Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1926-09-21 · Heft 39 (21.9.1926) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 39 (21.9.1926)
Date
1926-09-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450388-2450427--73476-2530888
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der G » r » el 11 9tr. 39 Seite 5 21. September 1926 scheinigt, daß er sich „wie kaum ein anderer seiner Fachkollegen mit den Grenzgebieten der Tierphysiologie und den theologischen Ritualvorschriften befaßt hat" und scheinheilig setzt das Blatt hinzu, daß der Verfasser „hofft, mit den nachfolgenden Ausführungen zum Ausgleich des Meinungsstreites über das Schächten beizutragen" (!). Oberveterinärrat Dr. Max Müller, Universität München, fällt es mit Nichten ein, etwa in der Oeffentlichkeit ein fachmännisches Urteil über die physiologischen Wirkungen des Schächtens abzugeben oder sich mit vorliegenden Gutachten auseinanderzusetzen. Wie schon das Begleitwort der Schriftleitung andeutet, beschäftigt er sich vielmehr, im Besitze der rabbinischen Autorisation von Seiten des Dr. Gerlich, mit der — theo- MWM Seite Der MülMllgk. Der „mit ocn theologischen Ritualvorfchvistett wie kaum ein anderer seiner Fachkollegen vertraute Gelehrte" behauptet allerdings, daß beim Schächten „Schlund und Luftröhre nicht durchschnitten werden", sondern es würden „nur die großen Blutgefäße bei ihrem Austritt aus der Brusthöhle zum Zwecke des Verblutens und des Erlöschens des Lebens eröffnet". Doch das nur nebenbei. Hauptsache ist die Behauptung des Oberveterinärrats Dr. Max Müller, Universität München, daß „der Hirnschlag das Fleisch nicht trepha mache, sondern dieses Fleisch koscher sei, (was der Rabbiner-Tierarzt Dr. Müller durchweg mit -,rein" identifiziert). Sein Beweis: Satz 1: Eine Verletzung der Gurgel und des Schlundes hat, wenn sie vor dem Schächten erfolgt, zur Folge, daß das Tier trepha ist. Satz 2: Dasselbe ist der Fall bei einer Verletzung der Hirnhaut. Satz 3: Eine zum Zwecke der Tötung (durch Schächtschnitt) erfolgte Verletzung der Gurgel und des Schlundes hat keinen Trephazustand zur. Folge. Satz 4: Also bleibt ein Tier MH leschrH fffUN JE Zwecke ber Tötung dis Hirnhaut verletzt wird. Quod erat demonstrandum, Wenn Lächerlichkeit töten würde, so würden wir alles ausbieten müssen, um den Talmudisten Dr. Max Müller der jüdisch-theologischen Wissenschaft zu erhalten. Denn in jüdischen Kreisen sind infolge der mißlichen Verhältnisse, unter denen die Juden zu leiden haben, — siehe Schächtfrage in Bayern — die Verfasser saftiger „Purimthoras", d. h. ulkiger Verdrehungen talmudischer Gedankengänge unter scheinbarer Anwendung talmudisch-methodologischer oder allgemein logischer Denkregeln, immer seltener geworden. Ueber die Lächerlichkeit der theologischen Darlegungen Müllers oder besser der „Münchner Neuesten Nachrichten" lohnt es sich also nicht ein Wort zu verlieren. Ob Müller wenigstens in seinem Fache mit Recht den Ruf genießt, den ihm die „Müychner Neuesten Nachrichten" verdächtigerweise zuerkennen, wissen wir nicht. Daß er in Verkennung der ihm durch sein Wissen gezogenen Grenzen törichte Sprünge auf einem Gebiete macht, auf dem er sich nicht auskennt, und das noch in aller Oeffentlichkeit, spricht nicht f ü r. ihn. Ein wirklicher Gelehrter zeichnet sich noch immer dadurch aus, daß er seine Kompetenzen nicht überschreitet. Doch interessiert uns die tierärztliche Qualifikation des Talmudisten Müller vorerst noch weniger als die talmudische des Tierarztes Müller. Was uns interessiert, ist vielmehr die Frage: Wie kommt es, daß ein Nichtjude es wagen darf, sökns Mnung in einer gar liilyl strittigen mdDU mschen Frage der Oessenttrchkest nicht nur vorzulegen, sondern seine von niemand erfragte Ansicht der jüdischen Gemeinschaft ausoktroyieren zu wollen? Und wie kommt es, daß sich eine Presse findet, die ihm hilft, diesen Versuch zu unternehmen oder die diesen Versuch selbst unternimmt? Welches Geschrei der — berechtigten — Entrüstung würde sich erheben, wenn etwa ein Jude oder sogar ein christlicher, aber nicht kirchlich interessierter oder autorisierter Schriftsteller sich erfrechen würde, über die Köpfe der kirchlichen Instanzen hinweg und im Gegensatz zu ihnen eine Einrichtung einer christlichen Kirche als unberechtigt zu erklären und eine Ansicht vertreten und für die Praxis durchzusetzen versuchen würde, die von allen berufenen kirchlichen Organen abgelehnt würde? Der dem primitivsten Hirn einleuchtende Grundsatz, daß für nötig erachtete Neugestaltungen innerhalb einer Weltanschauungsgemeinschaft voll innen heraus sich ergeben müssen und daß, sofern eine Einwirkung mn außen für nötig mmtt mtrötn \mu ffets in taktvoller Weise die autorttottve Meinung der zuständigen Organe erholt werden muß, dieses ABC jedes Politikers gilt nicht für die völkischen Machtpolitiker, die ihre Politik ohne Kopf' und ohne Herz, nur mit der Faust betätigen wollen, gilt erst recht nicht, wenn es sich um Jüden handelt, deren Allerheiligstes jeder ungestraft betreten darf. Was Müller in den „Münchner Neuesten Nachrichten" zu sagen weih, ist lächerlich. Daß er es sagen darf, ist ebenso traurig, ja beschämend und erniedrigend. Wer nämlich für den Moment über die zur Diskussion gestellte Frage des Schächtens, also über den Inhalt des Müllerschen Artikels hinwegsieht, der erkennt in dieser Methode die ins Moderne übertragenen Zwangsdisputationen des Mittelalters. Müller oder eigentlich die.„Münchner Neuesten Nachrichten" wollen die Rabbiner „stellen". Sie wollen, wie ehedem halbwissende Apostaten, die Rabbiner z w i n g e n, in aller Oeffentlichkeit ihre religiösen Auffassungen gegenüber vorgebrachten Einwänden zu verteidigen. Wir zweifeln keinen Augenblick, daß die Bayerischen Rabbiner, sowohl jeder für sich als in ihrer Organisation, der Bayerischen Rabbinerkonferenz, die Situation gleich uns beurteilen und die schamlose Herausforderung mit dem Stillschweigen der Verachtung bestrafen werden. Weil wir aber schon die Frage der Methode des Kampfes der Schächtgegner und der Methode U n i % J f S ben <Sdpäcf)±gegnerrt - wie mit unseren Widersachern überhaupt — berühren, so darf hier wohl die durch solche Vorkommnisse begründete Auffassung vertreten werden, daß an Zurückhaltung auf unserer Seite nachgerade mehr als bekömmlich geübt worden zu sein scheint. Gewiß ist die stille Arbeit hinter den Kulissen der Oeffentlichkeit ungleich wichtiger als der laute Streit in offener Gasse, der in einem Rechtsstaat auf die Dauer niemals allein von entscheidendem Einfluß sein kann. Und ehrlicher Dank gebührt daher all den Männern, Rabbinen und Laien, die jetzt wieder in der Schächtfrage in Bayern kein Opfer an Energie, Mühe, Gesundheit, Zeit, Geld sparten, die tausend kleine und größte Unannehmlichkeiten unverdrossen auf sich nahmen um das ruchlose Attentat auf Judenheit und Judentum abzuwehren. Aufrichtige Hochachtung muß auch der bayerischen Regierung und den Mitgliedern des Bayerischen Landtages ausgesprochen werden, die, nicht zuletzt in wohlverstandenem Interesse des Staates selbst, trotz aller Einflüsterungen, der Gstvisssnsfrsihsit und dsr Humanität zum Siege gu verhelfen suchten un^ suchen. ${IMn es auf jüdischer Seite Vogelstrautzpolitik treiben, wollte man verkennen, welch große Macht in einer Republik die öffentliche Meinung hat, wollte man weiter verkennen, daß wir durch eine lebhaftere Agitation zu Gunsten des Schächtens nicht erst die öffentliche Meinung aufrühren, sondern daß diese Meinung dank der mckhlosen Agitation unserer Gegner beeinflußt ist, wollte man endlich verkennen, daß zeitweiliger Stillstand der schächtgegnerischen Agitation niemals ein Zurückweichen oder Ermatten unserer Gegner, die tatsächlich im Stillen unausgesetzt wühlen, bedeutet. Freilich steht uns nicht die Macht einer großen Tagespresse zur Verfügung und auch die sogenannte „jüdische", d. h. die große demokravnter obigem Titel in Lieferungen, den nmo entsprechend, MM D: Siffmng i MIO kMk Sttlökung MlöffklMW/ Me Ms ihm sußenv, zwar Nicht M ihn heranreilyi, wohl aber in ihrer Art bei vielen die gleiche segensreiche Wirkung zu erzielen geeignet ist. In leicht verständlicher Sprache geschrieben, sucht diese Erklärung vor allem psychologisch mit feiner Vertiefung die Charaktere und Ereignisse der mir, . unserem Verständnis und Empfinden näher zu bringen. Besonders geeignet erscheint sie für den Lehrer bei der Vorbereitung zum Religionsunterricht' und kann diesen höchst anregend gestalten. Ausgewählte Midraschim sind in prachtvoller Weise hineingearbeitet und die Angriffe einer Scheinwissenschaft in wirksamster Art widerlegt. Unter Benutzung der alten und neuen jüdischen Erklärer nimmt der Verfasser jede Gelegenheit wahr, um den Zusammenhang' von Vergangenheit und Gegenwart aufzuweisen, um jüdische Welt- und Lebensanschaung klarzulegen und von der nun aus die jetzigen Zeiten zu beleuchten. (Vgl. z. B. S. 338.) Besondere Berücksichtigung läßt er den Tonzeichen angedeihen und verwendet sie für die Deutung des Inhalte Pädagogische Fingerzeige für jüdische Erziehung (vgl. S. 547, 565) machen nebst anderen Vorzügen das Werk zu einem für Schule und Haus höchst wertvollen Bildungsfaktor, dessen Bedeutung nicht hoch genug eSttg-ef djäijt tuetbsn fattti- St. Der Seelenadel des Ehafam Sofer. Von Rabbiner Ed. Duckest in Altona. Vor hpyhert Jahren, als die Reformbestrebungen besonders in Hamburg-Altona alles, was mit Religion und Talmudstudijim in Verbindung stand, lächerlich zu machen versuchten und die treuen Anhänger des überlieferten Judentums gls „Finsterlinge" und „Stockfromme" bezeichneten, waren die wenigen Treugebliebenen mit um so größerem bebadj^ i^re Sfircber bero JE^ora|t«birxTn gu erhalten, Aus diesen rseveggrnn-en heraus faßten zwei Knaben, Jeschaja Holländer und Jekew Cohn, den Entschluß, aus die Hochschule für Talmud in Pretzburg, zum Chasam Sofer zu fahren. Nun gab es damals jedoch noch keine,D-Züge, durch die es möglich gewesen wäre, sich in Altona in den Zug zu setzen und direkt nach Wien zu fahren, um von da aus in dreiviertel Stunden in Pveßburg fein zu können; erst nach halbjähriger, mühsamer Reise langten beide Knaben in der Talmudschule zu Pretzburg an. Von dem damaligen Gemeindepräses Herrn Wolf Marburg, hatten sie ein Schreiben an einen Preßburger Finanzmann mit, in welchem ihnen regelmäßige Stipendien zugesichert waren. — Der Chasam Sofer gewann die lerneifrigen Knaben bald sehr lieb, ihre deutsche Aussprache und Kleidung sowie besonders ihre angenehmen Umgangsformen waren ihm sehr sympathisch; man pflegte dort scherzweise zu sagen: „Als man ein Faß Hamburger Heringe aufmachte, sprangen zwei schmucke Bachurim heraus." Der Chasam Sofer richtete liebevoll seine besondere Aufmerksamkeit auf die Entwicklung der beiden Knaben. Nach einigen Jahren emsigen Lernens zählten beide zu den beliebtesten Bachurim, die den Vorzug genossen, bei zwei angesehenen Gerneindemitgliedern. Pappenheim und BMlhsim svsis Is&ms und BökWigung zu öMliön. Einmal mächsnlltch jedach muhten beide beim Chasam Sofer zu Tisch sein, der sich von ihren Fortschritten überzeugen wollte. An einem Crew Jom Kippur, als beide bei ihm zu Mittag waren, stellte der Chasam Sofer talmudische Fragen, die sie in gelehrter und geistreicher Weise zu seiner Zufriedenheit beantworteten. Als Prämie hierfür gab der Chasam Sofer dem Jekew Cohn zwei Gulden, damit er sich ein neues Bekleidungsstück dafür kaufe. Am Jom Kippur betete der Chasam Sofer in der großen Gemeindesynagoge, wo er das Neiloh-Gebet vortrug. 9Sor bcm ©cbct ric^ er ben ©tynagogetthtcn^i: IjPÖnC gu jirfj unb bat &en .Starrt £>u.irg er SBocf^ur schcrja Holländer gleich nach Nacht in seine Mahnung zu bestellen, was dieser auch besorgte. Nach Nacht im Hause angekommen, begrüßte der Chasam Sofer den Holländer freundlich, machte Hawdoloh und ging dann ins Nebenzimmer. Von hier holte er eine Zehn Gulden- Note, die er dem Jeschaja Holländer mit den Worten übergab: „Weißt du, mein liebes Kjnd, mich beunruhigte heute der Gedanke sehr, vielleicht zwischen dir und deinem Kollegen Jekew Cohn Neid und Eifersucht erregt und ihn bevorzugt zu haben. Sei mir mauchel (verzeihe mir dies), es war dies durchaus nicht meine Absicht, und kaufe dir für diese zehn Gulden ein neues Gewand." — Gerührt wollte Holländer ablehnen; der Chasam Sofer aber sagte ihm: „Ich weiß, was du erwidern willst; tue m i r aber den Gefallen und nimm dieses Geld ohne ein Wort 5es Dankes." — Welcher Seelenadel liegt in dieser scheinbar kleinen Episode, und wie bezeichnend ist sie für die wahre Größe des Chasam Sofer! Zehn Jahre hindurch lernten die beiden jungen Leute eifrig in Preßburg, und es wurden ihnen namhafte Stellen iy Ungarn angeboten. Als sie sich mit ihrem Lehrer berieten^ ob |ie in bie J^eimat jurücffet^ren ober ln Wer Umgebung bleiben jotXicn, fagtre er Ujnen: „Wisset, in Deutschland sind jetzt Talmudgelehrte dringend nötig: kehrt in eure Heimat zurück und wirket dort für die Verbreitung der Thora." — Wie dann beide in ihrer Geburtsstadt Altona als Assessoren gewirkt haben, ist in Hamburg-Altona allgemein bekannt. („Deutsche Israelitische Zeitung".)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.