Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1926)
- Date
- 1926-09-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450388-2450427--73477-2530889- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 Nr. 39 tische Presse bringt in Verkennung der zur Entscheidung stehenden prinzipiellen Frage den scheinbar zunächst nur die jüdische Orthodoxie bedrohenden Gefahren nicht die auch von ihrem Standpunkt aus gebotene Aufmerksamkeit ent- 8?g?«!-. FklM scMlllv MB llM n!W rar* absäumt werden, um zunächst die jüdische Oeffentlichkeit selbst aufzuklären. Es ist unglaublich, aber Tatsache, daß infolge ungenügender Aufklärung gebildete, gesetzestreu lebende Juden häufig nicht in der Lage sind, in gegebenem Falle auf Grund irgendwelcher in ihren Händen sich befindenden Literatur die lächerlichsten, hundertfach widerlegten Vorbringen der Schächtgegner zu widerlegen. Die Vorteile einer weiteren Aufklärung auch der religiös-liberalen Judenheit sind ebenso einleuchtend wie die einer Orientierung der nichtjüdischen Oeffentlichkeit. Die Landesverbände müssen die geldlichen Mittel aufbringen. um tri 93er£>tnb«rtej mit &S8 durch eigene VkllMlk fortlaufend das neueste Material zu gewinnen, zu verarbeiten und zu verbreiten. Drucksachen dürfen aber dann nicht bei irgendeinem Verlage käuflich oder „auf Ansuchen" unentgeltlich zu haben sein, sie müssen vielmehr durch Vermittlung der einzelnen Gemeinden sämtlichen Gemeindemitgliedern ohne Aufforderung unentgeltlich zugehen. Durch wissenschaftliche Darlegung und darauffolgende volkstümliche Zusammenfassung dürfte bei einer Massenauflage jedem das Seine zur Bekämpfung unserer Gegner an Hand gegeben sein. Des Weiteren müssen in den Zentren jüdischen Lebens zunächst für die jüdische, dann auch für die interessierte nichtjüdische Oeffentlichkeit Versammlungen abgehalten werden, in denen unsere gerechte Sache von berufenen Fachmännern vertreten wird. Kein ganzseitiges Anzeigenblatt vielgelesener Tageszeitungen ist zu groß, keine Plakatsäule zu hoch, kein Versammlungsraum zu weit, um die jüdische, diese wirklich jüdische Not in die Welt zu schreien. Die großen jüdischen Verbände^ Lsson- DßTfi Dß? wevWn wie Del anderen Gelegenheiten, wo sie die Ehre des jüdischen Namens verteidigen, auch hier ihre Mittel und vor allem ihre Organisation gern zur Verfügung stellen. Daß man dann die Kampfesweise nicht, wie es bisher zu einem gut Teil geschah, auf die Verteidigung beschränken dürfte, sondern daß man zum Angriff übergehen müßte, ist allerdings eine Vorbedingung des Erfolges. Die Welt soll es wissen, daß das Schächten nicht die grausamste, sondern gerade im Gegenteil die humanste Tö- Die medizinischen Organ- und Nährpräparate und ihre rituelle Zulässigkeit. Aeber die Zulässigkeit von Kefir und Joghurt. Unter diesem Titel veröffentlicht Herr Dr. P. Münz auf Veranlassung des Bundes gesetzestreuer israel. Kultusgemeinden in Bayern ein Heft, welches in diesen Blättern bereits besprochen wurde. Ich hatte bis heute noch nicht die Möglichkeit, den ganzen Inhalt dieser an sich sehr dankenswerten Veröffentlichung zu prüfen, möchte jedoch schon heute -»'vnauf folgenden Fehler aufmerksam machen. Dr. Münz schreibt (S. 17) über Kefir und Joghurt: „Mit Hilfe dieser Kefirkörner kann in jedem jüdischen Haushalt — ähnlich wie Dickmilch — Kefir auf eine Weise, die den rituellen Worsltzeifte» entsprächt. erg-euat MNM. M MzhM ist durch Zusatz vün Maja-Ferment, Joghurt-Tabletten oder Joghurtogen zur gewöhnlichen Milch zu gewinnen." Dem gegenüber ist folgendes zu bemerken: Kefirkörner find nichts anderes als von der Molke, d. h. von den flüssigen Bestandteilen des Kefirs nach Möglichkeit befreiter getrockneter Kefir, welche neben Kefir die Bazillen und Hefen enthalten, die die Kefirgärung bewirken. Diese Kefirkörner werden meist aus denk Kaukasus importiert und dort hauptsächlich aus Schaf-, Ziegen- oder Kuhmilch, oft auch aus Büffelmilch chergestellt. Dagegen wird Joghurt hauptsächlich aus Büffelmilch hergestellt und werden die obengenannten Joghurt-Bildner aus dem Orient nach Deutschland eingeführt. Das Joghut-Ferment, die sogenannte Maja, Der Israelit WWMWWRM 21. September 1926 tungsart ist, sie soll wissen, daß es selbst nach Ansicht der verbissensten Schächtgegner eine einwandfreie, nicht häufig versagende Schlachtmethode trotz der vielfachen Tötungsmöglichkeiten, die dem Schächten gegenüber stellen und trotz immer neuer WkslW kW jifet. fe soll unt i,r»ucht nicht nerschwiegen zu werden-, daß nicht jeder Tierarzt schon infolge seiner allgemein beruflichen Vorbildung allein als sachverständiger Beurteiler der Frage der Schmerzempfindung des Tieres beim Schächten zu betrachten ist, ebensowenig wie jeder Arzt ohne besondere eingehend Studien über eine spezielle medizinische Granzfrage als Sachverständiger befragt werden wird. Die breiteste Oeffentlichkeit soll immer und immer wieder — nicht nur gelegentlich und nebenbei — aus die unerhörten Grausamkeiten hingewiesen werden, die bei Zubereitung vieler als Leckerbissen der Reichen geltenden Tiere und auf von keinem Sittengefetz befohlenen ^E-reibjagbert jahrein rv?^kn, ohne imffuün Seiten Der Tlörschutzvöi'- etne als der sich selbst für berufen haltenden Instanz ernstlich gesetzgeberische Maßnahmen gefordert werden, während auf der anderen Seite das „edle" Weidwerk im Gegenteil in Poesie und Prosa über alle Maßen verherrlicht wird. Und während man unserem Kultus Grausamkeit vorwirst, erhebt man dort die Grausamkeit zum Kult. Man kann sehr wohl der Meinung sein, daß einer solchermaßen aufgeklärten Oeffentlichkeit gegenüber die bayerische Sozialdemokratie, die durch ihre, wie zugegeben, nicht von sachlichen Erwägungen bestimmte Stellungnahme den Ausschlag bei der ungünstigen Erledigung der Schächtfrage im Landtage gegeben hat, es sich doch überlegt hätte, gerade bei dieser von ihr selbst und in fast allen Parlamenten der Welt, wie bis zuletzt auch stets im Bayerischen Landtag konsequent in schächtsreundlichem, der Gewissensfreiheit Rechnung tragendem Sinne erledigten Frage ihrem Unmut über anderweitige politische Vorgänge Platz zu machen. Jedenfalls hätte sie sich dann auch die Seltsamkeit erspart, dieselbe KirchturmspolUik, bie fte it>ren pomijefjen stf MMN stit Jahr und Tag vvrwirst, sich selbst zu eigen zu machen. Aber auch ohne Auswirkung einer auf breitere Basis gestellten Agitation gerade in diesem Falle ist es unausbleiblich, daß in der Oeffentlichkeit wie bei nichtorientierten Einzelnen — und nicht oder falsch orientiert sind in Deutschland von tausend Personen 999 — durch unsere Zurückhaltung ganz falsche Vorstellungen entstehen. Wer von Nadeln gestochen wird, ohne zu schreien, gilt als Wundermensch, nicht weil er trotz seiner Schmerzen nicht schreit, sondern weil er keine Schmerzen zu empwird durch Mischen von Regenwasser mit saurer Iog- Hurt-Milch erhalten. Als Ioghurtogen und Joghurt- Tabletten kommt ein Präparat in den Handel, welches eine von den Molken möglichst befreite und mittels eines Aufsaugungsmittels an der Luft getrocknete Yoghurtmilch ist. Auch hier sind die wirksamen Bestandteile gewisse Bakterien und Hefen. Die Wirkung dieser Joghurt- und Kefir-Bildner läßt sich ohne weiteres mit der durch Hefe hervorgerufenen alkoholischen Gärung von Wein vergleichen. Ich habe gegen die Anwendung von Kefirkörnern oder Joghurttabletten usw. folgende Bedenken: Bei allen diesen Präparaten ist ein i'va -wh vorhanden, es dürfte wohl nicht zulässig sein, diesen ohne weiteres — „in jedem jüdischen Haushalt" — *>aa:o zu sein. Ob dieser iio->k aus -"oa taVm? a^n oder aus rwv a^n besteht, läßt sich nicht feststellen, spielt auch für die Beurteilung meines Erachtens keine Rolle. Es könnte unter Umständen gelingen, ein fßräpnrnt AMslkllkli: MlrW roina MMMMeüe «zeV YÜN, fonüern nur die wirksamen Hsfszsllen und Bakterien. Dann sind dieselben aber meines Erachtens eine vbvtin aaa und aus dem gleichen Grund verboten, wie es nicht erlaubt ist, aus Fruchtsästen mittels Weinhefen Obstwein herzustellen. Wenn die Joghurt- und Kefir- Flora als eine Tayan nai zu betrachten ist, (sie würde dann niemals ^va werden können), besteht die Befürchtung, daß die Ursubstanz irgendwo und — wann einmal «av zbn gewesen ist, natürlich in erhöhtem Maße. Wenn mir auch von autoritativer Seite bestätigt wird, daß meine Bedenken stichhaltig sind, wollte ich doch in vorstehendem die Grundlagen für die Kefir- und Joghurt-Herstellung bekanntgeben, damit jeder Rabbiner sich selbst ein Urteil bilden kann und insbesondere au,ch deshalb, damit eine van entschieden werden kann, falls die erwähnten Präparate für einen Kranken befinden scheint. Und wer in seinen materiellen und ideellen Lebensnotwendigkeiten, in seinem . Gewissen und in seiner Ehre so bedroht wird wie wir durch die verlogene, heuchlerische Agitation der Schäc^eHne^ be||en IWWkUll UitÖ Leisetreten könnte falsch aufgesaßt werden. Ein energisches Eintreten mit allen Erfolg versprechenden Mitteln, wo es sich nicht nur um die äußere Stellung der deutschen Juden, sondern um die Ehre und Unverletzlichkeit des Judentums, um die Möglichkeit der Erfüllung religiöser Verpflichtungen handelt, wird bisher von vielen vermißt. Vielleicht unterschätzt man an manchen Stellen die Gefahr. Und wenn auch die Optimisten in dieser Frage des Schächtens wieder recht behalten, — so möge doch jedermann aus der Methode unserer Gegner nach der prinzipiellen Seite die Lehre entnehmen, daß solche Provokationen wie die des Oberveterinärrats MSökk M DOl ..MUlllWSI MHÄHttNS üUr DUTÖ) ganz zislbetvußies Auftreten unmöglich gemacht werden können, wie sie vielleicht nur durch unangebrachte Nachsicht und Zurückhaltung ermöglicht wurden. Je erbärmlicher die Methode der Gegner, desto besser für uns und unsere gerechte Sache. Korre$pon<lenzen « ßaebriebten. Deutsche« Reich. Eine antisemitische Verleumdung. Frankfurt a. M., 16. Sept. Der Landesverband Hessen-Nassau und Hessen des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" teilt uns mit: Der Schlachthofverwalter Lindemann in Gelnhausen hat nach einem Aufsatz des Präsidenten des „Reichsverbanbes praktischer Tierärzte", der in Str. 221 der 4-«" BsckMHttn" vom 11. August 1926 unter dem Titel „Die Schächtsrage" veröffentlicht ist, am 30. April 1926 in einem Brief an den genannten Präsidenten behauptet, daß ein von dem Metzgermeister Ludwig Reis, Gelnhausen, zum Schächten gefesselt niedergelegtes Jungrind nach dem von dem Lehrer Marx daselbst vorgenommenen Schächtschnitt 3 Minuten lang ausgiebig blutete, plötzlich seine Fesseln zerriß, sich erhob, sich in den Schweineschlachtraum begab, wo es einen Ausgang vermutete, dann Kehrt machte und in normalem Schritt auf die Ausgangstüre zuging, bis es dem Metzgermeister Reis gelang, durch starkes Ziehen am Schwänze das Tier zu Fall zu bringen. ' nötigt werden. Jedenfalls dürfte in diesem Falle darauf zu achten sein, daß die Körner "W ^va werden. Es soll im übrigen die Möglichkeit bestehen, ein dem Kefir vollkommen gleichwertiges Präparat mit Hilfe von gewöhnlicher Bierhefe herzustellen. Ich bin gerne bereit, etwaige Fragen von allgemeinem Interesse, die durch Vermittlung der Redaktion an mich gelangen, in diesen Blättern zu beantworten. Dr. S. B. B. Der Esrog ein Heilmittel. Wenn nicht alle Zeichen trügen, sieht der Esrog, bisher nur einmal im Jahr als Gegenstand religiöser Uebung begehrt, einer neuen Glanzperiode entgegen. Wie der „Haolam" mitzuteilen weiß, haben Aerzte und Lebensmittelsachverständige übereinstimmend festgestellt, daßdie Nährkraft dieser Frucht ganz enorm ist unb. a&= r\etnvon KLWksiWllll m MMMM iism eine Menge von TUWunzen Mthält. deren hoher Heilwert in bestimmten Krankheitsfällen bestens ausgenutzt werden kann. So wird von der ärztlichen Wissenschaft jetzt eine große Agitation für die Kultur dieser Pflanze entwickelt. Da Amerika und die meisten Länder Europas kein geeignetes Klima für den Esrogbaum haben, so würden sich den wenigen Ländern, die ihn züchten, zunächst Palästina, neue große Absatzgebiete eröffnen. In Palästina waren die Esrogplantagen bis dahin bei den verhältnismäßig teueren Preisen doch nicht rentabel, weil nur ein kleiner Prozentsatz all den religiösen Voraussetzungen entsprach und seinem Zwecke zugesührt werden konnte. Wird nun die Esrogfrucht auch zu Nahrungs- und medizinischen Zwecken in ausgiebigem Maße gebraucht, so eröffnet dieses, wie'Haolam meint, ganz neue Perspektive für Landwirtschaft und Industrie