Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 68 (1927)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1927)
- Date
- 1927-01-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 3 Seite 5 20. Januar 1927 _ . ausführte — einen auch Außenstehenden verständlichen Ausschnitt aus Leben und Weltanschauung des gesetzestreuen Juden zu geben, schilderte er zunächst die Bedeutung und die Auswirkungen des Sabbat, die Poesie und lebenspendende Kraft dieses Tages. Dann anailysievte der J^öne-r ine 'Situation^ in t>er |!tff ixrs 3«iveniunt bei |et« nm (Eintritt in Me moderne europäische Kultur vor ISO Jahren befand: Durch die „praktische Assimilation" gingen dem Judentum zwei Generationen verloren, bis (Seiger eine Ideologie des liberalen Judentums schuf. Hirsch bejahte zwar ebenfalls die moderne Kultirr- und Geistesbildung, zeigte aber, daß diese der Thora und 'einer auf ihr basierenden Weltanschauung und Lebcnsbetätigung gar nicht widerspreche, sondern, mit ihr zll ata MMN EM« mrslMlüM LJÖDira im ürotD ereg"), für den Juden erst den rechten Wert gewinne. Hirsch schuf ein geschlossenes System des gesetzestreuen Judentums, beginnend mit den „19 Briefen", über die Pentateuchüberfetzung und Exegese, den „Jeschurun" bis zu seinen letzten Monographien. Er gründete keine „Neu- Orthodoxie", sondern bewies, daß Thora- und Thora- Leben in jede Zeit sich souverän einstigen. So wirkte er auch als Rabbiner in Frankfurt a. M. Durch Schaffung eines schönen und im besten Sinne „modernen" Gottesdienstes und vor allem durch die Gründung der Vor- Lll NirMM. Mttiy iffUfteUPl Ms Ausführungen durch Proben aus Hirschs Schriften. Er will die Termini „gesetzestreu" und „orthodox" ersetzt sehen durch „thoratreu", das das ganze Judentum mit dem Prophetismus, seinen sozialen Postulaten und seiner Poesie umschließt. Schon kehren wieder weitere Kreise zum alten Judentum und vor allem zum „Lernen" zurück. Dieser neue Aufschwung des „Thora im Derech Erez"-Prinzips findet seinen Ausdruck in Bubers und Rosenzweigs Bibelübersetzung. Redner schloß mit der Bemerkung, es sei bezeichnend für das Judentum, daß der Tcrlrnnd norjdj'reibe^ 'eine ^SBroc^o^'" beim Anblick eines hervormgenLsn nWtjMschsn Vertreters der Mssenschast zu sprechen. — Dies ist die beste Illustration zu der Kulturverbundenheit des Judientums. Die Gleichberechtigung an der Münchener Universität. M ü n ch e n , 14. Jan. Min Doismiw mi osTaitiiifdjo Mitussciintta München mrrb mUgebevtt: In Sachen der Beteiligung der jüdischen Studentenverbindungen an den Feiern der Münchener Universität hat der von uns beklagte Zustand, wie er sich bei der Jahrhundertfeier bemerkbar machte, nunmehr eine Veränderung erfahren. Auf die Vorstellung des Rektors hat der Korporationsausschuß beschlossen, daß angesichts der fortbestehenden Schwierigkeiten in der Frage des offiziellen Auftretens der Verbindungen bei Umversitätsfesten bis auf weiteres vom Chargieren abgesehen werden solle'und der Korporationsausschuß aufzulösen sei. Damit ist die Gleichberechtigung aller Studenten auf dem akademischen Boden der Universität hergestelli. Schwerer Zusammenstoß zwischen Hakenkreuzlern und jüdischen Frontsoldaten. Wies b a den, 14. Jan. In Wiesbaden kam es am 12. Januar abends bei dem ersten Auftreten der Nationalsozialisten im besetzten Wiesbaden anläßlich einer Wahlversammlung für die t> er> orfie^enben 'Siabtoerorfcnetenmciijlen jjn .einem schrnercn 3ufammiEirTtoB MWM Dien aus Srantfuit ttngr« stoffenen Hakenkreuzlevn und einer Abordnung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Die Abordnung des R e i ch s b u n d e s jüdischer Frontsoldaten erschien, in dem Saale nach vorheriger Vereinbarung mit dem Vorsitzenden: die jüdischen Teilnehmer sollten sich an der.Diskussion beteiligen. Beim Eintritt kam es plötzlich zu einem Streit, der sofort in eine Schlägerei mit Stöcken und Stühlen ausartete. Die jüdischen Teilnehmer erwehrten sich der Angriffe. Man zählt auf beiden Seiten etwa 15 mehr oder weniger erheblich Verletzte. Englische und deutsche Polizei war.anwesend. Es gelang endlich, die Kämpfenden voneinander zu trennen. Brief aus Oberschlesien. B >e u t h e n (O.-S.), 16. Jan. In seiner letzten Versammlung beschloß das Repräsentantenko liegt um der Synagogengemeinde, sich aufzulösen und bis zum 15. Februar 1927 ^eue Repräsentantenwahlen nach dem Verhältniswahlrecht stattfinden zu lassen. Die Gemeinde Beuthen hat bereits vor mehreren Monaten dem Regierungspräsidenten ein Wahlstatut zur Genehmigung eingereicht: dieses Seiden-«. Garn-Handelsges. m. b. H. Die Woche. Berlin. Unter den Antworten der Reichsregierung auf Entschließungen des Reichstages befindet sich auch eine solche an die deutschvölkischen Parteien in Sachen der o st - jüdischen Einwanderungen' in Deutschland. Cs wird darin gesagt, daß für die gewünschte Statistik dieser Einwanderung 0sf WsußWNi NMliW ms IWM timtr lagen fehlen. Breslau .Die Breslauer Polizei hat weitere zwei Mitglieder des Bundes „Totenkopf", die sich an dem nächtlichen Ueberfall auf Juden beteiligten, ermittelt und verhaftet. Nach deren Aussagen dürften - die Angreifer 30 Mann gewesen sein. Köln. In den Kreisen der rheinischen N a t i o nalsoziali st e n kam es zu einem heftigen Hausstreit über die Person des Gauleiters Dr. L e y, dem man vorwirft, daß er ein „V" in seinem Namen unterschlagen hätte, in Wahrheit Levy heiße und jüdischer Abstammung sei. Er wird, sofern er feine Rassenrsinheit nicht Nachweisen fann, aus bann mti feinen Anhängern eine neue Gruppe bilden. München.. Der Verband d e r i s * ra eli tischen Kultusgemeinden in der Pfalz veröffentlicht eine Erklärung, daß, im Gegensatz zu Presseberichten, eine Verschmelzung dieses Verbandes mit dem Verbände bayrischer israelitischer Gemeinden n i ch t geplant ist. Wien. Die Wiener Deutsch-Demokratische Hochschülervereinigung legte beim Rektorate Protest gegen 'die an tise m i t i s che n Hetzplakate in der Aula der Universität ein, und der Rektor versprach Abhilfe. Prag. M Hi Der OüDinsin Darltt M ten in Gemeinschaft mit dem Jüdischen N a t i o n a l r a t e beim Justizministerium Protest ein gegen den Bannfluch von Munkacz. Mit dieser Heranziehung der obersten Behörden wird der „Chilul Haschern" nicht gemildert. Paris. Die Verteidiger Schwarzb a r t h s haben auf Grund von beglaubigten Dokumenten festgestellt, daß sich in der Derrnandtschnft Schrnarzbarths nicht rnsniger als zs N |o growo])|«r f>e|«nken. Der französische Oberkommissar für Syrien, Herr Bonsot, empfing bei seinem Abschiedsbesuche in Damaskus auch 'eine jüdische Abordnung und versprach ihr, wie er es in Tunis und Marokko getan hat, auch für Syrien die volle Gleichberechtigung der Juden anzustreben. Amsterdam. In den O b e r st e n Arbeitsrat Hollands sind drei Juden berufen worden. Es find dies: Prof. D. van E m b d e n , Amsterdam, Miß A. Polak, Haag und M. M. Cohen, Amsterdam. Der Oberste Arbeitsrat ist eine Institution des Arbeitsministeriums und hat den Arbeitsminister als Präsidenten. Jerusalem. Zu Beginn der Touristen-Saison sind in den letzten Tagen NDehr crls -400 Sottrif±?en irt ^Scxläfirlrtct -gelcxnbett 1 i i 0 Man rechnet für dieses Frühjahr mit mehr als 10 000 Besuchern, die zum größten Teile aus Amerika kommen. — In S ü d p a lä st i n a herrscht anhaltende Trockenheit, so daß in Hebron bereits Wasserkarten ausgegeben werden mußten und das Hospital infolge Wassermangels vor der Schließung steht. — Die Regierung hat eine Entscheidung getroffen, durch welche jenen Einwohnern von T e l - Arnim, die I w ... ^ajja <3'ej ä^äjte innei/abt.^ fiat Wtthlrrcht p'ßrn Juffurr stturtratwahlen zugedMgt wird. Moskau. Auf der gegenwärtig hier stattfindenden Konferenz der kommunistischen Partei des Moskauer Gouvernements werden die Erscheinung des Antisemitismus und die Mittel zu dessen Bekämpfung sehr eingehend diskutiert, wobei sich russische Arbeiter lebhaft an den Debatten beteiligen. Bukarest. An der Bukarester Handelsakademie fanden erneut schwere Studentenausschreitungen gegn Juden statt. Rervyork. Der Philantrop Nathan Straus spendete 260 000 Dollar für die Errichtung eines „Nathan und Lina Gefundbeitsz^ntrum" in Jerusalem. — Der bekannte jüdische Dichter I e h o a s ch (Schalom Vlumgarten) ist im Alter von 57 Jahren gastoMn. MoM map als LyrM? ln M hebräischen und jiddischen ükteratur bekannl und beliebt. Statut sieht für alle Gemeindemitglieder, ohne Unterschied ihrer Staatsangehörigkeit, das gleiche Wahlrecht vor. Lediglich den Frauen wurde das Wahlrecht nicht 47 Bleidenstraße 47 (früher: Grosse Eschenheimerstrasse 3) Ji SPEZIALHAUS in Nähünd Stick-Seiden Handarbeits-Garnen jeder Art zugestanden. — Die Repräsentantenversammlung beschloß noch, 2 Herren nach Berlin in das Innenministerium zu entsenden, die dort wegen sofortiger Bestätigung des Wahlstatuts intern enteren sollten. — Aber auch im Falle finfr BisWsMiMllg fmtat dann jfte Repr"seMn!en wähl nach" altem Wahlrecht statt. „ U eb er die Ang ri sse aus d en Schulchan A r u ch " lautete das Thema, über das Herr Rabbiner Dr. Melchior vor einem außergewöhnlich zahlreichen Publikum im großen Kaiserhofsaale sprach. Referent behandelte die gehässigen Angriffe der Rohling, Justus ufw., ganz besonders auch die Angriffe aus der neueren Zeit von Dinter und Konsorten. Er wies nach, wie die Antisemiten Ignoranten sind auf dem Gebiete, das sie befyattkeltt, tote sie auch mit Absicht ben Text entstellen, um dir Mrngr irrt p sührrn, und wirs rndlich nach, wie das Judentum die Liebe auch zu dem Fremdling predigt, geschweige denn zu den Völkern, bei denen wir wohnen, wenn auch in einem dunklen Jahrhundert der Verfolgung hie und da ein unbedeutendes Ausnahmegesetz entstehen konnte. Zum Schluffe kann ich noch mit Freuden feststellen, daß in hiesiger Gemeinde das „Lernen" wie bisher weiter geführt wird. — Herr Dr. Melchior hat nunmehr auch einen Frauenfchiur eingeführt, wo praktische und Weltanschauungsfragen des Judentums in regelmäßigen MümmGnMJBH erörtert rnmrn sollen. Während der Winterserien leitete Herr Ari Wohl-- gemuth, Sohn des Leiters des Berliner Rabbiner- Seminars, im „Jeschurun" Schiurim in G'moroh, Mischna und Mikro, die sehr gut besucht waren. EDÜ 'in mig<u;i[c(on 3Ragn«fenj;ä'i|e. B ud a p est, 16. Jan. Wie bereits mitgeteilt, hat am vergangenen Donnerstag die Wahl des Vertreters der Orthodoxie für das ungarische Magnatenhaus stattgesunden. Hierzu wird uns aus Budapest noch gemeldet: Die Stimmung vor der eigentlichen Wahl war so, daß fast alle Gemeinden des sogenannten Unterlandes einschließlich der Chassidim für die Wahl des Kleinwardemer Raw, Moses Ch. Rosenbaum, waren. Um aber einen Riß zwischen den Oberländern und Chassidim zu vermeiden, ergab sich das seltene Schauspiel, daß der seines Sieges sichere Kandidat zurücktrat und seine Freunde fsh rm ftimmin Wm MMMWlM Ben WM Nnw, zu geben. Dem heimkehrenden Kleinwardeiner Raw wurden von seiner großen Heimatgemeinde und den Gemeinden seines Bezirkes für seine so beispiellose Selbstlosigkeit herzliche Ovationen dargebracht. AMWNlMfHo MUßfiinDspoHfiL Ko arno , 9. Jan. Der Ministerpräsident und Außenminister Prof. Woldemaras teilte den Preffevertvetern mit, die Regierung habe, beschlossen, die Gesandtschaft in Amerika auszubauen und den gegenwärtigen Generalkonsul Dr. Rabinowrcz seines Amtes zu entheben. Die Amtsenthebung von Dr. Rabinowicz, sagte der Premier Woldernaras weiter, geschieht nicht etwa wegen mangelnder Oualisikatron, sondern deshalb, weil er Jude ist und die amerikanischen Litauer sich in ihrem Stolze verletzt fühlen, daß ihr Land nicht durch 'einen echten Litauer osrtrstsn ist. Wir rriüusrfitfj, tj«t Dir friifjrre MMMMchr mtgit« rung beschlossen, aus Ersparungsrücksichten die Gesandtschaft in Washington abzubauen und den Generalkonsul Dr. Rabinowitz, der seinem Lande große Dienste erwiesen hat, mit der Führung der diplomatischen Geschäfte zu betrauen. Dieser Beschluß wurde nun von der neuen Regierung in sein Gegenteil umgekehrt.