Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1926)
- Date
- 1926-08-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 33 Das Jubiläum des Auslrittsgefehes. Der fünfzigjährige Gedenktag des preußischen Austrittsgesetzes vom 28. Juli 1876 hat der jüdischen Presse aller Richtungen Anlaß gegeben, sich mit der dem Lssstzs zuZ-uttdö liegenden 5W sowohl als mit seinen praktischen Auswirkungen mehr oder minder gründlich zu beschäftigen. Dabei ist allerdings — das werden die Herren Verfasser unter vier Augen wohl selber zugeben — das „Minder" an Gründlichkeit so ziemlich überall das charakteristische Merkmal dieser Darstellungen geblieben. Man begnügte sich im wesentlichen mit der Feststellung, daß es schließlich in ganz Preußen nach 50 Jahren nur 4 Austrittsgemeinden mit wenigen' Tausend Mitgliedern gebe, daß die Austritts Möglichkeit ihre historische Wirkung getan und den Austritt selber überflüssig gemacht habe. Zu solchen Ergebnissen mag man allerdings kommen, wenn man im Geiste der Tagesschriftstellerei an der Oberfläche der Erscheinungen haften bleibt, die „preußische Judenheit" als eine auf dem Jfolierschemel sitzende juristische Person und die preußische Gesetzessammlung als eine Urkunde der jüdischen Geschichte ansieht. Wer an einer solchen Betrachtungsweise der Dinge Gefallen findet, mag sich damit vergnügen. Der Wirklichkeit wird sie nicht gerecht. Die geschichtliche Bedeutung des preußischen Austrittsgesetzes für das jüdische Volk liegt — ganz einerlei, was die Triebfeder seiner Befürworter und Schöpfer war — nicht darin, daß eine Reihe von Individuen von einer als Gewissenszwang empfundenen Steuerleistung befreit oder ein immtex WMiMlMstanL Zurzwungen wurde, sondern in der durch HasGesetz geschaffenen Möglichkeit der Bildung ' s e l b stständiger, ganz allein aus das Gottesgesetz gegründeter jüdischer Körperschaften. Die Sprengung der bis dahin als allein maßgebend betrachteten Territorial- und Blutgemeinschaft durch die P f l i ch t g e m e i n s ch a f t, der Ersatz rein materieller, relativ äußerlicher Gemeinschaftsbande durch ein sittliches Moment, nämlich durch die autoritative gemeinschaftbildende Kraft des Thoragesetzes, das ist der ideale Sinn und die geschichtliche Bedeutung des preußischen Au s t r i tts g e s e tz e s fürdiejüdischeGesamtheit. Zwei Jahrtausende hindurch war die jüdische Golusgemeinde in absoluter Identität Territorial-, Blut- und Pflichtgemein- MM TyNÄg-Hö und Lchrhaus. Von Rabbiner Dr. S. Arerrer (Aus einem Schulchan-Aruch-Vortrag nach Aufzeichnungen eines Hörers). v"ana» nnr» tmj? yiap m*ron na: Das Lehrhaus ist heiliger als die Synagoge, am erbat sich von xbd 0*13*1' daß er ihm das verherrlichende Wort (xn’»’»^» mitteile, das er von *non 31 inbezug auf noan na gehört habe. Und er sprach: So hat xnvn 31 gelehrt: fa» pa 71 arm 'xo 2j?sr niaw»: Wenn es heißt (Df. 87,2): Gott liebt die Tore Zions mehr als alle Wohnstätten Iakauws, *naa *mi' nsbnn omson oasn? 'n amx mitm« ’naoi nvoas» so sei damit gesagt: Gott liebt die Tore, die durch das Gesetz gekennzeichnet sind, mehr als alle Synagogen und Lehrhäuser (Berack. 8). — Ist dieses Wort nicht eher dazu angetan, die Bed utung des owana herabzusetzen, und xa*i erbat sich doch einen Ausspruch, der von dem Wert des v"ana zeugen sollte? IvV das Tor ist die Stätte, wo das öffentliche Leben sich abspielt. ayiy erklären die Weisen na^na D’rixon omt?' als Tore, die durch dienaVn gekennzeichnet sind: ein Leben, das sich innerhalb Der Zsrae . . i_____ schuft zugleich gewesen. Die Reform strich die Pflicht — was übrig blieb, war ein unter dem lügnerischen Schleier der Konfession sich bergendes nationales Gebilde, das Juden jeglichen Bekenntnisses auf Grund gemeinsamen Wohnsitzes und g entern jamev Abstammung ousamm^nschl?ß Wl*? dasdamitdurchseineblotzeCxistenz das historische Bewußtsein von der am Sinai eingegangenen Treuverp f l i ch t u n g nicht nur für die Einzelgemeinde zu vernichten drohte, sondern für die jüdisch e G e s a m t h e i t. Die sogenannte „A u s t r i t t s g e m e i n d e" — und eine einzige im ganzen Lande hätte zur Erfüllung dieser weltgeschichtlichen Aufgabe schon genügt — ist der lebendige P r 0 t e st des geschichtlich gegebenen jüdischenRationalbewußtseinsvonder Alleinherrschaft der Thora gegen die rein stammesmähige, alle „religiös e n R i ch tu n ge n " als berechtigt anerkennende moderne Territorialgemeinde. ' Die Männer, die das Austrittsgesetz erstritten, Hirsch und Hildesheimerwaren sich, das zeigt ein Blick in ihre Schriften, dieser Gedankengänge nicht unmittelbar bewußt — sie handelten, bevorzugte Werkzeuge in der Hand der ihres Volkes Geschicke lenkenden Vorsehung, nach den Erfahrungen der damals jüngsten Pergangenheit, nach dem Gebot der Stunde Und vor allem nach der Tiefe ihrer Halachischen Ueberzeugung, die ihnen den Weg in voller Klarheit vor-- schrieb, ob auch der drohende äußere Mißerfolg ihres Weckrufes ihnen sicherlich von vornherein klar war. Sie wußten, daß nur die Wenigen die Krast traben roürberty wie 23at^f Ham am Tage Der Meva Die ©Dttestreue tt.D e r Die Stimme des Blutes zu stellen, allen gesellschaftlichen, familiären, wirtschaftlichen, ja aus langer Geschichtsgemeinschaft herauswirkenden seelischen. Widerständen zum Trotz um Gottes willen die Trennung zu vollziehen, deren schicksalsschwere positive Bedeutung für die Rettung des nationalen Wahrheitsbewußtseins ihnen noch nicht einmal dämmernd gegenwärtig sein konnte. Es ist wahr: die Zahl der Männer, die, selbst in Frankfurt, den Bekennermut aufbrachten, dem Rufe S. R. Hirschs zur individuellen Loslösung von dem alten Gemeinwesen Folge zu leisten, war beschämend gering, und erst 11 Jahre nach Rabb. Hirschs Ableben vollzog sich unter seelisch erleichterten und wesentlich veränderten Bedingungen die Krönung seines Werkes durch die positiv formulierte Erklärung der „ausder durch das Gesetz gezogenen Schranken bewegt. Solche Tore nennt unser Vers Zions-Tore, mairn 3py sind die Stätten, in denen Iakauw heimisch war, der v'^nx aizn*» on vx? denkt doch die Pluralsorm ü'^nx. nach Ansicht der Weisen, an vana und rannon ry>2, in deren Räumen sich sein Leben abspielte, p^ 'ipy? stehen vor Gottes Auge höher da als nisst»«- Hab na^ AnsifHs q-j «iwn ist vamtt Es grsagt» tohs me Deveniuvg von noan na ausmacht. Mit den Worten nrn mn bv O'p^xn fix masm hatte Gott Israel in seinen Dienst berufen, mm O’pVx Gottesdienst ist der Begriff, der unserem Leben fortan das Gepräge gibt. Gottesdienst fordert aber nicht ein paar Weihestunden des Lebens, sondern unterordnet unser ganzes Leben in allen seinen Erscheinungen dem gestaltenden Willen Gottes. Kein Gedanke, keine Willensregung, kein Augenblick, in dem nicht der Gotteswille uns gegenwärtig sein mutz und von uns verwirklicht werden muß. Wenn daher das Gotteswort Mosche das Prädikat ,113p ..Gottes Diener" verleiht, so ist dieses Wort das herrlichste Denkmal, das seinem Leben gesetzt werden konnte; sein Leben war ein unuusqesetzter Gottesdienst. Wölfl kennt auch der jüdische Begriff eine may im engeren Sinne und versiebt darunter die in dem Gotteshause und dem Lehrhause verbrachten Stunden Diese mm bildet einen integrierenden Teil des im werktätigen Leben sich vollziehenden Goi1:?dienstes. Sie nährt die Quellen, aus denen uns Verständnis und Kraft für die Anforderungen fließen, die im Gottesdienst des Lebens verwirklicht werden müssen. Dort werden die Keime gelegt, die im Leben als herrliche Frucht sich entfalten müssen. Ihr Wert richtet sich nach dem Erfolg, den sie im Leben eraisle;;. Werden die ©e- 12 -August l 92b schließlichen Zugehörigkeit zur Israelitischen Religionsgesellschaft". Allein, ganz abgesehen von der Zahl der individuell Ausgetretenen — die Gemeinden selber in Frankfurt- Berlin, Wiesbaden, Köln, indem sie n e b e~n eine alle religiösen Nichtullgen versorgenDe WWe Kommune die einseitig am Gottesgefeß orlerrtrerte Thoragemeinde setzten, vollzogen so eine durch die Zeiten wirkende Bekennertat für das ganze jüdische Volk, dem sie damit seinen ebenso einseitigen, Gott allein zugewandten oy .l^uv-Charakter vordemonstrierten und — vordemonstrieren. Heute, im Zeitalter der Hochflut des zionistischen Nationalismus, kann nur Parteibliudheit diese positiv-geschichtliche Bedeutung des Selbstständigkeits-Gedankens übersehen und leugnen. Ist es denn Zufall, daß dieselben geistigen Triebkräfte, die im Kampf um den Austritt in Preußen wirksam wurden, überall in der j'ü'd i s ch e n W e l t (ohM'daß, wie pätteimäßige Idiosynkrasie träumt, Frankfurt die Hand im Spiele hätte), im heiligen Lande, in Polen, in Litauen, in England ein mehr oder minder heißes Ringen um den Sinn des jüdischen Gemeinschaftsgedänkens heräüfbeschwören? Jst's Zufall, daß aus deM Zusammenwirken der durch den Selbständigkeitsgedanken geistig geschulten deutschen Orthodoxie Mit den noch ganz in der jüdischen Geschichte wurzelyden östlichen Thoragrößen „ A g u d a s Iisröel " geboren wurde, die mit dem geschichtslosen zionistischen Rationalismus auf Tod und Leben ringt? So war, nicht das preußische Äustrittsgesetz als solches, wohl aber derjenige jüdische Gedanke^ dem das Gesetz die freie Bahn der organisatori- Wn MlIlMliHUNg schus,!M, Sinn« Uc ma1? ot(? niiisV die der lebenbedioymden Ge. fahr des modernen Zionismus vorausgesandt ward zur Rettung und Heilung. Daß der Austritt auch die deutsche Orthodoxie zerriß und in ihre Reihen den schmerzlichsten, bis auf den heutigen Tag unheilvoll wirkenden Widerstreit hineintrug, war wohl zunächst — wie grade der Ausblick auf die gleichen Gegensätze in anderen Ländern zeigt — eine tragische Notwendigkeit. Es ist eine Schicksalsfrage an die Zukunft, ob und inwieweit der Gedanke der Thora-Souveränität, vom Gemeindepolitischen ins Große und Volksumfassende gewandt, nicht die Kraft in sich birgt, auch von jener tragischen Notwendigkeit zu erlösen und innerhalb der Gemeindeorthodoxie selber wiederum Sinn und Verständnis für die positiv-ideale Bedeutung des Selbständigkeitsgedankens zu wecken. danken und Entschlüffe, die in Gotteshaus und Sckule ihre Pflege und Förderung erhalten, im Leben in Taten uw gesetzt, bewegt sich das ganze jüdische Leben innerhalb der von der Thora gezogenen Schranken, herrscht der Geist von Syncwoge und Lehrhaus auch in den Häusern, dann erstrahlen auch noan rva und Emon na in vollendeter Schönheit. Das jüdisch. Qebea ist der <Sr«d^sss^ M Die MM keil oon nwssn na rmv wnon na* Das m auch Der Sinn des genannten Psalmverses. •»unp m nrm apy niapn ^a» p’S: dem in der Oeffentlichkeit sich abspielenden werktätigen jüdischen Leben (aytpjr>x)' in dem die in den 3pr in noan na und Enion na gepflegten Wahrheiten ihre Verwirklichung finden, wendet Gott seine ganze Liebe zu. ,i*>ö D’p^x tjt fa *13*70 nma: fährt der nächste Vers fort.- geehrt werden sie, die 3p>sp rnap», sobald über sie gesagt werden kann: Gottesstadt! Wenn das in der Oeffentlichkeit sich entfaltende Leben göttliches Gepräge trägt, die Stadt den Namen einer Gottesstadt verdient, so liegt darin die höchste Anerkennung, die den Gotteshäusern und den Lehrhäusern zuteil werden kann: das ist ihr Werk, das haben sie angebahnt und verwirklicht! man na und mnon na und schließlich jrx mw: das ist der Weg, den des nach Vollendung strebende jüdische Leben zurückzulegen hat. Die Gefinnungen, zu denen das Gotteshaus den Keim legt, führen den jüdischen Menschen ins Lehrhaus, um dort die Wahrheiten und Forderungen kennen zu lernen, die dann im Leben verwirklicht werden müssen, wenn es das Gepräge von jra mt? erhalten soll. Wohl steht iznmn na höher da als noanna c"»'-7’=iifir rnr fiiün)» äsnn Das ©BttfsDaiis