Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1926)
- Date
- 1926-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 35 Der detaeiii angefüllt von Menschen, die mit ihren mannigfachen allgemeinen und privaten Anliegen kamen. Täglich brachte die Post Stöße von halachischen Anfragen aus allen Weltgegenden. Im Vorzimmer warteten Parteien der Schlichtung ihrer geschäftlichen Differenzen, Rabbiner aus der Provinz kamen und gingen, Rat- und Hilfesuchende füllten das Haus, und keiner ging ungehört von dannen. An den diversen Rabbinerkonferenzen in der zaristischen Zeit nahm er mit Rat und Tat regen Anteil. In Sachen des sogenannten „Bildungszenses", den die Regierung für die Cheöarim unb JeWwauß verlangte nahm s? im Gögsnfcktzö zum Brüsker Narv und D’nnbbem „Chofez Chajim" einen etwas milderen Standpunkt ein. „Man gewähre dem Jezer Horah ein unbedenkliches Minimum, damit er nicht das Ganze gefährdet," lautete sein Grundsatz. Wesentliche Difserenzpunkte ergaben sich aber zwischen ihm und den genannten Führern nicht. Sein Wort und seine Meinung fielen auch bei ihren Entscheidungen sehr ins Gewicht. Bei Gründung der Agudas Jisroel -Weltorganisation hielt er sich bereits für zu alt, um aktiv in den Mittelpunkt der Bewegung zu treten. Er verfolgte aber die Bestrebungen und sah ihren Zielen entgegen, nicht immer frei von Skepsis und Kritik, aber im Ganzen hoffenden Herzens. So trug er sich, wie uns der Rakower Raw, der zu seinen Schülern und glühenden Verehrern zählt, übermittelt, mit der festen Absicht, zur Kenessio Gedaulo nach Wien zu kommen. Und nur hohes Alter und körperliche Schwäche hielten ihn im letzten Augenblicke davor zurück, sich, wie er sich ausdrückte, an dem D’pnx V122 zu beteiligen. In Dwinsk wie überhaupt in Lettland und im Osten war Rabbi Mejir Simcho schon zu Lebgkitell gu einer sagknMlßn Eßstalt mMär^ um üeren Haupt sich ern ganzer Legenbenkrang windet. Er selbst wollte und durfte von all den ihm zugesprochenen übernatürlichen Kräften nichts wissen. Wiewohl Nahestehende wissen, daß er sich auch mit Sohar und kabbalistischen Schriften befaßte,- vermied er es in seiner öffentlichen Lehrtätigkeit, an die Geheimnisse von Welt und Lehre zu rühren. Wie der Wilnaer Gaon glaubte er, erst nach erworbener Meisterschaft im pbn den Versuch wagen zu dürfen, in das 0 f f e n e M e e r der Kabbala hinauszuschwimmen. Von diesem Geiste der absoluten Klarheit bei aller Tiefe sind auch seine Werke getragen, die, wie wir hoffen, aus dem Nachlasse auch noch wesentliche Bereicherung erhalten. Einer der aus dem letzten Jahrhundert zu uns hineinragenden großen Gaonim ist gegangen, der letzte wohl von diesem Ausmaße. Das Ostjudentum und mit ihm das Thorajudentum der Welt steht v e r w a i st an der Bahre seines ersten geistigen Führers ipw p ihidt* Von Herrn Professor Isaak M a r k 0 n , Leningrad (zur Zeit in Berlin), geht uns noch folgende Würdigung des Dwinfker Gaon zu: bnnya a-pn bs: bnai Ein ungeheuer großes Unglück ist dem allweltlichen Judentum zugestoßen, dessen Tragweite vorläufig noch gar nicht abzusehen ist. Am Freitag Abend 2->vvl2? 'stft in Riga der größte Gaon unserer Generaüllll ifiron di D iv in Rabbi Möst» Liurchä Rabbiner von Dwinsk (Dimüburg) von uns gegangen. Dieser iixa, der die hervorragendste Talmudgröße unserer Zeit, die Zierde Israels im wahren Sinne des Wortes war, wurde 1845 in Valtermanz (unweit Wilna) als Sohn eines großen n»b geboren und zeichnete sich schon als Kind durch seine außerordentliche Begabung aus. Trotzdem hat er bis zum 40. Lebensjahr kein Rabbinat angenommen, sondern blieb Kaufmann und hat im Berufsleben stehend sein Werk nnw mit, das bedeutendste Werk der rabbinischen Literatur der letzten 40 Jahre geschrieben. Dieses Buch wurde als klassisch betrachtet auch in dem Geschlecht, das solche Größen sah wie. ,i?a «jor '1 »piibna a"’xan ,pva'ai bnan ,;ivvv 'nrr tjov 'i ,pnbx ,>nx' 'i ,iya->bRiRj? iii 'i, denen R. Mejir Simcho zumindest gleichwertig war. Bezeichnend für den Ruf, den er schon damals hatte, ist es, daß ihm, der bisher Kaufmann war, das Rabbinat von Dwinsk übertragen wurde, das früher solche Kapazitäten wie R. Leib Salkind Batlon und R. Reuwen Amczislawer innehatten. Fast 40 Jahre lang hat er diesen Posten behalten, er war der vorbildliche Typus eines Rabbiners, der wahre Raan» K'sn, der „treue Hirte", der gerne Freud und Leid mit seiner Stadt teilt. Trotzdem er in seiner kleinen Provinzstadt ein materiell ziemlich schweres Leben hatte, und trotz der schweren Schicksalsschläge, die in dieser Stadt seine Familie trafen, ist er nie auf die zahlreichen Vorschläge reicher und großer Gemeinden, in ihrer Mitte zu residieren, eingegangen und hielt immer treu und opferfroh zu seiner Kehilloh. Sogar während des Krieges, als Dwinsk von den reichsten Baalebatim verlassen war UNd die Stadt von Hand zu Hand ging, wobei der greise irtaDDiner meDrmala Qis MlA ümommsn m&i mb fein Sißößil böbkvht 1MÜ, äuch damals sagte er: „So lange in Dwnisk ein Minjan bleibt, verlasse ich die Stadt nicht." Damals bat ihn die Petersburger Gemeinde wenigstens zeitweilig vyr iay iy. Dwinsk zu verlassen. Er schlug das ab, und als man ihm dann einige tausend Rubel schickte, hat er die Summe zurückgesandt, trotzdem es notorisch war, daß er buchstäblich hungerte, da die eingeschrumpfte und verarmte Gemeinde nicht seinen Unterhalt bestreiten konnte. Im Briefe, den er dem Gelde beilegte, bat er die Spender, wenn sie es wollen, ihm das Geld für die Armen in Dwinsk wieder zur Verfügung zu stellen. Trotz seiner großen Gelehrsamkeit und umfassenden Kenntnisse war er ein aufrichtiger und stiller iar, empfing jeden Menschen nis' tras iaoa und fand für jeden die passenden Worte, so daß es in Dwinsk und Umgegend Sitte wurde, nach Trost und nach Segen, noch mehr nach Rat zu R. Mejir Simcho zu gehen. Er hat jedem, der in irgendeiner Rot war, immer nach Möglichkeit und noch mehr als er konnte iaiaaai isma geholfen, und hat auch für jeden Rat gewußt, denn dieser Gaon war kein Kabinettgelehrter, sondern auch in abiyn min sehr kundig, die schwersten und verworrensten nun n-n gingen zu R. Mejir Simcho. Auch 26. August I9&, den modernen Strömungen im orthodoxen Judentum war er nicht fremd: auf der Rabbiner-Konferenz, die 1910 in Petersburg tagte, war R. Mejir Simcho unter denjenigen, die die weltliche Bildung der Rabbiner befürworteten. Zu erwähnen ist noch, daß er seinen Ruf bei den Talmudisten und seine Popularität im Volke weder als vri, noch als gesellschaftlicher Tuer erworben hat, sondern als Raw,. der ein sioo ab» aas war. Jeder Große unter den Rabbinern hatte seine Eigenschaft: der eine war ein ’pa, der andere ein y'in, einer beschäftigte sich mit Riaa. der andere mit onnsm, Rabbi Mejir Simcho vereinigte alles in sich. Die Werke, die er verfaßte, die gedruckten sowie auch die handschriftlichen können feine überragende Größe nicht widerspiegeln, nur diejenigen, die itjri kcrnnM, stM BolllllMMNtzM MDllDMM nnb ebrnso in rm zu bemMen. Diese Zeilen können keinen Anspruch darauf erheben, dierniaund diernbya von jnan nnaiy ran iaai erschöpft zu haben; seine Würdigung muß für später Vorbehalten werden. Das ist nur das Wenige, das wir unter dem niederschmetternden Eindruck dieses frischen Grabhügels in der langen, schon allzulangen Reihe der Heimgegangenen o’aiaa sagen können. Der Trauer der allweltlichen-Judenheit um den großen ivsa ist im vollen Sinne des Wortes ein ttp bax, denn inmaab -ftni tabiyaB? mnan ba btaa rmae? man 'ai und hat uns Keinen gelassen, der ihm gleichen könnte. -pnavva abi i’iaRi bst 1 1 rraxan- Wochenrundschau. Frankfurt in der Phantasie der linken ostjüdischen Presse. A. S. L y r i k, ein bekannter jiddischer Journalist, bespricht in einer der letzten Nummern des Warschauer „Hajnt" das beliebte Kapitel der UcocMömmiglkil". „Frankfurt," so berichtet er, „beherbergt etwa 30 000 Juden, die alle das Gemeinsame haben, daß sie fest und treu zur Tradition halten. Kaum eine Stadt in der Welt, in der solche Frömmigkeit, oder, sagen wir schon, solcher Zwang zur Frömmigkeit herrscht. In Frankfurt sind die größten jüdischen Geschäfte, die Hunderte von Angestellten beschäftigen, am Sabbat geschlossen, sogar die Börse ist am Sabbat untätig. Welcher Frankfurter Jude, sofern er sich zur jüdischen Gesellschaft zählt, würde es wagen, am Sabbat zu fahren oder den regelmäßigen Besuch der Synagoge zu unterlassen? Die Breuersynagoge ist sogar an Wochentagen gepackt voll, und ich sah dort viele angesehene Aerzte und Advokaten, die täglich zweimal zum Beten kommen. Aber fast alle Juden, mit Ausnahme der wenigen ganz Indifferenten, die alle Beziehungen zum Judentum gelöst haben, bewegen sich am Sabbat in den und um die Synagogen, ob Zionisten oder Orthodoxe, Breuerjaner oder Liberale, Juden mit und ohne Zylinder, Juden, die sich den Bart mit Messer oder mit Pulver abmachen lassen, alle kann man sie am Sabbat auf der Straße spazieren sehen in ihrem typischen „Frankfurter Sabbatrhythmus", die Hände nach hinten Am Ende. Zum Wochenabschnitte. Betrachtung von Rabb. Dr. Wichat'slri in Karlsruhe. „Wenn du am Ende stehst im Berzehnten Deiner Ernte . . sprichst Du das Maaßer-Bekenntnis". Am Abschluß eines Kreislaufs, der die Verpflichtungen umschließt, die Deinen Erwerb. Deinen Wohlstand umrahmen, sollst Du rückblickend prüfen, ob Du allen gerecht geworden. Vor der Ernte, bei derselben und nach ihr mahnt Dich das göttliche Gebot, an Ihn zu denken, dem Du Saat und Ernte dankst. Vor der Ernte sind's die Erstlingsfrüchte, die Du Gott weihst, bei derselben läßt Du in der Ecke, die Du stehen läßt, in der Nachlese und dem Vergessenen, das dem Armen bleibt, ihn seinen Anteil sich nehmen, nach der Ernte sind's die Abgaben, durch die Du des Genusses Dich würdig zeigst. Durch diese stützest Du priesterliche Reinheit und levitische Geisteskraft, den zweiten Zehnten verzehrst Du in Jerusalem, weihend des Körpers Genuß, und in jedem dritten Jahr gibst Du denArmen ihn. um ihre Freude zu mehren. Nun stehst Du am Ende, rückblickend, Gott dankend im Maaßer-Bekenntnis. 3m Menschlichen Leben N-ssMst TtM MV MM: mov der Ernte, in JÜNgUliMühieD. IHMst DU Erstlingssrüchte; bei der Ernte, in den Mannesjahren, läßt den Armen Du sich seinen Anteil nehmen, nach der Ernte, in dem Greisenalter. adelst Geist und mm* ttSllsl Dem Armen itreuni m. NIM stehst Du am Ende, rückblickend, Gott dankend im Maaßer-Bekenntnis. „Wenn gegangen die Zeit", da in Jerusalem opfern Du durstest und Du stehst am Ende, so laß Gebet und Dank an Stelle der Opfertat treten. Ein Jahr im menschlichen Leben, ein Titelbild des aanzen Lebens! Bor der Ernte, bei Beginn des Jahres Erstlingsfrüchte, bei derselben Miterwerb des Armen, nach ihr Abgaben zur Weihe des Geistes und Genusses. Nun stehst Du am Ende des Jahres, rückblickend, Gott dankend im Maaßer-Bekenntnis. So sprich es nach, was Thaurowort Dir Vorgesprächen, wohl Dir. wenn Du es sprechen kannst: „Was dem Heiligtum zu eigen, bab' ich aus dem Haus aefchafft", habe Kraft und Zeit, die für Heiliges bestimmt, ihm zugeführt und sie nicht im Haus für mich zurückbehalten. „Dem Leviten und dem Fremden, Waise, Wittwe gab ich ihren Teil', nicht an mich nur, auch an sie Hab' ich gedacht, „ganz nach dem Gebot, das Du mir hast gegeben", in der Reihenfolge, die Du angeordnet, nicht Hab' ick des Körpers Pflege der des Geistes vorgezogen, „Nichts Hab' ich von den Geboten übertreten", nicht Hab' ich Art mit Art vertauscht, nicht gab ich Abgestorbenes, Entwurzeltes statt des Wurzelstarken, nicht gab ich Altes hin für „Neues, und habe Nichts vergessen", vergaß den Dank nicht und nicht das Gebet, das Deinen Namen nennt, Hab' nicht als Last, als Steuer es empfunden, sondern als gern geübte Pflicht, daß ick Dir danken habe dürfen, bab' bavon in Tillmr nicQl oefleffon11, mm sms inr« ID01 Q£ mif, »ml häbö Nichts m Unreinheit verbraucht und habe Nichts für Abgestorbenes verwandt' > nicht Kraft und Zeit für Zwecke die unheilig, ver- Ctänflltcb. die da serfltefeen und zerrinnen, ba ber SßitQßift fis ,ich hörte auf ^!e §ttninlv meines Gottes', zum Gotteshause Hab' ich's hingebracht, „ich Hab' getan, ganz wie Du mir besshlen", Freude empfand ich, Freude gab ich Andern. ..Blick' herab von Deiner heil'gen Stätte", da wir taten, wie Du uns besohlen "Deinen Segen gib' vun Deinem Volk und Deinem Lande-, wie in Deiner Güte Du verheißen." So wägt jüdische Bilanz am Jahresabschluß Gewinn und Verlust nicht nach den Einnahmen nur, sondern auch nach den Abgaben für Göttliche Zwecke, denn diese erwirken den göttlichen Segen! So stehst Du am Ende, rückblickend. Gott dankend, Ihn preisend, Seinen Segen erflehend! Uleines Feuilleton. Anekdoten aus dem Leben des Rabbi Menr Simcho b"XT- Als der kleine Jlui Meier Simcho in seinem Heimatstädtchen Baliirmanz aller Bewunderung hervorrief, ergab es sich, daß ein auswärtiger Rabbiner aus dem Wege nach Wilna, wo er sein Werk drucken wollte, durch das Städtchen kam. Er ließ das Manuskript für eine Weile im Beth Hamidrasck liegsu. unb schon bemächtigte flrfj VssfMNS MsM bes ^ortge^ies; , gtÜftDlUO DUIÖJ HDD zeichnete alles, was er dazu zu sagen hatte, am Rand