Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1926)
- Date
- 1926-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 34 D e r iS s t a n . . t 19. Qluguft I92L- Das Problem «Talmud Thora im Derech Ltez." II. Die Durchdringung des Juden mit europäischem Wissen beeinträchtigt das Thora-Lernen. Dieser Gesichtspunkt scheint überzeugend zu sein. Im Osten besonders wird er geäußert. Was auch könnte man dagegen einwenden? Wer seine der geistigen Hebung zur Verfügung stehende Zeit nur der Erweiterung und Veredlung seines Thora-Vorrates widmet, muß daran naturgemäß mehr vereinnahmen als einer, der eilten Teil seiner Muße anderem Mühen leiht. Für den Osten kann es für die Richtigkeit dieser Wahrnehmung kaum einen Zweifel geben. Allenfalls könnte geltend gemacht werden, daß der Talmud eine große Zahl allgemein menschlicher Kemimissc Dorausfigt, W Demieniaßn aögWM. DQf sts nicht außerhalb des jüdischen Üöhrhaüses erwirbt. Man denke nur an den Webestuhl, die Wasserbautechnik, die Glasbläserei, an Agronomie, Astronomie, Medizin, Physik, Chemie . . . Fast täglich fehlt einem beim Lernen dieser oder jener Begriff, der den Tanoim und Amoroim, doch auch Raschi und seinem Gegenüber auf der Folioseite klar und geläufig war und für den unsereiner das Konversationslexikon zu Rate ziehen muß. Allein die Antwort liegt nahe: Was im Dienste des Lernens an technischem und wissenschaftlichem Rüstzeug vonnöten ist, will auch kein Gegner der Profanbildung ausgeschlossen sehen. Für den Osten muß das Prinzip, Thora- Forschung mit nichtjüdischem Erlernen zu verbinden, als abwegig noch verworfen werden, 1. so l ange die östliche Iudenheit Stadtteile, Städtchen und Dörfer füllt und darin zusammenhängende Mengen bildet und 2. so lange der Staat von den jüdischen Schulen nicht das Pensum nichtjüdischer Fächer verlangt, das ein westeuropäischer Staat fordert. Selbst wenn der Schulzwang im Osten die Chadorim westeuropäischer umformt, werden die östlichen Führer gut tun, nur schrittweise das harte staatliche Muß zu erfüllen und keine Stunde mehr als unerbittlich nötig bfn ThxsffdMg) Programmumer; rlcht verdrängen zu lassen. Anders aber ist es im Westen, wo seit einem Jahrhundert die jüdische Schule unter scharfer behördlicher Aufsicht steht und ihre vorgeschriebene verhältnismäßig übergroße Zahl von Profanfächern auf Kosten der Thorapflege lehren muß. Da, im Westen, ist für die Schuljugend das Thora-Lernen notgedrungen so stark beeinträchtigt, daß darauf zu sinnen ist und gesonnen wird, wie die soziale Bildung zugunsten von Talmud Thora ausgenutzt werden könne. Da, lm Westen, ist es die Aufgabe jüdischer Lehrer, Eltern und Erzieher, den von der Schule gestellten Wissensstoff in den Dienst der Thora zu leiten. Da, im Westen, gilt es, durch die vielen nichtjüdischen Stunden die jüdischen zu befruchten; gilt es, in den nichtjüdischen Stunden für die wenigen jüdischen zu arbeiten, durch Derech Erez-Lehre gerade Talmud Thora zu fördern. Im Westen ist das Prinzip Talmud Thora im Derech Erez überaus wertvoll, geradezu unerläßlich für Talmud Thora. Wer aufmerksam hinschaut, wird finden, daß ein Schülerkopf, der im Gymnasium humanistische Denkschulung gewonnen hat, bei der Gemoro schärfer und klarer arbeitet als ein gleichbegabter Realschul-Zögling desselben Jahrgangs. (Freilich wird sofort bei beiden die Rückwirkung wahrnehmbar, daß intsnsrrrss „ßerrterr" bert Sd^ufnrEirerricfjt fördrn, bas Verständnis in der Schule stchwar hebt.) Der der Schule Entwachsene könnte nun, das ist durchaus denkbar, den nichtjüdischen positiven Wissensstoff vernachlässigen in einem Grade, daß er keine Geschichtszahl mehr weiß und keine, mathematische Formel behält, die erlernten Sprachregeln vergißt samt den eingepaukten Vokabeln, kein Geschichtsbuch mehr anfaßt und keine Dichtung mehr liest, kurz, den binplanmäßig den Rücken dreht. Das kann er. Aber die Anhäufung positiven Stoffes. war nicht Endzweck der Schule, war nur Mittel zur Erreichung von Wissen. Der Wissens st o f f geht aus, das Wissen bleibt. Es haftet im Verstand und beeinflußt den Menschen, macht ihn zum Kulturträger. Europäische Kultur hält ihn in Beschlag, befruchtet sein Denken und Empfinden, seinen Geschmack und sein Wollen und Handeln. Es ist unnütz, die Tatsache übersehen zu wollen. Es ist mehr als unnütz, es ist verhängnisvoll. Die Abkehr von den Schuleinflüssen, die Vernachlässigung des Prinzips von Talmud Thora im Derech Erez, der Konflikt zwischen beiden, statt ihrer Vereinigung, hat böse Folgen gezeitigt. Das Denken ist verschlampt und verschlammt und verwirrt. Ein klar durchdachter und präzis niedergeschriebener Satz ist ssltensr gensorhe« SiS f^ß^er. ®ei>an$en werben halb UNd süßes gedacht und wüst und unsorgsältig ausgedrückt, vor allem schriftlich. Schnell wird geurteilt, aber ungründlich und unbedacht. Auf Verwischung, Vertuschung, Halbheiten stößt man allenthalben. Das ist die traurige Folge der „Revolutionierung der Geister", die Folge der Unbildung, traurig auch für die Thora und ihre Forschung. So kommt es, daß normal oder sogar gut veranlagte Menschen, die auch täglich eine, zwei Stunden „lernen", verworren wurden, weil sie nach dem Verlassen der Schule im vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahre ihre geistige Ausbildung für abgeschlossen hielten. Es ist schlechterdings unmöglich für sie, einen Maharscho voll zu erfassen, sie „lernen" und erlernen dennoch nichts. Warum? Weil infolge des Schulzwangs ihr Denken in eine Richtung gelenkt wurde, die sie nicht fortsetzen, und weil sie sich fälschlich einreden, man könne durch Verlassen dieser Richtung mindestens ebenso schnell und so gut ein Talmid Chochom werden. Das aber ist nicht ohne Weiteres möglich. Wer nach dem Grundsatz Talmud Thora im Derech Erez erzogen worden ist, kann den „Derech Erez" nicht ungestraft ausschalten, ohne außerhalb Westeuropas so gut wie von vorne mit Talmud Thora allein wieder anzufangen. Wer westeuropäisch erzogen ist und in Westeuropa bleibt, muß auch sein westeuropäisch Lßllkkll fmm MiMslMkll uiw immdu Mö'- pn. Cr muß M von Zctlmub Thora im Derech Erez als Mizwoh und weise Lehre akzeptieren und nicht als nur notwendiges Uebel, als Geseroh oder Konzession an den Geschäftsberus hmnehmen. Sonst leiden beide Schiffbruch. mir,yn pKyn dx p*? pip m-n y» dn Wohl wird, das ist ja selbstverständlich, Westeuropa mit seinen Kultureinflüssen viel seltener solche Thora - Geistesfürsten Hervorbringen, wie es Erez Jisroel, Litauen, Polen, Ungarn und die Slowakei, ohne die Mischung mit Goethes Geist, vermögen; und man soll beten, daß diese Ouellgebiete der reinen Thora bis zur Vollerlüsung des jüdischen Volkes vor fremdem Kultur-Einstrom bewahrt bleiben. Doch wo er unabwendbar hindringt, da ist er als Diener der Thora-Forschung dieser ein- und anzugliedern und wohlkontrolliert im Dienste Gottes zu verwenden. So haben übrigens Saadia Gaon, Rambam, R'mo die Beschäftigung mit fremder Wissenschaft als Mittel zum Thora-Erkennen gewählt, und sie hatten noch die Wahl, die wir hierzulande nicht haben; sie hätten gewiß der jüdischen Bevölkerung ihrer Zeit und ihres Landes die Vermengung ihres Thoralernens mit anderen Disziplinen nicht erlaubt, geschweige empfo^e«. fifr $>jf dNMklMN gkilm traf zu, was heutzutage noch für den Osten Zutrifft: Lehrfreiheit und Masfenanfiedlung. Beide fehlen uns im Westen, und darum haben wir keine Wahl. Trotzdem gab es in den früheren Jahrzehnten viele (u n d e s g i b t G. s. D. n o ck) Talmidei Chachomim ersten Ranges mit universeller Bildung in Deutschland, Rabbinen, Lehrer, Aerzte, Anwälte und Kaufleute; sie haben es trotz starker Beanspruchung durch Rabbinatspflichten, Schulunterricht, Praxis und Geschäft Samson Raphael Hirsch und Solomon Breuer Vst* Von Willy Wolf in Köln. Wohl selten sind zwei Gebiete des Wissens dank der Lehrtätigkeit ihrer Träger in Wesen und Wechselbeziehung so deutlich in die Erscheinung getreten als die Agada durch Samson Raphael Hirsch und die Halacha durch ^Dr. SatomPTj sj’FfHPF 7~ir Mllllh folgte Das Wirten Dieter «vtmtsn Wtünner m Wischen Wissenschaft auseinander. allein begrifflich gehört es so eng zusammen, als halle es in bewußter Verbundenheit gleichzeitig stattgefunden. Fast möchte man sagen, daß sich in dieser äußeren Trennung und inneren Verbindung das wahre Verhältnis der Agada und Halacha widerspiegelt. Sind sie doch beide in der Hinsicht voneinander geschieden, daß die Halacha den bedingenden, für alle verbindlichen Teil der jüdischen Lehre bildet, während die Agada dieser Allgemeingültigkeit und Verpslichtungskraft entbehrt und ist doch auf der andern Seite die Agada um willen ihrer Abhängigkeit von der Halacha aufs engste mit ihr verknüpft, indem sie ganz eigentlich aus chr hervorgeht und zu ihr wieder zurückstrebt. Gewiß war Samson Raphael Hirsch auch ein Meister der Halacha und Rabb. Breuer auch als seltener Kenner der Agada geschätzt. Indes für die Lösung der Aufgabe, die ihrer zur Rettung und Erhaltung des Judentums in weiter Oeffentlichkeit harrte, forderte die Zeit vom einen dis Verkündung der Agada und vom andern die Verbreitung der Halacha und es bewährte in dieser interessanten Reihenfolge die Agada die in ihr pulsierende, sieghafte Urkraft der Halacha und ihre unentwegte Treue zu diesem Born, aus welchem sie entsprungen. Der herrliche Sieg der Agada Rabbiner Hirschs bestand in dem Erfolge. mit welchem das hingebungsvolle Bestreben Rabbiner Breuers, die Jugend für das intensive Studium der Tauroh zurückzugewinnen, gekrönt wurde, die Treue aber in der Beharrlichkeit, mit welcher sie sich, von der Halacha ausgestrahlt, wie mit innerem Drange dahinsehnte, sich im Studium der Halacha aufs neue gleichsam verwirklicht zu sehen, und wir begreifen die weitschauende Erkenntnis und die festgegründete Ueberzeugung, mit welcher Rabbiner Hirsch in pflichterfüllter Selbstoerleugnuna feine töeisfceiisoolle ßefcre in bert stattlichen 2Sänt . r t (TI || r i i ■ I. / oen ferner Ärncyer uno in seinen -ja^Ireidj^g vornehmlich «wf das Gebiet der Agada beschränkte. Der gewaltige Erfolg, den die Agada Rabbiner Hirschs während der Aera seines getreuen Nachfolgers zu verzeichnen hatte, wurzelte in ihrem besonders gearteten Wesen. Weit entfernt, ihr Genüge darin zu finden, dieser oder jener Versstelle einen dichterischen Schmuck zu verleihen oder den Sinn eines Gesetzes mit gestaltender Einbildungskraft zu veranschaulichen, strebte sie vielmehr dahin, in jedem Abschnitte des Schriftwortes und in jedem Gesetze einen einheitlichen Gedanken zu ermitteln und außerdem nach Möglichkeit zu erforschen, welch einheitlicher Geist die ganze Tauroh durchweht, um aus der Tauroh Gott, die Welt und die Lebensaufgabe des Menschen und Juden zu erkennen, so daß die Agada Rabbiner Hirschs in ihrer Ganzheit gleichbedeutend erscheint mit weltumfassender Philosophie, gleichbedeutend mit „ G o t - teserkenntnis und Weltanschauung". In Wort und Schrift lehrte der Meister die so beschaffene Agada. Wie er sie selber durch tiefes Versenken in die schriftlichen und mündlichen Quellen gewonnen, lieh er sie nur so lange gelten, als sie mit diesen Quellen in Einklang blieb, und keine seiner mannigfaltigen Erklärungen nahm jeweils den Weg in die Oeffentlichkeit, bevor sie vor seinem prüfenden Blicke die Probe auf ihre volle Uebereinstimmung mit dem Wortlaute der Tauroh und den mündlichen Gesetzesbestimmungen bestanden. Infolgedessen ist in seiner Agada die Halacha, aus der sie entsprossen, immerfort als Grundton vorhanden und bleibt daher beispielsweise feine Darstellung der nrrmv eine wohlgeordnete Uebersicht der grundlegenden halachischen Vorschriften, selbst wenn man sie ihres sinnbildlichen Teiles entkleidet. So kam es, daß der in seiner.Agada herangewachsene Kreis unbewußt den Grundriß der Ha- WfkMsi'Mgkn lliiv eßen Darin Berußt in tieferem Geheimnis des Erfolges. mit welchem Rabbiner Breuer ihn daraufhin im Laufe seiner Wirksamkeit in die Halacha einführte. Denn unter der Aegide dieses hervorragenden Mannes, der^wpvis u"i? beherrschte und seine Aufgabe in der Fortsetzung und in dem Ausbau des Lebenswerkes seines großen Vorgängers erblickte, gewahrte er, daß das Studium der Halacha ein Hauptziel der Agada S. R. Hirschs gewesen und daß er selber durch diese für die halachische Wissenschaft empfänglich geworden, weil er deren Grundzug schon unbewußt mit jener Agada entsprechend dem Plane ihres großen Verkünders in sich ausgenommen und die Halacha ihm daher nicht wie eine ferne, unerreichbare Welt gegenüberstand. So hebt sich von der Stätte, an welcher die beiden großen geistigen Führer nach- und füreinander gelehrt, das tiefe Wesen und gegenseitige Verhältnis von Agada und Halacha mit voller Deutlichkeit ab. Aus der Halacha