Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1926)
- Date
- 1926-10-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 41 Eingaben an die höchsten Regierungsstellew tragen ein einheitliches Gepräge. Ein freundlicher und friedlicher Geist hat feine Schwingen über beide Parteien ausgebreitot. In freiwilligem Zusammenschluß, bei Klarstellung der Grundsätze, wurde ein friedliches Zusammenarbeiten in brüderlichem Nebeneinander hergestellt. Auch im Kultusleben der Budapester großen Gemeinde, welche die größere Hälfte der GesamtjöLMkik ffiliflä MW: W M M MM ksnswerter Gesinnungswandel vollzogen.. Die konfessionellen Gehässigkeiten, die im Lande herrschten, waren das Signal, ein zeitgeschichtlicher Weckruf zur Vertiefung des religiösen Lebens. „ZurückzumJudentum!" lautete die Parole der Führer, die sich von den politischen Parkets und öffentlichen Veranstaltungen zurückgezogen hatten. Der Löwenanteil an diesem Stimmungsumschwung, der eine rechtsorientierte Bewegung in den Kreisen der Budapester neologen Juden zur Folge hatte, gebührt unstreitig dem energischen, dem Ziele zustrebenden Präsidenten Dr. Alexander Lederer. Denkwürdig wird es auch bleiben, daß die Epigonen jener neologen Landesväter, die vor 60 Jahren im Taumel einer unhistorisch aufgefaßten Emanzipation, den ztrucff Wn sgsMWßln §M mmw ten, im Lichte der neuen Zeit öffentlich bekennen, daß sie auf Basis des Schulchan Aruch stehen wollen. Auch die Berechtigung der Kultusreformen wird von Dr. Lederer feierlich abgelehnt. Die Orgel spielt nicht mehr am Sabbat im groß n Tabaktempel — bekanntlich ein kultuelles Vorbild des Berliner Tempels in der Oranienburger Straße — und der Damenchor wurde in unauffälliger Weise abgeschafft. Es werden separate Frauengottesdienste veranstaltet. Neue Synagogen werden gebaut. Dr. Lederer, der bei jeder ©eiegenJ^eÜ {'einen MSlWUM immer aufs neue Betont, erläßt einen ersten Aufruf an die Gemeinden, der einen Jssur gegen die Keren-Kajemeth-Büchsen enthält und zu Sammlungen für den ungarischen Kaulel und für die Aguda auffordert. Er erklärt, daß er auf die orthodoxen Brüder nicht neidisch sei, weil diese sich für bessere Juden halten. Mögen diese — so sagt und schreibt er — die besseren sein. Wir begnügen uns damit, gute Juden zu fein. Große Kongrehgemeinden bewilligen Subventionen für orthodoxe Jeschiboth, und „Egyenlöseg", welches Jahrzehnte hindurch die Orthodoxie schwer bekämpfte, ist heute loyaler Förderer orthodoxer Aktionen. Unangebracht wäre es heute, der Frage nachzusinnen, ob wir es hier mit einer zum wahren Ziele führenden Um- und Rückkehr zu tun Der 3 s r a e *;» i häöen. Wir haben dazu kein Recht. Es ist, allenfälls eth Erwachen der jüdischen Sehnsucht, ein innerliches Begehren nach jüdischer Göttesnqhe. Im Sinne und im Geiste unseres dreitausendjährigen Geschichtsbuches glauben wir ja alle an den großen, erhebenden, mit der Unbesiegbarkeit der sittlichen Kräfte wirkenden Seelenzwang, der über kurz oder lang in allen unseren Reihen sich durchringen wird. Doch die Atmosphäre j&es friedlichen Neben- ‘5S WUMW MlMW M brüderlichen Einvernehmens! Könnte und sollte eine solche nicht auch z. B. in Deutschland oder in anderen Ländern, rvo die Gegensätze zwischen der Weltanschauung des Liberalismus bezw. der religiösen Reform und derjenigen des geschichtlichen orthodoxen Judentums nun einmal vorhanden sind, geschaffen werden?! Und vor allem in Erez Jisroel! Soll denn auch im alten Väterlande die Saat der friedlichen Verständigung erst nach jahrzehntelangen Kämpfen, wie in den Galuthländern, ausgehen? J)tM darüber brauchen wir uns keiner Täuschung hinzugeben. Was in Erez Jisroel heute vorgeht, ist nichts anderes als ein sinntreues Abbild bezw. eine ungeschickte Umarbeitung des Organisationsstatutes dieser ersten ungarischen Delegiertenveriill? MUM ffgßßFfitt llllZ Dtr MM der Reformbewegung in verschiedenen Ländern. Sogar die künstlich konstruierten Verdächtigungen, Kränkungen und Beschimpfungen, sind dieselben wie anno dazumal, als ob man sie allesamt aus einem Fasse verzapft hätte. Auch der nationalistische Einschlag im palästinensischen Gemeindegesetz-Entwurf ändert nichts an diesem Tatbestand. Beide Urkunden sind mit einem gemeinsamen Kainszeichen behaftet: die jüdischen Kehilloth von religiösen Bindungen zu befreien! Im neuen Entwurf hat übrigens die Man- SfltfFSgiming tu DIMM mrmiMib Die afe „juristische Person" zu bildende jüdische Gemeinschaft Palästinas als nationale Körperschaft zu bezeichnen, Sie wird grundsätzlich als Relig i o n s gemeinde deklariert. Die Tragik der jüdischen Kultusreform besteht ja auch darin, daß sie in der Verneinung thoramäßiger Pflichtbetätigung von der zionistischen Philosophie überrannt und in den Kultusstuben mehrerer Großgemeinden auch tatsächlich schon aus dem Sattel gehoben wurde. Auch in politischer Hinsicht war es nicht weise, die Nachfahren jener geschichtlichen Ahnen, die durch zwei Jahrtausende den heiligen Trümmerstätten Zion und Jeruscholajim ihre zärtlichste Fürsorge, zuwandten, als Gegner des alten Nationalheims hinzustellen, lediglich aus dem 8. Oktober 192h . Grunde, weil sie für die.drejtausehdjährige-nationale Verfassung auch im neuen jüdischen Nätionalheim, frei und unabhängig von rnodernnationalistischem Politizismus, eine ,,gesicherte Heimstätte forderten. O,. sie standen nicht auf der Höhe einer historischen Aufgabe, unsere gegnerischen Brüder, die zionistischen Führer, ,als sie sich in einem.historischen Augenblick, da alle Welt die Augen, üüf sie'und ihre offiziell anerkannte Vorzugsstellung gerichtet hatte, die Gelegenheit mmm «m m MßiDipngp^ historisch-nationalen Ehre und seines. me verjährten göttlichen Rechtes auf Erez Iisrael, einigen Volkes zu zeigen. Die Schechina hat . in diesem historischen Augenblick nicht aus ihnen geruht. Eine geistige und politische Auseinandersetzung zwischen jüdischem Nationalismus in modernem Sinne als realpolitische Wirklichkeit einerseits und jüdisch-nationaelr Gesetzestreue mit wahrhaft historischem Tiefsinn, .die heute durch tausend Maskierungen die Gemüter aufwühlt und in unrichtige Bahnen geleitet, zu unnatürlichen, unerträglichen Zersplitterungen führen kann, ist fast unvermeidlich. Es handelt sich tatsächlich um einen epochalen Umwertungsprozeß der göttlichen Urbestimmuna des jüdifchsn Volkes. ds« bas gsfötzWlkWI )as seiner historischen Eigenart sich bewußt ist, nicht stillschweigend über sich ergehen lassen kann. Das ist ein Tatbestand, den man nicht mit Spitzfindigkeiten und törichtem Scheinmanöver aus der Welt schaffen kann. Allein nach außen hin und auch nach innen in gemeinsamen Zielen, bei denen die Wahrung des jüdischen Religionsgesetzes statutarisch gesichert werden kann, will das thoratreue Judentum dem Einheitscharakter der palästinensischen Judenheit ehrlich beipflichten. Solche Verhandlungen haben wiederholt in Jerusalem. London und Wien statt- MjllüDön, Jsie rto&j Immer nicht zu bestimmten Vereinbarungen geführt? Weizmann selbst, der in der Londoner gemeinsamen Konferenz, an der auch Schreiber dieses teilgenommen hatte, zugestand, daß er für den Standpunkt der Gesetzestreuen nunmehr volles Verständnis habe, sprach den Wunsch aus, daß die Atmosphäre der Versöhnung, die trotz der weltanschaulichen Gegensätze im jüdischen Lager heute herrsche, fortdauern möge. Warum haben die Herren nicht den Mut, konsequenter Weife in dieser Erkenntnis einen Schritt weiter zu gehen? Warum weifen sie die ihnen von den gesetzestreuen Brüdern wiederholt dargereichte Bruderhand immer aufs neue zurück? Die jüdischen Verhältnisse in Ungarn gelangten zur historischen Berühmtheit, weil dort die Spal- Weines Feuilletsm Lin großer Tag für die jüdische Gemeinde in Mainz. Mainz, 3. Oktober. Der Sonntag des 3. Oktober wird für alle Zeiten zu den denkwürdigsten Tagen in den Annalen der Mainzer Israelitischen Religions-Gemeinde gezählt werden müssen. Galt es doch zwei ihrer bedeutungsvollsten Einrichtungen der Oefsentlichkeit zu übergeben. Zunächst wurde heute Vormittag die nunmehr vollendete Sammlung des Vereins zur Pflege jüdischer Altertümer im Hause der Gemeinde und unter deren Protektorat vor einer Anzabl geladener Gäste feierlich eingeweibt. Was es hier zu sehen gibt, erinnert lebhaft an die jüdische Ausstellung in Köln vom vergangenen Jahre. Silberne Kunstgegenflände für religiöse Zwecke, getriebene mittelalterliche Vorhänge für die heilige Lade in der Synagoge, teilweise von hohem Werte, Brokatstickereien, Damast und Seide. Urkunden, in denen sich vielfach die religiösen Kämpfe vergangener Zeiten n?tr§MtI8ktil. Dtivcr aus uralten MM. Willig von hohem Wimlenflhen Weite. sv z.W.Die Luden stürmen das Tor des Ghettos von Mainz (1783) eine jüdische Beerdigung im 18. Jahrhundert, Purim (Fastnacht) in der Mainzer Judengasse, Alljüdische Hochzeit in Mainzim Mittelalter. Wir sehen ferner messingene achtarmige Leuchter aus dem 18. Jahrhundert von gewaltigen Ausmaßen, die Gedenktafel für Jfaac Herz, der unter Napoleon als Mameluk diente, eine Zizenhaufener Tongruppe ..Sabbatvorbereltling". 3*t feiner Q33eiljerebe bemerfete ©?- Qe»i, §?Ue« weder srcnnn noch Musik hatten, derartige Museen, wie das gegenwärtige anzulegen. Autoritäten auf dem Gebiete oer Altertumsgegenstände, wie der Pleßsche Archivar Dr. Zivier. wunderte sich schon.vor 20 Jahren darüber, daß eine solch alte, jüdische Gemeinde wie Mainz ein solches Museum nicht besitze. Er erwähnte Dr. Ladenburg-Mainz, dessen aufopfernder Tätigkeit das Zustandekommen dieser Sammlung zu danken. Aus den Hallen der Kunst und der Altertümer wurden nun die Gäste binausaefabren auf das älteste jüdische Friedhossgelände in Mainz, das zu einem Denkmals-Friedhof ausgestoltet wurde. Hierher an die Gonsenheimer- und Wallstraße wurden alte Grabdenkmäler zurückrgefübrt, die im Mittelalter während Krieg, Plünderungen und Judenvertreibunaen in die ganze Stadt verstreut wurden Eine einfache Feier, an der auch staatliche und städtische Behörden teilnahmen, ebenso wie die Geistlichkeit der anderen Konfessionen, übergab die Anlage der Oeffentlichkeit. Rabbiner Dr. Levi hielt eine ergreifende Rede über die Ehrwürdigkeit und Heiligkeit dieser alten Denkmäler, die in das früheste Mittelalter zurückreichen. Don diesen Männern, denen die Denkmale geweiht sinb^ ging die ^er g«ug?, tzaumlZ Bcftduiitc welk Besonderer Dank gebühre dem Direktor des Mainzer Altertumsmuseums, Prof. Neeb. der die Steine seither io sorgsam bewahrte. Redner redet noch von dem Plan der Durchführunp einer Strotze durch das Gelände und bittet die städtischen Behörden, davon abzulassen. Auch Pietät ist eines von den Dingen, die wir zum Ausbau unseres Vaterlandes brauchend Die Anlage des Friedhofs geschah auf Anreg uns m Sr, sonotsmaitii. Eine sterbende Synagoge. „Und für die Männer des Saron betete er (der Hohepriester im Aller heiligsten am Derföhnungstage): Möge es o Gott dein Wille fein, daß nicht ihre Häuser zu ihren Gräbern werden". Wie lebendig und greifbar nahe mutz ihm am letzten Jom Kippur bei der Awodah dieser Gebetsatz gewesen sein, dem Vorbeter der Synagogengemeinde zu Dieburg in Hessen, nämlich. Mußte er doch dabei an seine Synagoge, an seine Gemeinde denken, an seine eigene Behausung, die mit dem Synagogenbau im Versinken begriffen ist. Vor einigen Monaten erschien ein Ausruf im „Israelit", der Hilferuf einer Gemeinde, der Notschrei einer Synagoge, die im Sterben ist, aber leben möchte und es ohne Hilfe von Außen nicht kann. Ein Ausruf, wie viele andere. Man las ihn und legte ihn zu den vielen anderen Akten der Not in dieser kritischen Zeit. Worte in Druckerschwärze vermögen wenig zu besagen über die Tragik eines Gotteshauses in einer lebenskräftigen Gemeinde, das nicht lebcn kann und nicht sterben mag. nm mi iw an einem Dir DaLDfßißitaQß NW Boxt unD Tao Den siechm ©fßWBöii. sns Um eins wuiwe Seele um Hilfe, um Rettung fleht! Eine graue Fassade, wie das trübe schmerzver^ zerrte Gesicht eines Totkranken, schaut zur Straße. Dahinter im Hose die Jnnenmauern brüchig und bröckelnd an aüen Ecken. Dach und Decke senken sich hilflos wie nach letztem Halt suchend Ueberall Risse und Spalten, vom Schornsteine bis zur Grundmauer. Das Siechtum hat alle Organe des ganzen