Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1926-07-22 · Heft 30 (22.7.1926) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 30 (22.7.1926)
Date
1926-07-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450388-2450418--73321-2530724
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 30 Seite 8 22. Juli 1926 Le r 8 » ra t Hochstimmung ernüchtert, erkältet. O—Mensch- Ideal, Körperkultur, und wie die Götzen, die wir anbeten, sonst immer heißen, sind schlechte .Zeltgenossen für eine Denkart, wie sie unsere Väter in jenen Tagen bewährten: die so ganz unkompliziert, so gar nicht weltklug uyd zielbewußt, ganz gewiß nicht auf die Kunst des diplomatischen Spiels in Sachen von iTiin rmasi eingestellt war. Die unselige nationale Phrase umnebelt nach und nach mit ihrem narkotischen Dunst auch sonst klar und scharf denkende Gehirne; Gemeinsamkeit der geschichtlichen Erinnerung zwischen Hüben und Drüben, ererbte Uebereinstimmung in Neigungen und Abneigungen, Zugeständnisse, zu denen — was man gern übersieht — unter dem Druck der Austrittsmöglichkeit die Gegenseite sich versteht, werden auf der Plusseite mit Hohen Ziffern gebucht und dienen der Opportünitätspolitik in den Gemeindestuben und außerhalb derselben zur Stütze und zum Vorwand. Vor allen: das Tätmenschtum unserer Tage hat sür die Diskussion und erst recht für die Austrafiimfl Der religiösen mmmiii, öik MWlM %inb Neologie in getrennte Qager scheiden, faum ^och etwas * übrig.', Diese Söhne und Töchter unserer Zeit denken im Stillen, wenn sie es schon-nicht aussprechen, ungefähr also: „In den Tagen des Reifrocks und des Biedermeierstils, La das Ingenium noch unter dem Diktat des Sentiments stand, waren solche Emotionen zeitgemäß, und die Menschen jener Welt durften sich an solchen Aufgaben erschöpfen. Uns erfüllen Sorgen und Aufgaben ganz anderer Art Und Bedeutung: Rassenertüchtigung, nationale Wiedergeburt, Einheitsfront gegen den Feind von außen — mit diesem Denken in Kontinenten verträgt sich ein Aufenthalt bei einem Streit um die Piutim und ein Mehr oder Weniger deutscher Gebete, um das Almemor in der Mitte und das Gitter in der Frauenschul, um Sefira- und 3 Wochen-Heiraten, um „Aufruf" mit dem jüdischen Namen, um die Wiederholung der Schemonoh- Eßrah und so viele andere Streitpunkte, die derzeit die Gemüter zur Siedeglut erhitzten, wie man begreifen wird, herzlich schlecht. Wir fordern Toleranz und gewähren sie: die Gleichberechtigung unserer, orthodoxen „Richtung" mit jeder der vielen anderen zu erringen und zu sichern — diese Aufgabe ist des Schweißes der Edlen hltie Lhnagage mit SttUüü darf gebaut, kein neologer Rabbiner angestellt werden, ohne einen vollwertigen Ersatzbau für uns! Wir bewilligen auch beileibe nicht die Ausgaben des 'Etats für religionswidrige Aufwendungen: wir enthalten uns mannhaft der Abstimmung, nachdem wir, um unseren Friedenswillen zu bekunden, bei den Wahlen einer Einheitsliste zugestimmt'haben, die — den „Liberalen" die Majorität in der Verwaltung garantiert. Weitherzig uMWeitsichtig, hat unsere Politik nicht nur wertvolle greisdckre Grfolge gezeitigt, sondern den konservativen Gedanken zu Würden und Ehren gebracht, und ihm Freunde und Anhänger auch in Kreisen geworben, die in der. Praxis des Lebens sich von den Vorschriften der Thora losgelöst haben." Dieser Charäkterzeichnung bleibt nur noch ein monumentaler Zug, um sie porträtähnlich zu gestalten, anzufügen übrig. Die Toleranz, deren sich diese. Menschenkinder — Fleisch von unserem Fleisch,» Blut von unserem Blut — rühmen! bewahren und bewährsn sie nur dem rsligiösen Gegner, dem Liberalismus, dem Zionismus ufw. gegenüber. Aber mit unerbittlicher Schärfe wird jedes Tun und Unterlassen bei der Austrittsorthodoxie zur Rechenschaft gezogen, förmlich unter der Lupe jeder Schritt, den sie in der Oeffentlichkeit unternimmt, beschaut und bekrittelt: man läßt sich ihre Weggenossenschaft soweit gefallen, anerkennt ihre Institutionen, soweit es das religiöse Bedürfnis, das drüben seine Befriedigung ja doch nicht findet, erforderlich macht; — aber Liebe ist nirgends dabei! Gründe sind noch immer wohlfeil wie Brombeeren, und so hat man deren immer eine große Zahl zur Hand, wenn man auf diese Antinomie gestellt und Antwort geheischt wird. Aber das ändert doch nichts an der Sache, die in ihrer Unnatur doch so betrüblich ist, daß alle Kräfte daran gesetzt werden müßten, sie zu bessern. Wie kann dieser schiefen Einstellung weiter, in religiöser Gesinnung und Tat doch durchaus zu uns, zur sogenannten Austrittsorthodoxie gehöriger Kreise zu dem Austrittsgedanken und seiner Verkörperung in dem Gesetz vom Jahre 1876 durch.Aufklärung begegnet werden? Es gilt m. E. zu allererst, wenn dieses Aufklärungswerk systematisch und nur so mit. einiger Aussicht auf Erfolg in Angriff genommen werden soll, mit zwei geschichtlichen Jrrtümern, die dem richtigen Verständnis im Wege stehen, gründlich aufzuräumen. Zum ersten: Wiederum von einigen Ausnahmen abgesehen, begegnet man wohl ganz allgemein der Anschauung, daß der Austrittsgedanke in den Jahren, die dem Gesetz vorausliegen, und in den danach folgenden Jahren, schon damals das Geistesgut einiger kleiner Zirkel, da und dort in'ein Paar Großgemeinden. die unter Sem lei&eü hatten, war. .Der Austrittsgeöanke, so meint Man, H. h. das Erfülltsein der Seele von dem Pflichtdrang, die Zwangsgemeinde, die D’KT zur religiösen Symbiose mit ipsn onsiD verurteilt, selbst unter schwersten Opfern zu verlassen; dieser Jdeengang sei, so meint man, zu kompliziert, als daß er in den naiven religiösen Empfindungen und seelischen Bezirken der Menge hätte Wurzel fassen oder gar aus ihnen heraus hätte geboren werden können. DasGegenteilistwahr! Wenn je im Judentum ein Aufstand der Geister, eine Aufwallung der Gemüter den Charakter einer echten Volksbewegung trug, so das Verlangen nach der Austrittsmöglichkeit, der Kampf um das Austrittsgesetz. Ja, fast genau auf den Tag so alt, wie das Judengesetz vom Jahre 1847, das den alten Zibbur-Gedanken durch den Königlich Preußischen Synagogengemeindentyp ersetzte, ist der Austrittsgedanke! Vor mir liegt eine Nummer des „Neuen Zionswächters", (des ersten Mblizistischen Organs, das die Orthodoxie unter Führung von Rabb. Jakob Ettlinger y'xr in Altona sich schuf) vom 2. November 1847. Der Leitartikel trägt die Ueberschrift: „Trennung, das äußer ste, doch notwendige Mi t i i e I j wort Q e u b t " ttrib ^exrt Srt« hall gipfelt in Den Schlußworten, Die so lauten; „Unser Gebet, sie (sc. die Bekenner der Reform) lästern es; unsere Ruhe, sie entweihen sie, ihre Speise, sie ist uns verboten, das Ehebett ihrer Söhne und Töchter zu besteigen, uns nicht erlaubt. Mensch gegen Mensch, Bürger gegen Bürger, aber nie Jude gegen Jude. Deshalb, Trennung, baldige, gänzliche Trennung; ihr Wächter Israels aber eilet, es ist wahrhaft hohe Zeit, damit die Judenheit als Ganzes nicht fernerhin gefährdet werde." Der diese Worte schrieb, war — das beweisen seine Schlußworte, beweist sein Appell an die Rabbiner, denen er den Artikel „vornehmlich zur Beachtung widmet" — kein Rabbiner, sondern eben nur ein Jehudi, ein „Laie"; freilich einer, in dessen Herzen heiliger Eifer für das Wort Gottes und gegen dessen Zerstörer glühte, und dem Gewissensnot die Feder führte, das Wort zu Klagen gab! Beweisen solche menschlichen Dokumente nicht besser als lange Betrachtungen, daß damals gerade in Den Schichten Der „Geführten" Die lleDern Zeugung sich m Herzen gegraben hatte, daß das einzige, noch verbliebene Mittel zur Rettung der iMK aus der erdrückenden Umklammerung durch die Neologie in der Trennung a l’outrance und nur in ihr gegeben sei?! Aber diese Richtigstellung dient auch dazu, den zweiten geschichtlichen Irrtum zu zerstören und die dichte Nebelwand, hinter dem das Spukgebilde der sogenannten „Gemeindeorthodoxie" sein Wesen treibt, endlich einmal zu durchstoßen. Eine überaus geschickte Kunst der Regie im Verein mit journalistischen und rednerischen Talenten hat es fertig gebracht, weit hinein in die Kreise der Orthodoxie die Vorstellung zu tragen, als habe der Austrittsgedanke und erst recht das Gesetz vom Jahre 1876 einen Keil in die Orthodoxie getrieben und zu einer Art Fraktionbildung von Austrittsorthödoxie und Gemeindeorthodoxie den Anstoß gegeben. Wir haben schon oben gesehen, daß diese Darstellung falsch, als unwahr bis zum Exceß bezeichnet werden muß, daß vielmehr in der Orthodoxie jener Jahre, von wenigen Eigenbrödlern, Parsifalnaturen abgesehen, kaum ein Zweifel darüber bestand, daß das Treiben der Neologie auf den sogenannten Rabbinerversammlungen und Synoden, der brutale Gewissenszwang der neologen Gemeindegewaltigen der Orthodoxie keinen anderen Ausweg, als eben nur die Trennung übrig ließ. Dem Fluch der Lächerlichkeit wäre damals jeder verfallen, der von einer. Gemeindeorthodoxie als einer organisierten Sondergemeinschaft innerhalb des bw Wo gesprochen und sie in Gegensatz zu der „Austrittsorthodoxie" gebracht hätte. Gewiß, es gab in den für den Austritt reifen Großgemeinden eine kleine Zahl von Männern, die aus ihrer religiösen Ueber- MgM Dennis ----- Wer Die mit ihnen hier nüDf gererbtet werben soll! — bie „Trennung“ «blehnen zu müssen glaubten und das Verbleiben in der neologen Muttergemeinde trotz allem als das kleinere Uebel erachteten. Aber auch sie waren ausnahmslos vom ersten Tage an bis an ihr Lebensende treue Mitglieder der Austrittsgemeinde; ihre Nachkommen blieben regelmäßig diesem Vermächtnis der Väter treu und so erleben wir es, daß sogar im Verwaltungskörper der Frankfurter Religionsgesellschaft — dieser zweifellos schärfsten Exponentin des Austrittsgedankens — auch heute noch Männer, die beiden Gemeinden angehören, ohne sich als Mitglieder zweiten Grades zu fühlen, ihres Amtes walten! . . . Oder; woher nimmt man das Recht, den Vorkämpfern der Austrittsorthodoxie so dicke Scheuklappen anzudichten, daß ihnen entgehen könnte, was auch ein Kind zu erkennen vermag, daß an zahlreichen Orten in der religiösen Diaspora Männer von unbezweifelbar echter und tiefer blutenden Herzens trotz neologer Provokationen nicht „auszutreten" vermögen, weil die harte Realität des Lebens unüberwindliche Hindernisse setzt. Wagt man zu behaupten, daß die Austrittsmänner, die Separatisten, wie die Gegenseite so geschmackvoll sie zu benennen belieben, bre werhrsich ebensogut wie irgendwer sonst mitten drin im jüdischen Leben stehen und seinen Puls zu behorchen wissen, der Gewissensnot dieser Kreise ihre Achtung versagen und ihre Orthodoxie als minderwertig klassifizieren?! ... Ja, es ist ein Wahres dran, daß das Austrittsgesetz die „Gemeindeorthodoxie" ins Leben gerufen habe; aber freilich in ganz anderem Sinn als deren Wortführer vortragen. Nicht die Frage: Trennung oder nicht, rief diese interessante Bildung ins Leben; denn diese Frage ist, als sie aktuell wurde, fast voninrr wns hrnv' mit „Ja" beantwortet worden. Sondern als das Austrittsgesetz seine segensreiche, erzieherische Wirkung an der Neologie gerade auszuüben begann, als aus blasser Furcht vor 'dem nicht mehr wegzuleugnenden Wachstum der Austrittsgemeinde die liberale Tyrannis ihre Krallen einzog und die Orthodoxie mit Sammetpfötchen umschmeichelte — dieser verhängnisvolle Moment ist die Geburtsstunde der „Gemeindeorthodoxie"! Man übersah in Den Kreisern Die sich M zugäDlen, toolltk auch teilweise übersehen, daß man dem gemeinsamen Feind die Hand bot, um die Axt an die Wurzeln des Baumes zu legen, in dessen Schatten man erst wieder zu Lebensmut und Hoffnungsfreude nach einer langen Nacht verzweiflungsvoller Resignation erwacht war; übersah, wollte teilweise übersehen, daß die Zibbur- Erbschaft inzwischen von den Muttergemeinden auf die Austrittsgemeinde übergegangen war, daß die Fahnen des Gotteslagers nicht über dem Konglomerat aller möglichen und unmöglichen religiösen Farbenspiele, das sich jüdische Gemeinden nennt, sondern über den „heiligen Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.