Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1926)
- Date
- 1926-07-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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BST Der Israelit Die Perle von Aegypten. 'ZV Die wundersame Geschichte einer jüdischen Tochter. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). Nisllstchl noch eher nach Amerrkcr. Nenge . - - Da fielen ihr die Perlen, die Edelsteine ein, an denen Tränen hafteten und sie mußte, wußte selber nicht warum, weinen. Auf dem weichen, herrlichen Ruhebette ward sie diese Nacht von dem alten Traumbilde wieder heimgesucht. Lady Heymson stand da mit ihren leuchtenden Perlen und Steinen an Brust und Ohren. Aber sie wurde dünn und dünner, zerrann ganz. Und die Perlen und Steine wuchsen, wuchsen zu einem Leuchten zusammen, das sie ganz einhüllte: Sie war nun ganz Perle. Und alle Gestalten, die ihr in letzterer Zeit in den Weg getreten waren, lebten auf und bewegten sich wild durcheinander: Heymson mit seinem verschmitzten Lächeln, Pitt, die Hände in den Hosentaschen, Fradel, die Aufwascherin, Benze und viele andere, die sie nicht einmal bei Namen kannte. Alle lagen sie aus dem Boden, griffen nach der Perle, nach ihr, rauften um sie. Bis der mächtige, betreßte Arm hineinfuhr und der Haufen auseinanderstob, der Arm des Prinzen. Und ganz hinten sah die Mutter, wie klein und pergamentgrau war ihr Gesicht, und sie sang und weinte aus dem großen Gebetbuche. Was eine herrliche Sonne durch die schwer- Wsmn (BayBmm Imi rlZ fü iU AüZeü äüsrat! Der Märchentraum wob weiter bei wachenden Augen und Sinnen. Die alte Dienerin brachte unter vielen Verbeugungen den duftenden Trank in kostbarer Schale und sagte etwas in fremder Sprache, was auch „Perle Aegyptens" bedeuten konnte. In dieser Stadt war das Leben selbst ein Traum. Man konnte erwachen und weiter träumen ... Die Dienerin Hassana brachte Blumen und auch ein Briefchen in jüdischer Sprache, von Milka. Sie möge entschuldigen, daß sie sie allein gelassen. Es könne nicht anders sein. Sie durften sich nicht aufdrängen, sie suchten und fanden schon Juden, die sich ihrer annähmen. Es gäbe Vereine in Kairo, und viele Juden. Feige wolle nach Hause zurück. Sie, Milka, erhalte die Möglichkeit, nach Palästina zu kommen, wo sie mit ihren Händen arbeiten möchte. Palästina liege nicht weit von hier, in nur einem Tage zu erreichen..." Palästina! Welches Zauberwort! Das Land der ewigen Sonne und des ewigen Lichtes! Und hier, die falschen Perlen mit den echten Tränen daran. Sie hatte dis Nacht irn Sroume Söctre ei rxiii crrrx bestes fie rieße Jt ben Glanz, entspringe Dem goldenen Käsig und gehe zu den Freundinnen, mit der einen nach der armen Heimat zurück oder mit der anderen nach dem heiligen Lande der ewigen Sonne? Aber wo war der Ausgang aus diesem Märchenhause? Baum und Vach, Laube und Rasen, wo sie hinausschaute! Und in der Ferne der blaue Strom, den sie Nil nannten. Wo war der Ausgang aus diesem Zauberschlosse? Sie sah sich hier nicht so gefangen und nicht so beaufsichtigt, wie dort in der Pension zu Buenos Aires. Die Dienerinnen waren höflich und diskret. Die ältere Dienerin, Hassana, erinnerte eher an Fradel, die mütterliche stille Freundin, als an die Zimmermädchen und Aufpasserinnen von dort. Es war nicht allein schwer, die Türe aus diesem Hause zu finden, vielleicht noch weit schwerer, für das bescheidene zu Dankbarkeit geneigte Mädchen, den Uebergang von der sie umgebenden Welt der Liebe zu der Straße zu finden, die bei brütender Hitze doch kalt anmutete. Diese Behandlung mit Flucht zu belohnen, dazu gehörte mehr Mut, als er der kleinen Schneiderstochter angeboren und anerzogen war. Sprechen wollte sie mit ihrem Schutzherrn, frei und offen, in aller Ruhe. Er würde sie verstehen, er hatte ihr ja immer freie Wahl gelassen. Und es traf sich gut, daß er sich jetzt in etwas vorgerückter Morgenstunde bei ihr melllm liötz. Nw bam er so mm\ü öon ßorrn hsrvorgekehrt, als jetzt, da er in seinem eigenen Hause in seinem unbegrenzten Rechte vor ihr, seiner Gefangenen, stand. Sein Gesicht schien ernster denn sonst. Seine breite Stirn legte sich in Falten, als er sich in gewohnt galanten Worten nach ihrem Wohl und ihren Wünschen erkundigte. Wie konnte sie da gleich mit ihren Wünschen und neuen Plänen herausplatzen? Sie mußte einen geeigneteren Uebergang abwarten. Sie sei zufrieden, sagte sie und ganz benommen von all dem Glanz und der Pracht und der ihr von allen Seiten entgegengebrachten Liebe. Allein ... Er deutete dieses „Allein", da sie abbrach, auf feine eigene Weise. „Verstehe schon," sagte er, „die fremde Umgebung, die fremde Sprache des Dienstpersonals. Dem könnte abgeholfen werden durch Heranziehung einer Gesellschafterin, die Deine heimische Sprache und Art kennt. Wo sind eigentlich Deine Freundinnen?" fragte er so ganz nebenher, zum ersten Male. Hier war der Uebergang gegeben. Aber Reifete zögerte noch. „Sie sind gegangen, weil sie die Liebestaten fstsf? ffiSjt MM 813 lfflBCÖtnQt IW wendig in Anspruch mfymm wollten. Sie fanden Glaubensbrüder hier, die ihnen helfen. Die eine kehrt in die Heimat zurück, die andere begibt sich nach P a l ä st i n a." Abdul el Becher überhörte den weichen zärtlichen Klang des letzten Wortes und sagte: „Es ist schade drum, ich hätte Dir diese freundliche heimatliche Umgebung noch weiter von Herzen gegönnt, um so mehr, als ich selbst in den nächsten Tagen wohl stark von Staatsgeschäften abgehalten sein werde." Sein schönes Gesicht wurde noch ernster, da er fortsetzte: „Während meiner langen Abwesenheit und meiner weiten Reisen über die Weltmeere hat sich manches in der Welt ereignet, das Männern meiner Stellung zu denken und zu schaffen gibt. Trübe Wolken ziehen sich immer düsterer am politischen Horizonte zusammen, und ich wußte es nicht. Es hat sich in meiner Amtsstelle viel Arbeit angehäuft, und es heißt nun für mich, wachsam auf dem Posten bleiben, auf den mich Namen und Amt gestellt haben." Ohne zu verstehen, wo er hinaus wollte, hörte sie infere||ieri gxr. ^ebewtete baf ZAjM, kk sic in Den nücDTten Tagen M felßft lwsrlasM würde? Dann hätte es freilich auch mit ihrem Wunsche und ihrem Plane keine große Eile. So rasch würde wohl die Abreise der Mädchen auch nicht vor sich gehen. „Die Durchführung meines Vorhabens," setzte der Prinz fort, „wird dadurch eine Verzögerung erleiden, und die Reformpläne, die ich für mein Haus hege, werden noch eine Weile auf sich warten müssen. Höhere Bestimmung nach Allahs Willen! Es wird mir im Momente, da ich alle Kräfte anspannen muß für den politischen Dienst, nicht möglich sein, die staatlichen und geistlichen Behörden zur Durchführung meiner Pläne in Bewegung zu setzen. Aber die kritische Situation wird, so hoffe ich, nicht von langer Dauer sein. Die Entscheidung drängt, und es hängt zuviel für die Welt davon ab, als daß sie zu Ungunsten unserer Sache ausgehen könnte." Nichts verstand Reifete von all dem, aber sie fragte nicht, und er erklärte sich auch weiter nicht. „Für freundlichere Umgebung," schloß der Prinz, „soll aber gesorgt sein. Ich werde durch meine Beauftragte Umfrage und Suche nach geeigneten Personen im jüdischen Viertel halten lassen, die Dir etwas von der Heimat in dieses fremde Haus bringen. Sind bald alle Hemmungen und Schwierigkeiten überwunden, dann sind wir geeint, nach Recht und Gesetz, und nichts würde mehr trennend zwischen uns treten." Er war etwas wärmsv göwMsm als u sanft seine Art war. Dann aber ging er festen Schrittes dahin, wohin ihn dringende Aufgaben riefen. XVI. Am folgenden Tage kam Abdul el Becher früher als sonst. Sein Gesicht war verfinstert, wie es Reisele noch nie gesehen, nie für möglich gehalten hätte. Er hatte keine gute Botschaft im Munde, das sah sie ihm an. Er sagte kurz und klar: „Die Dinge haben sich rascher und kritischer entwickelt, als wir fürchteten. Die Wolken haben sich zusammengezogen, die Elemente schlagen auf einander und das Gewitter ist da. Serbien hat das Ultimatum Oesterreichs abgelehnt, und nun hat die Welt den Krieg. Deutschland geht natürlich mit Oesterreich und hat auf der einen Seite Frankreich, auf der anderen Rußland gegen sich. England greift, das steht für uns fest, zu Gunsten Frankreichs ein. Und was England und Frankreich tun, müssen Marokko und Aegypten mittun. Ein marokkanisches Heer schifft sich heute nach Frankreich ein, die Division, die i ch zu befehligen habe, trifft übermorgen in Marseille ein und wartet dort MM." Es schwindelte dem Mädchen bei dieser Eröffnung, deren verwickelte Tragweite sie gar nicht begriff. So genau kannte sie weder die geographische Lage der Länder, noch die politische Einstellung der einzelnen Mächte. Sie hatte auch die ganze Zeit über nur a n s i ch und an ihr Schicksal gedacht. Wo war denn die Welt, was waren die Völker, die auch ihre Schicksale hatten und nun mit Donner und Blitz aufeinanderprallten? Eines war ihr nur klar: der Prinz ging, und ihr Märchenzauber löste sich in nichts auf. Jetzt war der Uebergang zu ihrem Wunsche von selbst gegeben, die Türe aus dem Märchenpalast hatte sich von selbst geöffnet, durch den Sturm, der, wie eigens zu diesem Zwecke, draußen durch die Welt tobte „Dann gehe ich," sagte sie, „und suche meine Freundinnen auf, um mit ihnen nach Litauen zurück oder nach Palästina zu gelangen." „Das wird nicht einfach sein," sagte der Mann sachlich. „Palästina ist Türkei, und der Großtürke ist Berlin verpflichtet. Die Landwie Seewege werden dem freien Verkehr kaum noch o|Jen jeirr." „Was soll Dßnn geschehen?" entl'anA öZ sich dem Mädchen wie ein Hilferuf. „Wenn draußen Sturm tobt, tut Geborgenheit doppelt gut. Du bleibst hier, oberste Herrin dieses Hauses. Es ist dafür bestens gesorgt, daß Du sowohl von der Dienerschaft wie von den Behörden als solche anerkannt und gewürdigt wirst. Du bist für die Welt die Fürstin von Maro k k o , mit allen Kompetenzen, die eine Fürstin in Abwesenheit ihres fürstlichen Gemahles äusübt. Lange kann der Krieg nicht dauern, das ist Ansicht aller Diplomaten, bei der heutigen Kriegstechnik. Es ist auch ein ungleicher Kampf vieler gegen wenige, die ja bald um den Frieden flehen werden. Dann komme ich wieder, der Fürst zu der Fürstin, und mein neues Leben beginnt, nach den ganz neuen Lebensbedingungen, wie sie mir schon lange vorschwebten und greifbare Gestalt erst annahmen in Deiner Nähe."