Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1927-02-10 · Heft 6 (10.2.1927) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
68 (1927)
Issue
Heft 6 (10.2.1927)
Date
1927-02-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2446951-2450442-2450448--73823-2531255
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

10 Februar 1927. Der Israelit Nr 6 Seite 3 züi^i MvMtetoQß in öor MOG)l. In einem Beschluß der weitzrussischen Regierung werden die Ergebnisse dieser Meliorationstätigkeit als Pionierleistungen anerkannt, die von großer Bedeutung für die gesamte Republik sind. , In letzter Zeit erhalten die mittellosen jüdischen Bauern in Weißrußland von „Ort" Kredite zwecks Anschaffung von Pferden und Kühen. Ueber die Frage, ob sich parteipolitische Eingriffe in das Wirtschaftsleben der Kolonien bemerkbar machen, werden im Auslande viele falsche Gerüchte verbreitet. Die Wahrheit ist, daß im Leben der Kolonien die wirtschaftlichen Gesichtspunkte überall die Oberhand haben. Die mechanische Koliek!!v!?rung W lWst SUfgöPft. TW« DJirD von keiner Seite ein hemmender Druck auf die Entwicklung der individuellen Wirtschaftsbetriebe ausgeübt. Gewisse Elemente der Kollektivierung (so z. B. Kredit- und Konsumgenossenschaften, genossenschaftlicher Zusammenschluß zu besonderen arbeitstechnischen Zwecken u. a.) haben allerdings Wurzel gefaßt uns m Wch bemüht. Die Kolonisten und sogar die Politiker, die sich mit diesen Dingen täglich praktisch befassen, werden derart in den wirtschaftlichen Interessenkreis der Kolonien hineingezogen, daß alle Nebenabsichten in den Hintergrund gedrängt werden und nur ein Ziel übrig bleibt — eine gute Ernte und eine schuldenfreie Arbeitswirtschaft. Auf die traurige Lage der jüdischen Bevölkerung in den Städten und auf die großen MöglichkeilM däv jüdischen Kolonisation nochmals Din? weifend, führte Dr. Singalowsty abschließend aus: „Die bisher erreichten Ergebnisse können uns nur insoweit befriedigen, als dadurch von neuem der Beweis erbracht worden ist, daß die Juden kolonisationsfähig sind und daß in Rußland außerordentlich günstige Voraussetzungen für jüdische Lnsiöülung dadurch gegkdkn sind) daß dm mr reichend freies Land vorhanden ist und dis Regierung die Förderung der Kolonisationsarbeit als die Erfüllung einer selbstverständlichen Pflicht ihren eigenen Bürgern gegenüber ansieht. Und dies um so mehr, als die Kolonisation einen wirtschaftlichen und kulturellen Faktor darstellt, der für das gesamte Wirtschafts- und Kulturleben des Landes von Bedeutung ist. Durch die bisherigen ElMNgMsHastm sind also nur die wMMn Vorfragen endgültig geklärt worden. Die g r o ß s A r b e i t im entsprechenden Umfange beginnt eigentlich erst jetzt. Wir stehen vor einer historischen Aufgabe, die den Zusammenschluß aller lebendigen Kräfte des gesamten Judentums erfordert und auch herbeiführen wird. Es muß sich endlich die Anslchl vurchsetzcm daß es ein tum seh Zu glauben, Sag bM denlum bk gSnzS finanzielle Last für das große Werk zu tragen habe. Das wäre eine ungerechte und gefährliche Zumutung. Der Umstand, daß-die Sympathien der westeuropäischen und überseeischen Juden außerhalb Nordamerikas einen konkreten organisatorischen und materiellen Ausdruck bisher noch nicht gefunden haben, ist dazu angetan, früher oder später eine Erlahmung der Aktivität der amerikanischen Juden und einen folgenschweren Rückschlag herbeizuführen. Damit, daß die anderen Teile des Judentums mit aufrichtigem Interesse Berichte über die mit amerikanischen Mitteln geleistete Arbeit entgegennehmen und diese Qirbeii mif den besten Wünschen ihres jüdischen Herzens begleiten find sie gang gew!H ihrer Pflicht noch nicht in vollem Maße gerecht geworden . . . Ich glaube, daß es höchste Zeit sei, die Notwendigkeit eines all gemeinjüdische n Kongresses in Erwägung zu ziehen, der den überparteiischen Aufgaben des Wiederaufbaues des jüdischen Wirtschaftslebens in Osteuropa ÜbsshLUpt UHÖ Öߥ JÜÖifCfjQTI ÄDlDc nisation in Rußland im besonderen gewidmet sein soll." Elvigkeits- und Zeikgesehe. Don Rabbiner A. .Homer in Merlin. Kennt wirklich die Thora keine normativen Gesetze für bie gktt uuh Lebensver^ültnisse? Hat wirklich der Ewige nur für eine Regulierung der Ewigkeitsbedürfnisse gesorgt und uns gar keine Anweisung gegeben, wie wir unsere Gegenwartsprobleme lösen und uns in die in jeder Generation sich verändernden Gesellschaftszustände einardnen? Und es gibt doch einmal neben der Ewigkeit auch eine Vergänglichkeit, eine Zeitlichkeit, die auch ihre Ansprüche macht und mit Forderungen an UNS herantrstt! Wo!!!? Toll im! äitt! nv'vn 'n mm geben, die UNS lückenlos alle Seiten unseres Lebens beleuchten soll! Wo sind also die Richtlinien für eine ..norm of life“ für das praktische Leben, auf die uns die Thora hinweist? Aufklärung darüber finden wir in dem Werke von Rabbi Jakob Anatolio DH^nn erschienen in Lyck 1866, nach einer Handschrift nie- Rabbi Dakab AnatoliK rvar einer der ä'wa'v und seine Worte werden ausgenommen und entwickelt von den andern a'aivio wie 12 *?2, dnrni28usw. Es lohnt sich, daß wir uns mit seiner Auffassung über die von uns gestellten Fragen vertraut machen, die er in seiner Abhandlung zu ü'vLV» klar uns auseinanderm einer ^ormf rote sie meines Erachtens be^ü^li«^ dieser Frage bei keinem zweiten in der alten Literatur gu sinken ist. K? n nämlich hat so den Begriff «an unidbvi WH deutlich verstanden und erklärt: wir führen feine Worte an: „Und so wäre es nach mm sb»' daß, wenn uns über irgend etwas nichts von der Thora gesagt worden ist, es den Richtern der Zeit über- Hffen worden ist, die Gesetze so festzulegen, wie sie' für das Land und die Gegenwart paffen. So war es bei allen Völkern, auch beim Kaufmanns¬ und Handelsstand, daß es ihnen überlassen worden ist, Verordnungen zu treffen, so wie sie gesagt haben . . . (Die Weisen des Talmuds sind hier gemeint, und es folgt dis Aufzählung einer Reihe von Äerem^iarungen, b!e &«{!?«!? w}> Häll)- werker unter sich getroffen haben, und die der Talmud anführt und akzeptiert.) All diese Gesetze gelten, als ob sie in der Thora enthalten wären, und jeder, der sie Übertritt, begeht eine Sünde, nachdem die Thora selbst aufgefordert hat, die Richter unserer Zeit anzugchörm. Dazu Mört Uus, ums gesagt worden ist: „Staatsgesetz ist Gesetz", denn nachdem die Mizwoh Recht zu pflegen, eine uralte ist, und man ihre Einzelheiten nicht festlegen konnte — denn die Angelegenheiten, die sich zwischen Menschen untereinander entwickeln, sind ohne Grenzen —, so ist es schon richtig, wenn es Sache des Königs im Lande bleibt, und daß jedes Gesetz von ihm in dieser Richtung, insofern dagegen kein Widerspruch in der Thora besteht, Gesttzes^rast (ja!. Sl?(? Äng?!?gentze!t bMäUZt öUI Nachdenken, denn es scheint mir, daß viele sich darin geirrt haben . . . Letzteres, wie wir es öurchgesprochen haben, ist ein Teil der Dinim, die während der Zeit der Talmudweisen so geübt worden, wie es nach ihrer Einsicht, als richtige Norm für die Menschen gepaßt h.at." Soweit Rabbi Jakob Anatolio.. Hier liegt vor uns Mq orDfjjüQioftQ ffiiiDButimo nee Btariffcs #n Sn Sie Thora seihst erkennt als richtiges Gesetz an alle Einrichtungen und Verordnungen einer legalen Landesmacht, die gerechte Absichten hat. So haben es später auch manche der Kommentare zu Chauschen Mischpot an den betreffenden Stellen verstanden. Was aber Rabbi Jakob Anatolio-sagt, geht noch, dem Sinne nach, viel weiter: Die Thora duldet nicht nur die Staatsgösotzö, (onDorn slö öislMt m als uormulive Mk setze für die zeitliche Gesellschaftsordnung, für die keine Ewigkeitsgesetze gegeben werden konnten. Unsere heilige Thora hat also auch schon für die Ansprüche der Zeit gesorgt, und den dafür vorhandenen menschlichen Instanzen legislative Kraft zugesprochen. Ganz so, wie die Kabakleines Feuilleton. Briefwechsel eines Juden mit Dostojewski. I. Das '(Sin SBioftvapt) soll über seinem Stoffe schweben, darf mach keiner Richtung mit ihm verhaftet sein, muß sich keiner persönlichen Neigungen und Abneigungen entkleiden, wenn er seinem Gegenstände unbefangen gerecht werden will. Leonid Großmann in seinem soeben herausgegebenen sonst höchst interessanten Buche (D i e Beichte eines Juden. In Briefen an Dostojewski. Herausgegeben von Reni Fülöp-Miller und Friedrich Eckstein. München, R. Piper u. Co. .Verlag 1927) erfüllt diese Grundforderung insofern NM Slr 1F ill Y?ft8i?fer »egieljuttg parier ergreift, sich mit seinem Helden ««*> I das orthodoxe Judentum mit allerlei wenig geistvollen > noch weniger neuen und ganz und gar nicht zutreffenden Unliebenswürdigkeiten bedenkt. Davon abgesehen,- ist die ' Darstellung fesselnd und der Einblick in das Naturell dieses 1842 geborenen, 1909 gestorbenen Abraham Urija Kowner klug und in der Hauptsache richtig. Besonderen Wert erhält das Werk durch Veröffentlichung der ungemein charakteristischen Aeußerungen Dostojewskis zur SlMfrflPl Sföj 51? 8«n0* Sek>easges^r«k.t« dieses menn sie auch in CiiMlheitLn typisch für das Rußland des 19. Jahrhunderts ist. wird in erster Linie . gefärbt und beeindruckt durch den Kontakt, in den er mit Dostojewski trat, diesen neben Tolstoi größten Giganten der russischen Erzähler. Ein doppelter Kontakt: einmal geistig-seelischer Art, indem D.'s heute noch zu Recht allerorts berühmter Roman „Raskolnikow", diese grandiose psychische Folterkammer, K. so beeinflußte, daß er sich die Freiheit nimmt und in seinem guten Rechte zu handeln glaubte, zwei russische Großbanken um 160 000 Rubel durch Wechselfälschung zu betrügen. Und dann ein Kontakt mehr äußerlicher Art, indem er aus dem Kerker einen Brief an Dostojewski richtete, worin er feine innere Entwicklung bis über den Moment des Derbrechens Dlnaus lmrsmm uiw ösn SW?r mtffi&en unb heftig wegen feiner JudenfeindsHaft ungrifs. Lcr damit begonnene Briefwechsel — noch aus einer so matzals herzvollen Antwort D.'s und einem zweiten Briefe K.' bestehend — wurde von D. in die breiteste Oeffentlichkeit dadurch getragen, daß er das bisher vorsichtig heruntergelassene Visier lüftete und im März 1877 in seiner vielgelesenen Zeitschrift „Tagebuch eines Schriftstellers" Aufsätze über das Judenproblem veröffentlichte. Diese Kontroversen in Verbindung mit den sonderbar geformten Schicksalen K.'s verlohnen eine Charakteristik der Serben Gsgnsr. K.'s im Allgemeinen und D.'s hinsichtlich fsiriso Ofrijc^auurigett iiß-4r SllilÄfMflfi. II. Kowner. „SBafaroff (der Held von Turgenieffs Roman „Väter und Söhne) erkennt weder ober-, noch außer-, noch innerhalb seiner selbst irgendwelche Direktive, irgendein Sittengesetz, irgendeinen Grundsatz an." Motto von Kowners „Das Jnin»«ai Da? 3ef(5iniflD.“ Finstere Jugenderinnerungen sich hart *n felH Gemüt ein. Sie nehmen dann im Rückblick häßlich oer- I zerrte Züge an. Elendsverhältniste im Elternhause ohne Maß und Ziel. Hunger und Rot bis zum Aeuhersten. Das Dunkel drängt das vom Taurohlernen des Vaters spärlich hereinfallende Licht zurück. Erziehungsweisheit, besonders Zornbeherrschung, scheint dessen starke Seite nicht gewesen zu sein. Dazu brandet von außen auch in den Umkreis von Haus und Jeschiwah allerlei Unruhiges und Wild-Bewegtes an. Die Naturwissenschaften recken stolz die Fänge, scheinen zudecken und begraben zu wollen, was je an Geglaubtem, Erdachtem, Erfahrenem da war.! Darwin, Büchner, Moleschott triumphieren. Die Leibeigenscha^t roird in jjfarib ciuyge^oben. Qas soziale ©etmffett und das sozial? ÄNtleib schürfen sich. Sichler von 94anb widmen ihre Kraft und ihre Liebe den Unterdrückten und den Verelendeten. Dostojewski schreibt seine Romane „Die Erniedrigten und Beleidigten" und „Raskolnikow". All diese Einflüsse stürmen auf die tastende und suchende Seele, auf den unreifen, halbfertigen Geist. Kowners ein. Seine i geistigen Interessen tendieren nach falscher Richtung. Statt sich der Erforschung des weltumspannenden Gehaltes der „Lehre des Lebens" zu widmen, stürzt er sich heißhungrig auf die Lektüre naturwissenschaftlicher und philosophischer Literatur, werdet und weitet seine Phantasie an dem farüigM Mllum voll DllvmiiUN. 8nic MM fr mt Mim Intelligenz, nerLaut sie aber nicht. Diese eröffnen ihm Perspektiven, denen gegenüber ihn fein Leben eingeengt dünkt. Papierne, angelesene, nicht innerlich durchlebte Uebssrzeugung scheinen ihm höchste Lebensweisheit, einzig erstrebenswerter Lebensinhalt. Ein Schimmer von Selbstgefälligkeit, von übertriebenem Bewußtsein des eigenen Wertes drängt sich in sein Wesen. Daneben schält sich ein Zug der völligen Einstellung aus das Rützlichkeits-, das sogen. Utilaritätsprinzip deutlich heraus. Rur was praktm UM. wenvou. mmmmm tw mm st m fM er hsch. n«bervußts Dergotterung der Duchweisbelt auf der einen Seite, Verachtung der Buchweisheit auf d4k

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.