Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1926)
- Date
- 1926-07-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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: - -; -r—; : :! w~ Von jüdischer Psychologie. Von Studienrat Max Munk in Frankfurt ä. 7kl. Unter den pädagogischen Lehrendie uns die min gibt, nimntt die vom mpi *nib p eine besonders bedeutsame Stellung ein. Die. Fülle ihrer Gedanken hat iftabb. Hirsch sowohl in seinem. Kommentar zum Pentateuch (V, 21, 18—21) als auch in dem Jeschurun (in den „Gesammelten Schriften" II, 375 abgedruckt) an Hand des Talmud ausführlich entwickelt. Die gesetzlichen Bestimmungen lassen sich dahin zusammenfassen, daß die körperlichen und geistigen Vorbedingungen der Erziehung des mißratenen Sohnes von höchster Vollendung gewesen sein müssen, d. h. die Eltern dürfen keine Fehler wie Taubheit, Stummheit, Blindheit usw. besitzen, müssen an Stimme, Wuchs usw. gleich sein, — ob diese Bedingungen alle in der Wirklichkeit erfüllbar sind, ist eine Frage für sich — und müssen in den Fragen der Erziehung in voller Uebereinstimmung sprechen und handeln. Nur unter Voraussetzung dieser Bedingungen kann die Todesstrafe erfolgen. Und nun gilt noch eine Bestimmung, die uns zu besonderem Nachdenken veranlaßt: daß nämlich die Todesstrafe an dem joioi ^>it an dem „Schlemmer und Säufer" nur ausgeführt wird, wenn er seinen Zustand der Vertierung in den ersten drei Monaten nach erlangter Jünglingsreife, nach zurückgelegtem dreizehnten Lepjpn&art. Wer mit 13 ^atjven in der &egeic^= nsteri Weise gu sündigen beginnt, erscheint unverbesserlich: wev sich vorher öder drei Monate später als Schlemmer und Säufer zeigt, ist nicht unbedingt als sittlich verloren zu betrachten. Hält man diese Beschränkung der Anwendbarkeit des Gesetzes auf das genannte Alter mit dem Ausspruche zusammen, die Todesstrafe erfolge, nur, damit er unschuldig sterbe und nicht — er würde sonst völlig entarten — als todesschuldiger Sünder, so erkennt man, daß hier eine besonders geartete psychologische Auffassung der .min oorliegt, der nachzugehen von besonderem Interesse ist. Wäs geht da in der Psyche des Jugendlichen vor, daß nur das Anfangs städium seiner Reife als entscheidend für seinen Lebensweg betrachtet wird? Rabbiner Hirsch>"xt gibt schob die Antwort. In seinem Kommentar ck. a. D. heißt i es: „Gerade in der Zeit, in welcher nach gewöhnlicher Anschauung mit der erwachenden Sinnlichkeit das „Böse" im Menschen wach wird, erwartet das Gesetz den entscheidenden Durchbruch des „Guten", das eben im Kämpfe mit der Sinnlichkeit sich zu der sittlichen Mannesstärke emporarbeitet. Der Menschenschopfer, der dem Menschenjüngling die Zeit des Kampfes gegeben, hat dieselbe Zeit zu einer Weckerin des Geistes geschaffen, der für alles sittlich Edle und Große erglüht und sich von allem. Gemeinen und Niedrigen mit empörtem Ekel abwendet. . ." In der Tat, wenn man diese Zeit der beginnenden Reife als Geburtsstunde eines neuen güten Geistes im Menschen begreift, so versteht man, daß eine Erstickung dieses Geistes in seinem Keime dem Menschen die Möglichkeit nimmt, sich zur sittlichen Hoheit zu entwickeln; darum soll einer entgegengesetzten Entwicklung zur Todesschuld vorgebeugt werden, indem der seelisch verkümmerte Knabe vorzeitig aus diesem Leben genommen wird. Wenn die Bestimmung des Gesetzes nun auch zu dieser Betrachtung hinführt, so ist es doch von Interesse festzustellen, ob dieser Gedanke nicht irgendwo von unfern Weisen oder gar in ausgesprochen wird. Denn er widerspricht so sehr jedem gewohnten Denken, ja man möchte fast sagen jeder Beobachtung, daß man ihn expressis verbis vor sich sehen und sein Verhältnis zur üblichen. Anschauung verstehen möchte. In Koheleth 4, 13 heißt es: pr -paa asm poa aia fiy nnrnisn» ab nvx i-'vai „Besser ist ein armes, aber kluges Kind, als ein alter, aber törichter König, der nicht mehr fähig ist, Belehrung anzunehmen". Und weiter: an -p« wia^a.a ni '2 -prp rrx' amion n'aa p „Denn aus dein Gefängnis kommt es zur Regierung, und wenn zur Hd'rtfchaft gelangt, wird er (dtr Alte) schwach.". Hiekzü bemerkt der frvra u. ä. Däs arme Kind ist der. aiv nx', und warum heißt er „Kind"? np rpÄAi nE i"' pa rp« ü-np linia fyiv. „weil er sich erst vom 13. Jahre ab mit dem Menschen verbindet. Der alte König ist der ynnnx’; und warum heißt er „alt"?: ini3j?r ny imiVii en$> ii> mra rrinv '3va „weil er mit dem Menschen von seiner Geburt an bis zu seinem Alter verbunden ist . .. ." (hierzu siehe auch /a i'-nnm und 'a a"’p D’nosJ Der Midrasch liest also diese Erkenntnis von der Geburt des trx.' im Menschen nach Zurücklegüng seines dreizehnten Lebensjahres aus den Worten des größten aller Weisen heraus. Und gleichzeitig stellt er wie auch an anderer Stelle (zu n’tpsna VIII, 21) fest, daß der der Begleiter des Menschen von seiner G e b u r.t an ist. Wir müssen beiden Lehren nachgehen, um zu ihrem Verständnis zu gelangen. Das Merkwürdige an diesen Mitteilungen ist zunächst das zeitweise Auseinänderfallen der Existenz der beiden nmx'- Man hat einen n~nx’ ohne mx’ bis zum Ende des dreizehnten Lebensjahres! Wir sind dagegen gewohnt, „gut" und „schlecht" als relative Begriffe anzusehen. Man kann nicht von „gut" reden, ohne die Möglichkeit des „schlecht" zuzulassen. Um daher diesen Punkt zu klären, sei zunächst nur darauf hingewiesen, daß die Gegenüberstellung von v"x' und nwnx' nicht u>ertti|cf^ ijt mit der ©ecjenü&erpeUurtcj der ® e f e „gut" UNd „schacht"- »st zunächst fein Zusammenhang mit nyi finden wir immer beide Begriffe sni aiv-Älso fällt diese scheinbare Schwierigkeit durch diese vorerst nur negative Begriffsbestimmung ohne weiteres, fort. Was aber bedeutet nun nr>? und was insbesondere aiö -ix- und ym nx'? Die übliche Wiedergabe von nx' mit „Trieb" soll, wie häufig bemerkt, der Grundbedeutung des Stammes und der Bildung des Wortes , nicht gerechl werden'. ' Denn das Verb -ix' bedeutet „bilden". Also sei das Substantiv' nx' ein Ergebnis des Bildens, ein GebiM, hier ülsö ein Gedänkengebilde. (Wie z. B. nnv von. im das Ergebnis des Ordnens, Ordnung bedeutet.) Dieser Einwand übersieht aber einen anderen Punkt. Das Verb nx' nimmt in der Reihe der Schöpfungsbegriffe eine mittlere Stellung ein, es gibt ein sna „schöpfen aus dem Nichts", das dem nx* vorgngeht und ein nvy „gestalten", das dem nx' folgt. Daher hat auch das Substantiv., nx» eine Mittelstellung. Es ist allerdings ein Gebilde, ein Ergebnis des Bildens, es ist aber zugleich auch die Quelle neuen Gestaltens. Und hier haben wir nun die mittlere Stellung dieses Begriffs in dopelter Hinsicht zu unterscheiden: nämlich hinsichtlich der Erkenntnis einerseits und hinsichtlich des Begehrens andererseits (wie dies ähnlich bei mn der Fall ist.) Sein erster Sinn als Gebilde tritt mehr hervor, wenn es sich um das Erkennen handelt. Denn der Begriff des Erkennens offenbart sich in seinem Produkt, nämlich der Erkenntnis, nicht in dem Prozeß, der zur Erkenntnis führt. Wenn es I, 6, 5 heißt m'n bs sh pn ia*> ma^na -x' ^>ai „und jedes Gebilde der Gedanken seines Herzens war nur schlecht jeden Tag", so tritt die Bedeutung „Gebilde" in den Vordergrund. Diese Beziehung auf das Erkennen liegt auch in der Erklärung von '"vn zu I, 2, 25: ny-i 12 nsmty s"ys ynn -ix' iä osajn pyn p iVas ny ynn nx' ia p3 ab m»® H nnpV ynV aia pa na y-7'1 „obwohl ihm Verstand gegeben war, Namen zu prägen, war ihm der mnx’ nicht gegeben, bis er vom Baume gegessen hatte; da erst zog der n-nx' in ihn ein und jetzt konnte er verstehen, was der Unterschied zwischen gut und schlecht war". Andererseits muß der mnx' als Begehren schon vor der Sünde vorhanden gewesen sein. Und da tritt sein Charakter als „Trieb" in den Vordergrund, da der Begriff des Begehrens als Richt u n g s begriff nicht durch sein Produkt, den Entschluß, sondern durch den B 5 -'S Begehrens charakterisiert ist. Wenn Räbb. Hirsch b"xt in seinem Kömineytar zürn s. 6, 6,. diese Bedeutung weit von sich weist, so. liegt der Grund darksi, daß er eine Gewalt im Menschen löügnet, die ihn tzüm. Bösen treibt. Er nimmt also an, däß der erwähnte ynn inx'äls solche Gewalt aufgefaßt werden müsse, wenn nx-» ein Trieb ist. Es ist daher zu untersuchen, ob y-in nx' wirklich diese Bedeutung hat, selbst wenn man unter ix-> einen naturhaften Trieb versteht. In den oben zitierten v'v-na und an vielen, vielen anderen Stellen ist die auffällige Beobachtung zu machen, daß es nicht heißt: sn nx’ sondern y*n nx->. mit dem Artikel beim Attribut. Bei aiv nx'fehlt dagegen stets der Artikel. v"x' kann daher mit „guter Trieb" übersetzt werden, während die Uebersetzung „schlechter Trieb" aus grammatischem Grunde bekanntlich unmöglich ist. v'nx' kann nur heißen „Trieb des Bösen". Der Genitiv kann nun subjektiv oder objektiv aufgefaßt werden, d. h. das Böse kann Grundlage oder Ziel des Triebes sein. Ist die letztere Auffassung richtig, so hieße yn nx’ „Trieb zum Bösen". Der Trieb als solcher wäre dann also nicht schlecht, er führt nur zum Bösen. Darin liegt aber noch nicht, daß er zum Bösen führen muß. Sondern -i"nx» ist der Trieb, der zum Bösen führen kann. Aus einer Reihe von Aussprüchen unserer Weisen geht die Richtigkeit dieser Auffassung hervor, bezw. gewinnen ihre Worte auf Grund dieser Auffassung an Klarheit. Es heißt z. B. in rra maio Gott gab dem mnx' den MMkir Jif MINI es UM mna n Disn ip in 11 „Denn Der Herzenstried des Menschen ist von seiner Jugend an schlecht." (I, 8, 21) Wenn der ->«nx'also erst den Namen yn erhalten muß, so kann er nicht an und für sich y-i gewesen sein. Und wenn wir den Zusammenhang von I, 8, 21 betrachten, ist es klar, warum er trotzdem diesen traurigen Namen erhält. Die Schlechtigkeit des Menschen hatte zum Untergang der Menschheit in der Sintflut geführt. Als die gerettete Familie Noahs nun den Erdboden wieder betritt, sagt Gott im Hinblick auf die Entwicklung, die der mnx' genommen hatte, daß er den Namen yn verdient. Auf Grudd dieser Stempelung, die der rni’ erhält, steht die Bezeichnung yn nx' ohne Artikel, min sie sich hie und da findetnicht im Widerspruch zur Grundbedeutung, die der. Begriff n~nx' für uns hat Ein anderer Ausspruch: „Gott sprach zu Kajin: ,-Wer hat Hebel erschlagen?" Kajin antwortet: ,>Du hast ihn erschlagen, denn du hast den n"nx' in mein Inneres gepflanzt." Aber Gott antwortet: inirr n'vy nnrr yn „Du hast ihn schlecht gemacht." Die Beispiele ließen sich vermehren. Es ergibt sich also, daß wir unter dem n-nx', wie er in des Menschen Herz gelegt wird, keinen bösen Trieb, sondern nur einen Naturtrieb verstehen dürfen, der also ursprünglich als dem Reich der Natur angehörend jenseits von gut und böse steht. Ob er sich zum Bösen entwickelt oder sich in den Dienst des Guten stellt, hängt von der Führung durch den Menschen ab. Das Merkwürdige des Midraschwortes von der Gleichzeitigkeit der Geburt des n~nx' mit der Geburt des Menschen verschwindet auf Grund dieser Auffassung. Denn in der Geburt des Menschen vollzieht sich ja das Wachwerden seiner naturhaften Selbständigkeit (vgl. '~«n zu I, 8, 21) und nichts anderes als dieser Lebensdrang ist der n~nx'- Daß der v"x' erst viel später in den Menschen gelegt wird, ist jetzt auch verständlich. Die verstandesmäßige Unterscheidung zwischen gut und böse ist dem Kind schon sehr früh gegeben; aber die Gnade, dem Menschen die Richtung zum Guten mit einem nx', mit einem Trieb ins Herz zu legen, braucht Gott ihm erst zu erweisen, wenn er in das Alter tritt, in dem der Lebenstrieb so stark wird, daß er ohne i n - n e r e Führung zu einem schlechten Trieb ausarten würde. Ja, es verschwindet nicht nur jeder Gegensatz zur täglichen Beobachtung, sondern das Rätsel der widerspruchsvollen Zerrissenheit der Seele des Jugendlichen findet hier seine Klärung. Der neugeborene a"x’ kämpft gegen den alten König, den n",nx'- Heute stürmt der Jugendliche in heftigem Begehren voran, und morgen fühlt