekommene Fremde . wurde freundlich behandelt. Auch von den Haus-! gkNllM MW iilÖ'.'Ä *te]eri Fremde war. Channa ging nach Wllna, wo sie -einige Don den versprengten Begleitern Napoleons ausfindig machen konnte. Zusammen mit diesen konnte 'Napoleon nach einigen Tagen die Grenze erreichen und sich in Sicherheit bringen. Beim Abschied sprach Napoleon zmn Juden-: „Erst in deinem Hause erinnerte ich mich, schon einmal hier gewesen zn sein and des Borganges mit Werner ich tyäbt flittfjtB M bereuen. Es ist alles göttliche WgunH." Hätte ich dich damals nicht mitgeschleppt, ich hätte wohl -den Heimweg nicht mehr gesundem Nun kehre ich in mein Heimatland zurück, um meine Macht von neuem aufzubauen. Ich weide dir deine Wohltaten nie vergessen und deine GlauLensbrüder sollen stets einen Freund an mir haben." * * * Wenige Wochen später war Thanna glückliche Braut ihres Auserwahlten, des Sohnes von Sender Joels, dem Pächter im Nachbardorfe. Ob es Napoleon gelungen war, seine Macht wieder aufzubauen, darauf mag die Geschichte Antwort geben. Channa mit,ihrem Manne bauten' Mm%, ML MWß Müll auf imB genossen es zum Segen Vieler bis ms hohe After, da sie Haus und Aiwefen ihren wohlgeratenen -Kindern -überließen. Lin Leder in Schanghai. Vm A. T. Auf dem ganzen Erdenrund dürfte es keine trvkeimaitonalÄ- Gemeinschaft geben, wie sie die ' ' ' ' » «• ocq i ff r*:•••! Stadt Schanghai darflellt. ussiziell gehört Die Stadt zu China, aber fast sämtliche europäischen Staaten^ebenso Amerika und Japan besitzen dort ihre Mertel, ihre vermögenden Konsulate, eigene PoA eigene Gerichte, und heute wehen die Fahnen der Kriegsschiffe eines jeden dieser Staaten im; Hafen, allezeit bereit, mit ihren Geschützen bfe\ l^rerrtfcert Qtx schühen. Sttt ütustänböV ZU feilt, galtXln Schanghai immer schon als gute 8e!>ensverfiäjerung. Der Handelsverkehr in Schanghai ist ungemein ^roß. Die Einfuhr beziffert sich auf ungezählte Millionen, denn die 400 Millionen Chinesen im Jnnenlande beziehen ihre Ware samt und sonders aus dem Auslande, und alles geht bvtrd^ bett Schanghais? Hafen, Kein Wunder ebenauäi eine an^hnli^? Anzahl von Juden aller Länder, ja aller Farben, aller Erdteile in der chinesischen Hafenstadt konzentriert' sind. Neben, weißen Juden aus Europa kann man hier schwarze und braune aus Asien und Afrika sehen, abgesehen von den paar Tausend gelben chinesischen Juden, die sich im Aussehen, Farbe und Tracht von den Chinesen kaum unterscheiden. Eine große Rolle in Schanghgj spulen SU ZMtt aut 3 h ü i a n, öornQömliö) aus Bombay und Kulkutta, die Grohkaufleute und zum Teil vielfache Millionäre sind. An der Spitze dieser Gruppe steht ein Magnat, namens D a v i d E s r a. Eine ganze Straße, deren Häuserfronten ihm gehören, wird nach ihm genannt. Seit Jahren hat er seinen Sitz im Rate der Fremdercstadt und ist Präsident der indischjÜ^ifchsll Gemeinde. Im Hause Des David ®sra war äh Gast «m Sedertische, als ich voriges Jahr zu geschäftlichen Zwecken die Peßachtage in Schanghai verweilte. Als ich abends den Gartenhof betrat, kam ein schwarzer junger Mann in schöner Uniform uns mich zu, reichte mir die Hand und stellte sich auf Hebräisch vor: „Mosche Salomo von Algier", „Offizier in der französischen Armee," setzte er auf französisch hinzu. Beim Eintritt ins Haus empfing uns ein WListgelleidelLi Chinese und füjfrie uns in einen prunkvollen Salon.. Hier wurde ich vom Hausherrn und bemtzereits anwesenNen Gästen freundlich begrüßt. Mählich sammetten . sich auch die anderen Gqste, eine bunte Gefellschaft von weißen, -(schwarzen -und rgelben Männern und Frauen in reichen Festkleidern, die in allen Farben schim- MßkkMl Bscante und O^iere. Es herrschte Merans .gehobene östliche Stimmung im Hause, ober von einem Seder und dergleichen war noch nichts zu sehen. (Ein (breitschultriger Mann, wohl ein Fünfziger, setztesich zu mir und sprach mich auf Russisch an. (Es war ein Buchaver Jude, der bis zmn (Kriege in Turkestan eine große Fabrik besaß und jetzt tritt 'Familie in Moskau lebte. Wir sprachen (von (Rußland und den Umwälzungen, IM Bitiall BtvpjjBHpi finO. Als die Uhr acht Schläge von sich gab, wurden wir vom Gastgeber in den großen märchenhaft geschmückten Speisefalon geführt, wo die langen Tische festlich gedeckt waren und sich eine Prachtentfaltung unseren Augen offenbarte, die im Lichte (der (huridert Lampen geradezu blendend wirkte. Chinesische Bediente wiesen jedem Gast seinen "Platz zu, vor jedem stand auf dem IW Ms mm \\mim MWMf. ggf Will Seder gehörte, ba^u eine Flasche Karmelwein und ein silberner Becher. Jetzt trat ein Greis mit wallendem Barte in buntem orientalischen Tatar ms Zimmer. Alles erhob sich ehrfurchtsvoll und rief (dem Alten im Chore ein „Baruch Haba" zu. 55er Stile rta^rrt Jerrtett auf f&iffetl und Setten ein, zu feiner Nettsten fast Der Hausherr, der Platz an ferner linken Seite blieb leer. Auf der Karte, die vor dem Alten lag, las ich die hebräischen Worte: „Chacham Rabbi Jizrak den David m'Bagdad". Die drei Mazzoth lagen vor jedem nicht wie bei uns aufeinander, sondern hübsch nebeneinander und trugen die hebräischen Buchstaben '•»-h-'W Man konnte also von rechts nach links „Schadai" lesen. Der Chacham sprach Bflg f IDHffljpM, m m ppfr lkffk lMWM und wir tranken den ersten Becher. Chinesen in weihseidenen Gewändern reichten uns in silbernen Geräten Wasser zum Händewaschen, andere Diener brachten uns unbekannte Kräuterarten. Der Chacham rezitierte nun das „Ho Lachma" in der üblichen Fassung, was der Hausherr auf Arabisch wiederholte: so ging es dreimal, vWrenüem ein jÜüpj?!? 58$ 818 §8derfchüsfel des Chacham im Saale herumtrug und sie jedem für eine Sekunde leicht auf den Kopf stellte. Wie dieses vorbei war, klopfte es an die Türe, ein junger Mann, umgürtet mit dickem Wanderstabe in der Hand und einem Beutel auf den Schultern trat ins Haus. Der Rabbi sah ihm ins Gesicht und fragte: ,MPl' f38M 8i8 38|UÖlT „Direkt aus Mizrajim," gab der Jüngling zur Antwort. „Bist du nun befreit?" „Ja, ich bin nunmehr Ben Chorim". „Und wohin geht der Weg?" „Rach Jerufcholajim". „So erzähle erst die Wunder der Befreiung und des Auszuges," befahl der Chacham. > Daraus sem sich M MiWlig Ms zur Linken des Rabbi und begann Mit dSM ÄDk-r trag der Hagada in arabischer Sprache. Alle Gäste, auch diejenigen, die kein Wort davon verstanden, hörten aufmerksam zu. Mit dem zehnten Glockenschlag trugen chinesische Diener die Speisen auf, ein reiches Menu, aber bestehend aus Nummern, die der Europäer nicht kennt und die ihm zum Teil auch wenig -Älrverröl und jjlieLlü Dil DSU fetten und süßen Speisen eine große Nolle. Gespicktes Lammfleisch gab es in allen Variationen und die köstlichsten orientalischen Früchte erschienen zum Nachtisch. Dann gab es noch eine Ueberraschung. Der A f i k o m a n wurde in der Weise verzehrt, daß der Rabbi die versteckte, halbe Mazzoh in ein großes weißes Tuch wickelte, das Tuch dann über die Schulter nahm und so, den Stecken in der Hand, durch den Salon auf und ab schritt. Im fflßBin afi er Din ’iififoman. Biele iMMuns sollte den Auszug markieren. Dann setzten wir uns zum Hallel-Gebete. Die bei uns bekannten und beliebten Schlußlieder blieben aus, dafür gab es andere Gebete und Lieder und symbolische Handlungen, so daß wir erst um drei Uhr nach Mitternacht uns zu Fuß nach Hause begaben. Andere ließen sich mit der Sänfte nach ßäwfe förjen, Wir wollen hoffen, daß auch dieses Jahr in der kriegsumdräuten Fremdenstadt von Schanghai die Juden, jeder Teil nach altem Väterbrauch, in Ruhe und Sicherheit ihren Seder feiern können. Aus meinen Kriegserinnerungen. Äon 3. Blum, 3chenhaufen. <S ■& b e r a b e n b 1018. „Lau es.vwaufenu bilwad goal hakodaufch doruch hu elo af osonu 30x1t ..." . . . Der Feind war in diesen Tagen immer nervöser geworden und streute den Wald und das Hintergelände täglich mit Schrapnells und Granaten ab, mitunter sogar ganze Feuerüberfälle. vornehmend. Dazu schoß er Gas, sowie eine eigenartige Granatenfüllung, die wie Schwefel lange hellauf brannte und selbst nach Tagen noch fortrauchte, wenn die befeuchtete Masse von der Sonne beschienen wurde. Für unseren Sport — Abkäsen b-er Fnhrnngsrrnge - bot sich formt rsrrk)ll<hss SJtaterial. Das Petzachfeft kam heran. Von Kameraden erfuhr ich, daß die Israeliten der anderen Kompanien Mitteilung von einem Feldgottesdienst erhalten hatten, der in Avricourt abgehalten werden sollte. Ich erbat mir deshalb von meinem Kompaniefeldwebel Erlaubnis und Ausweis, um dorthin für einen Tag wenigstens beurrau£>t gu »erben. Örtgioijcf,en mürbe!>euifcf,erfeiis roicber eine CNundnug gegen Cmbcrmcuil geplant' und ihre Ausführung auf den 27. März, eine Minute nach 12 Uhr nachts verlegt. So konnte ich, trotzdem ich Erlaubnis und Ausweis schon bei mir trug, an dem Gottesdienste nicht teilnehmen, denn ich mußte in jener Nacht — Crew Peßach — mit den drei anderen Gewehren meines Zuges auf Embermeuil Sperrfeuer abgeben. Um die Zeit, da die Lieben zu Haufe die letzten Vorbereitungen für die Sederfeier trafen, brachten wir unsere Gewehre auf der Höhe links der Straße Hausse—Embermeuil in Stellung, dann gingen wir wieder in unseren Unterstand zurück, einen SDiarxrr als Pc-ftc-n auriiettaffenb. Dis Stunben, bis bis zum Beginn des Unternehmens noch verrannen, verträumte ich m der (BtinrnturtQ an das Elternhaus und an die alten, trauten Erzählungen der Hagadah. Der „Franzel" streute indes das Geländo^ weiter mit Schrapnells und Gasgranaten ab. Als wir gegen 12 Uhr zu unseren Gewehren kamen, waren diese von den kleinen Trichtern der 7,5 Zentimeter-Geschosse umkränzt. Ein Blindgänger war unmittelbar einen halben Meter vor dem rechten Nachbargewehre, ein zweites unmittelbar hinter bemfeliren einqefdrlacxen. Wir •ihm.. ,). ... 1 S fl sahen uns einander an. Das konnte gut weiden. Schnell wurde geladen, Visier und Strich noch einmal geprüft und die Munitionskästen geöffnet. In fieberhafter Spannung erwarteten wir das verabredete Zeichen für den Beginn. Plötzlich flammte irgendwo eine rote Leuchtkugel auf: „Dauerfeuer!" gellten die Stimmen des Zugführers und die der Gewehrfeuer fast gleichzeitig. Als fei die Hölle losgelassen, zeterte, schrie kreischte, dröhnte, pslfs und heulte ein ungeheurer Orkan von 24 ratkrien xin* -alXerr Seiten los. uushörltch: gcwaMgc Mtncn fausten in die Lüfte und tanzten in dämonischem Bacchanal auf die französischen Gräben nieder. Ein brodelnder Hexenkessel, der Rauch