Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1926)
- Date
- 1926-10-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 40 wurde, also offenbar auch vollkommene crra ttnb K’omsn nnw ’Wnn) dürften sich mit gleichem Recht „ges etzestreu" nennen, wie ihre orthodoxen Brüder, weil — diese letzteren ja ach so oft gegen den sozialen Geist der Thoragesetze verstoßen, jene aber den Thorageist in ihrer s o - z i a l e n Gesinnung zuweilen verwirklichen — so scheint uns hier ein unmittelbares Ergebnis der Erziehung zur religiösen Neutralität vorzuliegen. Bisher wußte jeder klar denkende Mensch, daß unter „gesetzestreu" oder „orthodox" diejenigen Kreise zu verstehen sind, die die t r e u e Wahrung des von Ihnen als golllrche Offenbarung verehrten jüdischen Gesetzes grundsätzlich als Lebensaufgabe betrachten, als n i ch t gesetzestreu alle diejenigen Juden, die eine solche Verpflichtung ebenso grundsätzlich nicht anerkennen. Durch einen dialektischen Kunstgriff, der hier offensichtlich aus der Tiefe des Unbewußten aufsteigt, wird nun die doppelte Unterstellung gemacht, die „Gesetzestreuen" glaubten, wenn sie sich so nennen, vonsich, sie seien tatsächlich bereits in allen Stücken demGesetzeinseiner Vollendung treu, und auf der anderen Seite wird die rein zufällige Uebereinstimmung der praktischen Lebenstat gesetzesuntreuer Kreise mit dem Geiste dieses oder jenes Gesetzesbruchstücks einer bewußten Anerkennung der religiösen Tradition gleichgewertet! Was soll man zu einer so erschütternden Umkehrung aller schlichten dfgsifsx MMsfs BnhshKfMkit siMN, wi? soll man fi& M smem syrliHm und gssHMsn Menschen erklären, wenn nicht aus der irreführenden Wirkung eben jenes religiösen „Neutralitötsgedankens", der immer mehr zum guten Ton in den jugendlichen Kreisen der Misrachi-Achduth- Jugend zu werden droht? Wir wissen sehr wohl, daß diese Verirrungen im schärfsten Widerspruch stehen zu der klaren Ablehnung der „Gleichberechtigungs"- und Neutralitäts-Theorie, wie sie z. B. in der offenbar von Rabbiner Dr. Unna- Mannheim stammenden offiziellen Propaganda- Broschüre der „Achduth" zutage tritt. Aber Herr Dr. Unna gehört noch zur alten Generation, er ist ein t\"t\ und sein Gewissen ist in manchem Ringen mit der selbständigen Orthodoxie geschärft worden. Möchte er doch in einer stillen Stunde auch nach den Feiertagen eine Betrachtung darüber anstellen, ob denn eine kommende Genermim pik mm? m sv MShttWk Misc m geistigen Grenzwälle zwischen den religiösen „Richtungen" abzutragen beginnt, reif dazu ist, die Rolle des Schimon ben Schetach in dem sadduzäischen Synhedrion unsrer zionistisch-Ube- Erklärungsversuch ZU 1N121 INN NN'N pKiTl- (Genesis I, 2). Die Erklärung der beiden Wörter „ Tohu - wa - b o h u ", die als geflügelte Sentenz die Welt erobert haben, ist bisher noch nicht restlos gelungen. R a f ch i meint, es bedeute Erstaunen (Tohu) über die Oede und Leere (bohu) im Raume; er leitet ersteres augenscheinlich von non ab, während er über -02 nichts oerlautbart, es ohne Deutung als Ausdruck vonin»' mpi hinnimmt. Demnach scheint O n k e l o s, der beide Wörter mit K'jp'T, rvnx übersetzt, sie als Synonyma, verschiedene Ausdrücke für einen ähnlichen Begriff, aufzufassen, wie es ja auch der üblichen Uebersetzung mit „wüst und öde" entspräche. S. R. Hirsch in seinem Kommentar schrMti „unD Mg ffiröß war Mt unklar nun UMSMMM." Fm wb nimmt glrich Nsschi die Wurzel nnn-Anstaunen, Bereuen an, woraus er den Begriff eines unklaren, ungehörigen chaotischen Zustandes entwickelt. in2 möchte er unter Vorbehalt mit "2 einem Schmerzausdruck im Rabbinischen, vielleicht verwandt mit dem hebräischen '2 in 'rm ’2, vergleichen — es würde alsdann das Chaos als einen für uns U n - l u st g e f ü h l e erweckenden (wie es alles Unklare, Ungeschiedene, Verworrene ist) Zustand bezeichnen. D er 3»ra fc i it raten Volkserziehungs-Organisationen zu übernehmen. *) Mische Wohlfahrtspflege. Samson Raphael Hirsch Vst hat einmal das tröstliche Wort gesprochen, daß die jüdische Zedokoh auf der einen, die unzerstörbare Wirkung der ernsten Tischrifeste auf die Seelen selbst der halb oder ganz Entfremdeten auf der anderen Seite der Ausgangspunkt sein werde, von dem aus sich dereinst, wenn die Zeiten sich erfüllt haben, die RÜÄshr der Verlorenen Linker ln 4>as jüdische Vaterhaus vollziehen werde. So kann es denn ein Symbol dieser Hoffnung und dieser Zuversicht sein, wenn an dieser Stelle noch unter dem Eindruck der Erlebnisse der Tischrifeste ein zusammenfassendes Wort über die Tagung der „Z e n t r a lwohlfahrtsstelle der deutschen Juden" vom Juni ds. Js. gesprochen wird. Die Zentralwohlfahrtsstelle hat die letzte Nummer ihrer Zeitschrift „Zedakah" den Berichten über diese Verhandlungen gewidmet, die eine Fülle mehr oder minder warmherziger und sachlich wertvoller Referate gebracht haben. Selbstverständlich sind einige der Referate nicht an der unumgänglichen Frage vorübergegangen, wie es sich denn vom liberal-jüdischen Standpunkt aus rechtfertigen lasse, daß überhaupt von einer speziell jüdischen Wohlfahrtspflege gesprochen wird. Am eingehendsten hat sich mit dieser Frage Herr Dr. Georg Baum aus Berlin beschäftigt. Er “eif* öarauf ^mf?? nM stlls psk pksrnpkrkll religiösen Ansorverungen der Mischen Ndtlsiösnden find, das Bedürfnis ritueller Nahrungsmittel, die Heilighaltung des Sabbats, was eine besondere jüdische Fürsorge rechtfertige, sondern noch andere, allgemeinere Gesichtspunkte. Die historisch erklärliche jüdische Berufsschichtung in Deutschland hat dazu geführt, daß die Juden als Angehörige der von der Wirtschaftskrise vornehmlich ergriffenen Branchen durch diese in viel stärkerem Maße in Mitleidenschaft gezogen sind, als es dem Durchschnitt entspräche. Ihre geringe Beteiligung am Berussbeamtentum und am ländlichen Grund- *) Der obige Aufsatz war bereits abgeschlossen und gesetzt, als uns ein Arttkel von Moritz A. Loeb im hiesigen „Jüd. Wochenblatt" zu Gesicht kam, in dem dieser prominente Führer der älteren Generation der Gemeindeorthodoxie sich ebenfalls gegen gewisse die Orthodoxie kompromittierende Tendenzen der Jüngeren (Simon-Wolffsberg) wendet. Herr Loeb scheint uns nur zu MMM. Daß os fl© Ws um logWs FzrMlluiL lungen der so geräuschvoll auf den Schild erhobenen „Einheitsidee" handelt. Nur die bewußte Selbstbesinnung der gesamten Orthodoxie, die sich diese Bezeichnung nicht aus falscher Bescheidenheit verekeln lassen darf, kann gegen diesen Auflösungsprozeß schützen. Nicht ganz befriedigt, wie übrigens S. R. Hirsch selbst auch, und angeregt durch die im Bibel- und Psalmenkommentar von Hirsch vorkommenden Grammatik- Forschungen, welche weit davon entfernt nüchtern zu sein nicht nur recht instruktiv sind in ihrer Einführung in die Etymologie, sondern auch zu t i e fp h i l o so p h i - scheu und hochpoetischen Gedankengängen uns hinaufführen — angeregt dadurch möchte ich sozusagen nur in Ergänzung und Weiterführung von uns durch Hirsch bereits im Kerne gegebener Darstellung folgenden Erklärungsversuch wagen: 1. Vielleicht gehört das rv in nn nicht zum Stamme, sondern dient es nur zur Wortbildung. Auffallend wäre allerdings hier das C h a u l o m beim n, da gemeiniglich dieses Chaulom auf einen ausgefallenen Buchstaben hindeutet z. B. mp von Da ich für meine Hypothese den Stamm wo. den Piel von mn. annehme, so müßte man für das auffällige Chaulom eine Erklärung suchen in dem ausgefallenen Schluß, n oder in einem poetischen Anklang zu im *mn hätte wie auch sonst öfters die Pielform einen dem Kal n-n entgegengesetzten Sinn, also Aufheben des Daseins, Vernichtung. In dieser Weise erklärt auch Hirsch im Psalm 91, 3 seine Uebersetzung „vernichtende Pest" für min -ai. Im Kommentar dienen als beweisende Beisprsks t»*Ti tm ßal zu Älsch-s ma^en, im 5J3 t -e t uon Offene reinrejerr^ |erner irrt cc J (Hssulprvn. 6, 4) im Piel die Zeiten überdauern, das Alter überwinden. (Psalm 49, 16 und 92, 11) — i*n wäre demnach Negierung des Seins, des Lebendigen insbesondere in unserem Zusammenhänge Mangel an beseelter organischer Substanz. 2. vn möchte ich über ein hypothetisches nnx (wie inn nach Rasch! und Hirsch von nny) zurückleiten auf das bekannte wa abweiden, von welchem das aramäische ns2 suchen, grasen, bitten, herrührt. Zu ssa ist, wie S. Oktober 1.92b; besitz falle dabei entscheidend ins Gewicht. Hierzu trete noch der starke Zuzug aus dem Osten als Folge der Kriegsverhältnisse und der Nachkriegszeit und besonders der wirtschaftliche Boykott gegen die Juden, der heute zu einer Kampfform des Antisemitismus, besonders auf dem Lande und in den kleineren und mittleren Städten geworden ist. Endlich aber ist es der besondere Charakter der jüdischen Zedokoh, die ja nicht umsonst ein von Zedek, vom Rechtsbegriff, abgeleiteter Gedankenkomplex ist, was die Herausbildung einer besonderen jüdischen Wohlfahrtspflege von einer hohen Warte aus WtrmMg svschMätt läßt. Diese Gesichtspunkte in ihrer Gesamtheit wirken sich fast auf allen Gebieten der Fürsorge aus, besonders auf dem der Wanderung, der Erwerbslosenfürsorge, des Arbeitsnachweises und der Berufsberatung. Angemerkt sei hier, daß ungeachtet der allgemein religiösen Grundstimmung, die die meisten Referate durchzieht, und unbeschadet des guten Willens, der in dieser.Beziehung offensichtlich alle beteiligten Instanzen beseelt, dennoch in den Spezialreferaten die Rücksicht auf den Sabbat in der jüdischen Wohlfahrtspflege fast gar nicht zutage tritt. Hier liegt für das Zusammenwirken der gesetzestreuen Kreise der deutschen Judenheit mit den religiös Andersdenkenden ein außerordentlich schweres Problem vor, denn es läßt sich ja nicht verkennen, daß beispielsweise beim Arbeitsnachweis, bei der Berufsberatung in der bloßen Tatsache, daß dem in Not befindlichen Individuum zur freien Auswahlmöglichkeit Sabbat- Hut und (£a.bbai=(£ntJjeiii^u.rtc^ ^xrt den meisten Fällen nur Das letztere) Dnrgebolen wirb, eine schwere Versuchung für schwache Elemente — und wer wäre den Versuchungen andauernder Wirtschaftsnot unter allen Umständen gewachsen? — geborgen liegt. Gerade auf diesem Gebiet werden sich daher selbständige Organisationen der orthodoxen Judenheit nicht entbehren lassen. Weniger allgemein scheint uns dies im Hinblick auf die Speisegesetze der Fall, da in den meisten- Fällen, wenn auch leider nicht immer, sich hier bei vernünftigem Zusammenwirken die Berücksichtigung auch der weitgehendsten religiösen Forderungen ohne große Schwierigkeiten bei gutem Willen durchsetzen läßt. Zum Thema der Berufsschichtung sei aus dem Baum'schen Referat mitgeteilt, daß in Deutschland zwar mit einiger Mühe landwirtschaftliche Lehrstellen, nicht aber bezahlte Gehilfenstellen für WWö LMhkvMschgstL-löHllsäll zü sinken \ml. Dagegen behauptet der Referent, daß der.einzige vernünftige und sichere Rat bei der Berufswahl derjenige sei, das Handwerk zu ergreifen. Handwerk habe noch immer einen goldenen Boden. Hirsch in sinniger Weise ausführt, w der Freund von run >er Hirte das Pendant, der Mensch, der sich dem Genossen zur geistigen und körperlichen Weide darbietet. Demnach wäre „bohu", was sich übrigens mit der Auffassung von Rasch! und O n k e l o s deckte, das Abgeweidete, mithin der Mangel an pflanzlicher Nahrung auf Erden, in unserem Zusammenhänge das Fehlen unbesteiler o r g a n i s ch e r Materie. Zur Stütze dieser Auffassung verweise ich noch aus die Schöpfungsgeschichte, wo zwar die Tiere (Genesis 1, 20) das animalische Geschöpf, aber nicht die Pflanzen, die Vegetabilien mit dem Ausdruck beseelte Lebewesen n’n bezeichnet werden (vgl. auch die Verwandtschaft von wn mit dem obenerwähnten n'n und nin). Somit will uns die Schrift sagen, wenn sie die Erde am ersten Tage als im Tohu-wabohu -Zustande vorführt, daß die ps am ersten Tage ein toter, rein anorganischer, kosmischer Weltkörper war, ohne jede Fähigkeit und Möglichkeit, aus sich heraus organisches Leben zu erzeugen. Dies entspricht ja auch der Anschauung der geologischen Forschung und sogar derjenigen der m e ch a n i st i s ch en, atheistischen Forschungsrichtung, die mit ihrem Axiom „omnis cellula e cellula" (jede Zelle stammt aus einer Mutterzelle — woher also die erste?) unbewußt dem Einen Schöpfer ihren Tribut gurrte. — Au^ xgM Wsk MlSNM Wt lllZ WWM (UM QWf ErMlung Des Midrasch raQDü ■— nach Nascht —. nach welchem das „Jom Echod" am Schluß des ersten Schöpfung stages statt des erwarteten „Jom rischon" folgende Begründung findet: Der e r sie Tag war nämlich der Tag des Echod, des Einzigen, weil an diesem Tage Er das Einzige vorhandene Wesen war; denn auch die Engel und dis himmlischen Heerscharen wurden erst am zweiten Tage geschaffen. So wie also am Anfang die H i m m e l noch keine himmlischen Bewohner hatten, ebenso war die Erde bar allen, selbst allerniedersten