Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1926-08-12 · Heft 33 (12.8.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 33 (12.8.1926)
Date
1926-08-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450388-2450421--73368-2530774
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

D e :■ Nr- 33 Seite 8 12 August 1926 jVs^srrrunds^cru. Magdeburg. Wir haben, im Gegensatz zu anderen Blättern, gezögert, den Vorgängen in Magdeburg vorwiegend antisemitische Beweggründe unterzulegen und sie unter dem Gesichtspunkte der Abwehr zu behandeln. Wir leben in einer nervösgereizten Zeit, sagten wir uns, und der Umstand, daß das unschuldige Opfer einer irregehenden Untersuchungsbehörde ein Jude sei, berechtige noch nicht unbedingt zu der Annahme, daß der Untersuchungsapparat in Magdeburg von der dämonischen Kraft des Judenhasses getrieben werde. Unsere Vorsicht war in diesem Falle zu weitgehend. Das Untersuchungsverfahren gegen den des Mordes beschuldigten Direktor Rudolf Haasin Magdeburg ist so j ä m m e r l i ch z u - sammengebrochen, daß zur Stunde kein Zweifel mehr darüber herrschen kann, daß all das, was zur Verhaftung dieses sozial angesehenen Mannes und zur wochenlangen Aufrechterhaltung seiner Haft führte, die Ablenkung der Verdachtsmomente von den wahren Schuldigen auf ihn und all die skandalösen Einzelheiten nichts anderes als ein groß aufgezogenes Manöver waren, ein von langer Hand in Szene gesetztes antisemitisches Hetzwerk, wie man es seit Dreysus und seit den bekannten Ritualmordprozessen in Tissa Eßlar und Xanten nicht erlebt hat. Gerade mit Tissa Eßlar hat die Magdeburger Skandal- &\\m öLZ mMsMz MsmM, daß da Mß dort ein junger streberischer Untersuchungsrichter, getragen von einer vielleicht von ihm zu hoch eingeschätzten Volksstimmung, seinen Stolz und Ehrgeiz darein setzte, den Juden zu überführen und damit das I u d e n t u m zu treffen in einer Art, die ihm die Liebe und die Dankbarkeit einer gewissen Clique für ewige Zeiten sicherte. So weit ist es nun, Gott sei Dank, nicht gekommen. Das Recht, das eine Sache der ganzen Nation und der Menschheit ist, läßt sich von einer völkisch orientierten Beamtenclique nicht schänden. Man griff von Berlin, ungeachtet der verzweifelten Gegenwehr in Magdeburg, wo man die ganze Sache zu einer Machtfrage der radikalrechten Parteien machte, ein, legte all die von der Untersuchungsbehörde zugedeckten Spuren bloß und fand mit Leichtigkeit die wahren Schuldigen. bildet nur eine Vorstufe zum Lehrhaus, doch erst .Q’i»san D*ns?tP erst das Leben, das sich innerhalb der vom Gottesgesetz gezogenen Schranken ab spielt, findet Gottes ganze Liede; aber das kann von sich sagen, daß es zu diesem gottgewollten Leben die Grundlage gelegt hat. Gibt es eine herrlichere Würdigung der hohen Bedeutung unserer Gotteshäuser? Z« Awö! H. Von Rabbiner Dr. Felix Kanter in Zwiltau (Mähren). Anknüpfend an Kap. 19, v. 19 dieses Wochenabschnittes ('iii inrr n» di?» kV), bemerkt Raschi: „Dieser Vers gilt als Beweis dafür, daß in der ganzen Thora unter iy „zwei Zeugen" sonst zu verstehen sind usw."(V3 ik 'rai m 'in iv)- Es ist dies ein bekannter Ausspruch des Talmuds (Sota 2), auf den hier nicht näher eingegangen werden soll. Auffallend ist hier folgendes: In Kap. 17, v. 6 dieses Wochenabschnittes kommt fast dasselbe vor, nämlich . - ns tj? ’s V? nav kV ..-ll’NN S’IV ’s Vy- Warum knüpft Raschi obige Bemerkung nicht an diesen Vers, der doch viel früher vorkommt, an, sondern an Vers 15 des 19. Kapitels? Zur Beantwortung dieser Frage ist Talmud Makot 6 b zu berücksichtigen (nrniw nny)- Viel schwieriger ist folgende Frage, die das Gebiet von paair D-ny streift. Im ganzen Talmud gilt es als feststehende Tatsache, daß Zeugen, die durch ihre falsche Aussage (pvan nny) einem Dritten einen Geldschaden hinzuzufügen beabsichtigten, diesen Betrag demjenigen zu entrichten haben, den sie ' um diesen Betrag schädigen wollten. Wo ist es angedeutet? D. h. woher wissen wir, daß die paair any demjenigen Schadenersatz zu leisten haben, den sie zu schädigen beabsichtigten? Aus dem Vers a;ltt__ Freilich zu spät, um die angerichteten Schäden und vor allem die durch Haft und Verdacht geschaffenen körperlichen und seelischen Leiden eines vollkommen unschuldigen, angesehenen Mannes wieder wett zu machen. , Man wird in Magdeburg großes Reinmachen erwarten dürfen. Aber damit ist das Uebel nicht an der Wurzel gefaßt, diese liegt tiefer und fchlrngl sich rvstlsr und itsilsiä9 siiZtt neuem solche und ähnliche-Blüten treiben, solange sie nicht mit allen Mitteln der Macht und Aufklärung restlos aus dem deutschen Boden entfernt wird. Der widerlich übersteigerte Corpsgeist in der deutschen Studentenschaft, der mit hohlen Phrasen blinden Chauvinismus als deutsches Kulturgut ausgibt, Lieblosigkeit und Engherzigkeit für urdeutsches Wesen hält und mit rasselnden Säbeln am Biertisch die Studenten auf die Straße schickt, um im Volke schlummernde Instinkte zu wecken und Leidenschaften zu entfesseln, die sich dann gegen eigene Mitbürger, gegen bestimmte unter der Rot der Zeit schwer mitleidende Volksteile wild entladen, dieser Geist der Zerstörung muß aufhören, wenn es in den deutschen Landen anders und bester werden soll. Es gehört mit zum Schlimmsten und Tragischsten heute in Deutschland, daß der junge Akademiker, in der Geschichte allenthalben der Bannerträger der Freiheit, Apostel des Hasses und der Hetze ist. Eine Meldung aus Bonn besagt: Der in Bonn stattfindende deutsche Studententag hat einen Beschluß gefaßt, der eine Kampfansage an den Preußischen Landtag und. die Regierung ist. Der Landtag hat dem Kultusminister in seiner letzten Session den Auftrag erteilt, die Verfassung der deutschen Studentenschaft auf das Staatsbürgerprinzip und nicht auf das Rastenprinzip zu gründen. Die Mehrheit des b^sHläß ltutzöM, m\ rzv völkisch e n Verfassung von Würzburg, die das Rassenprinzip in den Vordergrund stellt, zu bestehen und verhinderte so für die Zukunft jede gütliche Einigung. Sie nahm ferner eine Entschließung an, die sich gegen die von dem ehemaligen badischen Kultusminister Dr. H e l l - p a ch eingeführte Heidelberger Verfassung wendet und die Heidelberger wie die Karlsruher Studentenschaft auffordert, ihre Verfassung bis zum 1. Januar 1927 im r a s fischvölkischen Sinne zu ändern. — Das genügt zur Beleuchtung der Lage. Von Hannover und Bonn nach Magdeburg führt ein gerader Weg. Der Student, der heute gegen seinen Professor demonstriert, nur weil dieser Jude ist, morgen sich gegen Staat und Regierung aufs Rassenprinzip oar 1B7K3 iV on’wyi ist es jedenfalls nicht ersichtlich, denn dieser dekretiert bloß die Strafe. Was aber mit dem Strafgelde zu geschehen habe, wird nicht ausdrücklich gesagt. Vielleicht haben die „falschen Zeugen" diese Strafe, wofern es sich um Geld handelt, dem pn nn zu entrichten oder einem frommen Werke zuzuführen? Diese Frage fand ich in verschiedenen anss, auf die ich noch zurückkommen werde. Hiemes Feuilleton, Achad Haam. Zu seinem 70. Geburtstag. Oscher G i n z b e r g, unter dem Schriftstellernamen aymm? bekannt, begeht dieser Tage seinen 70. Geburtstag, und die gesamte nationale Presse nimmt den Anlaß wahr, je nach Schattierung und Einstellung in längeren Betrachtungen den Mann und sein Werk zu würdigen. Achad Haam war von Anfang an eine beachtenswerte Erscheinung in der hebräischen Literatur und der nationalen Bewegung, beachtenswert durch seinen präzisen, allen Phrasen abholden und dabei doch glänzenden Stil, aber noch mehr durch die Wucht seiner Logik und sein klares Wollen, oder richtiger.Nichtwollen. Achad Haam ist der Kritiker schlechthin, der mit scharfem Auge Fehler entdeckt und sie mit scharfer Feder geißelt. Wo er sich aber aufs Positive begibt, wird sein Programm verschwommen, abstrakt. Der Assimilation hat Achad Haam ewigen Kampf geschworen, den Nationalen und den Zionisten hat er manche bittere Wahrheit gesagt, aber auch uns und der Sache der Thora ist er nie sonderlicher Freund gewesen. versteift, wird übermorgen, in Amt und Würden, als Untersuchungsrichter oder Staatsanwalt, in dem Angeklagten von vornherein schon deswegen den Schwerverbrecher sehen, weilerJudeist. Und so könnte unser ganzes Staats-, Rechts- und Kulturleben eine Entwicklung nehmen, die wenig zu Deutschlands Ruhm in der Welt beitragen wird, wenn der Geist von Vsnn, dsv hsuts suf dsn msistsn UmrMsitätsn Deutschlands herrscht, uns die Führer und Kulturhüter der Zukunft stellen sollte. Wir denken zu gut von Deutschland, um diese Gefahr für unabwendbar zu halten. Aber die Magdeburger Vorgänge sollten ein Menetekel sein für alle Instanzen, die dazu berufen sind, zur Bereinigung unseres öffentlichen Lebens und zur Entgiftung der politischen Atmosphäre, nicht zuletzt zur Hebung unseres geistigen Lebens insgesamt, beizutragen. Jüdische „Weltaktionen". In Paris tagt zur Zeit eine Versammlung, die sich bescheiden „Weltkongreß der jüdischen Jugend" nennt. Es ist ein etwas starkes Prädikat, das sich hier ein paar Dutzend Jungzionisten, die sich in Paris ein Rendezvous.geben, zulegen. Man kann von einem Weltkongreß Gleichgesinnter, in einer Partei oder einem internationalen Verbände organisierter Menschen sprechen, wenn dieser aus verschiedenen Ländern besucht und beschickt ist. Jugend ist keine Partei und bezeichnet keine Richtung, in der sich Gesinnungen und Bestrebungen auf bestimmtem Geleise bewegen. Die jüdische Jugend ist nirgendwo einheitlich organisiert, geschweige denn gar durch andere internationale Bande zusammengehalten, als durch die, welche uns alle in einem Glauben, in einer Geschichte, in einer Zukunftshoffnung vereinigt. Was soll also Diß SpiolßM mit Dßm bombastWßn SBortß vom „Weltkongreß der jüdischen Jugend"? Diese großen Worte sind indes, wie wir bereits kurz bemerkten, nicht nur spielerisch naiv, sondern auch irreführend und daher nicht ungefährlich. Wem es von vorne herein nicht klar war, daß es sich bei der Veranstaltung lediglich um eine Gruppe in Paris oder Frankreich zufällig ansässiger Jungzionisten handelt, dem ging diese Gewißheit schon bei der ersten Eröffnungssitzung auf. Die ersten Maßnahmen des Weltkongresses beschränken sich auf ein H u l d i g u n g s t e l e - gramm an Achad Haam, eine Begrüßung der Damen Nordau, Mutter und Tochter (erstere ist gute Christin), eine Trauerkundgebung für den eben verstorbenen und im Krematorium zu London eingeäscherten Dichter Z a n g w i l l. Am Tische Er begann den Kampf gegen Ende der achtziger Jahre mit einem Artikel^irn ir kV, in dem er seinen Freunden in der Organisation der „Chowawe Zion" vor Augen führte, daß diese auf ganz falschem Wege seien, wenn sie meinten, mit einigen Kolonien in Palästina die jüdische Zukunft retten zu können. Ein geistiger Einsiedler blieb er auch später in der Herzlschen Periode, skeptisch und spöttisch aller Charter- und Großkolonisationspolitik entgegenstehend und ein geistig kulturelles Zentrum erstrebend. als Grundstock für dis gsistigs und kulturslls Er. llllllplllig 9n^snlutns. Ullslrhs ffierorrrtLirtls h-riis SS mti idcfer geistig tutiuvetten Erneuerung? Die Anstedlung in Palästina macht es nicht, das Nationalheim auf materieller Grundlage ist nicht einmal ein Weg zu diesem Ziele. Ueberhaupt: die Uebersetzung Europas ins Neuhebräische und Jüdischnatiönale sei ein gefährlicher Geschichtsirrtum, nicht minder gefährlich als die Reform, die ihre Aufgabe in einer Mission unter den Völkern sieht, und diese Mission in unklaren stmrissen beschreibt. Es ist da wie dort nur die Sorge um den Körper, der Geist, die Volksseele gehen leer aus. Soweit können wir ihm folgen. Aber was ist Geist und wo die Substanzen, die uns diesen Geist sichern? Für uns keine Frage. Aber Achad Haam lehnt die Thora als Regulator unseres Lebens ab. Er klagt in einem Artikel ns Vynp nun darüber, daß wir weniger Literaturvolk als vielmehr „Volk des Buches", das heißt dem Buchstaben des Buches untertan seien. Die Seele des Volkes fei uns entwichen, um sich ganz hinter das geschriebene Wort zu verstecken. Achad Haam kennt aber unseren niim-niin-Gedanken nicht und will nichts wissen von der höheren Freiheit des Geistes, die einzig vom Sinaigesetz und seinen Ausstrahlungen in der mündlichen Lehre bedingt ist. Er spricht von einer Freiheit, die auf dem Wege der nationalen Entwicklung gewonnen wird, ohne klar zu sagen, w i e diese Freiheit und die von ihr geschaffenen neuen Gesetze

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.