Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 37 (7.9.1926)
- Date
- 1926-09-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 37__ 3. Ablehnung der Legalität eines Verzichtes auf die Minderheitsrechte, wenn er von einer Minderheit ausgesprochen wird. Es ist nicht unseres Amtes, darüber zu befinden, wie eine Erfüllung dieser Forderungen den anderen Nationalitäten förderlich sein kann. Was die jüdischen Minderheiten in den Ländern, wo oas jüDifcTjö NM Schritt für Schritt ZMmjP werden muß, betrifft, fo können wir von Kerzen nur dem ersten Punkte zustimmen: Austragung aller Konflikte im Lande selbst, sei es in direkten Verhandlungen mit der Regierung oder durch paritätisch gemischte Kommissionen. Alles andere scheint uns von Uebel. Das Recht, direkt mit Genf zu verhandeln, würde im besten Falle ein theoretisches Privileg sein, ohne Auswirkung in der Praxis, ja mit dem Erfolge, daß die Situation im Lande selbst sich noch verschärft. Kein Völkerbundsrat ist stark genug, die Innenpolitik eines Landes, wenn sie von bösem Willen geleitet ist, in andere Bahnen zu lenken. Das haben wir mit dem Numerus clausus, der in Ungarn trotz Genf und Völkerbund ohne gesetzliche Festlegung de facto durchgeführt ist, genugsam erlebt. Der dritte Punkt richtet sich bewußt gegen die Haltung der Juden in der Türkei, über die, wie wir bereits ausführten, ein generelles Urteil ohne Prüfung der eigenen näheren Umstände — die türkischen Juden waren in Gens nicht vertreten — nicht gefällt werden darf. Eine Kernfrage des Kongresses war ferner die Kunttrsutonowik, lmD lMtosrstäMiH Halts hiLkbri vsn jüdischer Seile als Eingeweihter und Meistmteressierter Dr. R o b i n s o h n, Kowno, das führende Wort. Darüber uns mit Robinfohn und Motzkin in eine Auseinandersetzung einzulassen, erübrigt sich nach all dem, was wir bereits wiederholt über die kulturelle Autonomie speziell in Litauen zu sagen hatten. Diese Autonomie, die als Urzelle die Volksgem e i n d e voraussetzt, ist ganz und gar nicht nach unserem Geschmack, und dieses sicherlich nicht aus Bosheit und Oppositionsgeist, sondern lediglich darum, weil wir unsere religiösen Belange — es sind dies in Litauen unsere, heiligsten Kulturwerte — nur im Rahmen der Religionsgem e i n d e gebührend geschützt und gesichert wissen. Es mag dieses für die andere Nationalitäten, die in Genf vertreten waren, nicht zutreffen, und ihre Forderungen in dieser Hinsicht mögen berechtigt sein. Machen wir sie uns aber auch für unsere Sache restlos zu eigen, so ist dieses wiederum ein Ausfluß der n a t i o n a l e n Assimilation, wie sie im Plane und Programme der vom Zionismus kommenden jüdischen Wortführer in Genf von jeher liegt. Roschhaschono-Abend. Von Karl Darmstädler. Ach, in dieser Stunde, Da die Nacht dich hüllt, Bist du von Tat und Kunde, Vom G e st e r n ganz erfüllt. Ja, in dieser Stunde, Da die Nacht sich senkt. Wirst du von Schmerz und Wunde Unentrinnbar bedrängt. Was dir, wie eisiger Nordwind, Kalt entgegenschlug, Was aus Saat dir, Sämann, Nur Dorn und Distel trng. Was dich von dem Niedern Weit zur Höhe hob. Was sich dir in Liedern Zu Dank und Jubel wob. Alles fügt und bindet, Schließt sich eng zum Kreis, Löst sich und entschwindet — Du flüsterst Klag' und Preis. Nun spähest du zur Ferne, Stehst bang und rätselnd da, Frägst Gott, dich, Welt und Sterne Nach dem, was keiner sah . . . Der I s t a e 7. September Vom jüdischen Kolonijationsrverk in Rußland. Dieses Thema ist durch die vielen Artikel, die in der gesamten jüdischen Presse seit Jahr und Tag ihm gewidmet werden, nicht abgebraucht. Die Sache ist wichtig genug, daß sie von der \ys Mxn kMll Mlwill? ttmgsphasen scharf im Auge behalten wird. Die Herren Dr. Bernhard Kahn, Direktor des Joint Distribution Commitees und Billikopf, die an Ort und Stelle in Rußland die Dinge gründlich studiert und das Werk gefördert haben, machten auf der Rückreise in Berlin der Presse einige wichtige Mitteilungen: In der Krim bestehen 34 neue jüdische Kolonien, in denen 2560 Familien leben. Die ältesten wurden vor drei Jahren, die jüngsten vor 3 Monaten gegründet. Die neuen Kolonisten leben zum Teil in Unterständen, arbeiten schwer, sind aber mit ihrem Los zufrieden, da sie sehen, daß die vor zwei Jahren angesiedelten Kolonisten bereits Häuser, Inventar und einen Viehbestand haben. Der Boden ist nach Meinung der Agronomen von bester Qualität. Herr Billikopf hat viele hunderte Kolonisten befragt, ob sie nach der Stadt zurückkehren würden, wenn der freie Handel wieder bestehen würde. Alle erwiderten: „Nein, wir bleiben hier!" In den jüdischen Kolonien werden die Sabbattage gehalten, Gottesdienste finden regelmäßig statt. Es bestehen schon Kliniken. leider noch keine Schulen: die töerbert evfi tm Kä^fien Ast Brgikhuilg gu der Mchtjüdischen Nachbarschaft ist herzlich. Herr Mlikopf schilderte eingehend, wie die Kolonien finanziell fundiert werden. Die Ansiedlung einer Familie kostet 1200 bis 1400 Rubel. Davon gibt Agro-Joint 400 bis 500, der Kolonist selbst muß 200 bis 300 Rubel investieren, den Rest gibt die Regierung in Form von Krediten, Bauholz und Geld. So hat die Regierung im letzten Jahre für das jüdische Kolonisationswerk 2 Millionen Rubel ausgewendet. Es ist erfreulich, zu hören, daß den jüdischen Ansiedlern die Möglichkeit gegeben ist, ihr jüdisches Leben in Haus und Gemeinde ungestörter zu führen, als dies in den Städten Sowjetrußlands bis jetzt der Fall war. Leider hören wir wenig über das jüdische Schulwesen. Vorerst sind noch keine Schulen da, sollen aber errichtet werden. Wie werden diese geartet sein? In Sowjetrußland werden Cheder und Jeschiwa verfolgt und an deren Stelle die j i d d i s ch i st i s ch e d. h. kommunistische Schule gesetzt. Man kann nach all den anderen von der Regierung gemachten Konzessionen hoffen, daß man in den neuen Kolonien den Juden auch in Sachen der Schule Denn zwischen Stund' und Stunde, Da die Nacht sich senkt, Wird dir keine Kunde Von W e r d e n d em geschenkt . . . Doch wirst in dich du schauen, Zeigt sich, was oft verhüllt — Siehst du's beglückt? Voll Grauen? — Dein eigen, seltsam Bild ... Der fiebenundzrvanzrgsLe Psstsm, (Fol-tschuag). 7. Höre, Allgütiger, meine Stimme; ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich. Ein solches Lebenslied darf auf Erhörung im Augenblicke seines Angestimmtwerdens hoffen. Entringt es sich in bedrängter Stunde der Seele seines Sängers, so weiß es sich der Gottesgnade sicher. Steigert sich doch in finsteren Zeiten diese man n-v><? zu nämlich zu bv nn nmndem siegesfrohen Klange der Thora, so atmet Israel Gottesnähe. Und schon hört es aus der Schöpfung Gottes Antwort und sieht aus ihr fein Antlitz leuchten. Darum: 8. Ueber dich sprach mein Herz: „Suchet mein Angesicht!"; dein Angesicht, o Allgütiger!, suche ich. Das „Angesicht Gottes" ist der Blick des Allgütigen, nicht allein freie Hand läßt, sondern ihnen auch die nötige Unterstützung gewährt, ihre traditionellen Schulen im Geiste der alten Lehre und des Glaubens zu erhalten, denn von der S ch u l e, nicht vom Gotteshause, hängt die jüdische Zukunft der Kolonien ab. Es nützte keineswegs, wenn man sich die Alten in ihren Vethäusorn auslsbsn lisßs UM öiß USch M&nnUn Moskau Mustern so leitete, daß sich das Gotteshaus in absehbarer Zeit von selbst erübrigte. Wir wollen nicht behaupten, daß man in Moskau aus diesen Gedankengängen heraus das religiöse Leben in den jüdischen Kolonien duldet. Aber ein klares Wort darüber, eine Mitteilung über getroffene Sicherheiten nach dieser Richtung hin würde doch sehr beruhigend wirken. Im übrigen handelt es sich, wie man nun von dieser berufenen Seite erfährt, um die Ansiedlung von im Ganzen zehn- bis zwanzigtausend Familien. Man sieht, das jüdische Problem in seiner Ganzheit wird auch durch ein volles Gelingen des russischen Kolonisationsplanes nicht gelöst, ja kaum berührt. Die Palästina-Arbeit, und erst recht die gesetzestreue Arbeit in Palästina, wird sich dadurch nicht erledigen. Sie muß im Gegenteil mit gesteigerter Kraft einsetzen, um vom Zentrum der jüdischen Kraft in Erez Jisroel auch dem Golus den Weg zu zeigen, wo Thora und Arbeit sich einen, erstere die letztere regelt und adelt. Sine Rofch--0aschanoy prevlgk an me Mische Frau. Von Rabbiner Dr. 3. Weinberg in Berlin. -(#"-> nn) nam m-w mpsa n*ia Mancher möchte vielleicht fragen: Abraham hatte doch auch einen Jsmael zum Sohne, warum gelang bei ihm nicht die Erziehung zu sittlichem Adel? Die Antwort lautet: Er hatte nicht ,tiv zur Mutter! Und das ist gewiß: Das-erhabene Beispiel und die vorbildliche Tugend einesvniIrr reichten nicht aus, jüdische Kinder heranzubilden, wenn er sie in ihren Kinderjahren einer *un zur Erziehung anvertraut. Die pädagogische Kunst selbst eines Abraham muß versagen, wenn ihm nicht eine ebenbürtige Frau zur Seite steht und mit gleicher Energie und gleichem'Pflichtbewußtsein an dem Erziehungswerke teilnimmt. Spielt doch für den Werdegang des Kindes die Mutter eine noch weit bedeutsamere Rolle als der Vater, weil sie in innigerem Konnex mit dem Kinde steht, es ständig beobachtet und seinen Bewegun- *) Siehe „Predigt an meine ostjüdischen Brüder" („Israelit"über Stellung und Pflicht des Vaters als Erzieher, die das ideale Verhältnis zwischen Vater und Sohn veranschaulichen. den der mit Seele und Gewissen ausgestattete- Mensch im Anblicke der Mitmenschen und der Mitschöpfung auf sich ruhen fühlt. Gelingt des Menschen Werk, so hat der Allgütrge sein Angesicht zu ihm erhoben; mißrät es, so hat Bi’s’n '■» Gottes Angesicht es zertrümmert. Dieses Angesicht flieht, der Gewissenlos«, wie das Kind den strafenden Vaterblick fürchtet; der Sohn Israels aber soll, selbst *!•> wenn er in Gottferne gelebt zu haben sich schuldig weiß und in seinen Gedanken nicht nur mit Gott Zwiesprache hält, sondern von Ihm und über Ihn beschäftigt war, sich von seinem Herzen, nichts Anderes zurufen als: „Suchet Gottes Angesicht!" Er sucht es auch. Sein Herz, von. selbsttätigem Heimweh zu Gott ergriffen, liest deutlich aus Umwelt und Umgebung Gottes Waltung und sucht Seinen Willen zu erkennen aus Thora, Menschen- und Weltengeschick. Dennoch sucht es und findet es niemals blindes Dämonenwalten über allem Dasein, sondern "7 t» arr des Allgütigen, des Menschbeitsvatsrs leitend>ss. rveisss Arrttitz Israels ftllSÖX Gerieterc I>err>r>i-{euc^tert. Darraq fSi 9. Verbirg nicht dein Angesicht vor mir; laß nicht im: Zorn deinen Diener irregehen; meine Hilfe warst du;: verlaß und vernachlässige mich nicht, Gott meines Heils! Die schwerste Strafe des ehrbewußten Kindes ist das Antlitzverbergen des Vaters. Mit gleicher Schwere lastet auf dem gläubigen Menschen das scheinbare Fehlen besonderer göttlicher Leitung, mag es sich durch trostlose Oede des Geschickes oder durch Fesseln sündhafter Gelyöh-- nung bemerkbar machen. Das Loskommen von Dumpfheiten des Alltages und von Irrwegen der Sünde will ohne besonders leuchtendes Gottesantlitz, d. h. ohne besonders glückverheißendes Gelingen der Herrschaft über die Mrtschöpfung oft nicht Zustandekommen. Wie sehr Gott meine Hilfe war, das erlebe ich am deutlichsten in solchem Stunden der Verlassenheit.