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Der Israelit · 1926-07-22 · Heft 30 (22.7.1926) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 30 (22.7.1926)
Date
1926-07-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 30 Der TsraeliL 22.-AuIi 1926 meinden" schwebt, die auf dem Urgestein des Sinaiplateaus ihr Fundament errichteten! So schaut dys wahre Gesicht der „Gemeinde Orthodoxie" aus. Eine dünne Oberschicht — man denke an das Wahlergebnis in der Berliner jü dischen Gemeinde! — ist ihr ganzes Gefolge aber diese Armee von Generälen ohne Truppen vermag die suggestive Macht des geschickt erfun denen Schlagworts dazu auszunutzen, zwar nicht um sich die ersehnte Anhängerschaft, zu erwerben — vergleiche oben! —; aber um der Austritts orthodoxie, d. i. d e r Orthodoxie, Schwierigkeiten zu bereiten und in der jüngeren Generation, die die Heldentaten der Reform nicht mehr am eige nen Leib erfahren hat, das Verständnis für den Austrittsgedanten zu verwirren. Diesen Treibe reien aus den geschichtlichen Tatsachen ein De menti zu bieten, erscheint die 50-Jahres-Feier des Gesetzes vom 28. Juli 1876 der gegebene Anlaß. Auch an dem Geburtstagskind sind die Stürme -kt ÄkvvllllwnMge Nicht murlos voruböMgan gen, sondern hüben an ihm mancherlei Veränbe rungen vollbracht, die aber vorwiegend als Ver besierungen anzusprechen sind. So ist durch Ver ordnung der Volksbeauftragten die dort vorge fchriebene schriftliche Erklärung neben der münd lichen beseitigt worden und ebenso die früher ge forderte Versicherung, daß der Austritt aus Ge wissensbedenken erfolge, in Fortfall gekommen Und die Macht des Rechtsgedankens und der Gewissensfreiheit, die in diesem Gesetz verkörpert sind, hat sich in der Geschichte noch allzeit lebensstark genug erwiesen, um früher oder später allen Widerständen zum Trotz sich sieghaft durchzusetzen. Sie wird auch der Machinationen Herr zu werden wissen, die von der bekannten Stelle im Gemeindebund gegen das Gesetz vom 28. Juli 1876 ihren Ausgang nehmen! Korrespondenzen « ßacbricbten. Deutsche» Reich v Die Wahlproiesie. Berlin, 18. Juli Am Donnerstag Abend fand eine vom stellvertretenden Vorsitzenden einberufene Sitzung der alten Repräsentantenoersammlung statt, an der die volkspärteilichen und konservativen Repräsentanten vollzählig teilnahmen, während von den liberalen nur ein Teil erschienen war Die Liberalen bestritten die Rechtmäßigkeit der Einberufung und verließen die Sitzung. Hierauf berichteten die Herren Moritz A. Loeb und Rechtsanwalt Dr. Klee über die Wahlproteste. Ersterer schlug eine Resolution vor, wonach sich dis SRepröfenianienoerJonimlung joroo^t aus fwwQKUtn Gründen als auch mit Rücksicht auf Die Autonomie der Gemeinde gegen eine Kassierung der Wahlen erklärt. Von dem Gemeindevorstand vertraten die Herren Justizrat Makower den liberalen und K a r e w s k i den volksparteilichen Standpunkt. Die Mittelpartei (Magistratsrat Neumann) trat, ihren Prinzipien getreu, fürs Abwarten ein und empfahl, den gewiß unparteiischen Spruch des Berliner Polizeipräsidenten vertrauensvoll entgegenzunehmen. Die Resolution Loeb wurde angenommen. Reisepläne des europäischen Joint-Direktors. B e r l i n , 15. Juli. Wie wir erfahren, gedenkt der Direktor des europäischen Joint-Werks, Herr Dr. Bernhard Kahn, um die künftige Monatswende eine Reife nach Polen zu unternehmen, um dort bei einem Aufenthalt von etwa 2 Wochen die Wirtschaftslage der Juden in Polen einem eingehenden Studium zu unterziehen. Bei seiner letzten Anwesenheit in Polen, die auf eine kürzere Zeit begrenzt war, wurden ihm hunderte Memoranden und Petitionen überreicht, aus deren Folge sich eine nähere Untersuchung an Ort und Stelle notwendig erwies. Herr Dr. Kahn wird sich von Polen nach Amerika begeben, um über seine Eindrücke zu berichten. Die Gründung des Reichsverban des.. Mü n chen, 19. Juli. . Zur Durchberatung des Berfaffungse.ntwurfes des „Reichsoertzändes" traten Vertreter, der Landesverbände am Sonntag hier zusammen. Der Preußische Landes verband war durch die Herren Kammergerichtsrat Wolfs Dr. Klee, Justizrat Lilienthal und Galewski vetreten Aus Frankfurt war Justizrat Bläu anwesend. Ver treter des Deutsch-Israelitischen Ge.meindebundes und des Halberstädter Reichsbundes und Landesverbands waren nicht anwesend. Der Name „Jüdischer Reichsverband" wurde beide halten, ebenso blieb unverändert die Kennzeichnung der Aufgaben des Verbandes, das „Gesamtbewußtsein der deutschen Juden und ihre gemeinsamen Interessen" zu pflegen. Angefügt wurde der Vorbehalt der vollen Selbst stcindigkeit der Landesverbände in Kultus, Unterricht Ritus, Verfassung und Verwaltung der Gemeinden Der Standpunkt der Zionisten und des Deutsch-Jsraeliti schen Gemeindebuttds wurden von Herrn Dr. Klee ver treten. (Siehe „Wochenrundschau" Rsd.) Er drang nicht 9)leltiief)r murfje }jer ^eumetjer|ffj<j M den einzelnen Punkten mit 9 gegen 3 Stimmen akzep tiert. Hinsichtlich des religiösen Charakters der vom Reichsverband etwa zu schaffenden Institutionen wurde von allen Rednern erklärt, es sei selbstverständlich, daß diese Einrichtungen auf der Grundlage des Religions gesetzes geführt werden müssen. (In welcher Form die Sicherung dieser Forderung gewährleistet werden soll, ergibt sich aus den uns vorliegenden Berichten nicht Red.) Erwähnenswert ist noch, daß bei allen Lebensfragen des deutschen Judentums der Rat zu Demonstrationszwecken berechtigt sein soll, eine Versammlung aller Mitglieder der Landesversammlungen und ihrer Räte einzuberufen; dieser Beschluß, der nichts Halbes und nichts Ganzes darstellt, bedeutet einen Schritt des Entgegenkommens gegenüber den zionistischen Forderungen und wird wohl in späteren Stadien noch eine, andere Fassung erhalten. Endlich wurde eine Resolution angenommen, in der gegen den durch ein etwaiges Schächtverbvt in Bayern eintretenden Eingriff in die Gewissensfreiheit der deutschen Juden protestiert wurde. Antisemitischer Sturm im österreichischen Par tament. Wien, 14. Juli. Aus Anlaß der Einbringung des sozialdemokratischen Antrags, die Mitglieder der Regierung wegen ungesetzlicher Verwendung von Staatsgeldern für die antifemi tische Zentralbank der Sparkasse in den Anklagezustand zu versetzen, kam es zu einem antisemitischen Sturm eitens christlichsozialer und großdeutscher Abgeordneter, die den Sozialdemokraten vorwarfen, daß sie jüdische Geschäfte besorgen. Von den sozialdemokratischen Bänken wurden diese Rufe mti der Erwiderung quittiert: Hätten die Wiener Juden Euch nicht gerettet, so wäret Ihr alle bereits eingesperrt! Die internationale liberale Konferenz. London, 15. Juli. In dem neuerbauten Reformtempel der Londoner Liberalen wurde am Samstag abend die angekündigte nternationale Konferenz der Liberalen eröffnet. Es waren etwa 140 Delegierte aus zehn Ländern anwesend. Ausfallend war das Fernbleiben sämtlicher französischer Delegierten; offenbar fürchtete man bei den Franzosen die Festlegung der Konferenz auf zionistische Tendenzen durch die Amerikaner. Die Tagung begann mit einer Ansprache von Claude Montefiore, der das Hauptverdienst an dem Zustandekommen der. Zusammenkunft Miß Lilli Montagu zuschrieb. Der Liberalismus sei einheitlich über die Landesgrenzen hinweg, was den internationalen Zusammenschluß rechtfertige. Ueber jüdischen Nationalismus dürfe nicht gespochen werden, weil in diesem Punkte die Meinungen der Delegierten in den einzelnen Ländern zweifellos stark auseinandergingen. Alsdann nahm namens der Deutschen Herr Rabbiner Dr. S e l i g m a n n aus Frankfurt a. M. das Wort. Die Liberalen glaubten an die „Fortdauer der göttlichen Offenbarung" und seien Gottessucher im Sinne der Psalmen und Propheten; der Liberalismus werde berufen sein, das Judentum wie bei Csra und Nehemia zu regenerieren. Rabbiner W o I s e y begrüßte namens der amerikanischen Reformrabbiner. Wqn glaube bei ihnen an „Gott", nicht an das Ghetto. Das Zeremoniell sei kein Sakrament, vielmehr gelte es, das prophetische Judentum logisch sortzuentwickeln. In der Sonntag-Vormittagsitzung forderte Rabbi S i m o n aus Washington, das tibMrle Judentum solle sich sein eigenes Zeremoniell schaffen und sogar seine eigene Mystik. (!) Hierauf referierte Rabbiner Dr. Samuel Schulmann aus Newyork über „Die Synagoge im modernen Leben". Die jüdische Religion sei die Autobiographie der jüdischen Seele. Israel sei eine Nation durch eine gemeinsame geistige Mission, nicht aber auf Grund des gemeinsamen Blutes. Die jüdische Sendung bestehe in ihrem Ideengehalt. Mit der Wissenschaft könne das Judentum niemals in Konflikt geraten, weil es jede Wahrheit willkommen heiße, einerlei aus welcher Quelle sie stammt. Das Judentum habe der westlichen Zivilisation das Gotteswort noch immer zu predigen, denn diese sei ohne Göttlichkeit und respektiere lediglich den Menschen, 8ln einen persLnli^ien Messias glaube da-? Judentum nicht» ebensowenig an die persönliche Unsterblichkeit. Ueber die Inspiration der Bibel im Lichte der Bibelkritik sprach Rabbiner Dr. Max Wiener aus Berlin. (Er suchte die Unabhängigkeit des religiösen Glaubens von der Gewißheit der Tradition und von den religiösen Formen zu erweisen. Der Londoner Reformrabbiner Mattuck referierte über den Gebrauch der Bibel in Gottesdienst und Erziehung. Es war ein Referat von äußerstem Radikalismus, das der Bibel lediglich die Rolle einer poetischen Legende zuweist. Das Gesetz sei für die Liberalen bloß ein Symbol, nicht aber Inhalt der Offenbarung. Den Höhepunkt der Konferenz bildete die Rede des Rabbi Stephan Wife, der gegen den Versuch protestierte, die Stellungnahme zum Zionismus durch Totschweigen zu übergehen. Bei allem Respekt von Claude Montefiore, der nuneinmal ein scharfer Gegner des Zionismus sei, könne man diese Feindschaft nicht mitmachen. Wenn. die Konferenz heute den Zionisten nicht einen Platz in der liberalen Bewegung einräumt, so werde sie es später zu bereuen haben. Bisher war die jüdische Reformbewegung rationalistisch, nicht religiös; ihr ist in Deutschland die.geistige.Verfassung der industriellen Aera ausgeprägt worden. Dieses Manko werde und könne der Zionismus innerhalb der liberalen Bewegung heilen und Palästina werde ein Sitz der Erneuerung des jüdischen - Lebens und der jüdischen Religion werden. Als Wise geendet, erhob ich der Vorsitzende, Rabbi Mattuck, und erklärte namens der liberalen Verbände von England, Deutschland und Amerika, daß die Konferenz keine offizielle Stellung zur zionistischen Bewegung nähme und die Antwort auf die Fragen verweigere, ob sich Zionismus und Liberalismus vereinbaren/lassen. Das müsse jeder liberale Jude mit sich selbst ausmächen. Es referierten Dr. Heinrich Stern aus Berlin und Rabbi Morgenstern über die Lage, des Reformjudentums in Deutschland, ülmerifa, SDiprtleftore - ü6er Ofng artl, S>,r. Henri? Mols über Schweden, UND eine Dame über Indien. Am Montag abend wurde di« Konferenz geschlossen, nachdem ein „W e l t v e r b.a n Ö s ü r das liberale Iudentum" gegründet worden war. Der Weltoerband will eine Zeitschrift gründen und eine Zusammenarbeit herbeiführen. PttlafHna. Brief aus Jerusalem. Waad Leumi, Stadtverwaltung und Gouverneur. — Die Einbürgerungsfrage. — Der Kampf um das Gemeindegesetz. — Sie wirtschaftlicheLage. * Jerusalem, 7. Juli. Gouverneur Storrs ist auf dem gleichen Dampfer wie der zionistische Generalvertreter Kisch nach Europa gereist, um während der heißesten Monate seinen Urlaub außerhalb des Landes zu verbringen. Die letzten Wochen haben dem in zionistischen Kreisen ohnedies recht unbeliebten Gouverneur schwere Kämpfe gebracht. Eine Abordnung des Waad Leumi, die bei. ihm in Audienz erschienen war, um eine Reihe von Wünschen vorzubringen, erklärte ihm rundweg, daß man seiner Persönlichkeit kein Vertrauen entgegenbringe und auch einen Zusicherungen keinen Glauben schenke, Der Gouverneur brach hierauf, aufs tiefste gekränkt, die

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