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Der Israelit · 1926-09-21 · Heft 39 (21.9.1926) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 39 (21.9.1926)
Date
1926-09-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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w t d) Religion und Lharakkerbildung. C o e r rt t r; üer üemnnlk MrMer m« rn Pädagoge, hat \m Natapfel-Verläg Zürich vor kurzem ein umfangreiches Werk veröffentlicht, das den Versuch unternimmt, die Unentbehrlichkeit der Religion für die Charakterbildung der Jugend nachzuweisen und in eindringender psychologischer Untersuchung, über das rein Pädagogische hinausgreifend, die Stellung der religiösen Kultur im Gesamtkomplex des modernen Lebens beleuchtet. Man kennt Foersters Darstellungskunst, die Tiefe und Klarheit vereint und die eine reiche praktisch-pädagogische Erfahrung und gründliche Literaturkenntnis in den Dienst der neugewonnenen religiösen Gläubigkeit stellt. Merkwürdigerweise hat sich Foerster, der aus einem radikal freigeistigen Milieu flamme Mll aus innerem mtim zur lircDö WMchrtS, m Weise auf die Gedankenwelt spezifisch christlicher Dogmen festgelegt, daß der andersgläubige religiöse Leser nicht folgen kann. Es läßt sich subjektiv noch verstehn, wenn Foerster die Persönlichkeit des Stifters der christlichen Religion pädagogisch auswertet und die These zu vertreten sucht, die Vermenschlichung der reinen ethischen Grundgedanken durch eine Person von Fleisch und Blut bedeute einen unvergleichlichen Halt für das nach Vollkommenheit ringende Individuum, wenngleich auch die jüdische Sittlichkeit in den ragenden Gestalten ihrer ü’-'ns der menschlichen Vorbilder nicht entbehrt und dabei doch grade in, der überpersönlichen Kraft des kategorischen Imperativs ihren Stolz und ihre Größe findet. Schwer faßbar dagegen will uns die Apotheose der Erbsünde scheinen, der Foerster ganze Kapitel gewidmet hat. Nach allem Aufwand von Dialektik bleibt davon doch schließlich nichts anderes übrig wie der auch vom Judentum anerkannte Dualismus von Geist und Materie und der de- NMSkNS 8kZ 3M i;. mit Der Sinnlichkeit. Trotz dieser Bedenken gegen das Foerstersche Buch bietet es auch dem religiösen Juden eine Fülle von Anregung und von Material zur Auseinandersetzung mit dem verfeinerten Materialismus unserer Tage. Wir möchten als Probe einige Sätze aus dem Kapitel wiedergeben, das sich mit der angeblichen Möglichkeit einer religionslosen Sittlichkeit auseinandersetzt. Foerster schreibt: „Werden denn aber nicht alle die vorhergehenden Argumentationen durch dis uvbsstrsitkars rrttiien rtrtler uns reiche Menschen leben, die keinerlei Religion mehr bekennen und doch von Grund aus ehrlich und zuverlässig sind, ja an Liebeskrast und Opsersinn nicht selten manchen Bekenner der Religion übertreffen? Gewiß gibt es solche Menschen, aber ihre Existenz ist durchaus noch kein schlagkräftiger Beweis für die charakterbildenden Kräfte der religionslosen Erziehung. Wer in einer Kulturatmosphäre aufgervachssn ist, dis feit Äahr- Hllvderten von reügiojen AgsiÜsi?N gesättigt ist und wer in seiner eigenen Erziehung noch von allen Seiten religiöse Einwirkungen erfahren hat, — der kann in keiner Weise schon als „Reinkultur der religionslosen Erziehung" betrachtet werden. Niemand hat dieses Nachwirken und allmähliche Verblassen der religiösen Heiligungen und dogmatischen Begründungen der Moral besser geschlidert als Renan in der Antwort, die er bei seiner Aufnahme in die Akademie dem Sohne seines Freundes Cherbuliez gab, wobei er schildert, wie Cherbuliez sen. aus dem alten Glauben zur Philosophie und der deutschen Bibelkritik überging und dann fortfährt svi8cour8 et 0oukereuce8,1887): „Dieser Wechsel vollzog sich, rvis SS häufig geschieht, vhns daß er mora. ^hre§ Vaters Änderte. Obwohl Rationalist, blieb er doch immer ein frommer Mensch von vorbildlichen Sitten. Ein ganzes Leben verharrte in dem Duft der Erinnerung an jene fruchtbaren Glaubensvorstellüngen, deren Buchstaben man opfern konnte, ohne den Geist zu verlieren. Ohne daß wir es wissen, danken wir diesen Formeln oft die Reste unserer Tugend. Wir leben von einem Schatten, von dem Duft einer leeren Vase, nach uns wird man vom Schatten eines Schattens leben — ich fürchte manchmal, daß dies etwas zu wenig fein könnte" M. Die gegenwärtig herrschende Generation, die oft so leidenschaftlich gegen die Religion auftritt, ist doch in ihrem ganzen Gewissensleben unbewußt selber noch von der religiösen Tradition gespeist ist und hat darum auch noch gar keine persönliche Erfahrung davon, wie es in einer Seele aussieht, die wirklich von aller Religion entleert ist. So wie wir nach der Lehre der Astronomen heute noch das Licht von Sternen erhalten, die vielleicht längst zerbrochen sind, so leben heute viele Menschen moralisch noch von Vorstellungen, dis sie E ihrem Ner^gghk!äng?t überwunden haben. Wollte jemand behaupten, er könne im luftleeren Raume existieren, so kann man ihn sofort'durch das Experiment ad absurdum führen. Wenn aber jemand sagt, er könne ohne jede religiöse Grundlegung moralisch existieren, so kann man ihm nur antworten, daß er zu dieser Behauptung nicht das geringste Recht hat, denn das betreffende Experiment ist inmitten der heutigen Kultur noch gar nicht möglich, weil dazu eine ganz undurchführbare geistige Isolierung von der ganzen Attttofpljäre her aBertblönbt^en ©ultur gehören rcilrke. lenn miv sllgl. „MS sehen aus meiner ausgezeichneten Gesundheit und st Mit diesen letzten Worten deutet Renan selber auf die psychologische Wahrheit hin, durch die seine optimistische Annahme widerlegt wird, man könne auf die Dauer den Geist bewahren, wenn man die Form preisgibt. Körperkraft, daß die Fleischkost unnötig ist", so werde ich ihm antworten: „Es gibt vielleicht Qnbe«( besieg Argummsf für $i? ^nMhrlMkil Der Fleischkost — Das Ihrige aber ist nicht stichhaltig, denn Sie sind in Ihrer Jugend noch mit Fleisch genährt oder Sie sind wenigstens noch das Kind von fleischessenden Eltern und Großeltern. Ihr ganzer Organismus, Ihre Knochensubstanz, Ihre gesamte Lebensenergie ist doch noch unter Mitwirkung und Nachwirkung animalischer Nahrung entstanden. Erst mehrere Generationen von Vegetariern könnten uns Repräsentanten vegetarischer Reinkultur liefern!" Dieses Gleichnis mag auf den schwachen Punkt in der Argumentation derer aufmerksam machen, die uns auf religionslose Menschen mit Hochentwickeltem Gewissen Hinweisen, als ob dadurch bewiesen sei, daß sittliche Kultur auch ohne Religwn mrglity skl. Mini selbst Dorr, mo Die m ziehlmg scheinbar vvn jedem direkten religiösen Einfluß ferngehalten worden ist, kann von einer wirklich religionslosen Charakterbildung noch keine Rede sein. Denn auch unsere ganze klassische Literatur ist ja noch aufs Tiefste von den Ideen der christlichen Religion, ihren Vorbildern und Heiligungen, ihrer Verherrlichung des geistigen Lebens, ihrer Strenge gegenüber allem Uebermute des natürlichen Menschen durchdrungen. Haben doch Schiller und Goethe doch selbst oft genug die grundlegende Bedeutung bekannt, die das Christentum für ihre ganze Bildung gehabt hat. Wie lehrreich ist in dieser Beziehung z. V. das, was Goethe in seiner italienischen Reise über den Einfluß eines Bildes der heiligen Agathe auf das Charakterbild seiner „Iphigenie" berichtet! Wer heute stolz darauf hinweist, daß er ganz ohne Religion doch ein tadelloses Leben führe, der vergißt auch, daß er ringsum von Menschen umgeben ist, die noch aus der religiösen Gewißheit heraus leben und handeln und deren Beispiel und Urteil seiner in der Luft stehenden Sittlichkeit einen Sjatt gifct, $gß MMk MZ M selbst heraus nicht haben würde. So wie in der Lehre der Kirche die Lebenden für die Seelen der Toten beten, so wirkt die Stärke, Innigkeit und Reinheit der religiösen Ethik ununterbrochen aus der Welt der Gläubigen in die ungläubigen Seelen hinein und überträgt auf diese, ohne daß sie es merken, eine Stärke und Sicherheit der Gewissensimpulse, die aus ihren eigenen Voraussetzungen nicht abzuleiten ist. Religionslose Gewissenskultur ist also möglich, wenn sie in eine große religiöse Kultur eingebettet ist — ein Vefnr 2ik xrillMstlst MtbMlllMlt m Mb givseu ©annumen aber kann natürlich äus dieser Situation niemals entnommen werden. Beobachtet man heute die Geschichte der Familen, so kann inan vielmehr in der Aufeinanderfolge der Generationen ganz deutlich beobachten, wie mit dem allmählichen Verblassen religiöser Einflüsse auch eine wachsende Unsicherheit im Ethischen zu-

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