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Der Israelit · 1926-09-21 · Heft 39 (21.9.1926) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 39 (21.9.1926)
Date
1926-09-21
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Der Israe 21. September 1926. Nr. 39 Seite 19 schichte, die immer neu bleibt, und hinterließe sie stets solch nachhaltiges Weh, die ganze -Welt bestände dann aus lauter gebrochenen Herzen. Nun hat Euch der Zufall, oder wie Du sagst, ein Wunder wieder zusammengebracht, Also . . liebe Milk«, ba|j idj tjier Das agudistifche Lehrgut „Hirschhof". (Ruhepause.) Rasa, die Prinzessin von Marokko, Herrin eines Schlosses bin." ^Und da darfst Du Qu bem armen, uttgekannten Soldaten nicht herab lasten 7" „Du bist grausam, Milka und ungerecht, wenn Du mir den Glanz und Größe Vorhältst. Was ich mit der Betonung meiner Stellung und meines Scheinlebens sagen wollte, war nur-, daß ich verpflichtet bin, einem Manne, der mich, ohne daß ich mich dagegen wehrte, in diese Glanzstellung gebracht hat, und der vielleicht schon auf dem Wege hierher ist, um den Dankeslohn entgegenzunehmen ..." „Im Vertrauen, liebe Freundin, empfindest Du noch Liebe für den alten Freund, für den Schneidergesellen von damals?" „Sprich nicht so von chm, er war kein Schneidergeselle gewöhnlicher Art. Er konnte sprechen und konnte lieben und hatte Augen, in denen man las wie in Büchern. Er war mein Alles. Er war für mich die Welt in der Enge des Städtchens, er war die Quelle meines Wissens, die Zuflucht meiner Seele." „Also Du liebst ihn, vielleicht heute noch bewußter als damals," sagte Milka und glättete die schwarzen Haarwellen chrer Herrin. „Aber ich Hab in all den Jahren kaum noch seiner cjei>ac^i. Sie SöeUen les 9J) eeres irrt l Lebens schienen alles aus meiner Seele, was mit der Vergangenheit verband, rveggespült zu haben. Wie hätte ich sonst all das, was mir das Leben zuletzt an Glanz und Glück aufdrängte, angenommen, wenn ich noch an ihn, seine klugen Reden und Lehren, an seine Warnungen vor den trügerischen Perlen, an denen Tränen hängen, gedacht hätte!?" „Und nun sahst Du ihn wieder und erfuhrst zu Deiner eigenen Verwunderung, daß die Wogen nichts weggespült hatten, daß sein Bild in all den Jahren in einer Ecke Deines Herzens unverblaßt saß und auch seien Worte." Reisele wehrte sich gegen diese Feststellung nicht. „Da nützen viele Worte nicht," steuerte Milka wieder auf ihr Ziel los. „Du wirst, wie ich Dir schon bei jeder anderen Gelegenheit geraten habe, der Stimme Deines Herzens folgen." „Und er, der Andere?" „Du meinst den Fürsten! Er ist noch nicht hier. Und Du wirst, bevor Du zwischen dem einen und dem anderen entschieden hast, noch einmal Dein \£^erg betragen tniijjen^ töte es gtt bte|em anDeren, dem Fürsten, fielst." „Ich bin ihm mit Mißtrauen, Angst und Widerwillen gefolgt, im Zwange der Umstände. Aber ich lernte ihn achtest und ehren und habe eine große Dankesschuld ihm abzutragen." „Der Fürst ist noch nicht da," betonte Milka scharf, „und wenn er -kommt und in Wahrheit so groß und edel denkt, wie er sich gibt und Du es ihm glaubst, dann wird er Deinem Entschluß, Deine Entscheidung für den a - tehen und würdigen und Dich von der Dankesschuld, einer Schuld, die er Dir übrigens ohne Dein Zutun aufgebürdet hat, entbinden. Weißt Du noch, wie er uns an jedem Hafen freistellte, das Schiff qu oerlaflen unb ben 38eg 31t den ltnfrtgen ZU suchen? Der Weg, den Wir nicht gingen,?r ijwihn zu Dir gesunden, warum sollte er jetzt weniger edel denken und handeln?" Reisele dachte still nach. Es war schwer, bei all diesen Verworrenheiten klare Uebersicht und festen Ausblick zu finden. „Werden wir heute noch einmal ins Spital hinausfahren?" fragte Reisele hilflos. „Das dürfte nicht möglich sein," lautete Milkas Auskunft. „Aerzte und Schwestern halten für die nächsten Tage alle Besuche von dem Kranken fern. Jede neue Aufregung könnte bei seinem Fieberzustande ernstliche Gefahren mit sich bringen. Warten wir noch ein wenig, er wird Chine fische Synagogenbauten. (Die Synagoge in Kai-Fung-Foo aus der Vogelschau). genesen. Und wenn er als Rekonvaleszent auf den Beinen ist, nehmen wir ihn hierher, das heißt in das Soldatenheim hinter „den drei Palmen", zur weiteren Pflege. Das fällt weiter nicht auf, nachdem das Haus ja zum Soldatenheim eingerichtet ist. Daß er anders und noch besser hier aufge- UMn fei als üia anbsksn, öafiii» laß mich schon sorgen. Alles andere örgibt sich von selbst." (Fortsetzung folgt.) Iom Kippur in der Zitadelle. Eine Erinnerung ans der Russenzeit. Reb Awrohom, so nannte man ihn ohne weitere Bezeichnung, war ein Jude, wie deren nicht viele zu finden sind. Vor Jahren war er aus Litauen nach Warschau gekommen, wo er sich rasch einen Namen als vortrefflicher Maggid, als zündender, hinreißender Redner erwarb. Verschiedene Schulen und Vereine wollten ihn als Rebben und Maggid gewinnen, aber unsere kleine Schul hatte den Vorrang bekommen. Er war die Seele unseres Beth Hamedrasch, er lernte vor und hielt jeden Sabbat seine religiösen Reden, die immer großes Publikum anzogen. An den hohen Feiertagen wirkt er auch zugleich als Müsiafchasan, und er riß mit dem ihm innewohnenden Feuer alles mit. Reb Awrohom war außerdem Freund und Berater eines jeden Mitgliedes unseres Kreises und man liebte ihn allenthalben aufrichtig. Man \imi% Dag or m all foinon anöoron CWiMafen «rrch noch ble bestens beherrsche wnb chon ganze Bücher versaßt hätte, was ihn bei )en Chassidim fast in einigen Mißkredit setzte. Er pflegte aber einmal im Jahre zu einem Rebben nach Rußland zu fahren, und das stärkte wieder sein Ansehen. Es war just in dem Jahre, da Alexander HI. den Thron bestieg und überall das Gerücht ging, der neue Zar sei ein eingeschworener Judenfeind und neue drakonische Ausnahmegesetze für die Juden seien zu erwarten. Die Krönungsfeierlichkeiten, an denen sich das ganze Land beteiligen mußte, fanden an einem sonnigen Maitage statt. Ganz Warschau war auf den Vsinsn. und auch in unserer Schul fand ein ^ostesbienst stast^ bei dem Reb ölmrahöm warme Droscho zu Ehren des Tages hielt. Cr gab auch der Hoffnung Ausdruck, daß der Kaiser zu den Juden, die ihm allezeit treu dienen werden, wie ein guter Vater sein wird. Die anwesenden Vertreter der Behörden dankten Rabbi Awrohom für die schönen Worte. Hintennach erzählte man sich, daß Reb Awrohom ein hebräisches Huldigungsgedicht aus Anlaß der Krönung nach Petersburg an den Zaren geschickt hätte und man deutete sich erwartungsvoll an, daß mindestens eine Medaille dem Schreiber sicher sei. Inzwischen schienen einige Symptome in der Politik die Judenfeindschaft des neuen Kaisers bestätigen zu wollen. Die Furcht und die Sorgen vermehrten sich und machten sich an den heiligen Tagen in den Bethäusern zu Warschau in Gebeten und heißen Tränen Luft. Reb Awrohom rüstete sich in diesem Jahre zu den Tagen des großen Kampfes gegen „die Feinde und Ankläger" noch mehr denn sonst. Zu Beginn fuhr «MF m'e immer gn seinem Rebben. Der Auftakt mit den ersten Sli° chaus war so sehr aus tiefstem Herzen kommend, daß alles in heißen Tränen aufgelöst war. Als er Kolnidre vorbetete, schien es stellenweise, als wollte er mit seiner Stimme und seinen Tränen die Pforten des Himmels sprengen. Ich war Fuhrhalter und er wohnte bei mir im oberen Stocke, und ich durfte es mir als großes Vorrecht anrechnen, an dieser Kolnidre-Nacht mit ihm zusammen nach Hause zu gehen. Ich stand noch ganz unter dem Eindruck der Gebete und Mussarworte. Im Hofe verabschiedeten wir uns voneinander unter den herzlichsten Segenswünschen für das neue Jahr. Gegen vier Uhr nachts klopfte es rasch an meinem Fenster. Ich öffnete und war nicht wenig erschrocken, vor meiner Türe ein ganzes Dutzend Polizisten und Soldaten zu sehen. „Sofort anspannen und mit uns fahren, wohin wir dir sagen," befahl ein Oberst. „Wir haben heute heiligen Feiertag, es geht nicht, Herr," sagte ich. Die Polizisten berieten ein paar Minuten und faxten idrttt: „Dann fahren wir selbst. Gib den Wagen heraus und hole die Pferde, daß wir gleich anspannen." Chinesische Synagogenbauten. (Die Synagoge in Kai-Fung-Foo, Innenansicht). W» Ich brachte den Wagen und ging dann in den Stall, die Pferde holen. Das nahm einige Zeit in Anspruch. Als ich mit den Pferden kam. war der Wagen schon besetzt. In der Mitte saß ein Jude ganz zusammengekauert und ihm zu beiden Seiten zwei Soldaten mit blankgezogenen Sä-

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