Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1926)
- Date
- 1926-08-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 H7. Jahrgang. Frankfurt a. M., den Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar 1924: Deutschland 1 Goldmark monatlich: Ausland: Vierteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar: England 4 sh.; ab 1. Juli Srankreich und Belgien 25 Fr.; Holland 2 fl.; Italien 20 Lire; Jugoslawien 55 Din.; itauen 7.50 Lit.; Rumänien 200 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowaket 25Kronen; Ungarn 50000 Kronen; Dänemark 6 Kronen; Norwegen 6 Kronen; Schweden 3.50 Kronen. Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Goldpf. für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 30 Pf. Die 75 mm breite Reklamezeile: letzte Textseite 1.60 Mi., vorletzte Textseite 2.— Mk.; Chiffregebühr in Höhe eines dopv. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Jnserataufträgen tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b. H., Franks a. M., Gr. Eschenheimer Straße 23, Tel. Hansa 6842 §w. durch sämtl. Annoncen-Exped. des In- und Auslands Alleinige Inseratenann. für Franks, eschästsanz.: Jul. Schmidt. Langestr. 7, H, Tel. Hansa 4641. Platzvorschr. ohne Verbtndltchk. Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19 802. — Außerdem an: Postspackaffe Wren Nr. 79605. — Postspackasssnamt Buvavest Nr. 18424. — Postscheckkonto Warschau Nr. 190757. — Postscheckamt Zürich Nr. Vlll 7254 — Jnkaffo-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 24869 — Böhmische Unionbank in Prag - Bane; 19802. — Außerdem an: ^-- - - . , . , . _....__ ___kotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 24869 — Böhmische Unionbank tn Prag — Banen Marmarosch Blank & Co. In Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. - Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten sich ergebenden Zrhlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Der heutigen Nummer liegt nochmals Bogen 2 der 'Buchbeilage für unsere Leser: Desth in der Aeberfehung von Bernhard Jacobson bei. Der Bogen stellt eine Neubearbeitung der bereits früher sin Nr. 4 dieses Jahrgangs) beigefügten Fassung dar. Die folgenden Bogen werden nun hintereinander beigelsgt ttteebett. Rabbi Alejir Simcho av?an nmy1? 12^ *tt ■»•m V'2^1s7 VIP^I 0’m Der Herr hält Ernte unter seinen reifen Edelfrüchten. Noch sind die Schmerzensrufe um den Tod des Frankfurter Raw, des geistigen Führers im thoratreuen Deutschland, nicht verhallt, und schon kommt Kunde aus dem Osten vom Tode eines Großen, des Größten wohl, zu Dem die Diaspora seit dem Tode von Rabbi Jiz- .chok Elchonon Spektor und Rabbi Chajim Soloweitschik Vst noch aufblicken konnte. Rabbi Mejir Simcho Hakohen, der „Dwinsker Gaon", verstarb in der Nacht zum Sabbat im Alter von 81 Jahren, in einem Alter, das ihm ein .Heldenalter auch in anderem Sinne war, ein Alter des Geistesheldentums, wie es nur durch Das Talmudwort gekennzeichnet werden kann. ay'iw navn» amn a-2'pwv ]öt Va rrn ■»apt* Hatte er doch noch in den letzten Monaten, Wochen, ja Tagen die zwei letzten Bände seines halachischen Riesenwerkesnaann i^afür den Druck vorbereitet, dessen erste zwei Bände den Weltruf des ©aort mttbegriinbeten. Vierzig Äähre HE Räbb! Mejir Simcho imunterbrochen seiner Gemeinde in Dwinsk als geistiger Führer vorgestanden und von dort aus wirkte er als Lehrer und Wegweiser in der Welt Der Thora über alle Grenzpfähle hinaus. Mit seiner ragenden Gestalt, mit der Genialität 'seines Geistes und mit der Milde seines Wesens erinnerte er sehr an seinen früheren Freund Rabbi Jizchok Elchonon Spektor V'St. Als dieser vor dreißig Jahren starb, richtete sich damals schon der Blick trostsuchend nach Dwinsk, wo der Fünfzigjährige in der Vollkraft seines Lebens wirkte. Im letzten Jahrzehnt gingen noch manche dahin, Der „Brisker Raw", der „Minfker Gödaul". Aber noch war Israel nicht verwaist, es hatte noch Rabbi Mejir Simcho, in dem es d e n inn Vm sehen durfte. Auch er ist nun gegangen. Die Daten über Geburt, Erziehung und raschen Ausstieg dieses Führers sind spärlich genug. Es war immer schon so bei den großen Männern unserer Geschichte, daß man sie wie dieSonneimZenith sehen und bewundern durfte, ohne die einzelnen Phasen chres Aufgehens genauer verfolgen zu können. Nicht einimu ö«s mvuttsdktum komm m Ni«mi vlm Dߥ Art Rabbi Mejir Gimchos, der alles Persönliche für absolut unwesentlich und belanglos hielt, mit Genauigkeit angeben. Geboren wurde er im Dorfstädtchen Baltirmanz bei Wilna, man vermutet, im Jahre 1845. Ein Halbjahrhundert hatte sich gerundert, seitdem das litauische Judentum das Erbe des Wilnaer Gaon in Wolofchin, fest verankert und dieses gegen die Anstürme von Westen mit selbstverleugnender Hingabe gehütet hatte. In dieser Atmosphäre wächst der geniale Junge heran, unter Aufsicht des Vaters, Rabbi Schimfchon Kalman, einer jener typischen litauischen Gestalten, die noch bis an die Schwelle unserer Zeit den Kaufmann und Rabbi in sich vereinigten. Nomen est omen. Schon der Name, Mejir Simcho, so wird von Eingeweihten überliefert, wurde auf den Rat eines Freundes der Familie, eines bekannten Gaon, gewählt als Programm für sein späteres Lehrerleben. Er sollte Licht und Freude verbreiten, und er tat es, ein Menschenalter lang, ununterbrochen. Schon früh durfte der junge „Jluj" in seiner Heimatstadt den Vater vertreten, wenn dieser infolge seiner ausgedehnten Geschäfte verhindert war, das „Blatt" abends im Beth Hamidrasch im Kreise der Thoragelehrten der Stadt vorzulokNM. Erst mit 17 Ilchksn »Müßt sv Ms Hsimai unb das Veth Hamidrasch, in dem er Lag und Nacht selb ständig dem Talmudstudium oblag, um in C i s chi s ch o k bei Rabbi Mosche Danischewski to», dem späteren Rabbiner und Jeschiwaleiter in Slobotko, sich den nötigen wia'N zu erwerben. Der im engeren Kreise längst bewunderte junge Rabbi setzt bald die Welt in Staunen mit einem Werke, das, bis auf den Urgrund der Halacha hinabsteigend, und die Frucht eines mit genialem schöpferischen Geiste absolvierten Studiums frühreifer Jugendjahre festhaltend, sich in Anspielung auf seinen Nameriinawairr nennt. Erst im Alter von vierzig Jahren entschließt er sich, eine Rabbinerstelle in Bialystok anzunehmen, von wo er 1886 dem Rufe nach Dwinsk folgt. Hier baut er sich nun die Thorafeste, von der aus er lehrt und wirkt, von wo aus fein Name überallhin dringt, wo man zur Thora und ihren Führern hält. Anderen Berufungen auf höhere, ehrenvollere und bester besoldete Posten leistete er keine Folge. Er bleibt der Dwinsker Gaon, vierzig Jahre lang, bis zum Tage seines Todes. Und er verläßt seine Gemeinde Dwinsk auch nicht in iyikn Mtischstkn Lngkn, «nch dnnn nicht, als in der Megsumlobten Maöt Gefahren für Leib und Leben dem bereits ergrauten Rabbi drohen. Wie ein Vater sich über seine gefährdeten Kinder mit schützenden Armen neigt, so sagte Rabbi Mejir Simcho, als die Stadt wie in einem Flammenmeere zwischen den beiden Fronten lag und sich alles rettete, was sich retten konnte: „Ich verlasse meine Gemeinde nicht, so lange ich noch zehn Mitglieder hier habe, mit denen ich beten und lernen kann". Er hielt sein Versprechen und blieb, und seine Persönlichkeit, seine Erscheinung und seine Autorität konnten viel Unheil für Gemeinde und Einzelne verhüten. Er blieb auch, nachdem sein Haus, das sich außerhalb der Stadt befand, von einem Geschoß getroffen, in Flammen aufgegangen war. Andere Gemeinden glaubten, die Situation nutzen zu können und wandten, sich an Rabbi Mejir Simcho mit verlockenden Anträgen, auf daß er zu ihnen komme und sein Leben in Sicherheit bringe. Er blieb in seiner Stadt und in seiner bedrängten Gemeinde. Die größte Gefahr drohte ihm, als nach Beendigung des Krieges die B o l s ch e w i st e n in Dwinsk einzogen und mit den anderen Geistlichen auch den Rabbi als Geisel verhafteten. Es hört sich fast wie eine der vielen um ihn erzählten Legenden an und ist doch keine, daß ein Christ, unv zwar ein Wilwök von Borus und MM des Gemernbebcrbes namens Purrn, sich mit bem eigenen Leben für den Rabbi einsetzte und die Bolfchewistenführer anflehte, man möchte ihn, Purin, erschießen, aber den Rabbi, der der gute Schutzengel der Stadt sei, unbelästigt lassen. Rabbi Mejir Simcho war der Führer, nicht allein in talmudische Tiefen hinab und zu geistigen Höhen hinauf, sondern auch in weltlichen Fragen, in Gemeindeangelegenheiten und in den Dingen des Alltags. Ueber seine Weltklugheit werden in Rußland geradezu Märchen erzählt. Wie seinerzeit das Rabbinerhaus in Kowno, so war auch das Haus des „Dwinsker Gaon" von morgens bis in die späte Abendstunde 1