Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1926)
- Date
- 1926-10-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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cisy, Br. 42 1924 Die Perle von Aegypten. LWS Die wundersame Geschichke einer jüdischen Tochter. SSon S- (FlllMZMg). XXVI. . Es verging wieder ein halbes Jahr in Hangen und Bangen. Die Nachrichten aus Europa überstürzten sich. Rußland sei zusammengebrochen und die Revolution habe dort den Zarismus über den Haufen gerannt. In Palästina seien .die Engländer eingezogen. Und später: die deutsche Front sei ins . Wanken gekommen- Waffenstillstand, ./Friedensbedingungen, Heimkehr der Truppen. Unklar in Farbe und Umrissen leuchtete etwas durch die Wolken und noch stand die Welt atemlos da und wußte nicht, ob dies Zücken neuer Blitze oder Leuchten des Re? genbogens nach dem Gewitter war. Reisele trug ihr Leid und ihre Trauer still ini sich, und dann dachte sie an Palästina und die Engländer, und auch an die Heimkehr der Truppen von den Schlachtfeldern. Ihre Gedanken verwirrten sich zwischen dem Manne, der finster und trotzig mit hinausgezogen war nach Palästina und dem Anderen, der bald an der Spitze seiner steggekrönten Helden in den Straßen Kairos als der,Helden größter gefeiert werden -wird, urn dann ins Hü ziehen unS stin Recht zu fordern. Sie kam' aus dem Trauern uird dem Sinnen und Brüten über die Dinge und Möglichkeiten der nächsten Zukunft nicht hinaus. Milka war ernster und nachdenklicher geworden. Sie beschäftigte von all dem nur eines: die Wandlung in Rußland. Lenin, Trotzki, Uri sahn und die anderen-, die sie aus der früheren Zeit fast alle persönlich oder mindestens dem Namen nach kannte, bevölkerten ihre Träume auch am wachen Tage. Das kluge, erfahrene Mädchen verlor fast das geistige Gleichgewicht bei all dem Unfaßlichen, das dort über Nacht als Erfüllung jahrhundertelanger Träume eintraf. Sie konnte kaum von anderen Dingen sprechen. „Ich werde gläubig," sagte sie, „wenn dies e s möglich war, dann gibts nichts mehr, was NW im MMlA Der MWMM Drän „Wißt Ihr, bä0 heißt, Wl o 0 $ a u , ber Kreml?", ereiferte sie sich, obzwar ihr keiner widersprach. „Kein jüdischer Fuß durfte im weiten Umkreise die Stadt betreten. Wenn dort die Glocken läuteten, klang es wie: „Tod den Juden! Tod dem arbeitenden Volke!" Und nun sitzt T r o tz k i im Kreml, auf dessen Dach die rote Fahne weht, und regiert an Stelle von Nikolaus und Pobedosszonow, und Arbeiter im Arbeitskittel stellen die Räte und Beamten-" „Ich werde nun verrückt oder gläubig," kam sie in Ekstase. „Saget mir, was Ihr wollt, nichts ist mehr unmöglich. Fabeln sind Wahrheit, Träume Wirklichkeit. Erzählet mir von einem Messias, der als Bettler auf weißem Esel dem Volke ins gelobte Land voranreitet, ich glaube nun alles. Was dort in Moskau im Kreml vor sich gegangen ist, ist viel wundersamer und unglaublicher als alle frommen Legenden." „Es ist die Freiheit, die letzte Erlösung", jubelte sie wie besessen, so daß Feige nicht wagte. m wMsMÜM. unD Mfßfß NWÄStt 9JM sänd. 2Us Ws eigene. Sache, bie ihr immer noch näher lag als die Dinge in Moskau, überzulenken. . Milka ließ deutlich erkennen, daß es sie hier nicht mehr lange halten werde, daß sie bald hinüber gehen wolle, um das alles mitzuerleben, mitzuarbeiten am Ausbau des großen. Befreiungswerkes. Reisele wagte zu erinnern: „Du erzähltest oft, wie sehr Dich die Arbeiter enttäuscht hätten, wie sie die Umsturzgedanken nicht vor Judenhaß schützten, wie sie vom Kapital sprechen und die Juden, auch die armen Hüttenbewohner, meinen. Du erzähltest es uns, wir wußten wenig davon. Und nun. diese Begeisterung. mim Mrauonr „Das w a x einmal," wies Milka ben Einwand rasch ab. „Wer sich mit beiden Ellenbogen seiner Haut zu erwehren hat, von dem verlange man nicht zarte Rücksicht auf die Nebenstehenden. Nun ist die Schlacht geschlagen, der Sieg errungen, die lebten Träume erfüllt. Es kann dort keine Russen und keine Juden mehr geben. Es gibt nur Proletarier als Herren der Situation und Bourgeois, die zur produktiven Arbeit erzogen werden. Kapital ist aufgehoben. Wer nicht mit seinen schwieligen Händen sein Anrecht auf Brot ausweisen kann, mag hungern". Reisele besah unwillkürlich ihre gut gepflegten Hände und erschrak ein wenig. „Verzeih. Reisele," lenkte Milka ein, „das gilt natürlich alles für dort und nur soallgemein gesprochen. Hier in der alten Welt schafft die bestehende Ordnung andere Formen, die für sie gut sein mögen. Ich für meine Person ziehe ein Leben vor dort,, wo sich der Menschheit Träume erfüllen." „Du willst mich ernstlich verlassen?" „Nicht eher, als bis der neue Wendepunkt für Dick) eingetreten ist. Er fan-n ntc£)± mein? lange warbm §«glich kehren nene Truppenteile heim." „Und dann willst Du mich der Pein der Verbannung in einem Fürstenschlüsse überlassen, indes Ihr dort Fürstenschlösser einzieht und das Eigentum aufhebt?!" * „Es bleibt Dir ja überlassen, mit mir zu gehen," sagte Milka lebhaft. „Nein," entschied sich Reisele, ^rascher, als sonst bei ihr der Fall war, „ich bin nicht zur Fürstin geboren, die in Schlössern residiert, und werde es ohne Dich keinen Tag länger sein können, aber noch weniger zur Stürmerin, die Schlösser stürzt und Fürsten a b s e tz t. Uebrigens ist denn Fürstsein so leicht und angenehm, daß man es ihnen neiden und als Nichtstuern das Recht auf Brot absprechen müßte? ..." „Es geht um tiefere Dinge," sagte Milka etwas gereizt. „Man muß Karl Marx. Lasiale mw Die regten MM Minus gßlßssn hgsisn. um dss ällSK zu verstehen." „Die kenne ich nicht, habe auch von Lenin nie was gehört. Kann man aber die Menschen so glatt nach Herren und Knechten teilen? Ich kenne nur einen einzigen Fürsten, er ist ein Edelmensch. Und ich kenne einen Arbeiter, der ebenso stolz und edel und dazu noch ein Weiser ist. Und braucht der Arbeiter niW den Besitzenden wie umgekehrt? Im Schlosse gibt es Bauten, Gärten, weiße Wege. Wovon sollten die Maurer, Schlosser, Gärtner und Arbeiter leben, wenn es diese nicht gäbe? Wer sollte Krankenhäuser und Waisenheime erhalten, wenn das Kapital abgeschafft ist? Was können Marx und' Lenin dagegen zu sagen haben?" „Das alles schafft die Kommune, die Gemeinschaft, die Korporation, es ist im Zukunftsstaate für all dieses bis ins kleinste gesorgt. Man muß es bei Bebel und Lenin! Nachlesen." Nein, davon verstanden weder Reisele noch Feige etwas, und man diskutierte nicht weiter. 2as 88ild xöecijfetie- ^eitungen ka& Bericht «US Rußland vvN KÜMPr fen der roten und weißen Garden gegeneinander, von grauenvollen. Judenmetzeleien in der Ukraine. In Milka schrie es wild auf. Sie kannte fast alle genannten Städte und Flecken, es war ihre Heimat. Viele der namhaft gemachten Opfer waren ihr von früher her bekannt, verwandt, befreundet. Milka ging mit glühenden Wangen daher, wie aus nachtwandelndem Schlafe geweckt. Dieser Rückfall in die Finsternis scheuchte ihren Traum, und ihr Lied von der Freiheit und Erlösung brach mittendrin ab. Reisele wie Feige waren zu fein und selbst zu sehr von den Schreckensnachrichten erschüttert, als daß sie sie gegen Mikla ausgespielt hätten. Im Gegenteil tröstete Reisele: sind ja Diß Anböks 11. M muß sich erst durchsetzen, inzwischen fließt Blut, natürlich jüdisches Blut." Aber die Zeitungen wußten davon zu berichten, daß der rote Schrecken nicht minder im Lande wüte, daß auch die Bolschewisten Men schen, und nicht, zuletzt Juden, in Massen ab schlachteten in den Städten, die sie beziehen, ode die sie verlassen müssen. Milka hielt es jetzt er' recht nicht mehr hier. Fort wollte sie, nach Mo; kau, um den Männern, die sie von Ansehen oder; dem Namen nach kannte, zu sagen, was sie der Menschheit und der großen Idee, der sie dienen, schuldeten. Eine Selb st wehr wollte sie gründen, die Lenintruppen wollte sie, eine neue Jungfrau von Orleans, gegen die Mörder und Schänder führen, sie, die ja all ihre Schlupfwinkel an Dnieper und Dniester so genau kannte ..." „Du willst Dich opfern?" bat Reisele. „Hast vergessen, daß Du damals der Hölle entflohen bist." „ D a m a l s, ja. Aber nun ist die Sache anders und eines Opfers wert. Es geht um die große Menschheitsidee und deren Reinhaltung von Sdjmui) unb Blnt." „Cs Ist Nicht dis LiswsHu den Brüdern und Schwestern, die Dich dahin treibt?" „Der Kampf geht dort nicht gegen sie, sondern gegen den Menschen schlechthin, gegen das Licht. Sie, die Brüder und Schwestern, geben ihr Blut als Dung für das neue Feld her, auf dem die Freiheit für all e heranreift —-" Indes stieß noch die Ausreise Milkas auf Schwierigkeiten, und eine Ablenkung brachten die nächsten Tage mit der Heimkehr der siegreichen Truppen. Es wurden umfassende Vorbereitungen für den Empfang getroffen. Ehrenpforten wurden an allen Stadteingängen errichtet, Guirlanden schlängelten sich von Straßenfront zur Straßenfront. Am Tage des Einzuges stand Reisele mit ihren Freundinnen auf dem Balkone, von wo aus sie den Ausblick auf den Rumeleplatz hatten^ wo nlMhkimn truppen samiml; ten unD Der große Empfang vor sich ging. Viele Stunden, einen halben Tag lang zog sich ununterbrochen die Kette der Truppen zu Roß und zu Fuß dahin, unter Anführung von Generälen und hohen Offizieren. Geschütze und schwere Wagen mit Proviant sowie Lazarettwagen kamen hinterher. Bestäubt und müde, aber mit leuchtenden Augen und glänzenden Gesichtern, vielfach Kopf oder Arm im Verbände, aber mit Myrten bekränzt, so zogen die Sieger ein. Militärkapellen spielten vor jeder Formation Siegesmärsche, Glocken läuteten von Kirchtürmen, und von den Minaretts der Moscheen erscholl Hörnerklang und Gesang der Derwische. Die ganze Stadt war in Bewegung. Auf dem Rumeleplatz waren Tribünen errichtet, wurden in hochtönigen Reden und brausenden Hochrufen die Heldentaten der Krieger gefeiert. Kinderchöre sangen Begrüßungslieder, weißgekleidete Mädchen reichten Blumen, Geistliche in Barett und Burnus sprachen Segensworte. An langen Tischen wurden die Soldaten mit Speise und Trank reich bewirtet. sahen Die MlwlWn vom Balkons dem bunisn Sprsls, Zu dessen Kosten Fürstin Nasa nicht wenig beigetragen hatte, zu. Es kamen immer neue Formationen, neue Gestalten, neue Führer mit gebräunten Gesichtern hoch zu Roß, vom Publikum, das die Straßen füllte, mit tosendem Jubel begrüßt. Reisele binc "