Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1926-08-19 · Heft 34 (19.8.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 34 (19.8.1926)
Date
1926-08-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450388-2450422--73385-2530792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

19 August 1926 Nr. 34 Seite 8 zu bedeutendem Thorawissen, teilweise mit eigenem glänzenden Derech Halimud, gebracht und zugleich eine, auch in nichtjüdischen Gebildeten- Kreisen seltene, hohe Stufe geistiger Menschheits-Errungenschaften erreicht. Auch hier bestätigt sich, daß die gleichzeitige Schärfung des Verstandes durch Talmud und andre Disziplinen eine günstige Wechselwirkung ausübt, die (mit gewisser quantitativer Einschränkung) auch dem Hauptziel, der Talmud-Forschung, qualitativ zugute kommt. Vom Uebel dagegen in verschärftem Maße ist die Oberflächlichkeit, das Halbwissen, die Ungründlichkeit; sie rächt sich in Wechselwirkung unabweislich auf jedem der beiden Gebiete bitter. Dieser Tatsachen sollte unsere aufstrebende Jugend eingedenk sein, nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch vor allem im Hinblick aus S8Z m ZrslAkHi:?färuberrib erIeBi man es. Dag Söhne, Venen von ihren gottesfürch- Ligen, doch in Thora und sozialer Bildung geringkundigen Vätern, oft unter schweren Opfern, eine gediegene Erziehung ermöglicht wurde, nicht ehrfurchtsvoll hinauf-, sondern mitleidig hinabblicken auf die Väter. Das ist ein Unheil für die beiden Generationen. Möchten doch unsere jüdischen Jünglinge Talmidei Chachomim werden und nicht die dazu nötigen zwei oder mehr Jahre Jeschiwoh-Studiums scheuen. Daneben aber erhebt sich für sie ernst die Aufgabe, sich für das in diesem Jahrhundert überaus schwere Erziehungswerk an den Kindern zu rüsten, damit es klug und wirksam geleistet werde. Es geschieht außer durch das vorgelebte Beispiel durch das lehrende, mahnende W o r t in der Muttersprache des Kindes. Dazu muß der junge Vater hierzulande auch auf außerjüdischem Gebiet seinem Kinde während der Schulzeit und darüber hinaus gewachsen sein. Talmud Thora im Derech Erez ist somit eine Vorbedingung für die Erfüllung der Erziehungspflichten des Vaters, der dann vor dem Sohne noch die größere Abgeklärtheit und Lebenserfahrung voraushat. Es ist nicht notwendig, Universitätsbildung zu besitzen, es ist nicht notwendig, ein Gymnasium zu atJjolmmn. Wim ullMhrM VollMulbrldung litte auch. Aber sie muß a b g 6 s ch l o s - s e n sein und ist dann sogar besser als ein mit Unterprima beendeter Gymnasiumsbesuch, denn erst die oberste Klasse jeder Schule gibt die wirkliche Reife. Und sie ist, die VolksschulbildunA erst recht besser, wenn die durch sie gesparten zwei, drei Jahre wirklich mehr der Jeschiwoh geschenkt werden. Acht Volksschul- und vier Jeschiwoh- Jahre angespannter Arbeit — das wäre ein Segen. G. G. (Schluß folgt.) im Verein mit dem Sprachgedanken des jüdischen Schrifttums und den Midraschim unsrer Weisen hatte S. R. Hirsch die Agada geschöpft, in welcher er der Gesamtheit alten Geist in neuer Form darbot. Das hohe Ziel, die Erfüllung ihrer Getreuen mit dem Eifer, das Gesetz an der Quelle kennen zu lernen, hat sie erklommen und wird auch in der Folgezeit dank der Lehre, in welcher sie gipfelt, der Lehre von Gott, Tauroh und Menschenwelt, dem jüdischen Jüngling und Mann die Liebe zur Tauroh einpflanzen und die Charakterstärke verleihen, die das Studium der Halacha voraussetzt. Und darüber hinaus wird sie chrer Gefährtin auf dem Felde der jüdischen Wissenschaft auch weiterhin treu zur Seite stehen, um ihre Jünger zu beschützen, daß ihnen im Kampfe des Lebens die hohe sittliche Pflichtauffassung und die Lauterkeit der Gesinnung, mit denen sie dem „Lernen" obliegen, erhalten bleiben. Von den beiden Männern aber, die trotz zeitlichen Geli-MtttftkttL sin ffl tiamonifä)M Wökk Dottöratfit gm in her WIW«» Eemummd dse Zukunft dar mss kV, bajjj sie durch die Einheit ihres Lebenswerkes auf Erden — unzertrennlich — meiterleben. Kleines Feuilleton. Vom südlichen Schwarzwald. II. Die Kreisstadt Villingen an der Schwarzwaldbahn ist ein landschaftlich und wirtschaftlich hervorragender Platz. Seine breiten, sauberen Straßen, seine Mauern und Tortürme, seine Anlagen und Burgen geben eine glückliche Mischung von Altertümlichem und Modernem. All?nt-;)et Israelit Wochenrundschau. Die Geheimakteure des Geschäftsantisemitrsrnus. Zu den aufgedeckten Putsch-Geheimbünden und Fememordorganisationen kommt eine Geheimorganisation zu.Wirtschaftlichem Boykott jüdischer Firmen. Der Vorkämpfer für Demokratie in Deutschland, H. v. Gerlach, veröffentlicht in der „Welt am Montag" Aufsehen erregende Mitteilungen über das Bestehen dieser geheimen Or- ZMMwrn Mm Ml m ist. tim „WllilllM wm tjeitefront alter ernstußreichen Germanen wirtschaftlichen Abdrosselung des Judentums" zustande zu bringen. Der Spiritus rector ist ein gewisser B e y t h i e n , früher Privatsekretär des deutschnationalen Antisemiten Alfred Roth. Er beruft sich auf deutschnationale Professoren und Prinzen. Es soll eine „Deutsche Notbrüderschaft gegen jüdische Solidarität" ins Leben gerufen werden, mit folgender edler Devise: „Geld vom Juden nehmen, wo es nur möglich ist, aber es nur in rechtsstehenden Kreisen ausgeben, damit so die jüdische Kapitalfront allmählich geschwächt wird. So skrupellos Vorgehen wie die Juden! Vom Juden lernen und rühriger werden! Sich aufraffen zum Kampf bis aufs Messer!" Er versucht, eine geschlossene germanische Kette unter Ausschluß jeden jüdischen Gliedes herzustellen. Eine Einzeichnungsliste enthält 112 Berliner Namen von Industriellen, Aerzteri, Rechtsanwälten usw. Nach diesen Feststellungen schreibt H. v. Gerlach: „Etwas behindert wird der völkische Organisator durch die Aengstlichkeit vieler seiner teutonischen Geschäftsfreunde. Sie möchten von seinem „Ringsystem" profitieren, aber sie fürchten, vast sic gcslyMWcn TWvkn h8bM, wknn m Techtelmechtel an dis Oeffentlichkeit kommt. Eine sehr drollige Rückendeckung hat sich für diesen Fall eine Firma aus der Eisenbranche zugelegt. Nachdem sie sich den Förderern der „Deutschen Brüderschaft gegen jüdische Solidarität" zugesellt hatte, ließ sie Palästina durch einen jüdischen Vertreter bereisen . . . Nachdem die Grundlage in Berlin gelegt ist, soll das Unternehmen auf das ganze Reich ausgedehnt werden. Beythien rechnet auf die Schwerindustrie. Mit ihrer Unterhalben bemerkt das. Auge bes Besuchers Interessantes, und unverkennbar ist ein Ausdruck von Behaglichkeit, der über dem Stadtganzen ruht. Auf meine Frage nach der jüdischen Bevölkerung antwortet man mir, in Villingen sei keine jüdische Gemeinde. Ich muß wohl recht zweifelnd zurückgeschaut haben, denn in dieser belebten Handels- und Gewerbestadt hatte ich allerdings Glaubensgenossen vermutet. Aber obwohl mir mein Gewährsmann versicherte, daß Villingen keine jüdische Gemeinde besitze und noch nie eine solche in seinen Mauern beschützt habe, erfuhr ich, daß einzelne jüdische Familien dort wohnen. Die Ladenfirmen waren meine Wegweiser. Freundliche Menschen waren sofort bereit, mir die Synagoge zu zeigen, einen einfachen Betsaal, der selten genug benutzt wird. Man zählte mir sieben Familien auf, die zuweilen einen Gottesdienst veranstalten, bei dem ein Gemeindemitglied vorbetet. Die Thoraoorlesung aber unterbleibt. Eine eigene Gemeinde bildet muingon ln ö&r Zat nldit m gsion zu Dem — niö)t »ahm — Randegg. Don dort kommt wärhsnttiH einmal der Nelrgionslehrer zu e i n e r Unterrichtsstunde und zum Geflügelschächten. Koscherfleisch beziehen die paar Familien, die darauf reflektieren, aus Dürrheim. Soweit die Tatsachen, die ich gelegentlich meines Synagogenbesuches kennen lernte. Ich erfuhr, daß sämtliche Kaufläden am Schabbos geöffnet sind, während die Viehhändler an diesem Tage keinen Handel treiben. Daß angesichts solcher Verhältnisse ein Gottesdienst am Sabbatmorgen selten zustande kommt,' und daß die jungen Leute kaum mehr hebräisch lesen können, konnte mich nicht verwundern. Destomehr erstaunte ich, als ich später erfuhr, daß es nicht 7, sondern tatsächlich 22 jüdische Steuerzahler und nur ein einziges Schulkind in der Stadt gebe. Ich besuchte einige Familienu nd war entzückt von dem freundlichen Entgegenkommen, das ich dort fand. stützung glaubt er, sein Unternehmen unter dem Namen „Hansa, deutsches Wirtschaftsamt", ganz groß. aufziehen zu können. Und für die Propaganda hofft er auf den „Stählhelm", mit dessen Hilfe das ganze Deutsche Reich mit einem Netz antijüdischer Wirtschaftsorganisationen überzogen werden soll." Ob man diese Bestrebungen ernst nimmt oder nicht, das wahre Gesicht des Antisemitismus spiegelt sich in ihnen deutlich wieder: Alles Geschäft! Disziplin und Freiheit. , Eine Schlußfeier, die im I a s f a e r Gymnasium mit der im neuen Palästina üblichen Aufmachung vor sich ging, zeigt, daß sich in der geistigen Struktur der Schule in den Jahrzehnten ihres Bestehens nichts geändert hat. In der Rede des derzeitigen Direktors, Dr. Bogratschow, mim Dü Crziiölllig gur ffreiont; gut Fr-slhsll auch ln religiösen Dingen als aberftes Ziel der Gcfyuie dahingestellt. „Wir sind eine freie Schule und legen unseren Schülern keinerlei Fesseln auf, zwingen sie nicht, etwas zu tun, was gegen die Gewohnheit im Elternhaus verstößt, aber auch das nicht, was gegen ihre eigene Ueberzeugung ist. Die Grundlage unserer Erziehung ist wohl im Buche der Bücher verankert. Freilich fehlt uns und den Schülern das Verhältnis zur Bibel, das zu ihr als zu einer heiligen Sache aufblicken läßt, die Selbstzweck ist. Wir wissen aber die Schöpfungen des jüdischen Geistes nicht minder zu schätzen, wie die Alten usw. Die von der jüdischen Lehre gepredigte Liebe und Brüderlichkeit dienen auch uns.^zur Richtschnur der Erziehung. Das sollen auch, unsere Nachbarn, die Araber, erfahren, die in diesem Schuljahre uns einen Schüler geschickt haben, im nächsten Jahre aber durch zwei Schüler vertreten sein werden; sie werden sich nicht fremd bei uns fühlen". — Diese schönen, in Liebe zum Guten und Allmenschlichen getauchten, aber der religiösen Bindungen vollkommen baren Worte bekamen herberen Nachklang durch eine kurze Moralpredigt des Oberkommiss a r s, der als oberstes Mbot der Schule Disö i f l i fl ffrtfrti LWxlM, nicht im ^inm??tt übermäßiger Strenge, sondern in der freiwilligen Unterordnung der Schüler unter den Willen der Lehrer, der Jungen unter die Leitung der erfahrenen Alten. Er meint, sehr richtig, daß unbedingter Gehorsam, der Respekt vor dem Alter und den Lehrern, überhaupt der kategorische Imperativ unseres Tuns schon in der heiligen Lehre des Judentums genugsam begründet seien. Lord Plumer hat damit viel Wahres gesagt, vielleicht ohne zu wissen, wie sehr grade hier Mit großer Herzlichkeit nahm man den fremden Bruder bei sich auf und sprach sich mit ihm offen über viele der mannigfachen Probleme aus, die die Juden im allgemeinen und jene kleine Schar im besonderen berühren. Offene Herzen! Tief darfst du hineinschauen, und wenn auch noch so viel Schutt und Geröll dort lagert, auf dem Grunde findest: du Perlen. Welch verschiedenartige Reste jüdischen Lebens, kannst du da ausgraben! Siehst nebeneinander die Matrone, die noch nie den Sabbat entheiligt hat, ja, sogar noch die „neun Tage" hält, und ihren erwachsenen Sohn, dem es schon gleichgültig ist, ob seine Kinder später die Speisegesetze beachten werden, da er selbst dadurch so viele Entbehrungen erleiden muß, die in dem gemeindelosen Zustand ihre Ursache haben, — und schon eine Viertelstunde später gewahrst du, wie neue und bessere Erkenntnis bei ihm Platz greift. Hörst die begeisterten Erzählungen von der in guten jüdischen Gemeinden verlebten Jugendzeit unti ginm mit mm öq me Mgm aufttmgm uiw Me (Seelen sich laben an Erinnerungen längst Hergänge* ner Zeiten. Du fühlst den Hünger mit, den diese Leute empfinden nach einem Ton aus jüdischer Brust, nach einem Worte der Belehrung und Erbauung und erhältst so eine Vorstellung davon, welch gute Bausteine zu einer besseren Zukunft des Judentums hier ungenützt am Wege liegen bleiben. Muß das so sein. Ist hier gar nichts zu ändern? — O doch! Mit kleinen Mitteln wäre an solchen Orten eine wesentliche Aenderung zu treffen. Eine Gemeinde gründen, einen Vorbeter und Schächter anstellen, der in der Lage ist, mindestens elementaren hebräischen Unterricht zu erteilen, das wären die ersten Maßnahmen. Vor allem fehlt aber an solchen Orten — sagen wir die „innere Mission". Wenn ein Bezirksrabbiner es sich zur Aufgabe machen wollte, an solchen aufstrebenden Plätzen wie Villingen und Donaueschingen die einzelnen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.