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Der Israelit · 1926-09-21 · Heft 39 (21.9.1926) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 39 (21.9.1926)
Date
1926-09-21
Page
– (sequence 20)
Language
German
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m '■;ii! ti: Sette 20 Nr. 39 beln. Auf dem Bocke saßen ebenfalls zwei Soldaten. Es war re^t &wnf?{ W #gff, DöO iBIITltE ich öalD erkennen- Daß Der Mann im Mittslsitz ein Jude und kein anderer als unser Reb A w r o h o m war. Man kann sich denken, wie groß mein Schrecken war. Ich weiß nicht, ob ich recht daran tat. In dem Augenblicke schien es mir, als wäre ein Hierbleiben eine größere Sünde als das Mitfahren. Durste man einen Juden, und noch dazu unseren teueren Rabbi Awrohom, so allein in die Gefahr hinauslassen? Er war ja ganz schutzlos und unerfahren. Ich war mit der Behörde ein wenig bekannt und konnte mit ihnen reden. Es war Lebensgefahr für eine teuere jüdische Seele. Man mußte aber diplomatisch Vorgehen. Ich tat so, als kannte ich den Gefangenen gar nicht und sagte nur: „Die Pferde sind etwas eigenwillig, ich fürchte, Sie würden mit ihnen nicht fertig. Ich möchte daher denn doch mitfahren." Damit waren sie gern einverstanden. Ich nahm vorne auf dem Bocke Platz zwischen zwei Soldaten mit blanken Schwertern. Man befahl mir, nach der. Richtung vom Koweler Bahnhof zu savrm. Da wußte ich, daß der Weg nach der Zitadelle ging, von wo damals selten einer lebendig oder mit gesunden Gliedern wieder herauskam, und ich erschauerte bis ins Innerste. Aber ich tat so, als merkte ich nichts und trieb die Pferde an, daß sie weiter zogen. Rach einiger Fahrt ließen sie halten, und ich sah, wie sie Reb Awrohom mit einem Tuch die Augen verbanden. Erst jetzt merkte ich, daß er Die neue Synagoge in Butzbach. in schwere Ketten geschmiedet war. Darauf banden sie auch mir die Augen zu und nahmen mir die Zügel aus der Hand. Die Pferde liefen im Galopp weiter. Ich merkte, wie das Fuhrwerk immer tiefer hinab fuhr, wie in ein unterirdisches Gelaß. Alle paar Minuten blieben sie stehen und legitimierten sich vor irgend einer Wache, bis endlich der Wagen ganz still hielt. Dann wurden uns die Augenbinden abgenommen, und wir sahen uns vor dem gewaltigen Portale einer Festung. Hier waren überall Gitter aus Stacheldraht und tiefe Gelasse in der Erde zu sehen. Es war inzwischen ganz Tag gWvkDM. Ms MrztZu ßrurn, anzufehen. Ein alter Schließer sah uns an und sagte, vielleicht nur, um unsere Sprache herauszufordern: „Ra, Juden, in ihre Hände gefallen? Gewiß wieder einmal eine Verleumdung." Und er zog gegen die Russen mit Flüchen und Verwünschungen her. Ich wagte kein Wort zu erwidern, Reb Awrohom sagte aber: „Es ist nicht so, wie ihr meint, lieber Freund. Es ist Sünde, so zu sprechen. Gott hat uns Treue gegen König und Behörde geboten. Und ist es ein unglückliches Mißverständnis, das mich hergebracht hat, so wird sich das bald aufklären. Roch ist Gerechtigkeit im Lande." Der Alte wollte es nicht gelten lassen, gab aber, nachdem er seine Bemühungen gescheitert sah, auf, uns eines anderen zu belehren und ging mit einem Wort der Verachtung wieder ins Haus. Der Israelit Etwa zwei Stunden standen wir frierend vor Der Lllre. Dann tarn gegen acht Uhr ein Posten mit aufgepflanztem Gewehre und fragte, wer von uns beiden Awrohom wäre. Er nahm Reb Awrohom mit und befahl mir, draußen zu warten. Nach zwei Stunden kam Reb Awrohom heraus, ohne Begleitung. Er war frei. Die Soldaten, die uns hergebracht hatten, sagten uns, wir könnten wieder den Wagen besteigen und heimfahren. Das lehnten wir ab und zogen es vor, zu Fuß zu gehen. Dann verbanden sie uns wieder die Augen und führten uns durch enge Gasten und tiefe Gelaste. Mit dem Wagen fuhren sie hinter uns her. Erst auf der Straße in der Stadt wurden uns die Binden von den Augen entfernt. Im Hofe wartete fast die ganze Gemeinde, die inzwischen von der Sache erfahren hatte und empfing uns mit unbeschreiblichem Jubel. Allem Drängen, doch zu erzählen, was man von ihm wollte und wie es ihm ergangen sei, widerstand er. „Jetzt nicht," sagte er, „es ist Zeit, in die Schul zu gehen." Später wollte er alles erzählen. So einen ANuffaf hatte die Gemeinde rtodj nicht gehört. Ms er «Unsane totep sang, glaubte man förmlich, alle Pforten des Himmels geöffnet zu sehen. In Strömen flössen die Tränen, es waren aber auch Tränen der Dankbarkeit. Bei der Stelle: „Am Rosch Haschanah wird es geschrieben," versagte ihm die Stimme, und es dauerten einige Minuten, bis er sich wieder fand. Erst nachdem Jom Kippur zu Ende war, erfuhr die Gemeinde, welche Bewandtnis es mit dev Verhaftung und Freilassung Reb Awrohom hatte. „Grund der Verhaftung," sagte er, „war die Huldigungsadresse, die ich am Krönungstage nach Petersburg geschickt habe. Man hat das so gut gemeinte Gedicht in Petersburg nicht verstanden und es zur weiteren Prüfung hierher geschickt. Und ich als Verbrecher wurde in die Zitadelle geschafft. Dort in der Festung saß ein hoher Rat von Generälen und Richtern und auf dem Tisch lag mein Gedicht auf blankem Pergament, in schönen Quadratbuchstaben geschrieben, wie ich es damals nach Petersburg geschickt habe. Wort W MMW Mb mimm M jenem Worte mußte ich eins Msnge von Fragen beantworten, ob in dieser oder jener Wendung nicht dieser oder jener Nebensinn liege. Und wie ihr seht, der liebe Gott hat geholfen, ich habe alles so erklären können, daß meine Unschuld erwiesen war." „Und wie ist es jetzt mit der Auszeichnung?" fragten die Leute. „Habt ihr nicht gleich die Medaille bekommen?" Die Herren entließen mich mit den Worten: „Für diesesmal lasten wir es gut sein. Nächstens follst du aber nicht wagen, mit solchen Schriftstücken dich bemerkbar zu machen. Das ist nichts für einen Juden." Und nun wollten sie noch zuletzt misten, warum er bei der Stelle „Am Rosch Haschonoh wird geschrieben" so bitterlich geweint hätte. „Das hätte ich euch noch zu erzählen", sagte Rabbi Awrohom. „Wie ich dieses Jahr im Elul beim Rebben war, sagte er zu mir: „Wißt ihr Awisyernr wie tco M MMWllg ..Am Rosch Hsschr- Nvh wird SS ZSschrlebsn" beule? Am Rosch Haschonoh wird oben gerichtet und befunden über das, was man an gewissen Tagen geschrieben hat." Der Rabbi wußte somit alles . . ." In der Sukkoh des Wilnaer Gaon. Es ist bekannt, daß der Wilnaer Gaon es ganz besonders peinlich mit den Sukkohpflichten nahm. Daß er an allen Festtagen nur in der Sukkoh aß, lernte und schlief, ist selbstverständlich. Er weilte den ganzen Tag mit Lulow und Esrog in der Hand in der Sukkoh. So groß seine Bescheidenheit sonst war, so stellte er an den Esrog die größten Ansprüche, und die Gemeinde Wilna pflegte schon mitten im Sommer Sendboten in die weite Welt auszuschicken, um den schönsten 21. September 1926 Esrüg aufzutreiben. (Einmal, da Krieg die Wegs JMsMVVtö, källien dre Voten knrg vor ben Hest^ tagen unverrichteter Sache nach Hause. Man hielt in Wilna Versammlungen ab und schickte. Sendschreiben in die ganze Welt hinaus. Endlich machte man irgendwo einen Esrog ausfindig. Aber der Inhaber des kostbaren Exemplares wollte, so lange man im Namen der Gemeinde Wilna sprach, um keinen Preis den Esrog hergeben. Wie er aber erfuhr, daß es sich üm den Wilnaer Gaon.handelte, willigte er ein, unter der Bedingung, daß der Lohn der Berocho, die der Gaon über die Frucht machen wird, ihm zukommen sollte. Die Boten kehrten nach Wilna mit dem Esrog zurück, überbrachten ihn dem Gaon und getrauten sich kaum, ihm die Bedingung mitzuteilen. Als sie es dennoch tun mußten, brach der Gaon in maßlosen Jubel aus.. Verständnislos fragten die Schüler nach dem Grund dieser Freude. Der Gaon sagte: „Nun Hab ich doch zum ersten Male im Leben das Glück, eine Mizwoh ausüber zu können, ohne Lohn dafür erwarten zu dürfen." AM leimte man in Wilna zn Sukkaus keine Hadassim ausbringen. Emen Tag vor Festbeginn kam aber der alte Schames ins Haus des Gaon gestürzt und eröffnete ihm die letzte Hoffnung. Außerhalb der Stadt befand sich ein fürstliches Gut, und im dortigen Parke hatte der Alte herrliche Myrten entdeckt. Er, der Diener, war schon im Schloß. Der Fürst war nicht zu Hause, die Fürstin habe ihm aber gesagt, sie verkaufe die Myrten um keinen Preis, denn sie feien ihr nicht feil. Es sei denn, daß derRabbi s e l b st, von dem sie so viel gehört und den sie kennen lernen möchte, in eigener Person zu ihr Festzug mit den Thorarollen unter dem Baldachs«. komme, da wollte sie ihm die Myrten schenken. Sofort nahm der Gaon, der kaum das Haus zu verlassen pflegte, den Stock und ging mit dem alten Schames, Reb Salmen, ins Dorf hinaus. Zwei Stunden etwa gingen sie und wurden dort gleich von der alten Fürstin empfangen. Die Hadassim waren von bester Art und der Gaon ließ noch einmal durch den Schames nach dem Preise fragen. Die Matrone aber sagte,es sei ihr nicht ums Geld zu tun, der Rabbi möge ihr den himmlischen Lobn für diess rsligiLss Hantzlnng aßtrefsR. Dhne gu überlegen, willigte der Gaon ein und die Besitzerin ließ es sich sogar schriftlich bestätigen. Und selten noch hatte man den Gaon so vergnügt und aufgeräumt das Sukkausfest feiern gesehen wie in diesem Jahre, da er, wie er sagte, die große Mizwoh ohne Erwartung des Lohnes ausüben durfte. Im Jahre 5558, es war kurz vor seinem Tode, wurde ihm schon zu Rosch haschono ein Esrog überreicht von nie gesehener Schönheit und Vollkommenheit. Der Gaon weinte beim Empfang laut, so daß die Umstehenden sich erschrocken ansahen. Der Gaon starp am ersten Sukkaustage, und man hatte Mühe,?Lulow und Esrog aus seiner erstarrten Hand zst lösen. rf?“*“ - . \

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