Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1926)
- Date
- 1926-08-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr- 35 Seite 3 ' 26. August 1926 Lefaltet, stolz und behaglich. Und alle zusammen mit -Frauen, Söhnen und Töchtern sitzen beim Sabbatmahle und singen im Chore Smiraus und Schir Hamaloth. Das ^Geheimnis der Frankfurter Frommheit kenne ich nicht, anöglich wäre es, daß sie aus einem gewissen Luxusgefühle hervorströmt, denn den Frankfurter Juden ist es immer wohl ergangen und auch ihre mittelalterliche Vergangenheit war nicht so trübe wie in anderen Städten. Die christ- .liche Umwelt mag hierbei auch von Einfluß sein, da sich Frankfurt im Zentrum des katholischen Deutschlands befindet und der süddeutsche Katholizismus bekanntlich von besserer Art und durchdrungen von echter religiöser Toleranz ist. Auf alle Fälle, die Frankfurter jüdische Frömmigfeit steht einzig da, urtb uns erg reichlich ist der Q a rt g g u ^rö trt xn i tj f ei t j der alf« Sruppeit beherrscht." . Nun, Herr Lyrik, ganz so rosenrot, wie Sie es schildern, sieht es leider in unserem schönest 'Frankfurt nicht aus. Von den 30 000 — es sind sogar über 35 000 — jüdischen Seelen sind nicht.alle von dem erfaßt, was Sie Zwang zur Frömmigkeit zu nennen belieben. Und Juden, die am Sabbat fahren und ihre Geschäfte -offen halten, gibt:es leider auch. Aber vieles in -ber Schilderung trifft wohl zu, so, daß die sogenannte Breuer-Synagoge täglich gut besucht und ein Zentrum frisch pulsierenden religiösen'Lebens bildet: daß es fostsi noch hier eine erkleckliche Ästzahl von Synagogen.und Bethäusern gibt, die eine große Beterschar verzeichnen: daß. es überhaupt hier ein gut jüdisches Milieu gibt, .das. Zwar keinen, .Zwang zur Frömmigkeit ausübt, das aber allen wahrhaft Frommen in geistiger wie materieller Beziehung die jüdischen Lebensmöglichkeiten gewährt, in dem sie sich recht wohl fühlen und auch die jüdische Zukunft ihrer Kinder gesichert hoffen dürfen. Wenn aber Herr Lyrik das Geheimnis dieser Frömmigkeit in Geschichte und Umwelt fucht, so wirkt er auf die Kenner der Dinge ge- _ r-adezu erheiternd. Daß Me ^rgangrnhbsi fere Ar«ntsurter Ghettos weniger düster war als in anderen Städten und Gegenden, kann nur einer sagen, dessen Urteil von Kenntnis der jüdischen Geschichte nicht im geringsten getrübt ist; daß Frankfurt Zentrum des katholischen Deutschlands ist, kann man den Warschauern erzählen, die Frankfurter wissen, daß die Katholiken in der Stadt nur 10 Proz. der Bevölkerung ausmachen. All das ist aber nebensächlich. Hauptsache ist, daß dem Journalisten des „Hajnt" und dem berufenen Schilderer der deutschen und Frankfurter Verhältnisse Geheimnisgeblieben ist, daß Frankfurt ein Jahrhundert religiöser Kämpfe hinter sich hat, daß es einen Rabbiner Samson Raphael Hirsch gab, der vor 75 Jahren die jüdische Sache aus der Reformflut rettete und sie seiner wachsenden Gemeinde und den Treugebliebenen in Deutschland und in der Welt in ihrem wahren Lichte zeigte, und zwischen den Zeilen auf. Wie der Autor zurückkam und das so zuaerichtete Manuskrrivt erblickte, MNk kl eiWilt auf. ffi MM NUNINM dss Gs«zs umschreiben müssen. Klagte er. da der Junge lfmt das Manuskript ganz verschmiert hätte. Als er sich aber die Bemerkungen ansah. wandelte sich die Erbitterung rasch in rückhaltlose Bewunderung. Er küßte den genialen Jungen aufs Haupt und sagte: .Ich werde jetzt wirklich das Ganze von neuem schreiben". Der kongeniale Kollege Rabbi Meiir Simchos, der sogenannte „Rogotschmver Iluj", der 'ebenfalls zu den Größten zählend, Rabbiner der Ch asstd im-Gemein de von Dwinsk ist. zeichnet sich nicht ge ade durch zugängliches Wesen aus. Insbesondere kann er ungehalten werden, wenn er von jemand in seinem Studium gestö t wird. Nun ergab es sich, daß zwei Herren aus Wilna nach D vinck kamen und den Rabbinern.ihre Aufwartung machten. Der Rogotsctwwer" war gerade mit einem schwierigen Ieruschalmi beschäftigt und weigerte sich daher, die Herren, die kein bestimmtes Anliegen hatten, sondern ihn nur kennen' lernen wollten, zu empfangen. Sie gtngen nun -u Rabbi Meiir Simcho, der sie sebr freund! ch aufuahm, und erfühlten ihm ihre unliebsame Erfahrung . bei seinem Kollegen. Rabbi Mei'r Stmcho, der; höchste Derehru g sür den >. Rogotschower^hgKe<Hä-s säasiigte d,ie. .Erbitterten mit emem Witzworh^ Im Trak ate Bä^a Kama, sagte erf.Mffitnari in der üHtifdjna <5>le ©emoro flögt fltf, ■ Zst Olusd uckf,,«n3n; j6?, frocks^ir-crchl^ch r{ctjfig Misten mühte.- chie ^erWrt sich dieses d 'Mit, daß — 'idi p*T rrist ’abwi'T der „Tana Der I s raeilt in dessen Zeichen eine neue Generation, geführt von weiteren Lehrern und Sachwaltern des Hirscherbes, in Liebe zu Gott und seiner Thora großgezogen werden konnten. Einen anderen Zwang als den des ewigen Gottesgebotes hat es bei all dem nicht gegeben. Von all dem weiß eben Herr Lyrik nichts. Dann sollte er darauf verzichten, seinen.Lesern lyrische Gedichte über Frankfurt vorzutragen. Eine aufsehenerregende Verzichtleistung. Eine überraschende Nachricht konnten wir in der letzten Nummer aus der Türkei bringen. Zu einer Zeit, da allenthalben in den neugebildeten Ländern'Europas und einem Teile der alten die jüdische Gemeinschaft schwer um ihre Minoritätsrechte kämpft, hat die Versammlung der Repräsentanten derjüdischen Gemeinden in der Türkei eine offizielle Erklärung abgegeben, in dem Sinne, daß die Juden der Türkei auf ihreMinoritätsrechte verzichteten. In den Kreisen derer, die sich den Schutz des jüdischen Rechtes besonders angelegen fein lassen, so insbesondere in Amerika, hat man wenig Verständnis für diese Selbstbescheidung. Louis Marshall, der Präsident der Amerikanisch-jüdischen Komitees, verurteilt in einer ofiziellen Erklärung scharf den Entschluß der Vertreter der türkischen Judenheit und bezeichnet ihn als schmachvoll und völlig nutzlos, der nur dazu angetan wäre, die türkische Judenheit der Verachtung seitens aller Freunde menschlichen Rechtes und menschlicher Würde preiszugeben. Im K o m i t e e der jüdischen Delegationen wird man ebenfalls wenig erbaut fein von dieser Verzicht- ^it etrter ^eil^ ba Bestrebungen bal^trt gehen, diese Delegationen zu einer Art von Weltschutz der jüdischen Rechte auszubauen. Trotz all dem wird man gerechterweise eine weitere Erklärung und Begründung aus der Türkei abwarten müssen, bevor man die Vertreter der dortigen Judenheit des Verrates an sich selbst und der Verletzung der Selbstwürde anklagt. Wir stehen seit Neuordnung der Dinge auf dem Standpunkt, daß in den sogenannten Nationalitätenstaaten, in denen das Minderheitsrecht die einzige Sicherheit für die einzelnen Nationalitäten bietet, dieses Recht auch für die Juden voll in Anspruch zu nehmen ist. Wo ein Land mit Parteienparlament ein solches System nicht kennt, wäre es für jede Nationalität, doppelt für die I u d e n, sehr von Nebel, über ihre allgemeinen Bürgerrechte hinaus eigene nationale Aspirationen geltend zu machen. In der neuen Türkei wird unseres Wissens nach nationalen Kades I ruschalmi" so spricht. ..Der Tana (der Rogotfebomer) trmr mit 3erufdjalml ßefe&äfttat, kein QElM&a», Zztz 28 M2i - .nan si<rN via”n — hlnauswarf." Das wirkte versöhnend! Me ein Nichtjude an einem Synagogenbau mithilft. In Wiener Zeitungen wird folgende merkwürdige Geschichte erzählt. In einem Städtchen in der Nähe von Czernowitz hatten die Juden, nachdem die alte Synagoge baufällig war, keine richtige Beistätte. Man sammelte fleißig Gelder und schickte sich an, eine neue Schul zu bauen. Das dof'ir bestimmte Grundstück erwies sich aber als zu klein, das angrenzende Grundstück gehörte dem Bü germeisier Stephan Al ex in, der sich gern bereit erklärte, den nötigen Platz der Gemeinde unentgeltlich zu überlassen. Leider war die Freude der Gemeinde verfrüht. Stepban Alexin starb und die Erben fochten die Schenkung an, und die Behörde stand aus ihrer Seite. Der Synaaoqenbau wußte eingestellt werden. Mm hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, den Bau sortzuietzen.. Da passierte aber etwas, das keiner erwartet hätten hatte einen'' Schnstphersahn namens MlWael Bischisitzki, der im russischen Heere den Weltkrieg mitmachte. Seiner Frau, der Tochter und Erbin des Alexin, war mitgeteilt worden, daß ihr SXlanrt cfe^atlen Fei. ^or VfT 58Ä' nach M war nur TtQraci ocinnin» det und durch verwickelte Umstände in eine Geaend verschlagen worden, von wo er nicht sobald den Weg - t . ..—. ■ ' lästern ins Parlament gewählt. Aber die Juden der Türkei fühlen sich durch eine Tradition von langen Jahrhunderten mit dem türkischen Volke politisch und bürgerlich so sehr auf Wohl und Weh verbunden, daß sie jedes Eigeninteresse im politischen Leben weit von sich weisen. Man wird daher bei einem endgültigen Urteil über die Maßnahme der türkischen Juden sie erst hören müssen und die Eigenart ihrer politischen Stellung innerhalb des Staatsganzen gerechterweise mit in Betracht ziehen müssen. Das Problem «Talmud Thora Im Derech Erez." in. Bei einer zufälligen Begegnung in Petersburg mit dem Brisker m im Jahre 1910 baten wir, damals noch nicht genügend kundig des großen Unterschiedes zwischen Ost und West der Judenheit, den Gaon um Aufklärung, warum in Rußland (wozu ja damals Polen und Litauen gehörte) das Prinzip S. R. Hirfchs nicht angenommen werde; fragten, ob bei einer.Emanzipation der Juden Rußlands nicht auch der Massenabfall zu befürchten sei, der in Deutschland ausbrach; und fragten, ob die Weisen Rußlands nicht bei Zeiten darauf ihr Augenmerk richten, um solchem Unglück vorzubeugen. Die Antwort von Rabbi Chaim Soloweitschik ist leider damals nicht ausgezeichnet worden; und wenn auch in den seitdem verflossenen sechzehn Jahren das Gedächtnis durch mündliche Wiedergabe des Bescheides mehrfach aufgefrischt wurde, so kann keinesfalls der Wortlaut, doch auch der Inhalt nur mit großer Reserve niedergeschrieben werden. ’ Täuscht die G-rtrmerimg nt<f)ir Ipat er bettt G>inn nac^ ««= gcfähr das folgende gesagte In Deulschlanv waren vor dem Beginn von S. R. Hirschs Wirksamkeit neunundneunzig Prozent der Judenheit in den Städten abtrünnig. Die Orthodoxie mag dann acht, neun, zehn v. H. wiedergewonnen haben. Doch neunzig v. H. blieben der Thora entfremdet. In Rußland aber seien mindestens neunzig v. H. durch und durch thoratreu. Es wäre somit ein geradezu lebensgefährliches Experiment, im Osten die Neuerung zu versuchen, die sich unter ganz anders gelagerten Zahlenverhältnissen im Westen an einem Bruchteil der jüdischen Bevölkerung allerdings bewährt habe. Die Gefahr für die Jüdischkeit würde sofort so drohend, daß für eine in ferner Zeit etwa zu befürchtende staatliche Zwangsreform der russischen Chadorim besser nicht vorgearbeitet würde nnsraa ni8^> 'i. Damals hat diese Antwort den Fragesteller erschüttert; zum ersten Male wurde ihm zu einem nach Hause fand. Als er zu Hause von der Angelegenfjeii ber Synagoge börte^ Iie^ er Me @emeir»t>er»orfl8nbe Kommen,* b stätipte die Schenkung des Schwiegervaters und bat sie, den Bau auf feine Kosten zu Ende zu führen. Bor kurzem wurde in gehobener Stimmung Einweisung gefeiert und Bischistzki nahm aks Ehrengast daran teil. Wie erstaunt war die Gemeinde, als er ihr eine Kostbare Silberkrone fiir die Thorarolle mit anderem Zubehör, die er sich in Lemberg für diesen Zweck besorgt hatte, als Geschenk überreichte. In e>nerAnsprache, die er bei der Feier h*elt, klärte er die Leute über sein Benehmen wie folgt auf: Als er in Kriegsgesannenschait kam. wurde er. schwer krank, noch einem russischen Städtchen verbracht, das durchwegs von Iudm bewohnt war. Eine jüdische Familie nabm sich seiner liebevoll an und pflegte ibn mit großer Ausov'erung bis er vollkommen genesen war. Und damals schwor gr es den Juden nicht zu vergessen und es ihnen bei Gelegenheit zu vc'gel en. Später kam er nach anderer Geoend und hotte ba'd sein Gelübde veroeffen. In letzterer Zeit wu'de er aber von böien Träumen geplagt. Er 'ah wie Juden, in Sterbekleider oehüllt, mit wallenden weißen Bärten, di ibn beschworen, sogleich nach Hause -u fahren und sein Bersprechen einzulösen. Als diese Träume nicht aufhören wollten, eilte er ber und fand die Lösung des Tmumes. Er löste nun sein Wort ein. Familiennachrichten. Barmizmo: Bernhard. S:hn des Herrn L. nrQtnDOQtit; MllMiM a. M. BMorDcii 12 n. öünnapnr DNstevlaA. Lev. Tovn dvs R bert Woloert. Frankfurt a. M., Geibelstratze 36. Synagoge Friedberger Anlage.