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Der Israelit · 1927-04-14 · Heft 15 (14.4.1927) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 15 (14.4.1927)
Date
1927-04-14
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Nr. 13 Der Israelit ■s I i -I ■li I Reiz. Und wie der Knabe so sinnend dem schwankenden Flug des Schmetterlings folgt, da fallen ihm „Sederblümchens" süße Märchen ein: DuftM TksLNltkU, -lk m ^osknHlüttern J^Iafen, aus Müiglöckchsn trinken, auf Lilien und Tulpen tanzen, auf Schmetterlingen reiten und in Tautropfen baden. Wenn jetzt „Sederblümchen" erschiene, dann wäre dies entzückende Bild vollkommen. Und wie der Knabe dies noch denkt, huscht auch schon flüchtig die Gestalt des Kindes durch die Stube. Sie nähert sich dem Tisch, und da fallen tausende farbiger Lichtreflexe über ihre Göstält. iis. uräv ii« Rsgsnboggn in taufonD Splitter über ihr zerschellt. Und die Harden küssen daswellige Haar, die Stirn, die Schulter, und „Sederblümchen" gleicht jetzt einem Engelsbilde; und wie sie die großen Augen gegen die Gläser des Lüsters erhebt, liegt ein Stück des blauen Himmels in den geweiteten Pupillen. Dann eilt sie wieder davon, einer Vision in Kindesgestalt gleich. Erew Peßach waren Kinder zu Hause gewöljlllich im Wkgki HmMMig daher die Eltern ertten Ausflug in dsn nahen Wald, von wo sie die ersten Blüten und „Kätzchen" der erwachenden Natur mit heimbrachten. Da fällt einem Knaben eine Blume auf, die keiner zu benennen weiß. „Nennen wir sie Sederblümchen", schlägt er vor, und alle anderen sind einverstanden. Die Blume selbst ward in einem ge- Mllnvönm Kranze Der SWllllMiMll gkstUMl. Das war in derselben Zeit vor Peßach, in der Estella so mühsam die Frage beantwortete: „Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?" ... Mehrere Jahre waren hingegangen. Sederblümchen zu einer Fünfzehnjährigen erblüht. Es schien, als bereite sich die Natur vor, an diesem Mädchenkörper ein Meisterwerk zu schaffen. Die LkM MM einft die größte Schönheit werden, wogegen die Mütter gleichaltriger Töchter keinen Einwand erhoben; andere versicherten, daß für „Sederblümchen" dereinst keine Mitgift nötig sei. Sie sollten Recht behalten, aber anders, als die dachten. Zwang schon die wunderbare Symmetrie der schlanken Kindesgestalt jeden Beschauer in ihren Bann, so blieb doch der Gesichtsausdruck das schönste. Die munherfamen Augen, dis so still blickten, in dsNSN es zuweilen wie in einer großen Sehnsucht blitzte und die dann wieder verträumt langsam umherglitten, — diese in Rührung schwimmenden Augen sicherten „Sederblümchen" seine Herrschaft über die Kinder und alle, die in ihrer Nähe weilten. Mm an U mar mm MMDt, mit in reiche, leicht verblassende Farben gelauchl. Man vermeinte, in diesem fast durchsichtigen Körper wirklich die Seele zu erblicken. Es schien, al§ wolle uns die große göttliche Natur ein Meisterstück der Harmonie zwischen einem schönen Leibe und einer schönen Seele schaffen. Solche Ausnahmsschöpfungen müssen vergehen, lange bevor die Runenschrift der Jahre und des Schicksals ihr Frühlingsantliü durchfurcht. <*' 1 >< j>i > ff»>.U— Sie enteilen vorzeitig dem Crdenwallcn, und nur die Nachwirkung ihres Zaubers lebt wie eine Fata Morgan« in der Erinnerung fort. Vor solchen zarten, sinnigen Mädchenerscheinungen wird der roheste Trieb gebändigt, und in ihrer Nähe verstummt jegliches unlautere Begehren: die Liebe und Zuneigung, die sie errrrscks», sind himmlischer 9Iri, fio bekehren zum Kultus Platons; an ihnen gleitet bas Iemcine wirkungslos ab, weil sie mehr Schemen als Körper zu sein scheinen. Wieder war Rüsttag des Peßachfestes gekommen. Den ganzen strengen Winter hindurch war Estella an die Stube gebannt gewesen. Kein bestimmtes Leiden und doch ein langsames Hinschrvrndsn hatts dis Eltern mit schweren Sorgen crfüüt. 8s f)!e{3, üfiefl« {ei «zu gewachsen". Nur hin und wieder sah man ihr lilienweißes Gesichtchen hinter den Fensterscheiben. Als die Tage wärmer wurden, kam sie in den Mittagsstunden auf den Arm ihrer Mutter gestützt, ins Freie. Aber sie spielte nicht mehr mit den Altersgenossinnen und hatte auch längst aufgehört, Ge- ^Ic^teri gu er^äf)£ert. Doch die Kinder sprangen ihr, wie ehedam, entgegen und grüßten sie hergr lich. Estella war noch schöner geworden, was auch den früheren Spielkameradinnen nicht entging. Ihre Haut war schwimmender, die zartgeformten Wangen rosiger, die Hände weißer, die Finger schlanker, der Körper entwickelter, vollendeter geworden. Still blickte sie vor sich hin: ihre Augen hatten etwas Suchendes, wie groM Fsrnsn Messendes. Auch an diesem Erew Peßach waren die Knaben in den Wald gegangen, um Blumen für den Sedertisch zu pflücken. Und einen Kranz wanden sie, den viel duftende Veilchen schmückten. Wie in stummer Uebereinstimmung bestimmten sie ihn für Sederblümchen. Aber nicht lärmend, fröhlich lachend, wie im Jahre zuvor, stürmten die Kinder in die Stube, um ihr die Frühlingsgabe zu überbringen. Leise, auf den Fußspitzen ttrtzzMn sie sich Dem iafa, auf Mm dftoUa ruhte. Ein ahnungloser Schauer ließ sie schweigen, und lautlos, wie sie gekommen waren, entfernten sie sich wieder. Mühsam die Tränen zurückhaltend, mit verhärmtem, angstvollem Antlitz, trat die Mutter an das Lager der Tochter heran und setzte den Kranz auf ihr reiches Haar. Der Sederabeud ^>atte begönnert. Von Kiffen gestützt, eine Decke über den Knien, saß Sederblümchen zwischen den .Eltern. Der jüngste Knabe fragte: „Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?" Drüben aus dem Nachbarhause klangen gar lieblich die Melodien der Sedergesänge herüber. Gerschom Reiß mit seinen neun Kindern, alle sehr musikalisch, verstanden gar herrlich zu singen, und ihr Seder war fraglos der schönste im Städtchen. Nun ertönts u in Den alMannißn WM „AllMlW tiger Gott! Bau Dein Tempel schieru, also schier und also bald" nun hatten sie gerade gesungen: „Wajhi bachazi halailah!" Und es war Mitternacht. Fromm begeistert, schon halb verklärt, hatte Sederblümchen mit geröteten Wangen und glänzenden Augen die Lieder alle mitgesungen. Dann ward der Sedertisch jäh abgebrochen. Estella begehrte, zu Bett gebracht zu werden. Mii angtPlitntrn mm unWMn %mm M Geschwister das Lager des sterbenden Kindes. Von der Straße herüber drang wehmütig die uralte Melodie: Adir Bimlucho . . . Etwas Lauschendes lag auf dem erblassenden Antlitz, als höre es Sphärenmusik aus einer anderen Welt. <3rofe, feierlich. erhaben, mären dis Züge des Gesichts geworden. 8!ne {t!!!e UajeslÄ sich über die Engelsgestalt. Wie fragend waren die Augen des Kindes himmelwärts gerichtet, und die Lippen lispelten: „Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?" Dann neigte sich das edle Haupt kaum merklich, zur Seite. Langsam, ganz leise sanken die Lider über die gorßen Augensterne herab. Mählich erblaßten die Lippen und schlossen sich in stillem, »nen f^rieben. Schmerzlos unb friedlich eui« gtii (Jttcectti au|M«e«U<** «•<<* I.... schwebte die Seele aus ihrer reinen Hülle . . . Der Sang in den Häusern verstummte; langsam verglommen die Lichter an den Sabbathlampen; dunkler und stiller ward es auf den Gaffen. Nur da und dort leuchtete ein Flämmchen mit mildem Glanze wie ein Glühwürmchen in das Dunkel der Nacht. Zu Häupten „Sederblüm^ens^ brannle In elneW fftlHSE Lichtchen. Zu ihren Füßen saßen in stummem Schmerz zwei Gestalten, deren Schatten in unheimlicher Größe an den Wänden des Zimmers festgehalten wurden — Vater und Mutter. In dieser ihrer letzten Sedernacht mag „Sederblümchen" die Antwort geworden sein, auf die Frage, die ihr einst so schwierig dünkte .... WM M MhZp Mi ZOßkMM sich DOls flüchtet hat, wenn die Blumen in den Vasen welken, dann ist auch eines „Sederblümchens" Stunde gekommen. Wäre es auch sonst ein Sederblümchen gewesen? 14. April 1927 Mehr als sechs Jahrzehnte sind dahjngegan seit der Sedernacht, in der Estella, genannt das „Sederblümchen", starb. Manche Blüten Habs ich seitdem aufgshsn, manche welken, viele Blumen sich Herrlich cntfaüsn fthsn, einem „Sederblümchen" bin ich nicht mehr begegnet... Es gibt eben in unserer prosaischen Zeit keine „Sederblümchen" mehr. Napoleon und des Pächters Töchterlein. ÜUim Mn MWlWn. Die man m im WiMn Rußland von Napoleon erzählt.) (Schluß.) Nicht ohne Mühe war es ihnen gelungen,, bei einem Bauern Unterkunft zu finden, bis sich die Witterung besserte. In der Hütte war es eiskalt, durch die Löcher an den Fensterscheiben stürmte der Wind und die Menschen zitterten vor Kälte. Da fomm^ S^anna gä^rtefIaj>j>errtb: „Es sprach' mit nicht aus dem Sinne, lieber Vater, daß wir diese letzte schwere Prüfung kurz' vor dem Ziele durch unser Verhalten gegen Napoleon verdient haben. Es ist die Strafe für unsere Lieblosigkeit." „Wie meinst Du das, Kind?" fragte Seligerschrocken. „Hätten wir etwa auf seine Zumunmg tinatijen joiienr, „So ist das nicht gemeint, und es war gut getan, wie id) es damals getan habe. Aber wir freuten uns so sehr über die Niederlage der Franzosen. Das hätten wir nicht tun sollen. Man soll sich über den Fall des Feindes nicht freuen. Napoleon kannte wohl kein Erbarmen, und uns insbesondere hat er übel mitgespielt. Aber er soll gut zu den Juden gewesen sein, hat ihnen Freiheit in her gangen Welt gegeben aber geben wollen, ffiir wollen ®olt Händen, bafe SHw|[«nb von ihm befreit ist, aber freuen über sein Unglück durften wir uns nicht." „Echte Weibersachen", dachte Selig, „werden verfolgt und gepeinigt und haben noch obendrein Mitleid mit ihren Peinigern." Am folgenden Tag war der Frost noch chneidender als am Vortage. Der Brunnen vor dem Hause war zugefroren. Die Kühe im Stalle HÄ WM EW iü Ulf«! MP arbeitete der Bauer mit seiner ,Familie daran, das Eis zu schmelzen, um Wasser für das Vieh zu gewinnen. In.der Baracke blieben Selig und seine Tochter allein, lagen eingehüllt in Decken und Kleider und schlotterten vor Kälte. Als es draußen au die Türe Slopjie, glaubten sie, der Bauer sei es, der etwas holen wollte. Mit starren Gliedern erhob sich Selig, warf sich in die Kleider und öffnete die Türe. Draußen stand eine gespenstige Gestalt, ein Mensch, eingehüllt in zerrissene und zerlumpte Pelzkleider, die Füße in Strohmatten steckend. Ueber und über mit Eis und Schnee bedeckt sah der Mann eher einem wilden Tiere ähnlich als einem Menschen. mg dm ";y unD erppfftn Mm Der Fremde aber sprach kein Wort, winkte nur mit den Händen und zwinkerte mit den Augen. Da zog ihn Selig in die Hütte hinein, nahm dem Halberstarrten die festgefrorenen Kleider vom Leibe, und nun erkannte er ihn ganz genau, es war kein anderer als Napoleon, der geschlagene Kaiser der Franzosen. Mang m M Dem MM des Juden unwillkürlich. Napoleon schloß noch einmal die Türe, vertopfte die Fensterlöcher, nachdem er sich die Hände etwas warm gerieben hatte, und erzählte kurz in gedämpftem Tone, mehr mit Mienen und Gesten als mit Worten, daß er verfolgt werde von einer Kosackenabteilung, die ihm hart auf den Fersen ei. Non seinem äfnfjanae llWsWim irrt tr; ein einsamer Flüchtling, die ganze grauenhafte Nacht herum. Keiner von den Bauern dürfe ahnen, wer er sei. Sie würden ihn gleich den Kosaken ausliefern. Nun aber war seine Kraft 5133

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