Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1927)
- Date
- 1927-02-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3 Februar 1927. _, nahrns ortbodox-jüdischer Studierender und die LvvkHtUKg LMLS WURZ DÜßT WMamtlMu jflf üischen Dozentur an ber Bonner AkabeMtS, diskutabel wäre, war bei diesem Vorschläge zunächst außer acht gelassen worden, Vom -Standpunkt der jüdisch-religiösen Interessen wäre diese Lösung jedenfalls die beste. Inzwischen ist nun die damals erst von ferne ins Auge gefaßte s i m u l t a n e A k a d e m i e in' Frankfurt Wirklichkert geworden, und ein norddeutsches Blatt weiß bereits zu melden, das luifusminipitum Höbe nr.m BBtr sitzenden des „Verbändejudischer Lehrervereine" die Zusageder Errichtung einer jüdischen Dozentur an der Frankfurter Akademie erteilt. Diese Nachricht müßte, wenn sie überraschender Weise stimmen sollte', in orthodoxen Kreisen äußerstes Befremden erregen. Der Staatsregierung ist ohne Zweifel bekannt, £>«jg die bogma±tf<f)<m unb rvöltanschaulrchen Gegensätze inerhalb der 8ubentze!l eine gelU^ttts a m e liberal-orthodoxe Lehrerbildung ebenso unmöglich machen wie eine auf konfessioneller Grundlage ruhende evangelisch-katholische. Den beiden christlichen Konfessionen, wie selbstverständlich, getrennte Akademien zugestehen, die einander ausschliehenden beiden jüdischen „Richtungen" aber auf eine — Simultanakademie mit einer gemeinsamen Religions-Dozentur verweisen, wäre ein bitterer Hahn auf den Ernst jeder rtllOIDTtn MW888N8 s2L?M M *ie ■”crfasjungsmäßtg göwährlölstete Gieichvereamguug. Entweder ist der Geist, von dem die Frankfurter Simultanakademie beherrscht sein wird, prinzipiell areligiös und es ersteht, wie allgemein befürchtet wird, eine Akademie für „Dissidenten und (ungläubige) Juden", dann werden sich vielleicht liberal-jüdische Dozenten und Hörer vermöge innerer WZa^lrrerrncmdtschast cirt it)x- £>eJ)agttcf) fühlen könnennimmermdhr Sber a£« Herr Dr. Becker sorgt für eine christlich-religiöse Akademie, die nur den Gegensatz zwischen Protestantismus und Katholizismus in den Hintergrund rückt, dann müßte jeder durch einen Landesverband öffentli ch-r e ch t l i ch anerkannten Richtung derJudenh e i t das Recht auf eine Dozentur ihrer Konfession ohne weiteres zugestanden werden, genau so wie ja auch die christlichen Hörer der Akademie ihre religionswissenschaftliche Ausbildung von mm MMM IMS MMN MknmniW uns nicht von einem fremeltgtosen öMPsättgSN werden. Gegen eine etwa beabsichtigte einseitige Bevorzugung der dissidierenden Neologie an der Aka- D e r I s. r a e l i i demie durch den Staat protestieren wir jedenfalls 8«ff knWfefNftf: Allein mir hallen nach Lage der Dinge auch die Schaffung zweie r Dozenturen, einer orthodoxen und einer liberalen, an der Frankfurter Akademie vom Standpunkte der Orthodoxie nur für eine Notlösung, die den tatsächlichen Bedürfnissen nicht gerecht wird, würden vielmehr nach w,ie vor eine Verwirklichung des Köln-Bonner Projektes bei'tveitem vorziehen. Szenenwechsel iiiif Hex 33 c üB 5K$f älܧJf? t Es ist jetzt sieben Jahre her, daß der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund " oder, besser gesagt, der überall als Regisseur tätige Dr. Jsmar Freund die jüdische Oeffentlichkeit mit der ingeniösen Idee überraschte, die einheitliche Gesamtorganisation der deutschen Juden gewissermaßen durch einen Federstrich — eine Satzungsänderung des DIGB. — durchzuführen. Der schöne Traum scheiterte an der Wucht bei? Tatsachen. unü es begann ller mlchcrctchc Leidensweg der Konstituierung der einzelnen Landesverbände, die ein Dachverband als „Reichsverband der deutschen Juden" krönen sollte. Diese Anpassung der jüdischen Organisatronsgrundlagen an die föderative Reichsverfassung war unsren zionistischen Einheits-Enthusiasten wiederum zu reaktionär, und sie leisteten sich, dank ihrer beherrschenden Stellung in der Berliner „Jüdischen Gemeinde" vor einigen Wochen den Spaß. den fertigen Reichsvsrband als Schöpfung des bayrischen gll zertrümmern. Man konnte gespannt sein, was jetzt kommen werde. Einige Propagandareisen Jsmar Freunds — u. a. auch eine solche nach Altona, über die an andrer Stelle berichtet ist — ließen vermuten, daß man den Gedanken eines unitarischen und demokratischen Judenverbandes auf dem SB132 AS ASMMWlMNbll von UNtkN UNb innen heraus förbern wolle. Aber das dauert den Herren zu lange. Sie lasten — wie aus einer Mitteilung im Nachrichtenteil ersichtlich — zur Abwechslung jetzt wieder den 1921 in der Versenkung verschwundenen DIGB. aufmarschieren, der nunmehr die Landesverbände zum Beitritt als Mitglieder auffordert und so von oben herunter den Ländern Einheitsbewußtsein und demokratischen Zionismus £>ei£>rirtgert rsill. ^xoe<£ bes DÄGV. ist laut SaijUttg vom 21. Januar 1921 „Die äammlung allerKräfteimdeutschenJudentum zur Pflege seiner gesamten Inter- Nr. 5 Seite 3 essen", also ein von jedem Konfessionalismus freies. gemsticf) „»alksgsinsindlichss" Ziel. Eine liberale harten fine »SU ^tarHert ÜBlö ihr eigenes Wesen und einen Nest von Rückgrat gegenüber zionistischen Herrschaftsgelüsten besäße, müßte natürlich ein solches Organisationsprinzip mit der gleichen Entrüstung ablehnen wie die Orthodoxie. Trotzdem ist zu befürchten, daß die Herren geheimen und .nicht geheimen Justiz-, Sanitäts- und Legationsräte den klugen Herren Kollenscher und Freund wieder mit der gleichen Kindlichkeit ins Netz gehen werden, wie wir dies mimm » Draus mm »im xggsu- und wohl auch bte übrigen süddeutschen Verbände dürften allerdings kaum geneigt sein, den neuen Szenenwechsel mitzumachen und für die gesetzestreuen Organisationen, insbesondere den Halberstädter Verband, bedarf es nur einer Auffrischung der Erlebnisse des Jahres 1921, um zu erkennen, was vom Freund'schen DIGB. unter zionistischer Oberhoheit zu erwarten ist. airfjoD yllum tot linD me „Weisen non Zio»" wieder lebendig. Mit dem Tode Achad Haams lebte das Märchen der „Weisen von Zion" in der gesamten antisemitischen Presse wieder auf. Es lohnt sich, die Genesis dieser unsinnigsten aller antisemitischen Legenden noch einmal kurz ick Erinnerung zu rufen. Einer Märchentante, die sich Frau L. F r y nennt, war es im April 1921 Vorbehalten, in einem obskuren französischen Blättchen die „Ge- HLMMKS". bis ..Die üSßifßn jirnir auf Dem ersten Zionistenkongreß 1897 unter bem Vvtsttz des jetzt verstorbenen Schriftstellers Ascher Günzburg (Achad Haam) gegen das arische Europa geschmiedet haben, zu verraten. Produkte französischer Provenienz erfreuen sich in Deutschland besonderer Beliebtheit, und so warfen sich die Deulschvölkischen auf diesen Fund wie die hungklFkll W8W Ws ikftk örungen, 2Jp= Deckungen Der gemeinen LugenDlllumenieüberhaupt Vernunftgründe können M diesem Falle nichts ausrichten. Die Propagierung und Weiterverbrertung des Märchens in Deutschland übernahm mit liebevollem Eifer Graf R e v e n t l o w in seinem „Reichswart", und es kam so weit, daß Achad Haam diesen edlen Hetzgrafen wegen verleumderischer Beleidigung verklagen mußte. Die Sache kam dem Herrn Grafen etwas teuer zu stehen, trotzdem ließ die antisemitische Meute, von Nsvsntlow bis Hitler. nicht locker. Benjamin § e 8«11. Jpi sich iss MÜHL uKMMßrn in Binom umfangreichen Buche Der Sache auf den letzten Grund zu gehen. Auf diejenigen aber, die sich genymen Liebenswürdigkeiten in Versen gehalten, die so schlecht sind wie der Inhalt tiefniedrig ist. Immer aber sind sie mit Schreibmaschine auf dünnem Durchschlagpapier gejd^rieben - bamti ber Qcirxpfärtger d-crß auch 9t n 5? F f BHf mit trej-en SJlr-oXiifiÜi einer hatzkranken Seele beglückt worden sind . . . Zumeist richtet es der anonyme Vriefschreiber so ein, daß der Adressat — sofern es sich um eine Privatfamilie handelt —7, den anonymen Brief am Sabbat zum Morgenkaffee erhält ... Als vor einem Jahr im „Israelit" eine trübe Erscheinung unseres modernen Gesellschaftslebens gerügt wurde, erhielt der Redakteur am folgenden Sabbat morgen prompt den fast erwarteten „Brief" — diefesmal nicht in Jamben, sondern in trockener Büroprosa gehalten, die den unflätigen Beschimpfungen und leisen Drohungen erst den richtigen konkreten Wert verlieh. Der Brief war nicht Ui iu! lssMA llniorfffirift eines Mim tisch gar nicht übet klingenden NölllMZ UHÄ Mük in Stuttgart aufgegeben. Ich erkundigte mich bei Freunden in Stuttgart und erfuhr, daß es dort eine Familie dieses Namens nicht gäbe. Dagegen konnte ich bei dieser Gelegenheit feststellen, daß sich ein Herr anderen Namens, 'der sich durch besagten Artikel betroffen fühlte, — er war nicht gemeint —, an diesem Freitag in Stuttgart aufgehalten hatte ... l Im politischen und nicht zuletzt im jüdisch-politischen! Leben lösen die Dumdum-Geschosse des Geheimschreibens Wrrknnaen »on noch größerer Tragrvöite aus. Wenn Q äGe-cIeitmlzrrt^, nal, laf«TuS>-i[c|>er D 5 0 1 tökllW WM Den Verleumdeten, den Verleumder und dsn willigen Abnehmer der Verleumdung, so können di« Opfer obengeschrlderter Pasquill« z a hl I o s fein. Steht doch für den Betroffenen Jeder und Jede, mit denen er je im Leben dm lgerrngstsn ZusammenstH gehaht,.im Perdachte. Der geheime AsteNtüter oder mindestens Wtwiffer zu fein. Zwei Menschen vertreten in einem Gremium grundsätzlich verschiedene Anschauungen. Es kommt, was auch unter Gebildetsten zuweilen unausbleiblich ist, zum Zusanunenstoße. Dem einen geht in der Debatte der Gaul und m wird neriönliö). Der anDtre Mll sikkj kierl Tägs dävauf flatttzkn anonym NnnDschreibkn Durch die Welt, voll rüder, rüpelhafter persönlicher Anfälle aus den einen, zum Schutze des andern. Wem hat der Anonymus mit diesem Pamphlet gedient; wem mehr Seelenpein bereitet, dem von ihm Beschimpften oder Geschützten, der am Angriff völlig unbeteiligt ist und damit eine neue Waffe in die Hand des Gegners gespielt sieht? Oder war es dem ungebetenen „stillen Mitspieler" nur darum zu tun, ein wenig zu schüren und der unersättlichsten aller Bestien, dem Stadtklatsch, neue Nahrung zuzuführen? Männer im öffentlichen Leben, besonders aber Redakteure, können sich schützen. Sie haben, dem lieben Gott p es gebartff, -einen foCt-ben Poprsrkorb, ber täglich gs- ICCIt nm n^^^n N«^t^es>nrien mensAllllllllheit und Gemeinheit, in gereimten und ungereimten GLtzen, Platz zu machen. Schlimmer gestaltet sich die Sache für ehrbare Prioatfamilien, die von solchen heimtückischen Federhelden aufs Korn genommen werden, daß die vergifteten Pfeile vom Hinterhalte her um ihre Köpfe nur so sausen. Hier kann sich das Spiel zur ergreifenden Tragödie auswachsen. Bekannt und bevorzugt ist der anonyme Brief als Sprengstoff zur Zerstörung geplanter Ehen, und gern beschreitet hier der Anonymus den „nicht mehr ungewöhnlichen SBer Des Onfcrattsj auf sss gMMn liinun IMmfallsn unD w nngWvlli als iciiiin DMM, Unheil und Berwirrüng ltt geachtete Familien zu tragen. Fingierte „Berlobungsanzeigen" bringen zwei nichtsahnende junge Menschen aus e i n e Liste, die sonst das; Autzentor ehelichen Glückes bedeutet, in diesem Falle aber zum Pranger wird für die Betroffenen. Zumeist rühren solche Anzeigen aus liebevoller weiblicher Hand. Motiv: Eifersucht, Rache an einer Freundin, dämonische Lust, Menschen zu kränken und Verwirrung anzurichten. Es ist mir ein Fall bekannt, in dem nach einer solchen 2tngeige die „2tnje^ei^ien" die Konsequenzen atid Den gt&rnfftfn fH m Hand reichten. Das durste die empfindlichste Strafe für den (die) anonymen Aufgeber(in) gewesen sein . . . Es gibt aber welche, die es „vom anderen Ende" anpacken, indem sie mittels fingierter Annonce etwas, was ihrer Meinung nach — oft nur krankhafte Phantasie — „im Gange ist", a priori zu zerstören suchen, — nachdem die anonymen Briefe, mit denen sie die Familien bombardierten, nicht zum Ziele geführt haben. Wer leuchtet in die Nachtseiten einer solchen kleinen, haßverzehrten Seele hinein? Wie mag es in der Psyche eines Menschen aussehen, der seine teuflische Lust darin findet, sich an non ihnt angerichteten Menschenlöldö zu n>eU,en? Hasen saM MllsM» M8&UHa MßssM. M Wort der Lehre und fßioval je «US SBten^enmunbi iiSl? heiligen Büchern vernommen? Glauben sie an einen Höheren, von dem keiner, und wäre er in hundert Mäntel der Anonymität eingehüllt, anonym bleibt; der „aller Herzen gebildet hat und einsieht in all ihre Handlungen, ..." Dieser Tage erhielten wir einen Schrerbmaschinenbrief, einen unter vielen, wie sie als Begleitschreiben aufgegebener Annoncen üblich sind. Die Annonce stand' etwas weiter unten, getrennt vom Brieftexte. Sie lautete: ..K . . . in . . . ertläri hiermit öffentlich, dckh dos »VN a u s a e ft r « ,u t e 3 e r ü 11 ilter sie fDirÜlUHJ seiner Tochter mit Herrn .... nicht auf Wahrest beruht." Der (die) anonyme Einsender (Einsenderin) hat sich diefesmal seine (ihre) Gemeinheit etwas kosten lassen. Dem Brief sag ein Zehnmarkschein bei, zur Deckung der Kosten.