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Der Israelit · 1926-09-21 · Heft 39 (21.9.1926) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 39 (21.9.1926)
Date
1926-09-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Qette 12 Nr. 39 Der gsraellr ' 21. ©entemDer 18Z0 tage zu treten beginnt — abgesehen natürlich immer von besonders begnadeten Naturen, bei denen ein winziges Samenkorn genügt, um herrliche Früchte zu zeitigen. Wir sehen z. B. in vielen Familien die älteste Generation noch entschlossen gläubig, dann kommt die zweite Generation, die in ihrem Verstandesleben schon ganz von der modernen Aufklärung ergriffen, aber doch noch überzeugt ist, daß sie auch abseits von der Religion durchaus charaktervoll leben und handeln könne. Mit einer gewissen Einschränkung ist das auch richtig, denn ihre Ethik hat ja sozusagen noch orthodoxe Knochen, in den Impulsen ihres Gewissens wirkt noch die Wucht und Autorität des elterlichen Gottesglaubens nach. Bei der dritten Generation jedoch, selbst wenn sie sich noch der überlieferten Ethik beugt, spürt der aufmerksame Beobachter ba|j der Charakter nicht mfhs «uf eine üllerirDische Wahrheit, sondern nur noch auf die Autorität sterblicher Subjekte gegründet worden ist. In entscheidenden Konflikten sind die Menschen dieser Generation daher stets geneigt, der modernen Sophistik ihr Ohr zu leihen, es sei denn, daß sie durch starke „bürgerliche" Anlagen vor allen größeren Abwegen bewahrt bleiben. Die vierte Generation endlich macht von Grund aus durch, was es eigentlich heißt, modern zu sein — und diese ist denn auch heute in vielen ihrer Vertreter auf dem Wege, von den trügerischen Versprechungen moderner Lebensansichten zur alten Wahrheit zurückzukehren.2) Es gibt nun Menschen, welche die Konsequenzen, zu deren Entfaltung es sonst Generationen braucht, mit ungestümer Logik und hellsichtiger Psychologie innerhalb eines einzigen Lebens ziehen — Menschen, die bis ins Innerste spüren, was alles erlaubt ist, wenn dies da erlaubt ist unö wenn lliese ober jene Wahrheit feine WaM hell mehr ist: Ein solcher Vollstrecker von Konsequenzen war Nietzsche, der mit unerbittlicher Logik den ganzen Inhalt der modernen Position zu Ende dachte und vom modernen Menschen verlangte, er solle sich unerschrocken zu allem bekennen, was unausweichliche Konsequenz seiner Negation sei, statt nur das religiöse Dogma zu verwerfen, das moralische Dogma aber beizubehalten — so wie David Strauß von Nietzsche vorgeworfen wird, daß er, statt alle moralischen Konsequenzen seines Darwinismus zu ziehen, gleichsam aus geistiger Trägheit und Feigheit noch die christliche Moral der Solidarität festhalte, die doch ohne das entsprechende Dogma gar keinen Boden mehr habe. Niemand hat hellsichtiger festgestellt als Nietzsche, wie tief der sogenannte moderne, von der Religion befreite Mensch in Wirklichkeit noch von religiösen Voraussetzungen auf Borg lebt, ja wie er noch gar nicht ahnt, was alles in unserm innern Leben mit dem Gottesglauben steht und fällt und was alles in Wahrheit noch vererbt christlich ist in dem, was er gang naiv als „modfsgs" HshsMNlML stim. Der Moderne glaubt nur deshalb, ohne Religion leben zu können, weil er in Wirklichkeit noch von ihr lebt. „Das Beste in uns", so sagt Nietzsche, „stammt aus Empfindungen früherer Zeiten — die Sonne unseres Lebens ist untergegangen, der Himmel aber glüht und leuchtet noch von ihr, ob wir es gleich nicht sehen." Ganz besonders eindrucksvoll hat Nietzsche jenes unbewußte Nachwirken der Religoin in dem Fragment „Der tolle Mensch" dargestellt, wo er dem 2) John Stuart Mill teilt uns in seiner Selbstbiographie mit, daß er in seiner Zeit eines der wenigen Beispiele für eine konsequent religionslose Erziehung sei. Er habe auf die Religion gesehen als auf etwas, das ihn gar nichts angehe: daß die Engländer das alles glaubten, fei ihm nicht weniger fremdartig erschienen, als daß die Menschen zu Herodots Zeiten irgendeinen beliebigen Aberglauben hatten. Zweifellos hängt es aber gerade mit dieser weitgehenden Entleerung von allen religiösen Einflüssen zusammen, wenn er nach seinen eigenen Worten in jüngeren Jahren einen jahrelangen völligen Zusammenbruch aller Lebensfreude erlebte — einen Zusammenbruch, der zwar durch praktische Arbeit allmählich wieder geheilt, aber doch niemals mehr durch eine große uno begelmrnoe MamtllnMuung des Lebens ersetzt worden ist. modernen Gottesleugner zum Bewußtsein bringen will, in welchem Maße er heute noch in allen seinen Gefühlen und Wertsetzungen unbewußt von der Vergangenheit bestimmt ist und wie wenig ihm bisher die moralischen Konsequenzen klar geworden sind, die unerbittlich aus dem Ganzen seiner Verneinung folgen: Was alles mit dem Gottesgedanken verknüpft ist, davon habe er noch keine Ahnung.. In diesem Sinne läßt Nietzsche in dem erwähnten Fragment den „tollen Menschen" (der mit ihm selber identisch ist), auf den Markt laufen und am hellen Tage mit angezündeter Laterne rufen: „Ich suche Gott. Ich suche Gott . . „Wohin ist Gott," rief er, „ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet — ihr und ich! Wir alle sind feine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir dies Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, crls toiv bieje (Svbe oon ifjvev Sonne tostetteten? ZBotjin hrwsgt st? sich nun? Wohin ösnrepn wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen um: nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben?" Die hier zitierten Absätze zeigen Nietzsche als den Märtyrer der modernen Zersetzung, der aus dem Bedürfnis stach radikaler Ehrlichkeit heraus alle „Lügenbrücken" zu innerlich überwundenen Idealen verschmähte und hellsichtig voraussah, was es bedeute und was alles daraus folge, daß man die sichtbare Welt von der unsichtbaren Welt losgekettet hat — der aber immer wieder feststellen muß, wie wenig die meisten Menschen imstande sind, sich von solchen Konsequenzen klare Rechenschaft abzulegen." AnsfnhrliH und eindrucksvoll ist Foersters Auseinandersetzung mit der Pfycho-Analyse. Sein Buch klingt aus in die Forderung einer Schule, die den antiken Bildungsstoff dem „christlichen und hebräisch-prophetischen" Gedanken einordnet. In unsre Sprache übersetzt bedeutet das für jeden Bevölkerungsteil die ihm kongeniale konfessionelle Schule, die den gesamten Kulturstoff mit religiösem Geiste durchtränkt. Schopenhauers Verhältnis zum Judentum. Don Dr. J. Münz in Merlin. IV. Im „Israelit" Nr. 10—12 1924 war von zwei harten Angriffen, die Schopenhauer gegen das Judentum erhebt,, die Rede. In Ergänzung dieser Darstellung soll noch ein dritter. Vorwurf, den Schopenhauer gegen das Judentum erhebt, behandelt werden. In seinem Buche „Fragmente zur Geschichte öer Philosophie" schreibt Schopenhauer in seiner charfen, polternden Weise: „Die eigentliche Judenreligion, wie sie in der Genesis und allen historischen Büchern, bis zum Ende der Chronik«, dargestellt und gelehrt wird, ist die roheste aller Religionen, weil sie die einzige ist, die durchaus keine Unsterblichkeitslehre, noch irgend eine Spur davon hat . . ." Zunächst könnte man Schopenhauer antworten: Gesetzt, zugegeben, daß die Unsterblichkeit in der Bibel nicht ausdrücklich gelehrt wird, so ist in diesem Mangel noch keine Leugnung der Unsterblichkeit zu erblicken. Lehrt etwa die Bibel ausdrücklich das Dasein, die Existenz Gottes? Nein. Aber die Bibel setzt das Dasein Gottes als eine feststehende, bekannte Wahrheit voraus und beginnt gleich mit den Worten: „Im Anfänge schuf Gott den Himmel und die Erde." Ebenso wird nirgends in der Bibel die Unsterblichkeit gelehrt, weil der Unsterblichkeitsgedanke im jüdischen Volke seit ältester Zeit heimisch war und nicht erst als Glaubenssatz eingeprägt werden mußte. Außerdem unterläßt es die Bibel gewissermaßen g«s MggogWcn Gründen me UnstervlWeitsr lehre ausführlich darzuftellsn. „Co wenig man dem Blinden eine deutliche Vorstellung der Farben geben kann, ebensowenig kann man dem sinnlichen Menschen eine Schilderung von dem rein geistigen Zustande der Dinge im Jenseits geben. Die Sinne fasten nie, was außerhalb der Sinne liegt." (B. H. Auerbach.)' Sodann findet sich in der Bibel eine ganze Reihe von Stellen, in denen die Unsterblichkeitslehre andeutungsweise verkündet wird. Einige dieser Stellen seien hier angeführt: „Gott bildete den Menschen aus Staub von der Erde und blies in feine Nase lebendigen Od e m." (Gen. 2, 7.) Chanoch wandelte mit Gott, da war er nicht mehr, denn Gott hatte ihn zu sich genommen". (Gen. 5, 24) — „Abraham verschied und starb in einem guten Greisenalter,. alt und' lebenssatt, und wurde eingesammelt zu seinen Stämmen." (Gen. 25, 8.) — David ruft nach dem Tode seines Sohnes ans: „Kann ich ihn Meller rnrlllfs bringen? Ich gehe zu ihm, aber er wirb nicht zu mir Zurückkehren." (2. Sam. 12, 23.) — „Deine Seele wird im Bunde des Lebens gebunoen werden bei dem Ewigen, Deinem Gotte." (1. Sam. L5, 29.) — „Deine Gerechtigkeit wird vor dir einherziehen und die Herrlichkeit Gottes wird dich aufnehmen." (Jesajas 58, 8.) — „Du wirst nicht meine Seele der Gruft überlasten, wirst nicht zugeben, daß die Frommen die Hölle schauen." (Ps. 16. 10.) —„Gott erlöset meine Seele aus der Macht der Gruft, denn er führt mich, Selah." (Ps. 49, 16.) — „Wie groß ist dein Gut, das du geborgen hast, denen, die dich fürchten." (Ps. 31. 20.) — „Wenn auch mein Fleisch und mein Herz dahinschwindet, meines Herzens Hort und mein Teil ist Gott in Ewigkeit." (Ps. 73, 26.) —„Kehre meine Seele zu deiner Ruhe zurück, denn der Ewige hat mir vergeben und rettet meine Seele vom Tode, mein Auge von meinen vom SlxtrgetnctnMe vor Dem Ewigen in Den Landen Des Lebens." (Ps. 116,7—9.) — „Denn ich weiß, mein Erlöser lebt und später über meinem Staub erhebt er sich und ohne meinen Körper schaue ich Gott." (Hiob 19, 25 u. 26.) — „Der Staub kehrt zur Erde zurück, wie er gewesen, der Geist aber kehrt wieder zu Gott, der ihn gegeben." (Koheleth 12, 7.) — „In seinem Unglück verstoßen wird der Frevler; der Gerechte aber ist auch in seinem Tode geborgen." (Spr. 14, 32.) — „Der Pfad des Lebens geht aufwärts für die Verständigen, damit er dem Grabe darunter entweiche." (Spr. 15, 24.) „Ein Mensch, der vom Wege der Vernunft abirrt, wird in der Versammlung der Schatten ruhen." (Spr. 21,16.) — „Dein Herz ereifere sich nicht der Sünder wegen, sondern bleibe, in der Furcht des Ewigen allezeit. Wahrlich, es gibt eine Zutun f t und deine Hoffnung wird nicht vernichtet." (Spr. 23, 17—19.) Diese^ und viele andere Bibelstellen haben die Idee der Unsterblichkeit,: der Fortdauer des seelischen Lebens zu ihrer Grundlage und wären ohne öim öötc sinnlos MV Mvkrslanlllich. Dieser Uristerdlichteitslehre der Bibel schließen sich die späteren Lehrer des Judentums an; sie sind bemüht, diese Lehre zu befestigen, zu begründen und gegen die verschiedenen Angriffe zu verteidigen. Recht deutlich spricht sich I o s e p h u s über diesen Punkt aus: „Unsere Leiber zwar sind sterblich und aus vergänglichem Stoffe gebildet, aber ein Teil der Gottheit, eine unsterbliche Seele wohnt in dem sterblichen Körper." Philo, der Begründer der jüdisch-alexandrinischen Religions- Philosophie schreibt: „Die Bösen, wenn sie auch das höchste Greisenalter erreichen, sind tot; aber die Seelen der Gerechten, wenn sie auch aus ihrem Körper scheiden, haben die Unsterblichkeit erwählt und leben in Ewigkeit." Der Talmud beschäftigt sich an verschiedenen Stellen mit der Unsterblichkeit der Seele und sucht durch verschiedene Bilder und Gleichnisse diese Idee unserem Verständnisse näher zu bringen. Von besonderer Bedeutung ist der talmudische Satz: „Nicht dieser Welt gleicht die jenseitige Welt. Dort ist weder Essen noch Trinken, noch Münllnng einer Familie, llori gillt es keinen Handel und Wandel; dort herrscht weder Neid,

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