Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2446951-2450442-2450457--73978-2531420- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DM5 1927 keho Lachmo Anjo. in Omi ifliöKi Der Winter ging. Die Frühlmgssoime stieg strahlend und mild empor am blauen Himmel. Es dehnte sich der Tag und gleich dem Tag die Brust. Es lösten Festgedanken ab den Alltag. Fort mit dem Chomez! Fort aus dem Hause! Fort aus dem Herzen! E s we r de Pe ß a ch! Es wurde Peßach! Er drang aus frischen Knospen sieghaft vor. Ihr herber Duft erfüllte schon seit Tagen jed' jüdisch Haus, und heute abend, m mm mir uns nun am Mg Dtr MM am Seher! Am Seder! Dem Zauber dieser Stunden verschließet sich kein jüdisch Herz. Sobald das „Ho Lachmo" ertönt^ verschwinden die Hemmung und der Druck aus dem Bewußtsein. Die Alten werden jung, die Armen reich, frei die Bedrückten? Jegliche Klag' öerfiummt, und freier heöen wir ün von QeWnsmui zur Hofsnungshöh' am Seder tisch. Woher das kommt? Wo sonst doch unaufhörlich das Lebenspendel schwinget hin und her von Sklavendruck zu heißem Sehnen, dem die Befriedigung stets bleibt versagt. Wo Wünschen und Begehren sich vereinen rn.it Sorgen und Erinnerungen. (ä Lijj m uis sz Mt pniatan können. was einer Stunde Gunst uns schenken möchte. Sind wir denn heut vielleicht der Lösung näher der Rätsel, die das Leben reichlich bietet? Birgt die „Hag gada" etwa eine Antwort auf die „Weshalb", „Warum", die wir uns fragen? O nein! Kein Denken und kein Wissen .wird je den dichten Schleier lüften, der die Geheimnisse des Daseins uns verhüllt. — Doch eine teure BeDenöregel tünDet uns die Erzählung von der Väter Rot und ihrer göttlichen Erlösung. Fast unbewußt, empfindungsmäßig wird sie uns, wenn unser Blick den Sedertisch nur streifet. Doch deutlich spricht die Einleitung sie aus: Keho lachmo. das war um Mitternacht... (Wajehi Bachazi halailah). Bon Arthur Kahn. Eine Sedergeschichte. Wenn wir die Summe aller unserer Lebensfreuden zusammenzählen, von heute, von gestern, von ehegestern das Schönste, das Veste, das Herrlichste — es mar einmal. „Es war einmal . . ." Nicht was die Gegenwart bietet, nicht was wir freudig hoffend von der Zukunft erwarten, ist das Schönste unseres Lebens, sondern was einmal war, was aus der Vergangenheit, von der Strahlen der Erinnerung vergoldet, uns wehmütig zulächelt. Darum -beginnen auch die schönsten Märchen mit: „Es war einmal..." Und aus dem fernentrückten Vlumenland der Jugendzeit winkt uns, wie ein Märchenbild aus Sonnenstrahlen, glühende Farben, Vogelfang und Blütenduft zusammengewoben, das Sederbild im Elternhause. Um wie vieles war doch damals Die Wische WgenD MHkl, «l§ hkM, das Kind noch nicht zum Fremdling geworden in seiner eigenen Religion und Tradition, sich der eigenen Feste freuen dürfte und nicht wie ein Bettelkind vor fremder Tür mit hungrigen Blicken auf den Weihnachtsbaum des Christfestes warten mußte. Schon in der Purimwoche, wenn der Lehrer die Kinder aufforderte, die „Gode" („Hagada") iMMringen. MD Die sinnigen MllllM DM ßachfestes zu lehren begann, erfüllte eitte fröhliche Erwartung die jungen Herzen. Lange ist es her, wohl über die sechzig Jahre, da saßen im Chederzimmer in langen Bänken dichtgedrängt die Kinder beisammen. Wieder erklärte der Lehrer die Bedeutung des Sederabends. Und alle waren lernbegieriger, aufmerksamer als sonst beim Unterricht, denn bei dieser Familienfeier sollten sie sich ja mitbetätigen, beim Erklären und beim Singen! Langsam glitt der Blick des Slfl’U'J Mp M MDökM UND DM llU MM etwa elfjährigen Mädchen hasten. Estella war fraglos von allen Schülerinnen die beste. Ein zartes, schlankes Geschöpf von liebreizender Schönheit, mit großen, eigentümlich glänzenden Augen, deren Blick fragend in die Ferne gerichtet schien. „Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nähten?", überseßte sie die erste Frage der Hagada. Nicht fließend und sicher, wie (onst, sondern stockend und mühsam tastend, als müßte sie hinter dieser Frage eine neue suchen, auf welche es keine Antwort gab. Und nicht, wie sonst, wenn einer der Schüler vor der Prüfung des Lehrers nicht bestand, kicherten die Anderen. Denn die kleine Estella war nicht nur der Liebling des Lehrers, sondern auch aller Schulkinder. Die rvildesten Knaben unb die unverträglichsten 3Dßäbchön mochten das sanfte, freundliche W am besten leiden. Alle wollten ihr gut und gefällig sein; in ihrer Nähe verstummten rohe Worte und Taten, denn keiner mochte ihre stille, bezwingende Freundschaft verscherzen. Etwas Rührendes, die Herzen Bezwingendes lag in dem ganzen Wesen des holden, schönen Mädchens. Was die Kinder mit besonderer Macht zu Estella hinzog, war. ihre phälstäsiMchä Evzähluugsgabs. Eis oröaöjtß Dio prächtigsten Märchen, sie endteckte in allen Gegenständen, auch in den unbedeutendsten, etwas Besonderes und Schönes. Und weil alle Kinder die kleine Estella lieb hatten, lachte und kicherte keines, als sie bei der Antwort auf die Frage über die Bedeutung der tMnnrntftf stockte UND teilweise MW MerseM. Sinnend haftete -er Blick -es Lehrers äUf -er feingeäderten Marmorstirn des Kindes, dessen Stimme zu zittern begann und dann in lautem Schluchzen erstickte. Lautlose Stille herrschte sekundenlang in der Schulstube. Kein Kind erhob die Hand, um zu zeigen, daß es bester, als das kleine Mädchen antworten könnte. Wie in stummer Atzlllmz uachzpptz» üzhpzp mb ZHülsr in tiefem Schweigen vor dem unerklärlichen Schmerz des Kindes. Erst als der Lehrer, sichtlich gerührt, tröstend seine Hand auf Estellas Haupt legte, löste sich die Spannung. Endlich war der letzte Tag vor dem Peßachfest erschienen. Von den hilfseifrigen Händen ihvav KinkavschSN unterstützt, krönte Wellas MM ter durch den Aufputz des Äedertisches die vielen mühevollen Reinigungsarbeiten des ganzen Hauses. Das Herrichten der Sederstube, die schon ein festliches Empfinden hervorrief, war die letzte Arbeit für die Feiertage. Diese aber wollte die Hausfrau allein verrichten, und so wurden die Kinder fortgeschickt, bis auf Estella, welche die si?i? gern neben sich haben mochte. In blatzblaue und blaßrvsafarbene SeiDenDamaswec züge, in welche prächtige Blumengewinde künstlerisch eingestickt waren, hüllte die Mutter drei Kisten, an die sich der Seder-Gebende anlehnen sollte und die daher neben dessen Sitz aufgeschichtet rvurden. Nun rvar nur noch das Ssderhandtuch, «Scdcrgwecl^ aufguhangen. Mit enigeivfien Augen betrachtete das für alles Schöne so leicht empfängliche Kind die zarten, in verschwimmenden Farben gestickten Blumen und Blütchen. „Ach, wie wunderprächtig, Mutter!" rief sie bewundernd aus. „Das sind doch gar merkwürdig schöne Blumen, die man sonst nirgends sieht." Das Kind beugte sich tiefer über das Tuch, benü*? Spfättrfjen und fahr fort; „Wie heißen Die süßen Blümchen?" Die Mutter besann sich einen Augenblick, dann antwortete sie: „Diese heißt man Sederblümchen. Sie blühen am schönsten zur Sederzeit, und wenn die vorüber ist, dann welken auch sie." „Könnt ich nicht auch solch ein Sederblümchen sein?" fragte nach kurzem Schweigen das Mädchen. „Ich möchte auch ein Sederblümchen sein!" „Gewiß mein Kind, du bist ohnehin schon Mein liebstes, süßestes allersüßestes Blümchen, du visi wem oeDrrDnimtfjnr Ein leiWennm Miss der Mutter glitt über das schöne Kind hin. „Lang sollst du leben und lange sollst du blühen!", fügte sie mit Innigkeit hinzu. Hochbeglückt sprang das Kind von dannen, um Bekannten, die ihr begegneten und ihren Spielkameraden zu erzählen, daß sie ein Sederblümchen sei und Sederblümchen heiße. ^inöer «wf der ^?lv«fje harien fte fveun&= lich an. Dann spielten sie weiter. „Sederblümchen" fand, wie immer, ihren eigenen Spielkreis. Bald darauf lag sie platt im Grase auf der Bleicher den Kopf auf die Arme gestützt, sah in das Blaue des Himmels und erzählte wieder, wie es ihre Gewohnheit war, den kleinen Freunden und Freundinnen Geschichten. Ihr Blick war in unendliche Fernen gerichtet, als ob er verzückt emer (<hänen, verflflüernWn RJifien felgei Sit erzählte Geschichten von Blumen, Kolibris, Elsen. Zwergen und Schmetterlingen, von glänzenden Käfern, von wundersamen Gärten, in denen Zauberblumen dicht beieinander wuchsen, Geschichten, in denen es nur gute Geschöpfe, sonnige Tage und mondklare Nächte gab. Vielleicht auch deshalb, weil die Erzählerin ein so anmutiges, schönes MD war. MM Die MMlen ihr so gern zu. Schönheit übt auch bei Kindern ihren Zauber, weil sie das ästhetische Empfinden weckt. Estella, heute Sederblümchen genannt, war ein groß gewachsenes Kind mit einem zarten, ovalen Gesicht, dessen schimmernde Blütenweiße durch welliges, braunblondes Haar, mehr aber noch durch die gs?ß?u, lMlnum Angkü geomn rvuNlk. Zmschm Slirn unD Haupthaar zog sich ein sarvloser Flaum hin, wie ein vermittelnder Uebergang zwischen dem überreichen Haar und der weißen Kindesstirn. Der blaßrote Mund hätte nicht kleiner, die griechisch geformte Rase, welche mit der Stirn fast eine grade Linie bildete, nicht dünner, die Augenbrauen nicht schöner geschwungen sein rönnen, mm Wnnim. Daß alle linDor Mm Haupt alle Menschen das kleine Mädchen lieb hatten! . . . Ein sonnenheller, milder Frühlingsvormittag lag über dem Städtchen. Die letzte ordnende Hand ward an die Sederstube gelegt. Durch das offene Fenster drangen die Sonnenstrahlen in den ge- 1'HmWlen ütaum? Neugierig sah Dan MüUW suf -is Mä^chstt-ichtuttg äus Gläs, Silber M- Sevres, Leuchtern und Basen auf buntgestickte Decken und Tücher, alles alte Familienstücke, und in die farbenprächtigen Blumensträuße hinein, blitzte in die Prismen des alten Lüstres und streute eine Menge kleiner Regenbogenfarben über den Tisch, die Decke, den Fußboden und die Möbel. Cs schien, als wolle Die freundliche Sonne diese eigenartige Pracht erhöhen. Inmitten der Stuben steht ein Knabe und betrachtet entzückten Blickes die kleinen Herrlichkeiten, die geheimnisvoll eine kommende Festesfreude anzukündigen schienen. Da gleitet ein Schmetterling. dev erste (einer 4M, gwm effenen Fenster herein und gaukelt von Blume zu Blume, von Strauß zu Strauß. Jsts auch nur ein gewöhnlicher Weißling, in diesem Augenblick ist er so schön, wie der farbenprächtigste seiner Genossen. Die Umgebung verleiht, erhöht oder benimmt auch einer Sache den