Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1926)
- Date
- 1926-11-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6 Nr. 46 Der Ssraeli? 11 November 1926 Frankfurt a.M., Rathenauplatz 8 (Theaterplatz) ca. 100.000 Bände — Telefon Hansa 9365 — ca. 100.000 Bände Alle Neuheiten : Eintritt täglich Abonnement pro Monat M. 1.50 - Abonn. für Neuheiten pro Monat M. 3.- Das Abonnement berechtigt zum einmaligen Umtausch an jedem Tage, ausgenommen s ° n n - A F SyMgogmgemeMde, welche sich sslbstänöig ernähren und, klärte. Latz er nur dis Interessen des KM Jisroel lm 3 Augc haben würde. «arte^rer ynN?ut>?rg, Rechtsanwalt Hnnrllh Stern, Justizral Dr. Blau, Frankfurt a. M., Prof. Jofua Friedländer, Frau Hauptkantor Friedmann (stellv. Mitglied für Rechtsanwalt Dr. Baerwaldt, Frankfurt a. M.) erschienen. Herr Justizrat Blau eröffnete die Sitzung und verlas einen Brief des Herrn Dr. Baerwaldt, in dem dieser die Beschleunigung der Drucklegung eines allgemeinen jüdischen Einheitsgebetduches fordert. Es wurde festgestellt, daß drei Gremien, Herren des liberalen Kultusausschusses, die Vereinigung der liberalen Rabbiner und die Berliner Gemeinde bereits Vorarbeiten mit Bezug daraus geleistet haben, und man beschloß, eine Vereinigung dieser drei Aktionen herbeizusühren. Nach längeren Diskussionen, an denen sich hauptsächlich Prof. Dr. Elbogen, Rechtsanwalt Stern, Rabbiner Dr. Seligmann und Oberkantor Zvi beteiligten, murds eins Kommission Ute QinljeilscytbeHnai} ^erti^stelle^ fyll, Zum Borsitzenden des Ausschusses wurde Herr Rabbiner Dr. Seligmann gewählt, der auch die deutsche Uebersetzung des Gebetbuches sestsetzen will, nachdem der hebräische Text fast fertig vorliegt. Erster stellvertretender Vorsitzender wurde Herr Justizrat Dr. Blau, zweiter stellvertretender Vorsitzender Prof. Dr. Elbogen. (Ob im Rate der Herren Justizräte und der Frau Hauptkantor eine bessere Gebetordnung herauskommt, als sie uns der Rat dernli-un no» 'v2«im „Einheitsgebetbuche" der ni-'sn *no geschaffen hat?! D. Red.). Sechs Monate Gefängnis wegen Hilfeleistung an Ofljuden. Breslau, 1. Nov. Das Amtsgericht Oels verurteilte einen Bauern aus dem Kreise Namslau zu sechs Monaten Gefängnis, weil er zwei Ostjuden, die ohne Paß die deutsche Grenze überschritten haben, um Arbeit und Brot zu suchen, mit Nahrung bs n> i -7 . i ä t u n k Ujnen len W e g gegeigt hat. In der schriftlichen Urteilsbegründung wird angeführt, daß das Vergehen des Angeklagten um so verwerflicher sei, als es sich um O st j u d e n handle, die erfahrungsgemäß zu produktiver Arbeit in der Regel außerstände seien. Die Breslauer „Jüdische Zeitung" bemerkt dazu, daß dem Richter in Oels, der in seinem sozialen Aberglauben den Handel schlechthin als unproduktiv hinstellt, vielleicht auch sonst nicht klar ist, daß ca. ein Drittel der Ostjuden von Jndustrisarbsit Uttt» Hcrndrnerk lebt, urtb d-a^ bi« Ch-ckuzlrn ln Pulästin« QU yy PlSg. OstjUVM MV. Dllß er aber seinen sozialen Aberglauben in der Rechtsprechung wirksam werden läßt, steht aus einem anderen Blatt. Die Beschlüsse der &. L.-Tagimg, Breslau, 7. Nov. Der Kartell-Convent der Verbindung deutscher Studenten faßte auf seiner Breslauer Tagung u. a.- einen Beschluß, der seinen Mitgliedern die Zugehörigkeit zu einer jüdischen Gemeinde zur Pflicht macht. Das Fechten im Verband wird auch für fernerhin gestattet. Der K. C. trägt den an den deutschen Hochschulen bestehenden Verhältnissen, durch die die Satisfaktionsfrage von untergeordneter Bedeutung für den K. C. geworden ist, Rechnung, indem er seine Hauptaufgabe darin erblickt, daß er seine Mitglieder durch Sport und geistige Ausbildung für den Kampf gegen den Antisemitismus stählt. Am das Frauenwahlrecht. Köln- 2. RM. Gestützt aus Die MinislerialsrlassL vom 27. Oktober 1925 an den Oberpräsidenten in Magdeburg und vom 27. November 1925 an den Regierungspräsidenten in Frankfurt a. d. O., hat der hiesige Konservativ-Jüdische Verein gegen den mit nur einer Stimme Mehrheit gefaßten Beschluß der Repräsentanz auf Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts wegen Verletzung des 8 41 des Gesetzes vom 23. Juli 1847 einen mit zahlreichen Unterschriften versehenen Protest beim rheinischen Oberpräsidenten eingereicht. Der angezogene Paragraph des heute noch gültigen altpreußischen Gesetzes beschränkt das Wahlrecht ausdrücklich auf „sämtliche männliche volljährige, unbescholtene Mitglieder der mit der Entrichtung der Abgaben während der letzten Jahre nicht im Rückstand geblieben sind." Umjuivn. Zwei Vertreter der Judenheit im ungarischen Oberhaus. Budapest, 8. November. Dem Verlangen der orthodoxen Judenschaft in Ungarn nach einer selbständigen Vertretung im ungarischen Oberhaus wurde stattgegeben. Nach dem neuesten Regierungsentwurf werden die Orthodoxe wie die neologe Landesorganisation je einen Sitz im Magnatenhaus erhalten. Der Vertreter der Orthodoxen-Organisation wird durch das Hundertkomitee der Orthodoxen Landeszentrale gewählt. Den Vertreter für die neologe Organisation MMN M mmemen ifflit. mr MtllMs mrnm vom PoelätUenl heute angenommen. Die antisemitischen Studentenexzesse vor der ungarischen Kammer. Budapest, 23. Okt. In der heutigen Sitzung der ungarischen Nationalversammlung brachte Abg. Pakots (national-demokratische Opposition) die über alle Maßen brutalen antisemitischen Ausschreitungen an der Universität zur Sprache und führte aus, die wüsten Ausschreitungen seien zum System geworden, man dürfe nicht länger schweigen. Abg. Dr. Fabian sagte, die Hörerschaft werde durch die Professoren selbst zu Ausschreitungen verhetzt, zu welchen die Ernennung Prof. Adams den Anlaß bietet. Man sollte die Professoren maßregeln. Abg. Pakots führte weiter aus, die nachgiebige Methode des Kultusministers Grasen Klebelsberg ermutige die Jugend zu den brutalen Taten. Tatsache ist, daß immer wieder selbst die wenigen Hörer jüdischer Konfession, die der 1 «Humerus etoufus ^urrt Studium grrsätztz M tzHs ülllökl' (itat ge&emütigt, verprügelt und hinausgejagt wsedön. Cs kämpfen fünfzig gegen einen. Das ist verruchte Feigheit und Schändung des Ungartums. Die Professoren, die den Mißhandlungen lächelnd zusehen, geben mit ihrem böswilligen Zynismus ein Vorbild für einen gewissen Teil der Hörerschaft. Die überwiegende Mehrheit der Hörerschaft ist dieser Vorfälle überdrüssig. An der Technischen Hochschule kam es heute zu abermaligen Ausschreitungen. 20 Studenten mißhandelten einen jüdischen Kollegen durch Stockschläge auf den Kopf und murfen itjn bann ggf MklW, fflltfj lllMr? jfll msche Studenten, die M auf Mfeaseu als Juden kegrUmierlen, waren brutalsten Mißhandlungen ausgefetzt Der Velzer Rebbe Lemberg, 2. Nov. Wie bereits mitgeteilt, ist in Belz in der Nacht zum Sabbat mv "n 'a Rabbi Jssachar Dow R o k e a ch, der „Belzer Rebbe" gestorben. Seit einem Jahre etwa war er leidend. In den letzteren Tagen verschlimmerte sich die Krankheit, der er nun im Alter von 74 Jahren erlegen ist. Auf seinem Rabbiposten stand er 34 Jahre, seit dem Tode seines Vaters, Rabbi Jesajas. Der Rabbi hinterläßt vier Söhne und fünf Töchter. Bei der Bestattung am Sonntag mittag waren Zehntausende aus allen Teilen .Polens mit Extrazügen herbeigeeilt. Die Aufregung in Belz, in Lemberg und in ganz Galizien ist unbeschreiblich. Ferner wird uns berichtet: lieber zehntausend Menskhöll, UUtöV »tele hunlerl 94ctÜmer unö brachten Sonntag früh die Extrazüge über Lemberg nach Belz. Auch die christliche Bevölkerung nahm regen Anteil an der Trauer der galizischen Judenheit. Noch vor der Bestattung wurde, wie dies in Chassidimkreisen üblich ist, über die Wahl des Nachfolgers beraten. Es standen sich zwei Parteien gegenüber, die eine plädierte für den ältesten Sohn, Rabbi Aron, während die andere Partei mit Hilfe der Mutter für den jüngeren Sohn, Rabbi Mottele, sich einsetzte. Es gab schwierige Verhandlungen, bis man sich auf Vermittlung des Tarnopoler Rabbiners auf den ältesten Sohn, Rabbi Aron, einigte. Die Einführung des neuen Rebbe erfolgte kurz nach der Beerdigung am Grabe des Vaters. Der neue Rebbe er- Die Belzer Dynastie ist, obwohl im Besitze der größten Popularität, noch ziemlich jung, sie begann erst mit dem Großvater des Verstorbenen, mit Rabbi S ch a l o m , der eine hervorragende Thoragröhe war. Der „Beizer Hof" bildet sich erst richtig heraus unter seinem Sohne, Rabbi Jesaja und erreicht seinen Höhepunkt mit dem jetzt verstorbenen Rabbi Isaak Dow. Rabbi Isaak Dow verdankt seine Stellung nicht seiner Erstgeburt, sondern er wurde von seinem Vater infolge seiner Gelehrsamkeit und seiner Eigenschaften, obwohl nicht der älteste, zu seinem Nachfolger bestimmt. Er war eine überwältigende Erscheinung, von großer, kräftiger Statur, mit bis zur Brust wallendem Barte, ein Fürst in seinem äußerlichen Austreten, wie in seinem innerlichen Wesen. Sein Tag m NUWWl Ml MM, MtklI UM MMNM. llN- Högühliö Tausends kamen jährlich gu ihm mit ihren Bit° ten und Wünschen, mit ihrer Not und ihrem Kummer, und fanden hier das tröstende Wort und die helfende Hand. Er hielt daraus, daß seine Chassidim, wie er selbst, sich dem Studium des Talmuds und der Dezisoren hingeben, und auf dieser Basis zog er auch die Jugend an; es war charakteristisch für den „Belzer Hof", daß junge Leute dort die größte Rolle spielten und die ersten Stellungen einnahmen. Der Beizer Rebbe^ auf der Kurpromenade in Marienvad. Die Belzer christliche Bevölkerung, die mehr oder weniger vom Hose und den Zusammenkünften der Chasfthim lebt, sah zum Nabbi mie zu einem Dürften unb lern berufenen &SS ÖUÖtmtUtUS Mülls. Unzühr lige Grützgutsbesitzer von altem Adel pflegten mindestens einmal im Jahr den Rabbi zu besuchen und Geschenke für die chassidischen Institutionen mitzubringen, und in der Kaiserzeit war es schon zum Brauche geworden, daß ein neuer Statthalter in Galizien bei seinem Amtsantritt seine obligatorische Visite in Belz machte. In den letzten Jahren weilte der Rabbi infolge seines Leidens regelmäßig in Marienbad. Im letzten Sommer war ein Aufenthalt in Nauheim geplant, doch hatte sich sein Gesundheitszustand so verschlimmert, daß die Reise nicht ausgesührt werden konnte. Um die Feiertage herum besserte sich sein Zustand und er ließ es sich trotz dringender Warnung der Aerzte nicht nehmen, die heiligen Tage wie üblich im Kreise seiner Chassidim zu verweilen. Am Rausch Haschono und Jom Kippur hat er sogar noch selbst Mussaf oorgebetet und Schofar geblasen. Nach Jom Kippur trat zum alten Leiden noch eine Lungenentzündung hinzu. Die ersten Aerzte aus Berlin »nd Wien rpgs^ll kjeröelgeruM UM Milten gange Wochen in Belz. Ungchsuvs Lummen ließen sich die Chassidim für das teure Leben kosten. In der letzten Woche, da der Zustand immer ernster wurde, fragte er andauernd die Umstehenden, was für ein Tag es fei und wie lange es noch bis zum Sabbat dauere. Als wüßte er, daß mit dem Sabbateingang auch feine Lebenswoche in die ewige Ruhe einmünden würde. Donnerstag nacht erwachte er plötzlich aus dem Fieber und rief zum Erstaunen der Söhne und Freunde, die das Bett umstanden: „Kinder, der Großvater Rabbi Schalom war eben bei mir, es ist höchste Zeit, daß ich mich rüste, den Sabbat zu empfangen." Am Freitag morgen ließ er sich im Bette in das Bethaus noch einmal tragen, wo er in der üblichen Beizer Melodie laut und inbrünstig betete.