Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1926)
- Date
- 1926-11-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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L NüvMVök 1820 Sache, die YMen Teilen als eine Lebensfrage für Land und Leute erscheint. Daß es dieser ungeheuren Propaganda bedarf für eine Sache, die doch die Werbekraft, wie man meinen sollte, in sich trägt, ist für den Uneingeweihten einigermaßen befremdlich. Man müßte eigentlich glauben, daß die Eingewanderten aus den verschiedenen Alijoth, zum Teile Staatenlysezum Teile aus Ländern der Not und des Druckes geflohen, wo ihnen das Bürgerrecht wie eine unverdiente Gnade vorenthalten wurde, nun mit Freude und Begeisterung die Gelegenheit ergreifen,'sich als Bürger in einem Lande, und noch dazu im heiligen Lande der Väter, zu verwurzeln und damit zu einer gewissen politischen und wirtschaftlichen Bodenständigkeit zu gelangen. Wer aber die Verhältnisse im Lande kennt und die Entwicklung der letzten Jahre noch im Auge hat, kann auch die seelischen Hemmungen bei einem Teile der palästinensischen Judenhttl, IU 41 Äsbsi zu Üßör-MNDM gwl, vörsWM und würdigen. Noch ist die Erinnerung an die Türkenzeit besonders bei den Alten nicht erloschen, da Bürger des Landes so viel bedeutete, wie vogelfrei und schutzlos der Willkür der brutalsten aller Verwaltungen, der türkischen Soldateska preisgegeben, während man als Bürger eines europäischen Staates stets den Schutz des als exterritorial geltenden Konsulates und seiner Gerichtsbarkeit genießen konnte. Diese Zustände gehören zwar der Vergangenheit an, aber die seelische Umstellung hält selten gleiches Tempo mit politischen Umwälzungen ein. Kommt aber hinzu, daß das politische Leben in Palästina auch heute noch nicht in dern Maßs konsolidiert ist. daß die neuen Einwanderer!n ^er Einbürgerung ohne weiteres den festen Anker für die Sicherstellung ihres Lebensschiffleins sehen könnten. „Doar Hajom", der sich mit seiner ganzen Kraft und seinem nicht geringen Einfluß für die Einbürgerung um jeden Preis einsetzt, kann nicht umhin, den Nebelschleier zu kritisieren, in den die englische Regierung das palästinensische Einbdrgerungsgesetz eingehüllt hat. Wohl verlautet es, daß dem Besitzer eines Palästinapasses genau die gleiche Freizügigkeit gewährt wird, wie den Engländern, im übrigen herrscht aber absolute Unklarheit über „das Recht des Bürgerrechtes" im Lande. Wie das gemeint ist, wissen wir nicht, aber es ist anzunehmen, daß das bestens einge- MlW Mau gemp UMMlMli Dafür M, Daß die Rechte des Palästinabürgers noch nicht so lückenlos feien und sich nicht ganz mit dem decken, was man in anderen Ländern unter dem Bürgerrechte versteht. Dessenungeachtet sind wir der Meinung, daß über deren Beziehung zum praktischen Religionsgefetze irgend welche Frage sich aufgetan hat. Eine ganz merkwürdige Geschichte finden wir in der Gutachtensammlung Chavaus Ioir, von R. Joir Chajim Bacharach(16>8-1/01), Rabbiner in Worms. Von einem Rabbiner in Lemberg (Galizien) R. Scholaum Friedmann erhält er eine Anfrage, in der es sich um eine sehr abenteuerliche GeüMtf Dirnmi Mk reit reMliltz reMktgMll revllm, Cm Mann, nennen mir ihn Raven, fromm und gottessürchttg, ein zurückgezogenes Leben führend, mit Thorastudium sich beschäftigend, hat zwei Söhne. Als der ältere Sohn ins heiratsfähige Alter gelangt ist, und eine Ehe eingehen will, verlangt er vom Vater eine Ausstattung und Ausrüstung, deren Kosten aber weit des Vaters Vermögen übersteigen, da der Vater so verarmt ist, daß er kaum das tägliche Brot aufbringen kann. Als dem Sohne dies dargestellt wird, entsteht Streit und Zank, und in seiner Wut läßt er sich dazu Hinreißen, dem Vater drei wuchtige („unmenschliche" heißt es im Original) Faustschläge auf die Schulter zu geben. Die Mutter, Schwestern und der jüngere Bruder sind Zeugen dieses furchtbaren Austrittes, find starr vor Schrecken und Entsetzen, und als sie sich einigermaßen gefaßt haben, denken sie daran, mit Stöcken aus den ungeratenen Sohn einzuhauen, lassen aber davon ab "weil sie gottessürchtig sind und es nicht in ihrer jüdischen Natur liegt", und fangen nur zu weinen an. Auch der Vater weint und ruft aus: ..sehet, was ich eine Schlangenbrut Zrotzgezoqen habe". Mutter und Geschwister machen dem Sohne heftige Vorwürfe: Du, Roscho, siehst Du denn nicht, wie arm wir sind, daß wir kaum das tägliche Brot haben, Liir ss 8M8NW s«, öllll reit imsn fern sktWll 2toTajo, rote 5)u Bift, mit Kleidung und. Wüsche vergjf fl y r g f n f diese Hemmungen überwunden werden müssen und daß der großangelegten Aktion zu Gunsten der Einbürgerung auch von gesetzestreuer Seite zuzustimmen ist, wenn wir es auch für stark übertrieben und verfehlt halten, daß gewisse palästinensische Blätter so etwas wie „schwarze Listen" anlegen für all diejenigen, die aus irgend einem persönlichen Grunde in die dargebotene Hand zum Bürgerbunde nicht einschlugen. Druck und Gewissenszwang sollen auch nach dieser Richtung vermieden werden. Es bleibt aber die Tatsache bestehen — und die bevorstehenden Wahlen in den Jerusalemer Gemeinderat verleihen dieser Tatsache hochaktuellen Charakter — daß unser Einfluß im Lande von der Zahl seiner jüdischen wahlberechtigten Bürger abhängen wird. Auch wir im schweren Ringen um die Thora und ihr geheiligtes Recht im Lande der Thora könnten, — was Gott verhüten möge —, leicht ins Hintertreffen kommen, wenn sie im anp fffffm Mch tzf f r i? H? 9 b e s B11 r g e r s in Den Kamps gegen „Die Frenwen" einzusetzen in die Lage kämen. Für unsere Gesinnungsgenossen in Palästina ist die Einbürgerung von doppelter Bedeutung: für die Arbeit nach außen sowohl wie vielleicht noch mehr für die nach innen. Aus der Arbeit des englischen Board of Depuües. In der letzten Sitzung des Deputiertenrates der britischen Juden (Jewish Board of Deputies), die unter dem Vorsitz von d'Avigdor Goldsmid erjtaiieie ^err ßucien SDSoI^ 23 er i dpi iiDei Die Xötigteit Des Joint Foreign Committee (Komitee für auswärtige Angelegenheiten der Juden) und stellte fest, daß nunmehr eine Zusammenarbeit zwischen dem Joint Foreign Committee und dem Amerikanisch-Jüdischen Kongreß gesichert ist. Es sei, so sagte er, aus tiefster Seele zu begrüßen, daß diese Art Zusammenarbeit, die nicht so leicht zu bewerkstelligen war, nun endlich Tatsache ist. Es sei nur daran zu erinnern, daß sich die Vereinigten Staaten niemals an irgendwelchen Minoritätsverhandlungen beteiligt hatten. In Genf habe er die Erfahrung gemacht, daß, obgleich die amerikanischen Juden gegenwärtig nur hinsichtlich einer Frage ihren starken Wunsch nach einer Zusammenarbeit ausgedrückt lMö», Zsttttsch m lMksäMZ Systötti a<re Zusammenarbeit Zustandekommen werde. Wenn auch die amerikanischen Juden an dem Berliner Vertrag, dem die Minoritätenverträge zugrundegelegt worden waren, keinen Anteil hatten, so haben die amerikanischen Juden dennoch zur Zeit sehen sollen!" Und sie konnten von da an nicht mehr „im Frieden mit ihm sprechen", weil der Verdruß und Groll wegen seines Ausfalles in ihrem Herzen brannte. Einige Tage später nahmen der Vater und die Mutter den jungen Sohn aufs Feld hinaus zu einer Aussprache und da Hub der Vater an: „Latz es Dir. Sohn, nicht leid sein um das, was Du erlebt hast. MM DU, llllMk LDlllll m roaör ujid eniDöif mir Wahrheit. uhd ioDaiD man von im aBrociffit, Bat man nur Unglück und Leid, und jener Abschnitt vom widerspenstigen und widersetzlichen Sohne ist nicht umsonst geschrieben. Höre, was sich vor langen Jahren bei uns zugetragen hat. Als die Mutter ihren älteren ohn gebar, da hat in unserem Hause auch ein nichtjüdischer Arbeiter, der in meinem Ge schäfte tätig war, gewohnt. Er war verheiratet und in der Nacht nach der Niederkunft Deiner Mutter hat auch dessen Frau einem Knaben das Leben gegeben. In der Nacht vor der Brismilo, die man „Wachnacht' nennt, ist nun etwas Furchtbares geschehen. Als deine Mutter aufwachte und ihr Kind nehmen wollte, merkte sie, daß sie ein totes Kind in den Händen hatte, und. als sie es näher betrachtete. war es gar nicht ihr Kind. Da erhob sie ein furchtbares Weh- und Jammergeschrei und ries: das ist gar nicht mein Kind, die Polin hat ihr totes Kind mit meinem lebenden vertauscht. Die Polin hörte dies alles mit an und entgegnete kein-Wort, denn im Gründe ihres Herzens war es ihr recht, daß ihr Kind tot war, denn sie war arm und wollte das Kind los haben, um sich als Amme zu verdingen, um Geld für den Unterhalt ihrer anderen Kinder zu erwerben. Als die Mutter ausgeredet und sich BfFUDigt WM, fllglk MkMlM llllll UND vMWmlM gebet mir ein ScbmeigegelD. so mm icb nichts er- Oette 3 der grausamen Judenverfolgungen ln Rumänien einen regen Anteil an der Abwehrarbeit genommen. Herr Lucien Wolf berichtete weiter, daß bei der Minderheitsabteilung des Völkerbunds ein besonderer Beamter mit der Sammlung von Informationen über die Lage der jüdischen Minderheiten in jenen Ländern, die Deklarationen über die Minderheiten abgegeben und Verträge unterschrieben haben, betraut ist. Die Arbeit des Board in Genf bezog sich auf neun Angelegenheiten: Das jüdische Interesse an einer Reform des Rates, Fragen der Staatsbürgerschaft, die jüdische Not in Polen, das rumänische Staatsbürgerschaftsgesetz, den ungarischen Numerus clausus, das Verfahren bei Abschluß von Minderheitsverträgen, Reform des Kalenders, Schutz der Emigranten und Flüchtlinge. Ueber alle diese Themen wurde mit den führenden Mitgliedern des Völkerbundssekretariats und den Diplamarislsikn smmcrn Dir immffttmn Staaten diskutiert, und mancherlei Erfolge wurden erzielt. Es war nicht der geeignete Moment, alle die schwebenden Fragen aufzuwerfen, da in diesem Jahre die Reorganisation des Rates das Hauptptereffe auf sich gezogen hat. Lucien Wolf hat dem Völkerbundssekretariat den Vorschlag unterbreitet, daß den Mitgliedern des reorganisierten Rates die Wichtigkeit der Erfüllung der Minoritätenverträge durch die verpflichteten Staaten dargelegt werde und daß die Ratsmitglieder in dieser Hinsicht sich binden. Es sollte eine Bestimmung angenommen werden, wonach ein Staat, der die 3Nruder^eitsr>ertr«bb rddpi ereiltUy rttc^t Mitglied Des Rates rnerDen kann. In Dieser Sesr fron konnte hierüber kein Beschluß gefaßt werden, doch wird der Vorschlag der nächsten Sitzung des Völkerbundsrates gewiß zur Beschlußfassung vorliegen, und er halte es für sicher, daß der Vorschlag zur Annahme gelangt. Im allgemeinen steht die Sache der Minderheiten in den meisten europäischen Ländern nicht gut. Sieben Jahre nach Abschluß der Minderheitsverträge gibt es noch Hunderttausende Menschen, die staatenlos sind. Diese Frage ist jetzt im Zuge und wird demnächst den Völkerbund intensiv beschäftigen. Die neueren Feststellungen erweisen, daß allein in der kleinen Bukowina 15 000 Juden als staatenlos gelten. Die jüdische Not in Polen und Rurn'mm mireäi mit Uw Allßsnmittistäim öiössv Staaten direkt besprochen. Der polnische Außenminister Graf August Zaleski hat Herrn Lucien Wolf das Versprechen gegeben, seinen Einfluß dahin auszuüben, daß die Not der Judenheit in seinem Lande gemildert werde. Die polnischen zählen von dem Vorgänge, es ist so, wie die Frau sagt, ich Hobe einen Tausch vorgenommen, die Wahrheit ist sv, wie ihr behauptet, mein Sohn ist das tote Kind und sie suchte allerlei Ausreden, um ihre Tat zu entschuldigen. Ich aber, fuhr der Vater fort, habe mir die Sache im Gedächtnis bewahrt. Ich habe zwar damals nichts gesagt unb dem Weinen d-r Mutter und der Erzählung der Polin nicht gefliöiiDr nnD am Die 2Darrcnn Dar mir oeiocüimmr. unD icD ronttte Die mnaeiegenBeit Dem ©emeinDOTaD« Muer vortragen und seiner Entscheidung alles anheimstellen. Da sagte nun der Rabbiner zu nns, setzte der Vater feine Erzählung fort, es fei jedenfalls gefährlich, wenn die Sache an die Oeffentlichkeit käme, ob es sich nun so verhielte, wie die Mutter sagt, oder wie ich glaube; in jedem Falle bestehen Zweckel, wie es religionsgesetzlich mit dem Kinde zu Hallen sei. Darum sollten wir den Knaben, den die Mutter als den von ihr angeborenen anerkannt, als Juden erziehen und unterrichten lassen, und das tote Kind soll aus dem jüdischen Friedhose nach Abtrennung der Orlo (Vorhaut) begraben werden. So haben wir auch getan, und es ist alles gut aegangen und ist nie ein unangenehmer Zwischenfall vorgekommen, oder irgend eine unangenehme Beobach' tung gemerkt worden bis heute wo der ältere Sohn sich so unjüdisch benommen und e.ne unjüdische Ader hat merken lassen Dies erzählte der Vater im Beisein der Mutter dem jüngeren Sohn und so weit geht die Darstellung des Sachverhaltes. Das Gutachten will uns aber nicht eine interessante Geschichte erzählen und der Rabbiner von Lemberg seinen weltberühmten Amtsbruder, den Rabbi von Worms, nicht mit fremden Angelegen- UMII llllMDlllM; fonnem voll will MiMllMWiicüe UND DermögensrecotltcDe EMscMDllngm eiDitten: