Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1926)
- Date
- 1926-10-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Perle von Aegypten. Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Jzchatt. (Fortsetzung). liiti '(Stimme mm ein monta, als M jetzt entschlossen zupackte: „Nicht für den Ranzen, aber fürs Herz. Ihre zweite Sehnsucht, Ihren Fiebertraum, daß er Sie als Er l e b n i s und eine neue Hoffnung hinausbegleite," — Milka schöpfte Luft. — „Nun genug der hohen Worte. Jetzt sprich Du, Reisele, selbst." Und sie hob ihr den Flor in die Höhe. Benze senkte die Augen, wie von einem Blitzlicht erfaßt. dann leuchtete wie seltsamer Feuerfß)ßin iißar fein SßfiftL MK Mßrnüßr flanD griff er nach ber Reiseles unb leise kam, es über feine bebenden Lippen : „Du, Reisele, hier?" „Ich, wie Du siehst, und hier. Seit Wochen weiß und sehe ich Dich schon hier ... Da Du nun gehst, sollst Du es erfahren, wie nahe wir uns waren." „Wie kamst Du hierher und was tust Du hier?" „Von den Wellen des Meeres und des Lebens hierhergetragen. Das kann man nicht so erzählen." Benze sah ihr zum ersten Male richtig in die Augen. Heilige Reinheit lag darin, so daß er beschämt ob eines leisen Verdachtgedankens den Blick senkte. „Und was tust Du hier?" wiederholte er. „Ich bin im Schlosse", sagte Reisele kaum hörbar, wie mit fremder Stimme. Also Mnsalls in KvankLWstsgs sdsv sehnlichem tätig, wie die Freundin, dachte er, und fragte zunächst nicht weiter. Milka und Feige waren, schon wie sich des Soldaten Hand in die Reiseles legte, unbemerkt auf die Terrasse gegangen. Hier auf der weißen Gartenbank saßen Benze und Reisele allein, wie vor Jahren im Parke des Knias im Städtchen. Blaß leuchtete über ihnen die Mondsichel, ein paar Sterne blitzten auf. Benze hielt ihre Hand in der seinen. Sie sah zum Himmel, als flehte sie diesen um Rat und Hilfe an. Sie bebte wie ein Vogel in Angst vor nahendem Schatten. Sie grollte den Freundinnen, daß sie sie allein gelassen, hatte aber nicht den Mut, nach ihnen zu rufen. „Ich habe Dich vier Jahre ununterbrochen gesucht." Hub er au. „mti Auge urtb (Seele. Und find« Dich hier, wo ich Dich nie gesucht hätte. Ist das nicht seltsam?" „Ihr habt meine Briefe nie erwidert. Habt Ihr sie nicht erhalten?" „Wir, Berle und ich, wanderten, als man uns vom Städtchen aus Deinen einzigen Brief aus Argentinien schickte, dorthin, suchten in Buenos Aires und anderswo, ohne eine Spur zu finden. Die nach Newyork gerichteten Briefe konnten uns daher nicht erreichen. Auch für uns fanden wir in Argentinien nicht, was wir suchten und kehrten nach Newyork zurück. Dann brach plötzlich der Krieg aus und alle Verbindungen mit der Welt waren abgeschnitten." „Und Berle?" „Wir haben während des Krieges in Newyork gut verbiem. DMe M Besitzer einer Minen Klsidsrfabrik. Ich vö&v daran beteiligt. Doch hielt es mich nicht länger dort, seitdem ich vom Feldzuge nach Palästina und der „Jüdischen Legion" hörte." „Dem Lande der ewigen Sonne," sagte sie. „Und hier das Land der Perlen und Tränen. Sagtest Du nicht früher'immer so?" „Früher. Mag sein, es ist so viel seitdem vergangen. Was liegt nicht alles zwischen dem armen, lieben Städtchen am Njemen und der Welt hier, räumlich wie zeitlich?!" „Die blauen Abende dort hinter der Mühle am Bächlein vor dem Parke!" „Die Schneiderklaus und die große Holzschul auf dem Markte." „Und Zippes Nähmädchen, die Lieder von gllnskr unö ©oiöfaöen [angaif „Und Dowid Leb, der auf russisch schimpfte mit Pinne, der angetrunken über die Not der Zeit und die Schlechtigkeit der Menschen weinte." „Und Kussel, der die ganze Badgasse mit seinen derben Späßen erheiterte." „Und im Beshamedrasch saßen wir nach Mincho, und Wulfe, der Dajan, lernte „En Jaakow" vor." „Und dann gingen wir hinaus und Du erglMM von MäüUll. £ünDcm unö MMMn. Weißt Du »sch, wie ich Dir» von mm seltsamen Traume erzählte, ich war die „Perle Aegyptens? ..." „Ja. Wie kam nur das Wort auf? Richtig, durch die Amerikanerin, Lady Heymson, mit ihrem Behänge.:— Aber Du hast mir ja noch kein Wort erzählt, wie es Dir mit den Leuten ergangen ist, wo Du hingeraten bist, warum Du nicht nach Newyork kamst und wie Du hierherverschlagen wurdest." Mit zitternder Stimme gab Reisele zurück: „Es ist eine lange, verwickelte Geschichte; sprechen wir nicht gleich jetzt davon. Sage mir lieber, was Du von der Heimat weißt, von den Eltern. Meine Briefe blieben unbeantwortet." „Die Postverbindung hatte bei Kriegsausbruch mit dem Städtchen natürlich aufgehört, und auch wir hörten lange nichts. Doch lasen mi¥ WM m amsviksnisch-Mischätt ZsitllttgZtt, daß am zweiten Kriegslage alle jüdischen Seelen die Stadt verlassen mußten." „Und jetzt?" „Seit zwei Jahren etwa ist das Städtchen wie die ganze Gegend von Deutschen besetzt. Kurz bevor ich Newyork verlassen habe, sind dort die ersten Emigranten aus der Gegend seit dem Kriege eingetroffen und sie brachten die Kunde, daß die meisten ins Städtchen zurückgekehrt sind und unter den Deutschen ein leidliches Leben führen. Viele sind aber nicht wieder gekommen, haben in der Verbannung ihre letzte Ruhe gefunden -" „Und meine Eltern?" Ihre Stimme bebte, wie in Erwartung eines Schicksalswortes. „Der Vater ist zurückgekehrt und befindet jtdj Reisele mßintQ leise in sich hinein. Also hatten ihre Ahnungen sie doch nicht getäuscht. Und sie hatte inzwischen in einem Palaste mit Säulenhallen, auf goldenen Sesseln gesessen. Er umklammerte fester ihre Hand in wortloser Liebe und Teilnahme. „Verzeihe Reisele, daß ich es Dir nicht ersparen konnte." „Wann und wo?" „In Rosieni, so um die Herbstfeiertage starb sie. Wir erfuhren es vor drei Monaten etwa, kurz bevor ich Newyork verließ, durch die ersten Einwanderer. Berle sagt Kaddisch, denn noch ist das Jahr nicht um-" So fremd und fern schien Reisele auf einmal alles, was sie in diesem Leben umgab, daß sie in einem Kältegefühl erschauerte. Sie war arm und verlassen, wie nie zuvor, war mutterlos .. . „Noch eine kurze Spanne," tröstete Benze und streichelte ihre Hand. „Die Entscheidung in Palästina wird bald fallen. Dann komme ich her und hole Dich hinüber nach dem Lande unserer Sehnsucht. Meiner Hände Arbeit wird ausreichen, daß wir dort unser kleines glückliches . Leben aufpflanzen. An der heiligen Mauer werden wir der frommen Mutter gedenken . . ." Sie schluchzte leise, kaum hörbar, in sich hinein. Er fühlte das Zittern ihres zarten Körp rs bis in seine eigenen Fingerspitzen. „Oder," sagte er, „es ist vielleicht besser, ich verlasse Dich jetzt in Deiner Not und Deinem Kllllllllßr llW. M ronntß, wßllll Dll m wllllM, mein Verhältnis zur Legion —ich weih ohnehin nicht, ob ich noch zu ihr finde — lösen und wir bleiben zusammen-" „Du wolltest hier bleiben?" zitterte ihre Stimme. „Das hätte keinen Sinn," sagte er, „wir gehen nach Amerika, Du mit mir. Dort ist unsere Lebensbahn geebnet. Ich habe teil am Unternehmen Deines Bruders. Und soll es Palästina sein, so wnntcn wir erst in ffinffita in MU Die EMS Wicklung Uv Dings äbmvim" „Wir tonnten,“ setzte Benze hinzu, da Reisele schweigend vor sich hinbrütete, „um es Gott und Menschen recht zu machen, erst hier den Ehebund schließen. Es sind Gemeinden und Rabbiner am Platze.-" Reisele entzog ihm die Hand und rückte schauernd ab. „Was ist Dir, Reisele?" Benze erhob sich wie von kaltem Eisen mitten in heißem Gefechte getroffen. Am Ende hatte er in den leeren Raum gesprochen. Vielleicht gehörte ihr Herz gar nicht ihm. „Ich bin nicht frei," keuchte sie matt hervor. Benze schrak zurück. „Bist verheiratet?" „Das nicht," sagte sie, „aber an Pflichten gebunden, in Verhältnisse und Umstände gestellt, die mir vorderhand freies Handeln nicht ermögstihsN! — M ffinn ff NW so sggkll," Benze atmele auf. „Ich begreife jetzt," sagte er. „Sagtest Du mir doch, Du ständest im Dienste des Schlosses, der Prinzessin, von der hier alle Welt spricht. Sind dies die Bindungen? Nun, ich höre, sie sei eine Dame von Engelsgüte; sie wird Dich verstehen und Dich freigeben. Wir gehen zusammen zu ihr. Bin doch auch in ihrer Dankesschuld. Ich genoß ihre Wohltaten im Spital und wir sind hier ihre Gäste. Ich werde danken und Du wirst bitten. Ich verstehe mich schlecht auf den Verkehr mit Fürsten. Aber mit Dir wird es schon gehen, und sie wird uns erhören." Reisele raffte ihre ganze Kraft zusammen, um aufrecht zu bleiben. Sie mußte zum erstenmal Komödie spielen. ,,5Öte Fürstin ist ntdpi so^ t»te die 9Jiär t>ort xtjxr rrgählt. Sie ist hart und selbstsüchtig, verleugnet sich und die Ihren und bricht, von falschem Glanze geblendet, die Treue. Sie nennen sie mit Recht die „Perle von Aegypten". Falsche Steine und viele echte Tränen daran . - ." Und wie um letztere zu demonstrieren, wischte sich Reisele, abgewandt, die Augen. „Du bist erregt," sagte Benze ergriffen, da er den Zusammenhang der Worte sich nicht zusammenreimen konnte, „ich hätte Dir auch nicht so jäh und unvermittelt den Tod der Mutter Mitteilen dürfen. Morgen sprechen wir wieder. Ich bleibe auf alle Fälle noch einen oder zwei Tage hier." Leise trat Milka Ins Zimmer und meldete: „Fürstin Rasa dürfte wohl rnüds fein. Ich häbs dsN Hosrvagerr tommen lasstn» ist auch inzwischen Nacht geworden, und Weg nach dem Schloß ist dunkel. Die Fürstin custaen dann Befehl geben, wann sie zu fahren gedenken. Der Wagen wartet vor dem Tore." Tat es Milka in der Macht der Gewohnheit,